Die Weltmeisterschaften im Hockey werden diesmal zusammen ausgetragen. Die deutschen Teams der Herren und Damen gehen mit großen Ambitionen ins Turnier.
Weltmeisterschaften im Feldhockey haben eine lange Tradition, seit 1971 werden die Titelkämpfe ausgetragen. Doch diesmal gibt es eine Besonderheit: Die WM-Turniere der Männer und Frauen finden zur gleichen Zeit und an den gleichen Orten statt, und zwar vom 15. bis zum 30. August im belgischen Wavre und im niederländischen Amstelveen. In den Gastgeberländern spielt Hockey eine große Rolle. Der Präsident des Welt-Hockeyverbandes FIH, Tayyab Ikram, schwärmte, dass es diesmal „etwas ganz Besonderes“ sei.
Die Weltmeisterschaften sind für Feldhockeyprofis tatsächlich absolute Karriere-Höhepunkte. Das liegt auch daran, dass diese Events – ähnlich wie im Fußball – nur alle vier Jahre ausgetragen werden. Andere Sportarten wie Schwimmen, Rudern, Eishockey oder Turnen vergeben die WM-Titel jährlich oder alle zwei Jahre. Dass sich die Gewinner vier Jahre als amtierende Weltmeister bezeichnen dürfen, ist ein zusätzlicher Anreiz für die Athleten. Die deutschen Herren gehen als Titelverteidiger und Mitfavoriten ins Rennen, die Damen wollen nach dem geglückten Umbruch auch ein Wörtchen um Gold mitreden. Die Hockeyfans können die deutschen Spiele live bei MagentaTV und MagentaSport sehen, auch die Halbfinalpartien sowie das Finale und das Spiel um Platz drei werden dort übertragen.
Das Herren-Team:
Keine Frage: In der erfolgsverwöhnten Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes ist der Titel das erklärte Ziel. Bei der vorangegangenen WM 2023 in Indien, die aufgrund der Corona-Pandemie ein Jahr später als geplant stattfand, gewann Deutschland Gold im Finale gegen Belgien. Der EM-Triumph im Vorjahr in Mönchengladbach unterstrich, dass die großen Titel nur über das DHB-Team vergeben werden. Doch es ist Vorsicht geboten: Die Gruppenauslosung ergab, dass schon in der Vorrunde im zweiten Spiel (17. August) Belgien als Gradmesser wartet. Der deutsche Auftaktgegner am 15. August ist Malaysia, zum Abschluss am 19. August wartet das Duell mit Frankreich. Kurz nach der Auslosung vor einem Jahr musste Bundestrainer André Henning erst mal schlucken. „Das nennt man wohl eine echte Hammer-Gruppe“, sagte er. Der Bundestrainer blickte auch schon auf die mögliche Zwischenrunde, wo ebenfalls schwere Gegner warten würden.
Doch klar ist: Niemand wünscht sich das deutsche Team als Gegner. Die Qualität in der Mannschaft ist weiterhin groß, im 20-köpfigen Aufgebot stehen unter anderem neun amtierende Weltmeister von 2023: Thies Prinz, Paul Kaufmann, Teo Hinrichs, Tom Grambusch, Christopher Rühr, Justus Weigand, Hannes Müller, Moritz Ludwig und Jean Danneberg. Von der Europameister-Mannschaft sind 13 Profis dabei. Dazu kommen ein paar talentierte Herausforderer, die bei ihrem ersten großen Turnier im Herrenbereich auf ihre Chancen hoffen. Dazu zählen vor allem die vier U21-Weltmeister von 2023 Joshua Onyekwue Nnaji, Hugo von Montgelas, Antheus Barry und Jakob Brilla. „Wir haben jetzt ein WM-Team formiert, das viel Qualität und genauso viel Potenzial hat“, sagte Bundestrainer Henning: „Der Mix aus Hunger und Wissen, wie Erfolg funktioniert, wird dieses Team tragen.“ Er betonte, dass das Team einen Altersschnitt von etwas über 25 Jahren habe, „wir werden eines der jüngsten Teams des Turniers sein“. Der Altersschnitt hätte durchaus noch etwas jünger sein können, denn an Talenten mangelt es im deutschen Hockeysport nicht: „Wir haben nur 20 Plätze, aber deutlich mehr herausragende Kandidaten und Persönlichkeiten“, sagt er.
