Spaniens Pyrenäen haben einen rustikalen Charme und eine einzigartige Natur. Vom Atlantik bis zum Mittelmeer – auf 450 Kilometern erwarten den Gast Flora, Fauna, Historie, unterschiedliche Esskulturen und ethnische Volksgruppen mit eigenen Dialekten.
Im Vergleich zu den Alpen sind die Pyrenäen relativ unentdeckt. Man erwartet eine karge Gebirgsregion, die wenig zu bieten hat. Diese Vermutung zu widerlegen, kann Antrieb für eine Reise durch den spanischen Teil der Region sein.
Der „Einstieg“ erfolgt im Westen in der Provinz Navarra und führt über Roncesvalles, mit einer im zwölften Jahrhundert gegründeten Augustinerabtei, und Burgueta nach OchagavÍa. Der kleine, gepflegte Ort wurde 1794 von Frankreich total zerstört. Heute laden verwinkelte Gassen und überraschend viele alte Steinbrücken über zwei Flüsse zum Bummeln ein. Der wohltuende Duft der Gräser und Blumen lässt Urlaubsstimmung aufkommen.
Die Weiterfahrt führt ins Tal von Roncal. Wälder, wohin das Auge schaut, und zwischendurch auch Wiesen für die Rinder- und Schafherden. In Isaba sollte man einen kleinen Stopp einlegen, um das hübsche Bergdorf mit seinen blumengeschmückten Häusern näher kennenzulernen. Die Straße (NA 137) endet im Tal bei Sigüés und wir folgen dem RÍo Aragón Richtung Jaca. Die Stadt ist mit 13.000 Einwohnern die größte Gemeinde im gesamten Bergmassiv. Die Römer erbauten hier die erste Siedlung. Als die Mauren alle Städte Spaniens eingenommen hatten, trotzte Jacas Bevölkerung den Eroberern. Nach der Gründung des Königreiches Aragonien wurde der Ort zur Hauptstadt erklärt. Die Altstadt mit der Kathedrale, dem Rathaus und dem Diözesanmuseum lohnt den Besuch. Herausragend ist die Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, die ein Militärmuseum in den alten Mauern hat. Jaca selbst ist grün, schattenspendende Bäume lassen den Bummel zum Vergnügen werden. Und unzählige Bars und Restaurants bieten landesübliche Spezialitäten an.
Ordesa-Nationalpark: Das Herz der Region
Dass auch frühere Regenten mit Steuergeldern nicht immer sparsam umgegangen sind, davon zeugt der Prachtbau Canfranc Estación. 1928 wurde der Bahnhof, etwa 20 Kilometer nördlich von Jaca, von Alfonso XIII. und dem französischen Präsidenten eingeweiht. Die Gebäude – inklusive des heutigen Bahnhofs – sind überdimensioniert. Aber die Architektur ist beeindruckend. Seit 1970 fährt kein Zug mehr aus Frankreich kommend nach Canfranc. Die Barceló-Hotelkette hat das Hauptgebäude zu einem Fünf-Sterne-Hotel umgebaut, das Publikum darf durch die imposante Hotelhalle laufen, um einen Hauch von Luxus zu erleben. Übernachtungspreise beginnen bei 225 Euro und ein mit einem Michelin-Stern dekoriertes Restaurant befindet sich außerhalb in zwei Eisenbahnwaggons, die aus der Zeit von 1928 stammen.
Die zentralen spanischen Pyrenäen sind die Hauptattraktion der gesamten Region. Und der Ordesa-Nationalpark ist das Herz. 1918 wurde der Park gegründet. Es begann mit 21 Quadratkilometern Naturschutz, heute sind es 156 Quadratkilometer. Das Gebirge rund um den Monte Perdido (3.355 Meter) besteht aus Kalkgestein und ist dadurch einzigartig in Europa. Autos sind im Park nicht zugelassen, aber bei Torla gibt es genügend Parkplätze. Von dort geht es per Bus weiter. Gut ausgeschilderte Wanderwege bieten Anfängern, aber auch den anspruchsvollen Gästen einzigartige Touren an.
Wie in einem Reiseführer empfohlen, nutzen wir die Straße HU 631, um der gigantischen Bergwelt näherzukommen. Immer wieder geht der Blick auf die zahlreichen Bergspitzen (2.300 bis 3.355 Meter), die Ende Mai noch schneebedeckt sind. Nadelbäume dominieren in den endlosen Wäldern des Parks. Nur in der Añisclo-Schlucht, die an nordamerikanische Canyons erinnert, gibt es Mischwälder.
