Mal pastellfarben und märchenhaft, mal düster und dramatisch: Ulrike „Reki“ Gestring aus Dortmund (@rekii.fotografie) gehört zu den magischsten Fotografinnen und Make-up-Artists Deutschlands. Ein Einblick in ihre Bilderwelten.
Liebe Reki, was fasziniert Dich an Fantasy-Outfits und -Fotos, was macht den besonderen Reiz für Dich aus?
Mich fasziniert, dass Fantasy uns erlaubt, all das zu zeigen, was im Alltag oft keinen Platz hat. Ich liebe es, wenn Kundinnen und Kunden durch meine Bilder plötzlich Seiten an sich entdecken, die sie im Alltag vielleicht verstecken oder bisher auch einfach überhaupt noch nicht an sich wahrgenommen haben. Denn jede Verwandlung erzählt eine Geschichte darüber, wer wir sein könnten, wenn wir diesen versteckten Seiten an uns Raum geben. Und das ist für mich echte Magie!
Ein Kostüm kann dabei wie eine Rüstung wirken … Es schafft Distanz und gleichzeitig Schutz in einem sehr intimen Prozess, denn Fotografie bedeutet, sich zu zeigen. In dieser geschützten Rolle fällt es vielen leichter, loszulassen. Und genau das ist das Schöne daran: Man darf für einen Moment jemand ganz anderes sein – und entdeckt dabei oft, wer man wirklich ist.
Wie muss ein Fantasy-Outfit für Dich sein, damit es Dich anspricht?
Viele aufeinander abgestimmte Details machen für mich ein Kostüm perfekt. Das zeigt sich nicht nur in der Farbpalette, sondern auch darin, wie sich das Make-up ins Outfit integriert. Ich liebe es zum Beispiel, dieselben Strasssteine, die im Headpiece verarbeitet sind, auch im Gesicht wieder aufzugreifen, das macht den Look für mich rund und lebendig. Außerdem ist mir wichtig, dass das Kostüm real wirkt und nicht wie eine Verkleidung. Gerade bei Meerjungfrauen achte ich schon beim Posing darauf, dass die Illusion glaubwürdig bleibt, und perfektioniere sie später in der Retusche, damit die Fantasie wirklich greifbar wird.
Welche Fantasy-Wesen oder -Charaktere fotografierst Du besonders gern und warum?
Besonders gerne fotografiere ich tatsächlich Meerjungfrauen und Feen. Ich liebe Motive, die gleichzeitig stark und sinnlich sind, aber auch weich und verletzlich. Diese Gegensätze faszinieren mich … dieses Gleichgewicht zwischen Macht und Zerbrechlichkeit, Licht und Dunkelheit. Außerdem liebe ich das Gefühl einer anderen Welt, das in diesen Motiven steckt. Diese Ästhetik, dieses visuelle Eintauchen in etwas Magisches ist genau das, was mich immer wieder anzieht!
Was gefällt Dir bei Outfits weniger – gibt es auch No-Gos für Dich?
Ich mag es nicht, wenn ein Outfit nur nach „Kostüm“ aussieht, also ohne Details, Tiefe oder Bedeutung. Wenn es zu perfekt, zu glatt oder zu sehr nach Fast Fashion aussieht, verliert es für mich diesen magischen Kern. Auch zu viel Plastik oder kein durchgängiges Konzept sind für mich ein No-Go, wenn man es so ausdrücken möchte.
Außerdem bin ich persönlich kein Fan von Reißverschlüssen. Ich habe den Anspruch, dass jede Person – egal mit welcher Körperform – bei mir ein perfekt sitzendes Kostüm bekommt, und Reißverschlüsse sind da einfach nicht sehr flexibel. Ich arbeite lieber mit Schnürungen, weil sie sich an den Körper anpassen lassen und dadurch besser sitzen.
Entstehen Deine Bilder vor allem outdoor oder im Studio?
Ich arbeite sehr viel im Studio, weil ich dort komplette Welten kontrolliert erschaffen kann, von der Lichtstimmung bis hin zum Setdesign. Ich liebe es, jedes Detail bewusst zu gestalten: Texturen, Ebenen, Farben, Lichteffekte. Alles ist wie eine kleine Bühne, auf der die Geschichte meiner Kundinnen und Kunden zum Leben erwacht. Das Studio gibt mir außerdem die Möglichkeit, das Licht exakt zu kontrollieren und gezielt einzusetzen, um Tiefe und Atmosphäre zu schaffen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass wir dort völlig ungestört sind. Keine Spaziergänger, kein Wind, kein Regen und vor allem absolute Privatsphäre. Gerade bei sinnlichen Themen wie Dessous- oder Akt-Shootings ist das enorm wichtig. So entsteht eine geschützte Atmosphäre, in der sich meine Kundinnen und Kunden wirklich fallen lassen können.
