Trotz Rückstand, Elfmeter und Unterzahl: Die VSG Altglienicke holt sich den Berliner Landespokal. Damit sicherte sie sich zum zweiten Mal nach 2020 den Titel und die DFB-Pokal-Teilnahme.
Für Jonas Nietfeld hätte die Nacht zu Pfingstsonntag eine unruhige werden können: Der Stürmer der VSG Altglienicke – seines Zeichens bester Torschütze der Saison 2025/26 in der Regionalliga Nordost – hatte im Endspiel um den Berliner Landespokal gegen Liga-konkurrent BFC Dynamo am vergangenen Sonnabend eigentlich schon alles probiert. Doch Abschlüsse mit links, rechts und dem Kopf verfehlten das Ziel (einer davon traf die Latte) oder wurden Beute des gut aufgelegten Nicolas Ortegel im Tor des Gegners. So ging das Finale in die Verlängerung, wo beide Teams bei sommerlichen Temperaturen körperlich so richtig ans Limit mussten – die VSG war dabei seit der gelb-roten Karte für Mehmet Ibrahimi sogar in Unterzahl, doch Nietfeld & Co. versuchten immer wieder, Nadelstiche zu setzen. Und so war der 32-Jährige in der 103. Minute dann doch zur Stelle und köpfte eine Eingabe von Nikos Zografakis zur 2:1-Führung in die Maschen. Die bedeutete letztlich auch den Endstand – und damit den Sieg im Landespokal 2025/26 sowie den Einzug in den DFB-Pokal 2026/27. Es war der finale von mehreren Schlüsselmomenten dieses Endspiels, das sich vor 7.639 Zuschauern im Charlottenburger Mommsenstadion von der „Hitzeschlacht“ bis zum „Pokal-Krimi“ einige Attribute verdiente. Die VSG Altglienicke war dabei mit ihrem individuell stark besetzten Kader und als Tabellensechster der gerade zu Ende gegangenen Spielzeit als Favorit in die Partie gegangen, während der BFC Dynamo (am Ende Platz 12) hingegen lange Zeit in der Regionalliga Nordost hatte zittern müssen. Allerdings wussten die Hohenschönhauser im Finale etwa zwei Drittel der Kulisse hinter sich und traten als Titelverteidiger an.
„Hitzeschlacht“ und „Pokal-Krimi“
Schon die ersten Minuten bestätigten dabei die Prognosen, denn die Altglienicker bestimmten das Spiel und kamen auch gleich zu zwei Chancen. Beim ersten Vorstoß Dynamos aber misslang ihnen der Klärungsversuch, und Ivan Knezevic nutzte den „zweiten Ball“ per Direktabnahme zur BFC-Führung in der siebten Minute. Damit hatten die Weinrot-Weißen ihren Ruf als wehrhafter Außenseiter gleich einmal in die Tat umgesetzt, und der Kontrahent musste den Nackenschlag erst einmal verarbeiten. Dann aber folgte eine Angriffswelle der VSG auf die nächste – doch die Chancen blieben zunächst ungenutzt. Und als der Ball einmal im Tor lag, pfiff der Unparteiische den Treffer zurück – aber die Treptower drängten weiter beharrlich auf den Ausgleich und wurden in der Nachspielzeit des ersten Durchgangs noch belohnt. Sydney Sylla schoss eine Kopfballablage Nietfelds entschlossen zum Ausgleich ein – ein Erfolgserlebnis nach all dem Anrennen, das auch VSG-Coach Dan Twardzik nach dem Spiel unterstrich: „Ich glaube, der Zeitpunkt war enorm wichtig für uns, dass wir vor der Halbzeit noch auf 1:1 stellen, uns noch mal sortieren können.