Auf der Rückfahrt nach Aínsa sehen wir einige verlassene Dörfer. Arbeitsplatzmangel hat viele junge Menschen in die Städte getrieben. Zurückgeblieben sind Ruinen, speziell zwischen Fiscal und Boltaña. Die Natur holt sich alles Stück für Stück zurück. Aínsa, wo sich der RÍo Ara und der RÍo Cinca treffen, ist das Zentrum der Region. Das Hotel- und Restaurantangebot ist vielfältig und wird speziell von spanischen Gästen an den Wochenenden genutzt.
Der Weg in die Altstadt, die auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt liegt, ist in einem Internetportal mit 600 Metern Laufstrecke und etwa elf Minuten Fußweg beschrieben. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Nach 25 Minuten erreichen wir – etwas atemlos – den Plaza Mayor. Wer es bequemer haben möchte, kann auch das Auto nehmen. Dann dauert die Anreise nur wenige Minuten. Kopfsteinpflaster, blumengeschmückte Balkone, unverputzte Steinhäuser, mittelalterliche Arkaden, das Rathaus und die Pfarrkirche Santa Maria prägen das Bild. Die Ruinen des Schlosses sind, wie wir erfahren, in ungeraden Jahren von Ende Juli bis Mitte August Schauplatz eines internationalen Musikfestivals. Welch eine Kulisse! Der Blick auf das gesamte Ensemble verdrängt die Gedanken an den mühevollen Aufstieg.
Südlich von Aínsa liegen zwei künstlich angelegte Stauseen, die türkisgrün schimmern. Sie sind als Trinkwasserspeicher konzipiert und damit für Boote oder ähnliche Aktivitäten gesperrt. Weiter geht es auf der N 280 bis Castejón de Sos. Hinter Campo verengt sich die Straße und führt kilometerlang durch eine beeindruckende Schlucht. Der RÍo Esera begleitet uns und sorgt für eine angenehme Kühle. Der östlichste Teil der aragonischen Pyrenäen hat die höchsten Berge. Und plötzlich sind sie zu sehen, die Gipfel im Maladeta-Massiv. Der Aneto erreicht die Höhe von 3.404 Metern und überragt die zwei nahe liegenden „Konkurrenten“ Posets und Maladeta um wenige Meter. Die weißen Spitzen erstrahlen im Sonnenlicht, aber zum Schmelzen des ewigen Eises reicht die Wärme nicht.
Perfekt für Wanderer und Mountainbiker
Östlich von Vielha, einer dank des Tourismus ständig wachsenden Kleinstadt, beginnt das wohl größte und bekannteste Skigebiet der Bergregion. Wie eine Perlenkette reihen sich die Wintersportorte Betren, Arties, Salardú und Baqueira hier auf. 36 Lifte bringen die Sportler auf 2.500 Meter Höhe, damit sie auf 45 Pisten talwärts sausen können.
Arties gilt als Ort der Prominenz. Baqueira wurde gern vom Ex-König Juan Carlos besucht. Im Sommer ist es ein ideales Wandergebiet, auch für Mountainbiker, da sich die Zahl der Gäste in Grenzen hält. Die Passstraße erreicht am Puerto de la Bonaigua den höchsten Punkt (2.072 Meter), um dann kurvenreich – an Wasserfällen und Pferdekoppeln vorbei – ins Tal zu führen. Grandiose Ausblicke sind garantiert.
Als wir Espot erreichen, werden wir überrascht. Auf dem großen Parkplatz im Ort stehen fünf Busse, und in den engen Straßen und Gassen geht es recht quirlig zu. Die Gemeinde ist das Tor zum Nationalpark Aigüestortes, einer 1955 gegründeten Schutzzone mit vielen Seen, Flüssen und immer wieder Wasserfällen. Zwei Stunden Fußweg vom Ort bis zum Bergsee „Estany de Sant Maurici“ sollte der geübte Wanderer dafür einkalkulieren. Für weniger Sportliche steht eine Armada von Jeeps bereit, die für 11,50 Euro den Transfer erledigen.
Wissen Sie, was Glück auf Katalanisch heißt? Sort! Wie die Kleinstadt am RÍo Noguera Pallaresa. Sie hat sich zum Mittelpunkt der Rafting- und Kanusportler erklärt. Das Wildwasser braust durch den Ort und stellt auch Profis durchaus vor Herausforderungen. Bekannt wurde Sort auch durch die zahlreichen Gewinner in der spanischen Weihnachtslotterie. Seitdem floriert das Geschäft mit den Losen – und lockt nicht nur Einheimische an.