Outdoor arbeite ich trotzdem gerne, vor allem an Orten mit Geschichte oder wilder Natur: Wälder, alten Burgen, Ruinen und natürlich am See! Ich liebe insbesondere Felsen. Leider gibt es davon im Ruhrgebiet nicht allzu viele. Aber ich durfte auf Reisen schon unfassbar tolle Kulissen einfangen, zum Beispiel im Harz oder in der Sächsischen Schweiz.
Du machst neben freien Arbeiten auch Auftragsshootings und stellst Deinen großen Fundus an aufwendigen Kleidern, Flügeln und anderen Accessoires zur Verfügung. Wie groß ist dieser Fundus und woher sind die Stücke?
Tatsächlich mache ich gar keine freien Arbeiten mehr – ich arbeite ausschließlich im Auftrag. Ich habe aber das große Glück, dass mir meine Kundinnen unglaublich viel kreativen Freiraum lassen und ich meine Ideen voll einbringen kann.
Mittlerweile umfasst mein Fundus schon mehr als 100 Stücke – Kleider, Korsetts, Headpieces, Flügel, Kronen, Schmuck, Stoffe und Accessoires. Ein Teil davon ist handgefertigt, vieles habe ich selbst gebaut oder umgearbeitet, weil ich Kostüme selten „von der Stange“ nutze. Einige Headpieces und Kleider sind absolute Unikate, die es so kein zweites Mal gibt. Ich liebe es, Dinge aus verschiedenen Quellen – Flohmärkten, Künstlerinnen oder Secondhand-Funden – zu kombinieren und ihnen neues Leben einzuhauchen.
Hast Du ein Faible für spezielle Model-Typen, Farben, Details und Bildstimmung?
Ich liebe Gesichter mit Charakter. Menschen, die etwas in sich tragen, das man nicht sofort greifen kann. Farben wähle ich intuitiv, meist kühl und mystisch, weil sie Ruhe und Tiefe ausstrahlen. Deshalb findet man bei mir oft Blautöne oder aber auch Komplementärkontraste wie Blau-Gold.
Ich arbeite gerne mit mehreren Ebenen im Bild: Licht, Nebel, Texturen, um eine gewisse kinematografische Stimmung zu erzeugen. Ich will, dass sich meine Bilder anfühlen wie eine Szene aus einem Buch, von dem man während des Shootings ein Teil wird.
Was mich aber wirklich fasziniert, ist die Verwandlung von Menschen, die keine Erfahrung vor der Kamera haben. Ich arbeite tatsächlich lieber mit Unerfahrenen als mit Berufsmodels, weil die Veränderung so spürbar ist: nicht nur im Gesicht, sondern in der ganzen Körperhaltung. Wenn jemand anfängt, sich zu öffnen, Selbstbewusstsein zu spüren und sich selbst plötzlich mit neuen Augen sieht – das ist magisch! Ich finde es viel spannender, einen „normalen“ Menschen wunderschön zu inszenieren, als jemanden, der ohnehin schon dem klassischen Schönheitsideal entspricht.
Du beherrschst auch wundervolle Fantasy-Make-ups und schminkst Deine Models selbst. Wie hast Du das erlernt?
Wie so oft im Leben kam das Make-up über die Leidenschaft. Ich habe mich schon immer dafür interessiert, und als ich mit der Fotografie begann – damals noch als Schülerin und Studentin – hatte ich schlicht kein Geld für aufwendige Kostüme. Also musste das „Kostüm fürs Gesicht“ den Job übernehmen. Ich bin komplett autodidaktisch, habe alles durch Ausprobieren gelernt und natürlich durch unzählige Youtube-Tutorials. Aktuell mache ich sogar eine Ausbildung an der International Face Painting School, um meine Skills noch weiter zu verfeinern und neue Techniken in meine Arbeit einfließen zu lassen. Ich finde es unglaublich wichtig, sich als Künstlerin ständig weiterzuentwickeln. Nicht nur, um besser zu werden, sondern um das Feuer dafür lebendig zu halten. Neue Herausforderungen bringen immer frische Inspiration, und genau das hält die Leidenschaft am Leben.
Kannst Du Tipps geben, wie man sich auch selbst ein Fantasy-Make-up zaubern kann?