“ Dabei begann der zweite Durchgang erneut mit einem Schock für die VSG: Denn als Dominic Schickersinsky seinen Widerpart Willi Reincke im Zweikampf zu Fall brachte, entschied der Schiedsrichter auf Elfmeter für den BFC. Daraus sollte sich eine kuriose Konstellation entwickeln: Trainer Sven Körner zog die geplante Einwechslung von Rufat Dadashov vor, der für Dynamo seit Anfang April verletzungsbedingt lediglich zwei Kurzeinsätze bestritten hatte – als sicherer Schütze dabei aber einen Strafstoß verwandeln konnte. Der 34-Jährige trat dann zur Ausführung an und scheiterte am stark reagierenden VSG-Tormann Luis Zwick. Der wiederum hatte in der Ligasaison nur acht Partien bestritten, weil dort sein Kontrahent Luis Klatte gesetzt war – bis Zwick in der Schlussphase der Spielzeit noch mal Praxis sammeln durfte für das Pokalfinale. Altglienickes Trainer, früher selber Torwart, sollte also mit der Maßnahme den richtigen Riecher bewiesen haben. Denn der 31-Jährige hielt auch ansonsten stark und wurde anschließend sogar zum „Man of the Match“ gekürt. In der Folge hatte die VSG wieder Vorteile, nutzte ihre Chancen aber ebenso wenig wie der BFC die seinen, die vorwiegend aus Umschaltsituationen entstanden. Als sich die reguläre Spielzeit dann dem Ende zuneigte, sollte sich die Lage der Treptower durch den Platzverweis für Ibrahimi noch einmal verschärfen, der eine strapaziöse Unterzahl in der anschließenden Verlängerung zur Folge hatte. Daher stellte sich das dezimierte Team nun tiefer auf, verteidigte leidenschaftlich und lauerte selbst auf Konter – für Dynamo gab es so zunächst kaum ein Durchkommen. Und als Nietfeld dann doch kurz vor der Halbzeit der Verlängerung zum 2:1 der Altglienicker traf, verteidigten sie die kostbare Führung in Unterzahl fortan mit Mann und Maus. Auf beiden Seiten häuften sich nun die Krämpfe – der BFC aber war nun am Zug und belagerte das gegnerische Tor, während die VSG bei der einen oder anderen Kontergelegenheit die vorzeitige Entscheidung verpasste. Wegen der zahlreichen Unterbrechungen ging dabei auch die Verlängerung in eine längere Nachspielzeit, doch als der eingewechselte Jamal Rogero in aussichtsreicher Position an Zwick scheiterte, war die Entscheidung gefallen.
Verlängerung und viel Nachspielzeit
Die VSG Altglienicke holte also bei ihrer dritten Finalteilnahme zum zweiten Mal nach 2020 den Sieg im Landespokal – bei der Ehrung waren die Ränge allerdings schon deutlich gelichtet, da die enttäuschte weinrot-weiße Anhängerschaft den Ort der Niederlage nach Verabschiedung ihrer Mannschaft größtenteils zügig verlassen hatte. Im Vorjahr hatte man eine durchschnittliche Spielzeit in der Regionalliga noch mit dem Titelgewinn versöhnlich ausklingen lassen können, nun musste man sich zum Saisonende 2025/26 also mit dem Klassenerhalt begnügen. Die VSG Altglienicke wiederum, die kommende Spielzeit in der Nordost-Staffel ein Wörtchen um den dann direkt möglichen Aufstieg in die 3. Liga mitreden will, darf sich dagegen schon mal auf nationaler Ebene im DFB-Pokal (Auslosung zur ersten Runde: 1. Juni) präsentieren. Kurios dabei: Während am Rande des Landespokalfinales beim Verlierer die Verlängerung mit Trainer Körner bekannt wurde, stand eine Entscheidung diesbezüglich bei der VSG Altglienicke und Dan Twardzik noch aus. Als dem Verein eng verbundener Aktiver würde er aber wohl auch nicht zum ersten Mal bereitwillig wieder ins zweite Glied zurückkehren – diesmal aber „hochdekoriert“.