Immer weniger Menschen können sich eine Wohnung oder ein Haus leisten. Die Baupreise steigen, die Mieten auch. Ein Ausweg: Wohnen im Tinyhaus. Viele Städte und Gemeinden haben die Marktlücke erkannt. Doch es gibt auch Nachteile.
Rund 20 Menschen planen in einer gemütlichen Wohnküche am Bielefelder Stadtrand ihre gemeinsame Zukunft. Sie wollen zusammen in einer Tinyhaus-Siedlung leben: In jedem dieser Mini-Häuser wird je eine Person, ein Paar oder eine Familie auf höchstens 39 Quadratmetern wohnen.
Dazu haben sie die Genossenschaft „Guter Grund“ gegründet. Diese hat für die geplante Tinyhaus-Siedlung ein fast 7.000 Quadratmeter großes Grundstück gekauft. Geplant sind darauf 26 Mikrohäuser mit 20 bis 39 Quadratmetern für 39 Bewohnerinnen und Bewohner. Baubeginn: Frühjahr 2027. Die Genossenschaft verpachtet den Mitgliedern die Grundstücke, auf denen sie ihre eigenen Tinyhäuser errichten. Die meisten haben einen Studienabschluss, studieren oder arbeiten in sozialen oder technischen Berufen. Sie möchten in stabilen, gut gedämmten Tinyhäusern aus Holz und anderen nachhaltigen Materialien ressourcenschonend in Gemeinschaft Gleichgesinnter leben.
Der 51-jährige Matze arbeitet als IT-ler an der Uni, rund 15 Fahrrad-Minuten vom geplanten Tinyhaus-Dorf entfernt. Er will sich wie die meisten Tinyhaus-Interessenten das Leben leichter machen: weniger Ballast, um den man sich kümmern muss, und weniger finanzielle Verpflichtungen durch eine teure Wohnung, die ihn zur Arbeit zwingt. Sein Job macht ihm Spaß, aber „das Muss muss weg“, wie er lachend sagt.
Die Mitgliederversammlung entscheidet demokratisch über gemeinsame Anliegen wie den Bau des geplanten Gemeinschaftshauses, der Werkstatt, die im Carsharing gemeinsam genutzten Autos und den Gemeinschaftsgarten, in dem einige Mitglieder Gemüse für alle anbauen wollen.
Auch Isabel hatte bisher ein sogenanntes normales Leben: Kinder, Haus, Job. „Zu viel Arbeit, zu viel Putzen und zu wenig Zeit für mich“, wie sie sagt. Sie träumte von einer kleinen Hütte am Waldrand, nur für sich und die Kids. Dann stellte sie fest, dass das „so ganz alleine auch doof“ wäre. Ihr ist es „egal, aus welcher Kaffeetasse“ sie trinkt, aber extrem wichtig, wer mit ihr am Lagerfeuer sitzt.
Kleine Beispiele, die zeigen: Tinyhäuser sind gefragt. In einer Umfrage des Baufinanzierers Interhyp sagte 2021 fast ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie sich gut vorstellen könnten, in einem Tinyhaus zu wohnen. Die Gründe: geringere Baukosten, weniger Hausarbeit, nachhaltiger, umwelt- und klimafreundlicher leben. Und mit steigenden Baupreisen wächst das Interesse weiter.
700 Bewerbungen für einen Stellplatz
Das Land Schleswig-Holstein berichtet in einer Broschüre für Kommunalverwaltungen, dass ein Bürgermeister auf die Ausschreibung eines Stellplatzes für ein Tinyhaus 700 Bewerbungen erhalten habe. Eine andere Gemeinde habe nach einem Bericht des NDR über eine geplante Tinyhaus-Siedlung mehr als 250 Anfragen aus dem In- und Ausland bekommen.