Auf jeden Fall. Ich habe auf meinem Blog viele Tipps rund um Fantasy-Make-up gesammelt – von einfachen Looks bis hin zu kreativen Details. Außerdem gibt es in meiner „Make-up-Schatzkammer“, meinem digitalen Produkt, zahlreiche PDFs und Videos, in denen ich Schritt für Schritt zeige, wie du Fantasy-Make-ups umsetzt und deinen eigenen Stil findest.
Aber das Wichtigste ist wirklich: dranbleiben. Üben, ausprobieren, Fehler machen und wieder neu beginnen. Denn ohne Erfahrung nützt auch die beste Theorie nichts. Jeder Pinselstrich bringt dich weiter – und mit der Zeit entwickelt sich daraus ganz automatisch dein eigener Stil.
Welche Shootings waren Deine aufwendigsten und außergewöhnlichsten und warum?
Die Frage ist für mich ehrlich gesagt schwierig zu beantworten, weil irgendwie alle meine Shootings aufwendig und außergewöhnlich sind. Das ist für mich ja fast schon Alltag und Routine. Jede Inszenierung ist anders, jedes Set entsteht neu, und genau das macht meine Arbeit so spannend!
Aber wenn ich mich entscheiden müsste, weil es da komplett aus dem Rahmen fällt, wäre es wohl das Unterwassershooting, das ich einmal ausprobiert habe. So richtig in einem Hallenbad, mit professioneller Ausrüstung. Die Technik hat mir damals Konstantin Killer zur Verfügung gestellt, der sich auf Unterwasserfotografie spezialisiert hat und mir unglaublich viel half. Das war ein unfassbar tolles Erlebnis, an das ich sehr gerne zurückdenke.
Gleichzeitig habe ich dadurch aber auch gelernt, dass der Weg der Unterwasserfotografin nicht meiner ist. Mir ist es wichtig, jeder meiner Kundinnen perfekte Ergebnisse liefern zu können – ganz unabhängig davon, wie viel Erfahrung sie mitbringen. Bei Unterwasserfotos hängt das Gelingen jedoch stark vom Model ab, von Atmung, Körperkontrolle und Timing. Diese Abhängigkeit liegt mir einfach nicht, weil ich den Anspruch habe, den Zauber für jede Person sichtbar zu machen. Und das gelingt mir an Land deutlich besser.
Hast Du Lieblingsfotos oder -bildserien von Dir?
Das ist wirklich schwer zu beantworten, weil für mich eigentlich alle Bilder besonders sind. Jedes Shooting ist mit einem bestimmten Erlebnis, einem Gespräch oder einem Moment verknüpft, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Ich verbinde so viele Emotionen mit den Menschen, die vor meiner Kamera stehen, da ist jedes Bild ein Stück Geschichte.
Aber wenn ich eines herausgreifen müsste, dann wäre es wohl die Serie „The Enchanted Greenhouse“. Sie hat einen besonderen Platz in meinem Herzen, weil mich die Romane, die sie inspiriert haben – „Spellshop“ und „The Enchanted Greenhouse“ – selbst sehr berührt haben. In dieser Serie steckt unglaublich viel Gefühl, Liebe zum Detail und diese ruhige, magische Stimmung, die ich auch in meiner eigenen Arbeit so sehr schätze.
Wenn Du anderen von Deiner Fotografie erzählst – welche besonderen oder lustigen Erlebnisse und Geschichten sind dann immer mit dabei?
Ehrlich gesagt habe ich gar keine dieser „verrückten“ Geschichten, die man vielleicht erwarten würde. Meine Shootings laufen in der Regel sehr ruhig und konzentriert ab. Das ist mir auch wichtig, weil ich möchte, dass meine Kundinnen sich sicher und wohl fühlen.
Natürlich gibt es aber auch jede Menge lustige Momente – nur sind das irgendwann richtige Insider zwischen meinen Stammkundinnen und mir, die Außenstehende wahrscheinlich gar nicht verstehen würden. Diese kleinen, vertrauten Augenblicke sind es, die meine Shootings so besonders machen, weil sie zeigen, dass zwischen all der Magie auch einfach echtes Menschsein steckt.
Man wird momentan geradezu überschwemmt mit KI-Fotos. Befürchtest Du, dass es echte Fotografie in Zukunft schwer haben wird?
Nein, nicht wirklich. KI kann Bilder generieren, aber keine echten Erlebnisse. Was ich mache, ist keine reine Bildproduktion, es ist ein Prozess, der Menschen verändert. Wenn jemand bei mir vorm Spiegel steht und sich selbst zum ersten Mal wirklich sieht, kann keine KI der Welt das ersetzen!
Fantasy-Fotografie lebt vom Erlebnis, von Emotionen und von der Verbindung zwischen Menschen. Und genau das wird immer unkopierbar bleiben!