Das Saarland bringt seit Jahren bemerkenswerte Handball-Talente hervor. Mangels eines Vereins in der 1. oder 2. Bundesliga zerstreuen sie sich in alle Winde – und sammeln wertvolle Erfahrungen im Ausland und der Champions League.
Allen voran Nationalspieler Marko Grgic. Der 22-jährige Rückraumspieler wuchs in Saarlouis auf und spielte bis 2022 für die HG Saarlouis in der 3.Liga, ehe er über den ThSV Eisenach an die Spitze aufstieg. 2024/25 wurde er mit 301 Toren Torschützenkönig der stärksten Liga der Welt und wechselte zur SG Flensburg-Handewitt, wo er sich sofort etablierte und die vergangene Saison auf Rang drei abschloss. Nach einem guten Lauf rutschte die SG nach der EM im Januar – bei der Grgic mit Deutschland Vizeeuropameister wurde – in ein Tief. Trotzdem setzte das Team zum Schlussspurt an, wurde jedoch erneut ausgebremst und hat die Champions-League-Qualifikation auf den letzten Metern „verkackt“, wie es Grgic auf den Punkt bringt: „Am Ende haben wir keinen Titel gewonnen, wurden überall höchstens Dritter und haben sogar das Final Four im Pokal verpasst. Das wollen wir in der kommenden Saison auf jeden Fall besser machen und die European League gewinnen“, kündigt Grgic an.
Müller hat sich in der Schweiz durchgesetzt
Jerome Müller (29 Jahre) hat inzwischen den Sprung ins Ausland gewagt. Der gebürtige Werschweiler lernte das Handballspielen bei der HSG Nordsaar, spielte sechs Jahre für den SV 64 Zweibrücken und drei weitere für die HG Saarlouis, ehe es ihn über Ludwigshafen, Stuttgart und Balingen 2025 zu HC Kriens-Luzern zog. Dort war Müller Teil des Teams, das dem Club die erste schweizerische Meisterschaft der Vereinsgeschichte bescherte. „Das war ein super Ereignis für den ganzen Verein“, sagt Müller, der sich sportlich unter Trainer Andy Schmid und auch privat in der Schweiz wohlfühlt. Seine Ziele für die neue Saison: „Wir müssen den Titel verteidigen und im Pokal mindestens ins Final Four kommen. In der Champions League wollen wir gute Spiele zeigen, auch wenn wir mit dem SC Magdeburg und Industria Kielce eine starke Gruppe erwischt haben. Mal sehen, was gegen Kolstad Handball so geht.“
Auch Nationalspielerin Amelie Berger, 27, spielt inzwischen im Ausland. Ausgebildet beim dem HV Saar angehörenden SV 64 Zweibrücken, wechselte sie im Sommer von der HSG Bensheim/Auerbach zum kroatischen Rekordmeister ŽRK Podravka Koprivnica. Für Berger, die in der Vergangenheit oft von Verletzungen zurückgeworfen wurde, ist vor allem die Sprachbarriere „eine neue Herausforderung für mich. Ich wünsche mir, da schnell große Fortschritte zu machen, um mich besser mit meinen Mitspielerinnen auch auf Kroatisch unterhalten zu können“, sagt sie. Darüber hinaus sind auch ihre sportlichen Ziele klar gesteckt: Meisterschaft und Pokal sollen gewonnen werden. In der Champions League „wollen wir unbedingt ins Achtelfinale“, stellt die Saarländerin klar.
Peter Walz führt den ThSV Eisenach als Kapitän an. Der 32-jährige Polizeikommissar aus dem Saarland wechselte 2021 von der HG Saarlouis zu den Thüringern und führte sie 2023 als Spielführer in die Bundesliga. Seine Verbundenheit bekräftigte er im Herbst mit einer Vertragsverlängerung bis 2028. Christian Schwarzer schwärmt deshalb von dem Kraftpaket: „Peter ist so ein Spieler, den man sich in der Mannschaft wünscht, weil er einfach alles kann und macht.“ „Wir haben die vergangene Saison als Team gut gerockt, waren zu Hause eine Macht und hatten nie wirklich etwas mit dem Abstiegskampf zu tun – und konnten sogar ein paar von den Großen ärgern“, sagt der Kapitän, der sich viel vorgenommen hat: „Wir wollen auswärts stärker werden und den Klassenerhalt vorzeitig sichern.“
Eine weitere Saarländerin, die vor einer erfolgreichen Zukunft steht, ist Nele Spengler. Die 19-jährige Linksaußen begann bei der HSG DJK Marpingen. In ihrer ersten Saison für Zweitligist HSV Solingen-Gräfrath erzielte sie auf Anhieb mehr als 50 Tore: „Ich konnte mich schneller als erwartet in der Liga etablieren“, freut sich Spengler, die sogar zur zweitbesten Linksaußen-Spielerin der Saison gewählt wurde. Den starken fünften Platz aus dem Vorjahr will sie mit dem Team nun mindestens bestätigen. Das gilt auch für ihre eigenen Leistungen.
