Seit mehr als 25 Jahren gibt es das „Jules Verne Berlin“ in Charlottenburg. Ein Bistro, das mit Vielfalt und Qualität überzeugt – und nicht nur mit seiner Bouillabaisse beeindruckt.
Es gibt Gerichte, bei denen sich entscheidet, ob ein Abend zum Fest wird oder zur Randnotiz, ob ich später lächelnd an ihn zurückdenke oder ihn rasch vergesse. Speisen, die es in lieblosen Convenience-Versionen ebenso gibt wie in vollendeter Perfektion. Letztere bescheren jene Genussmomente, die ich gerne als „großes Kino“ bezeichne.
Zu den kulinarischen Charakterprüfungen gehört für mich seit jeher die Bouillabaisse. Kaum ein Gericht ist so reich an Geschichte, Aromen und Erwartungen. Die Fischsuppe aus der Provence gilt als hohe Kunst, als Inbegriff südfranzösischer Lebensfreude. In den Hafenrestaurants von Marseille steht sie überall auf der Karte, zu stolzen Preisen und – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – in sehr unterschiedlichen Qualitätsstufen. Eine gute Bouillabaisse entsteht aus besten Naturprodukten – und aus Geduld, Respekt und echtem Handwerk. Sie ist niemals Resteverwertung, sondern ein Gesamtkunstwerk, das die Aromen des Südens in sich trägt, von Abenteuer und Fernweh erzählt und ein wohliges Seufzen entlockt. So eine Großes-Kino-Bouillabaisse habe ich im „Jules Verne Berlin“ gefunden.
Das Restaurant am S-Bahnhof Savignyplatz, ein wenig versteckt nahe des Aufgangs zum Bahnsteig, begrüßt seine Gäste mit legerem Brasserie-Flair. Wer allerdings vom Namen auf die Küche schließen will, könnte einem Irrtum erliegen. Jules Verne – klar, das klingt nach Bretagne, nach rauer Atlantikküste, nach Austern und Meeresrauschen. Tatsächlich wurde der berühmte Schriftsteller in Nantes geboren, der historischen Hauptstadt der Bretagne, auch wenn die Stadt heute zum Département Loire-Atlantique gehört. Seit mehr als 100 Jahren ist er tot, doch seine Fantasie, seine Lust am Aufbruch und an der Entdeckung, wirken bis heute nach. Genau dieses Gefühl spiegelt die Speisekarte des „Jules Verne Berlin“ wider: eine kulinarische Reise, nicht um die Welt und auch nicht in 80 Speisen, aber doch voller kleiner, genussverheißender Abenteuer. Wie der englische Gentleman Phileas Fogg in Vernes Roman „Reise um die Erde in 80 Tagen“ kann man hier, mitten in Charlottenburg, auf große Reise gehen – nur deutlich komfortabler und ohne Gefahr für Leib und Leben.
Ambiente ist entspannt und stilvoll zugleich
Eröffnet wurde das „Jules Verne Berlin“ im Jahr 2000 von Dunia Najjar und Hassan Meguid. Das Erfolgsrezept des Lokals, das längst weit über die Kiezgrenzen hinaus zur Institution geworden ist, klingt simpel: Qualität und Frische. Doch wer schon einmal in der Gastronomie gearbeitet hat, weiß, wie schwer es ist, diesen Anspruch mehr als 25 Jahre konsequent durchzuhalten. Hier bedeutet das zum Beispiel: Von Montag bis Samstag wird täglich frisch eingekauft. Und noch eine Maxime: Austern, Trüffel und viele andere Zutaten kommen von dort, wo gerade Saison dafür ist.
Ich mag das Ambiente. Es ist entspannt und stilvoll zugleich. Keine steifen Tischdecken, die die schönen Holztische verdecken, dafür Stoffservietten, Kunst an den Wänden und sanfte Jazzklänge im Hintergrund. Ein Ort, der zum Verweilen einlädt, mit einem Team, das aufmerksam, eingespielt und so multikulturell ist wie die Speisekarte selbst. Neben Frankreich grüßen Marokko, Österreich und Italien, von jenseits des Atlantiks kommt der Caesar Salad, und als Berliner Lokalmatadorin darf natürlich die Currywurst nicht fehlen. Eine sympathische, weltoffene Mischung ohne kulinarische Scheuklappen.
Ich beginne den Abend mit einem Artischockensalat. Das Blütengemüse gibt es hier auch klassisch im Ganzen gegart, für all jene, die gerne Blatt für Blatt zupfen und dippen. Im Salat erweist es sich als besonderer Genuss. Die Vinaigrette –
fein abgestimmt mit Zitrone und Limette – gibt dem Ganzen eine herrlich frische Note. Und schon reise ich gedanklich ans Mittelmeer, und mir fällt ein, dass ich meinen Sommerurlaub bald buchen sollte. Zum Salat schmeckt das frische Brot – natürlich hausgemacht, so wie auch die Pommes, die Soßen, das Eis und sogar die Currywurst.