Tischler Brandan Thome baut in seiner Detmolder Werkstatt mit seinem Team einige der in Bielefeld geplanten Tinyhäuser. Der Laden brummt auch ohne Werbung. Jedes Haus plant er zusammen mit seinen Kunden und Kundinnen. Sie bekommen bei ihm alle Gewerke aus einer Hand, inklusive Berechnung der Statik und der Wärmedämmung.
Christina Schlingmann ist von ihrem Tinyhaus begeistert, obwohl sie sich wegen ihrer Gehbehinderung nur mit einem Rollator fortbewegen kann. Eine Rampe führt auf ihre Veranda. Von dort geht es direkt ins Haus, wo sie mit Mann und Hund wohnt. Überall kann sie sich an den Wänden abstützen. „Wir haben alles, was wir brauchen: einen vernünftigen Platz zum Schlafen, einen Sitzplatz, wo wir essen können, eine Küche und ein komplettes Badezimmer. Also uns fehlt nichts.“
Sie arbeitet im Homeoffice für den Kundenservice der Deutschen Post. Sogar ihren Arbeitsplatz hat sie im Tinyhaus untergebracht. In einem der Einbauschränke im winzigen Wohn- und Esszimmer hat sie einen Computer mit Maus und Tastatur verstaut. Wenn sie arbeiten muss, holt sie das Gerät heraus. Nach Feierabend verschwindet es wieder im Schrank.
Gründe für einen Umzug ins Tinyhaus gibt es viele. Podcaster und Tinyhaus-Bewohner Christian Klerner hat mit Gleichgesinnten die Online-Community TinyOn gegründet. Das Interesse, sagt er, sei enorm. Rund 80.000 Mitglieder zähle die Gemeinschaft inzwischen. Darunter seien viele ältere Leute, deren Kinder ausgezogen sind. Sie leben alleine oder zu zweit in großen Häusern, die sie mit zunehmendem Alter kaum noch unterhalten können. Viele sehen in einem pflegeleichten Minihaus eine bezahlbare Alternative.
Auch Jüngere haben sich der TinyOn-Gemeinschaft angeschlossen. Ein eigenes Einfamilienhaus können sich viele angesichts gestiegener Bau- und Immobilienpreise kaum noch leisten. Junge Menschen in ihren Dreißigern möchten auch beweglich bleiben und sich nicht mit einem hohen Kredit binden. „Ich brauche einen Lebensmittelpunkt, wo ich mich wohlfühle, von dem ich abspringen kann, weil ich reisen will, und weil ich vielleicht auch mit dem Haus nochmal unterwegs sein möchte“, erzählt Klerner. Er sieht hier „eine ganz neue Denke.“
Mit Ehefrau Caro, Tochter Paula und Hündin Bella wohnt er seit gut drei Jahren im eigenen Tinyhaus. Auf die Idee kam das Paar, weil es sich „auf das Wesentliche beschränken“ wollte. Klerner hat 14 Jahre in der Recyclingbranche gearbeitet. Sein Fazit: „Das beste Recycling-Konzept wäre, unnötige Dinge gar nicht erst herstellen oder gar nicht erst konsumieren.“ Im Tinyhaus fühlt sich er sich „entschleunigt“. Seiner Partnerin gehe es ähnlich. Auf Reisen habe sie erlebt, dass alles, was sie wirklich braucht, in ihren Rucksack passt.
Für Töchterchen Paula und Hündin Bella haben die Klerners angebaut. Möglich war das nur, weil ihnen das Grundstück gehört. Ihr Haus steht auf Punktfundamenten. Sie halten es stabil am Boden. Beliebt sind auch Schraubfundamente oder Ausleger, die das Haus auch bei Sturm fest an seiner Position halten. Entscheidend ist bei allen drei Varianten, dass man das Haus wieder abbauen kann, ohne Spuren zu hinterlassen.