Unumstrittener Führungsspieler ist zweifelsohne Tom Grambusch. Der 31-Jährige hat das Kapitänsamt von seinem Bruder Mats übernommen, der nach der erfolgreichen EM im Vorjahr seine ruhmreiche Karriere beendet hatte. Sein jüngerer Bruder verfüge über „eine unheimliche Qualität im defensiven Eins-gegen-Eins. Da gibt es kaum einen besseren Spieler“, schwärmte Mats Grambusch: „Ein kompletter Innenverteidiger eben.“ Dazu gehöre auch die Spezialität, eine Strafecke – im Hockey so etwas wie ein Elfmeter beim Fußball – perfekt hereinzugeben. Tom Grambusch hat auch schon über 150 Länderspiele auf dem Buckel und verfügt über reichlich Erfahrung. Insgesamt ist die deutsche Mannschaft sehr eingespielt, viele kennen sich seit Jahren und vertrauen den Automatismen – und das spiegelt sich in den Ergebnissen wider: Eine Niederlage bei großen Turnieren gab es zuletzt nur bei Olympia 2024 in Paris im Finale gegen die Niederlande.
Das Damen-Team:
Die Erwartungshaltung bei den Frauen ist nicht ganz so offensichtlich. Bei Olympia schieden die Hockeyspielerinnen im Viertelfinale aus, bei Weltmeisterschaften gab es zuletzt 1998 eine Medaille. Kann das Team von Bundestrainerin Janneke Schopman diese Negativserie durchbrechen? In der Vorrunde bekommen es die „Danas“ mit Argentinien, den USA und Schottland zu tun. Vor allem das Duell mit Argentinien ist von besonderer Brisanz: Bei den Olympischen Spielen vor zwei Jahren in Paris scheiterten die Deutschen in der K.o.-Runde an den Südamerikanerinnen im Shootout. Für den Großteil des Kaders ist das Turnier eine Premiere, es reisen 13 WM-Debütantinnen und vier Spielerinnen, die noch kein großes Turnier gespielt haben, nach Belgien. Doch der zweite Platz bei der Heim-EM im Vorjahr macht Hoffnung, die Silbermedaille nach einem großen Umbruch kam unerwartet – war aber verdient. Die 49-jährige Schopman erwischte als Nachfolgerin von Valentin Altenburg einen Start nach Maß, ihre Entscheidungen brachten den gewünschten Erfolg, und ihr nicht immer nur feinfühliger Führungsstil kommt in der Mannschaft gut an. Und auch nicht unwichtig: Als Niederländerin kennt sie die derzeit dominierende Hockey-Nation bei den Damen in- und auswendig. „Wir denken eher Richtung Olympia 2028, bis dahin freuen wir uns über jede Medaille. Aber 2028 wären wir gerne mal wieder vor den Holländerinnen“, sagte DHB-Sportvorstand Martin Schultze.
Als Spielerin war Schopman eine der erfolgreichsten Athletinnen ihres Sports: Olympiasiegerin 2008, Weltmeisterin 2006 und dreimal Europameisterin. Kein Wunder, dass sie auch als Trainerin einen aktiven und mutigen Spielstil verfolgt. „Unser Spiel ist klarer geworden“, sagte Schultze: „Die Mannschaft spielt im Mittelfeld mutiger, kontaktet dort sehr viel mehr.“ Die höhere Geschwindigkeit durch schnellere Spielerinnen trifft ganz den Geschmack des Sportvorstands: „Da ist viel Bewegung, viel Dynamik drin, man erkennt ihre Handschrift schon jetzt sehr gut.“ Kapitänin Linnea Weidemann beschreibt Schopman als „fordernd und sehr akribisch in ihrer Analyse“. Und Torhüterin Julia Sonntag ergänzt: „Janneke ist sehr kontrolliert, weiß genau, was sie tut. Es hilft uns immens, dass sie immer die Kontrolle bewahrt.“
Dafür sollen auch die Kapitäninnen Weidemann und Lisa Nolte sorgen. Auch im Alter von erst 22 Jahren ist Weidemann eine von allen akzeptierte Führungspersönlichkeit, die die Mannschaft auf dem Platz und in der Kabine anführt. Denn an Erfahrung mangelt es ihr nicht: Schon als 18-Jährige hatte sie bei der Weltmeisterschaft 2022 in den Niederlanden und Spanien im A-Nationalteam debütiert, als Deutschland auf Platz vier landete. Der Umbruch nach dem Viertelfinal-Aus bei Olympia inklusive Trainerwechsel spülte die Innenverteidigerin vom Berliner HC in der Hierarchie nach ganz vorne. „Die größte Veränderung für mich ist, dass ich nicht mehr das junge Küken bin, das ein bisschen mitspielt. Ich habe mehr Verantwortung, die ich gern trage und auf dem Platz für unser Spiel umsetze“, sagte die Abwehrspielerin. Dabei hat Weidemann die Rückendeckung der Bundestrainerin – aber damit geht auch viel Verantwortung einher. In Feedback-Gesprächen mit Schopman gehe es „manchmal schroff, aber immer ehrlich“ zu, verriet Weidemann: „Man braucht schon ein gewisses Selbstbewusstsein, um damit klarzukommen.“