Die Fischsuppe köchelt mehr als zehn Stunden
Ich hätte Hassan Meguid fragen sollen, ob Jules Vernes Zitat „Wenn ich nicht arbeite, spüre ich nicht, dass ich lebe“ auch für ihn gilt. Denn der Restaurantchef ist fast täglich hier anzutreffen. Ein Gastgeber der alten Schule, wie er selbst sagt. Er begrüßt seine Gäste persönlich, verabschiedet sie herzlich – neue Gesichter, bekannte Nachbarn aus dem Viertel und so manche Lokalprominenz. Doch wer das ist, behält er für sich. Diskretion wird hier großgeschrieben.
Viel lieber spricht Hassan Meguid über Wein. Als Sommelier pflegt er gute Beziehungen zu seinen Winzern, viele Flaschen hat er direkt bei ihnen gekauft. Die Weinkarte ist beeindruckend, überraschend umfangreich und mit deutlichem Schwerpunkt auf Deutschland –
auch wenn Österreich, Italien und Spanien gut vertreten sind. Legendär sind entsprechend dazu die Verkostungsabende im „Jules Verne Berlin“, wenn Winzer mit ihren Weinen zu Gast sind.
Für meinen Abend hat Hassan Meguid einen Entre-Deux-Mers von Château Montlau ausgesucht, aus jenem Bordeaux-Gebiet, das „zwischen zwei Meeren“, also zwischen den Flüssen Garonne und Dordogne, liegt. Ein wunderbarer Wein: duftend, fruchtig, in der Nase wie ein exotischer Obstkorb, am Gaumen geschmeidig und vollmundig mit Noten von Pfirsich und Mirabellen. Zum Flusskrebssalat mit Schmand, Orange, Koriander und Granatapfel entfaltet er ein fröhliches Säurespiel. Der Bouillabaisse hingegen begegnet er respektvoll zurückhaltend.
Große Wertschätzung für verwendete Zutaten
Dann kommt sie: die legendäre Fischsuppe, auf die ich gewartet habe. Mindestens zehn Stunden hat die Bouillabaisse geköchelt, bevor sie mit Wolfsbarsch, Dorade, Rotbarbe, Jakobsmuschel und Atlantikgarnele serviert wird. Ich verzichte auf den in Öl eingelegten Knoblauch, damit er mich nicht den Rest des Abends begleitet, und tauche ein in diese Tiefe aus Meer und Gewürzen, in dieses aromatische Universum. So geht großes Kino.
Die Hauptspeise – ein weiterer Klassiker: das Wiener Schnitzel, eines, das jeden österreichischen Geschmackstest bestehen würde. Aus dem Kalbsrücken geschnitten, nicht zu dünn, saftig, umhüllt von einer zart-knusprigen, goldgelben Panade. Serviert mit Gurkensalat und Bratkartoffeln. Und wieder denke ich: großes Kino. Jetzt verstehe ich, was Meguid meinte, als er sagte, dass viele Gäste, die das etwas versteckte Lokal einmal entdeckt haben, immer wiederkommen. Das Schnitzel allein wäre schon Grund genug.
Vielleicht auch der Couscous mit den würzigen Merguez, die tiefaromatische Trüffelpasta oder die hausgemachten Königsberger Klopse, die wie üblich mit Kapernsoße, Salzkartoffeln und Rote-Bete-Salat serviert werden. Das Spektrum ist groß – von Meeresfrüchten bis Currywurst, von Weinbergschnecken bis zum Flammkuchen, von Rindertatar bis zur Fischplatte, von Burrata bis zum Steak. Ein kulinarisches Kaleidoskop, in dem jeder sein ganz persönliches großes Kino auf dem Teller erleben kann. Und obwohl viele Gerichte seit Jahren auf der Speisekarte stehen, schmecken sie nie exakt gleich. „Wir verwenden frische Produkte“, erklärt Meguid, „und die schmecken nicht immer gleich. Selbst unser Brot verändert sich je nach Wetter und Jahreszeit.“ Ein Satz, der viel über seine Haltung verrät.
Auch die Stammgäste wissen das zu schätzen, viele haben ihr Lieblingsgericht, andere fragen nach Specials – in der Gewissheit, dass es Perlhuhn, Kalbsbries und andere Spezialitäten nur dann gibt, wenn Qualität und Frische stimmen. Es macht Freude, mit Hassan Meguid über Lebensmittel zu sprechen. Seine Wertschätzung für Zutaten ist spürbar – und ebenso für die Menschen, die hier essen. Er ist ein charmanter Gastgeber, der ganz offensichtlich auch nach den vielen Jahren noch Freude an seinem Beruf hat; er nennt es vermutlich Leidenschaft.
Zum Abschluss, als ich noch überlege, ob das „Jules Verne Berlin“ tatsächlich die beste Bouillabaisse und das beste Wiener Schnitzel der Stadt serviert, steht plötzlich ein Teller Kaiserschmarrn vor mir. Frisch aus der Pfanne gehoben, duftend nach Vanille, Eiern und Karamell, begleitet von saftigen Zwetschgen, gerösteten Mandeln und einer Kugel cremigem Vanilleeis. Jeder Bissen ein zartsüßer Traum, ein Spiel aus Wärme und Kühle, aus Knuspern und Flaum. Ein Seelenschmeichler, ein Glücklichmacher, ein köstliches Dessert, das den Abend sanft umarmt – ganz großes Kino!