Wer sich für ein Tinyhaus interessiert, sollte sich gründlich damit beschäftigen und vor allem auch mal in einem solchen Minihäuschen probewohnen, rät Christian Klerner. „Am besten im Winter, wenn man wenig draußen ist“ und wirklich mit dem Platz im Haus auskommen muss. Er finde kleine Räume „kuschelig und lümmelt sich gerne auf eine Couch“. Daher passe das Tinyhaus für ihn.
Energetisch weniger effizient
Rechtlich gelten Tinyhäuser wie jedes Einfamilienhaus als Wohngebäude. Für diese benötigt man eine Baugenehmigung. Die Anforderungen richten sich bundesweit nach dem Baugesetzbuch und nach den Bauordnungen der Länder. Für den Bauantrag muss man Pläne eines Architekten oder einer Architektin vorlegen. Damit weist der Bauherr oder die Bauherrin nach, dass das geplante Gebäude die Regeln der Statik, der Wärmedämmung, des Brandschutzes und weitere Anforderungen erfüllt. Außerdem müssen Wohngebäude an die öffentlichen Wasser- und Abwasserkanäle angeschlossen werden sowie für Feuerwehr und Müllabfuhr erreichbar sein.
Brandan Thome, der für seine Kunden viele Tinyhäuser baut, hat noch weitere Tipps: Man solle die Anbieter anfragen, ob sie auch die Statik-Berechnungen für den Bauantrag liefern und ob das Haus alle rechtlichen und technischen Anforderungen an ein Wohngebäude erfülle.
Hinzu kommt, dass viele Bauämter keine oder nur vage Vorstellungen von Minihäusern haben. Er empfiehlt, mit den Leuten auf dem Bauamt zu reden und zunächst für ein kleines Einfamilienhaus anzufragen. Wenn die Menschen auf dem Amt verstünden, dass es um eine dauerhafte Bleibe geht und dass mehr als nur eine Person im Tinyhaus wohnen kann, seien sie offener für das Konzept.
Ein solide gebautes Mini-Haus ist auf den Quadratmeter gerechnet meist teurer als ein Reihen- oder Einfamilienhaus. Chris Klerner rechnet mit 160.000 bis 180.000 Euro für ein gut gedämmtes, in Deutschland gebautes Tinyhaus, das als Bausatz oder fertig montiert mit einem Tieflader an seinen Standort geliefert wird.
Die meisten Tinyhäuser haben einen Holzofen oder eine Elektroheizung, meist im Fußboden verlegt. Manche nutzen auch Infrarot-Deckenstrahler. Entscheidend für den Energieverbrauch ist wie bei jedem anderen Haus die Dämmung. Wegen der im Verhältnis zum kleinen Innenraum vielen Außenwände ist die Isolierung hier aufwendiger und teurer als im Wohnungsbau. Dämmt man das Häuschen auf den aktuellen KfW40-Standard, wird der Innenraum noch kleiner.
Weil die freistehenden Minihäuser im Verhältnis zur Wohnfläche mehr Außenwände haben, als eine Wohnung oder ein „normales Haus“, fällt die Energiebilanz meist schlechter aus, als die eines modernen Ein- oder Mehrfamilienhauses. Bauingenieur Klaus Wember aus Bochum hat nachgerechnet: Er geht davon aus, dass selbst ein passivhaustaugliches Minihaus pro Person etwa drei Mal so viel Energie verbraucht wie ein modernes Einfamilienhaus oder eine nach den aktuellen Regeln gebaute Wohnung. Dabei hat er mit zehn Quadratmetern Wohnfläche pro Person im Tinyhaus und mit 35 Quadratmetern je Bewohnerin in der Vergleichswohnung gerechnet.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Michael Wengert. Er forscht und lehrt an der Hochschule Biberach zu Konzeption und Planung nachhaltiger Gebäude. Im Tinyhaus benötige der oder die Einzelne wegen der deutlich geringeren Wohnfläche weniger Energie. Auf den Quadratmeter gerechnet, verbrauche das Minihaus allerdings mehr als doppelt so viel Heizenergie wie eine moderne Wohnung.
