Unter dem Motto „Por qué no?“ bringt das Hemmersdorf Pop Festival Ensembles von Neoklassik über Indie-Pop bis Jazz und Electronica auf die ländlichen Bühnen der Grenzregion. Festivalmacher Chris W. Burr berichtet über die Anfänge und die diesjährige Ausgabe.
Herr Burr, das Hemmersdorf Pop Festival ist wenige Jahre jung. Wie entstand die Idee dazu?
Ich bin seit über 20 Jahren im internationalen Konzertbusiness, betreibe eine Konzertagentur und bin das ganze Jahr auf Konzerten europaweit. Ich habe in unserem Dorf gesehen, in dem ich wegen meiner Frau gelandet bin, hier ist eine Bühne, hier ist eine Kirche, und dachte: Warum machen wir hier nicht auch so ein Festival? Dann habe ich mir das genauer angeschaut und gesehen, dass im Saarland und grenzüberschreitend in der Großregion nach Lothringen in Frankreich und Luxemburg niemand diese Musik macht, Indie-Pop, Jazz und Neoklassik, von den Künstlern, die ich in der Agentur habe. Ich habe von den 300 Shows im Jahr, die es bis zum Lockdown immer waren, nie eine einzige im Saarland gehabt. Die waren immer irgendwo in Deutschland oder Europa, aber nicht im Saarland, weil es dafür die Spielstätten und Veranstalter gar nicht gibt. Da dachte ich, das ist eine Riesenmarktlücke.
Hat sofort alles geklappt oder war es anfangs schwierig?
Wie das so ist in provinziellen Gegenden: Wenn man Sachen nicht kennt, ist man erst mal skeptisch. Da muss man die Leute überzeugen, dass sie mitmachen. Sei es die Kirche als Spielstätte. Da fängt es an, die Infrastruktur ist nicht da. Ich kann keine Location mieten, wo tolle PA (Beschallungsanlage, Anm. d. Red.) und Technik drin ist, das gibt es hier einfach nicht. Wir müssen Räume haben, und da ist die Kirche der erste Ort, weil das der größte Raum ist, den man im Dorf bespielen kann. Da war die katholische Kirche skeptisch. Die konnten damit nichts anfangen. Wir haben gesagt, wir wollen ein Popmusikfestival machen mit internationalen jungen Künstlern, Neoklassik, Jazz, Pop. Da sagten die: „Aber die dürfen nichts Weltliches singen.“ (lacht) Ich hab versucht, visuell darzustellen, mit Bildern von anderen Festivals, wie das aussehen kann. Erst mal, wie toll die Kirche illuminiert wird, wie die heraussticht im Dorf in den Festivaltagen, wie schön das aussehen kann. Und dazu Musikbeispiele, dass es eher so gediegen wird. Neoklassik ist ja eher ruhiger, mit Flügel oder Streichern. Dass ich in der Kirche keine Rockkonzerte machen, sondern mehr mit Chören arbeiten will, wegen dem Hall. Sie haben eingewilligt und wir haben das erste Festival angefangen. Das waren anfangs nur zwei Tage mit einer Bühne in unserer Hauptkirche und Aftershow Party im Jugendtreff. Das kam ziemlich gut an. Die Leute waren begeistert, denn sie hatten vorher echt keine Vorstellung davon, was das wird. Künstler wie Hania Rani, die dann vor 4.000 Menschen gespielt hat im Invalidendom in Paris, die kannte hier keiner. Wir bringen Künstler her, die in Hamburg auftreten in der Elbphilharmonie oder in der Royal Albert Hall in London, aber hier kennt sie keiner.
Dieses Jahr gibt es drei Spielorte. Zwei Festivaltage finden statt in Hemmersdorf und ein Tag verteilt sich auf das französische Guerstling und das deutsche Oberlimberg. Wie kam das?
Das Festival findet in Hemmersdorf statt am Freitag und Samstag. Hauptlocation und Herz ist die Kirche St. Konrad. Dazu gibt es die Festivallounge Stage, das ist eine Open Air Bühne in der Mehrzweckhalle nebendran. Es gibt in der Bäckerei eine kleine Bühne, und den Jugendtreff mit einer Aftershow Party. Wir fangen donnerstags an im Nachbarort Guerstling in Frankreich. Es ist die dritte Ausgabe, die wir so machen, als grenzüberschreitendes Projekt. Wir haben vor Ort einen gemeinnützigen Verein, der uns hilft, das zu organisieren. Wir bespielen Kirche und Gemeindesaal und machen dort die offizielle Eröffnung. Dieses Jahr kommt hinzu, vor der Eröffnung in Guerstling um 18 Uhr gehen wir in eine Kapelle im Ort Oberlimberg. Das ist vier Kilometer hier um die Ecke. Die Kapelle ist profaniert, und es gibt einen Kulturförderverein, der möchte dort dauerhaft Kultur veranstalten. Das ist ein großes Thema, profanierte Kirchen, Umnutzung und Nachnutzung. Wir haben eine zweite Kirche in Hemmersdorf und einen Förderverein für das Festival. Wir arbeiten daran, da langfristig eine Nachnutzung hinzukriegen, als Dorfgemeinschaftstreff, Proberaum für Musikvereine und Bühne mit toller Technik für Livekonzerte und sonstige Kultur.
Verstehe. Wie ist das Alter der Festivalbesucher?
Das Festival hätte in Hamburg oder München ein Publikum zwischen 30 und 55 oder 60 Jahren. Hier hat es eine Altersstruktur von 20 bis 80. Die Leute kommen, weil etwas ist.
Ist die Kapazität ausgelastet?
Die wird nahezu ausgelastet. Wir werden nie mehr als 250 bis 280 Karten verkaufen am Tag, weil das die Sitzplatzanzahl in der Kirche ist. Dazu kommt, dass wir die Festival Lounge Stage eintrittsfrei machen und da bis zu 800 Besucher durchlaufen lassen können.
Sie haben vom Saarländischen Wirtschaftsministerium eine Förderung als kulturelles Leuchtturmprojekt bekommen. Stabilisiert das die Zukunft des Festivals?
Die Idee ist, Strukturen so zu festigen, dass man nach drei Jahren Förderung gut weitermachen kann. Es gibt das Festival, weil ich mich ausbeute, über Monate unbezahlt arbeite, das finanzielle Risiko und die Haftung auf meine Person nehme. Den Antrag für die kulturelle Leuchtturmförderung habe ich so gestellt, dass ich gesagt habe, die 400.000 Euro Maximalförderung für 80 Prozent der förderfähigen Kosten will ich gar nicht auf einmal. Das hat keinen Sinn. Dann muss ich das Festival einmal hochpimpen, ganz teure Sachen kaufen und Künstler engagieren, und was mache ich das Jahr darauf? Ich wollte es aufteilen, und das ist so durchgegangen, dass wir das auf drei Jahre aufteilen. So haben wir eine Chance, von einem Ein-Mann-Team auf zwei, drei, vier Mann zu kommen, eine Struktur und ein Team zu schaffen, das auch weiterarbeiten kann nach der Förderung.
Im diesjährigen Programm sind Singer-Songwriterinnen des Indie-Pop wie Tara Nome Doyle, Neoklassik-Künstler wie Sofi Paez, Yana oder Lambert, die Band Echt! aus Belgien spielt Jazz und Electronica. Stilistische Vielfalt wird also ganz bewusst zelebriert.
Genau, letzten Endes geht es auf drei Genres hinaus, Neoklassik, innovativen Jazz und Indie-Pop, Crossover und Artverwandtes, gerne experimentell, neue Mischungen und frisches Zeug. Da geht’s hin!