Viele Talente gehen früh
Björn Zintel (30) war zu einem Wechsel innerhalb der zweiten Liga gezwungen: Nach zwei Spielzeiten als Kapitän der wirtschaftlich gebeutelten HSG Nordhorn-Lingen, wo er zuletzt in 31 Spielen 57 Tore erzielte, schloss sich der gebürtige Zweibrücker, aufgewachsen im Handball-Dorf Niederwürzbach, dem Aufsteiger TV Emsdetten an. „Die Themen neben dem Spielfeld standen uns im Weg, deshalb war die Saison anstrengend und belastend“, sagt Zintel rückblickend. Privat ist beim frisch gebackenen Vater alles im Lot: „Die Handballbegeisterung an diesem Traditionsstandort ist schon richtig cool.“
Gleich zwei Saarländer kämpfen bei den Eulen Ludwigshafen um den erneuten Klassenerhalt in der 2. Bundesliga: die 27-jährigen Marc-Robin Eisel und Kian Schwarzer. Eisel, in Homburg geboren und beim SV 64 Zweibrücken ausgebildet, wurde vor Kurzem zum neuen Kapitän gewählt. In der abgelaufenen Zweitliga-Saison war er in allen 34 Spielen dabei, erzielte 156 Tore und steuerte 113 Assists bei. An seiner Seite spielt weiter Kian Schwarzer, Sohn von Christian Schwarzer. Nach Verletzungsproblemen war ihm vor allem die durchgehaltene Saison wichtig, sagt der Linksaußen, der sich auf die erste Pokalrunde gegen Erstligist HSG Wetzlar freut. Ihr früherer Förderer „Blacky“ sieht in beiden „feste Säulen, die das Gerüst mittragen sollen“.
Bei den Rhein-Neckar-Löwen kämpfen sich zwei weitere Saarländer durch den Nachwuchsbereich: Lennart Karrenbauer, 21, und aus Saarlouis, wird derzeit allerdings von einem Kreuzbandriss zurückgeworfen und arbeitet am Comeback: „Ich hoffe, dass ich zum Jahresende wieder auf der Platte stehen kann“, sagt er. Gerne zusammen mit dem 17-jährigen Noah Oremek, ebenfalls von der HG Saarlouis: Der über zwei Meter große Kreisläufer versucht, sich mit starken Leistungen in der A-Jugend und mit möglichst vielen Drittliga-Minuten für höhere Aufgaben zu empfehlen. Das möchte auch Louis Wöffler, ebenfalls Ex-Saarlouiser. Der 18-Jährige hat sich beim TBV Lemgo Lippe über die Drittliga-Mannschaft als Einspringer für die Bundesliga-Profis empfohlen: „Ich habe mich gut entwickelt, durfte durchspielen und meine Tore gemacht. Von daher bin ich sehr zufrieden“, resümiert der Linksaußen die vergangene Saison. Torhüter Keno Danzenbächer (22), ausgebildet beim SV 64 Zweibrücken, verlässt nach zwei Jahren als dritter Keeper bei GWD Minden (zuvor: VfL Gummersbach) die Bundesliga und wechselt zur Ahlener SG in die Dritte Liga. Insgesamt absolvierte Danzenbächer in Minden zwölf Spiele für die Erste Mannschaft, während er seine Einsatzzeiten überwiegend in der Zweiten Mannschaft sammelte.
Für Christian Schwarzer ist die Zahl der Spielerinnen und Spieler, die den Sprung schaffen, vor allem eines: eine Bestätigung der Förderung im Saarland: „Es ist immer wieder spannend zu beobachten, wie die Kinder so ihre Wege gehen“, sagt er und lächelt: „Sie wurden hier vom HV Saar und am Saarbrücker Gymnasium am Rotenbühl als Eliteschule des Sports gefördert und das zeigt uns, dass es so schlecht bei uns im Saarland nicht sein kann.“ Was fehlt, ist lediglich ein Zweitligist.