Viele Alleinstehende in großen Wohnungen
Die meisten Tinyhaus-Bewohner möchten allerdings gerade nicht in einer Wohnung leben. Sie wollen ein freistehendes Haus für sich alleine. Und damit würden sie pro Person sicherlich mehr Energie verbrauchen. Und: Wer im Tinyhaus wohnt, schafft sich schon deshalb weniger an, weil er oder sie dort deutlich weniger Platz hat. Allein damit fällt die Ökobilanz im Tinyhaus besser aus, als in einer herkömmlichen Wohnung.
Eine weitere Frage ist, ob Tinyhäuser einen Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot leisten können. Die Antwort ist auch hier ein klares Jein.
Wohnungen sind in Deutschland deshalb so knapp und teuer, weil es zu wenige gibt und viele Menschen allein in immer größeren Wohnungen leben. Nach Angaben des Umweltbundesamts ist die Wohnfläche pro Kopf allein in den vergangenen 15 Jahren von 46 auf 49 Quadratmeter gestiegen. Viel Wohnraum würde frei, wenn diese meist älteren Menschen in kleinere Wohnungen umziehen würden. Moderne kleine Wohnungen sind allerdings meist teurer als große alte Einfamilienhäuser.
Das Ehepaar Rössler hat nach nun 40 Jahren sein Haus verkauft, um in das Tinyhaus-Dorf der Seniorenresidenz Reeswinkel zu ziehen. Eine kleine Wohnung wäre für die beiden keine Alternative gewesen. Die Rösslers wollten sich verkleinern, aber weiter im eigenen Haus mit viel Grün drum herum leben. Michael Rössler sieht im Tinyhaus einen guten Weg, ältere Menschen aus ihren zu großen, alten und meist schlecht gedämmten Häusern zu locken.
In Dahlerbrück auf halbem Weg zwischen Lüdenscheid und Hagen betreibt die Familie Mischnick eine privat geführte Seniorenresidenz mit 76 Pflegeplätzen. Für Angehörige und zukünftige Pflegeheimbewohner haben die Mischnicks auf ihrem Grundstück unter alten Bäumen acht Tinyhäuser gebaut. Die Idee: Angehörige können hier in nächster Nähe ihrer Liebsten wohnen, die im Pflegeheim untergebracht sind. Drinnen ist alles mit modernster Technik ausgestattet. Geheizt wird mit Solarstrom vom Dach des Pflegeheims nebenan.
Die Rösslers haben ihren Umzug vor zwei Jahren „nicht eine Sekunde lang“ bereut. Ihr Vorteil: Unterstützung bekommen sie bei Bedarf schnell vom keine 100 Meter entfernten Pflegeheim. Dessen Mitarbeiter holen die Wäsche ab und bringen sie sauber zurück. Wenn die Rösslers nicht selbst kochen möchten, bestellen sie das Essen in der Heimküche oder essen dort. Auch die Putzkräfte kommen auf Wunsch zu ihnen. Allerdings müssen sie all diese Leistungen zusätzlich zu fast 1.000 Euro Miete bezahlen.
Die Einbaumöbel im Tinyhaus hat der handwerklich geschickte Michael Rössler selbst gebaut. Inzwischen ist der 70-Jährige fast blind und braucht immer mehr Hilfe im Alltag. Seine Frau Dorle hat eine schwere Knochenkrankheit. Alltagsbewegungen fallen ihr immer schwerer. Beide sind froh um die Unterstützung, die sie in Reeswinkel bekommen. Und wenn es im eigenen Haus nicht mehr geht, können sie beide oder einer von beiden in einem fließenden Übergang ins Pflegeheim nebenan ziehen.
Klar ist: Tinyhäuser werden weder die Wohnungsnot beheben noch dazu führen, dass wir unsere Klimaziele erreichen. Aber sie können in einer Nische Lücken füllen.