Nur wenige Städte Europas sind so eng mit ihrer Umgebung verwoben wie Oslo. Fjord, Berge und Wälder reichen bis ins Zentrum und machen die Natur zum prägenden Teil des Alltags.
Kaum haben wir den Osloer Hauptbahnhof (Sentralstasjon) verlassen, stehen wir am Jernbanetorget vor einer überlebensgroßen Tigerskulptur: Bronze, viereinhalb Meter lang, mitten im Strom der Ankommenden und Abfahrenden. Menschen bleiben stehen, zücken Handys, lehnen sich an die glänzende Oberfläche – der Bahnhofsvorplatz wird zur Bühne für ein immer wiederkehrendes Ritual. Fast niemand geht vorbei, ohne einen Blick oder ein Foto mitzunehmen. Ob bei Sonne, Regen oder Schnee: Der Tiger gehört hier einfach dazu. Und schnell wird klar, dass er mehr ist als nur Skulptur – er ist Treffpunkt, Fotomotiv und stiller Wächter im Herzen der Stadt. Dass mitten im Zentrum ein Tiger wacht, ist kein Zufall. Seit dem 19. Jahrhundert trägt Oslo den Spitznamen „Tigerstadt“ – geprägt von einem Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Bjørnstjerne Bjørnson. In seinen Zeilen wird der Tiger zum Sinnbild der ungezähmten, gefährlichen Stadt. Zum tausendsten Stadtjubiläum im Jahr 2000 bekam die Hauptstadt passend zu ihrem Beinamen vom Osloer Unternehmen Eiendomsspar eine Tigerskulptur geschenkt.
Im Simulator den Skisprung wagen
Nach dem Date mit dem Tiger zieht es uns hinauf auf den Holmenkollen – zum Panoramablick über Oslo. Mit der U-Bahn-Linie 1 sind wir in weniger als 30 Minuten aus der Stadt oben in einer anderen Welt. Kaum ausgestiegen, taucht sie vor uns auf: die Holmenkollbakken aus Beton und Stahl. Monumental schiebt sich die Skisprungschanze in den Himmel – älteste ihrer Art und nach dem Umbau 2010 zugleich eine der modernsten. Gesprungen wird hier seit 1892. Ein Schräglift zieht uns am 60 Meter hohen Turm nach oben, vorbei an der gewaltigen Konstruktion, durch deren Fenster immer wieder der Blick ins Grün fällt. Oben, auf 417 Metern über dem Meeresspiegel, öffnet sich Oslo: Fjord, Stadt und Weite liegen unter uns, als wären sie ausgebreitet. Und dann dieses Gefühl von Höhe, das sofort im Bauch ankommt. Wer hier steht, versteht schnell, warum schon der Gedanke an einen Skisprung Respekt auslöst. Im Skisprungsimulator können wir uns selbst in den Absprung wagen – ein kurzer Rausch aus Tempo, Nervenkitzel und Bauchkribbeln.
Vom Holmenkollen geht es zurück in die Stadt – und hinauf zum Königlichen Schloss. Die zweitbeste Aussicht Oslos bietet der Platz vor dem schnörkellosen Bau, der von einem Parkhügel über die Stadt blickt. Weil die Royals hier residieren, ist das Schloss nur im Sommer im Rahmen von Führungen teilweise zugänglich. Der Blick über die Nobeleinkaufsstraße Karl Johans gate –
die in gerader Linie vom Schloss bis zum Hauptbahnhof verläuft – lohnt den kurzen Aufstieg allemal. Von hier oben zeigt sich Oslo als klare Achse zwischen Machtzentrum und urbanem Leben, mit der Einkaufsstraße als verbindender Linie durch die Stadt.
Vom Schlosspark führt der Weg hinunter in die Henrik Ibsens gate zum Ibsen-Museum. Schon beim Betreten überrascht es mit einem modernen Kontrast: Im immersiven 360-Grad-Raum tauchen wir mitten in Ibsens Theaterwelt ein. Farben, Klänge und Projektionen fließen über Wände und Boden, verwandeln den Raum mal in eine verschneite Landschaft mit einem wandernden Eisbären, mal in eine blühende Wiese, die Welt der Fjorde oder ein weihnachtliches Wohnzimmer. Szenen aus zehn seiner berühmtesten Dramen – darunter „Peer Gynt“, „Hedda Gabler“, „Die Frau vom Meer“ und „Die Wildente“– verschmelzen zu einem eindrucksvollen Gesamterlebnis, das man am liebsten gleich ein zweites Mal anschaut. Danach geht es zurück in Ibsens Wirklichkeit. Originale Erstausgaben, sein markanter Hut, Mantel, Schreibutensilien sowie Orden und persönliche Gegenstände erzählen vom Alltag des bedeutendsten norwegischen Dramatikers. Höhepunkt ist die originalgetreu restaurierte Wohnung, in der Henrik und Suzannah Ibsen ihre letzten elf Lebensjahre verbrachten. Zwischen Originalmöbeln, Gemälden und persönlichen Erinnerungsstücken fühlt es sich an, als hätte der Schriftsteller die Räume nur für einen kurzen Spaziergang verlassen.
Ein Stahl-Glas-Kunstwerk im Hafen
Nach so vielen Eindrücken wechseln wir die Perspektive und steigen aufs Dach. Nicht auf irgendeines, sondern auf das der Osloer Oper. Ein Opernhaus, dessen schräges Marmordach frei zugänglich ist – zum Spazieren, Sitzen, Lesen oder einfach nur, um den Blick über den Fjord schweifen zu lassen. Wie ein Eisberg ragt die Osloer Oper aus dem Wasser. Beim Spaziergang über das begehbare Dach eröffnen sich immer neue Perspektiven: hier das moderne Stadtzentrum, dort der Oslofjord mit seinen Inseln, kleinen Holzhäusern und den bewaldeten Hügeln am Horizont. Im Hafenbecken schimmert Monica Bonvicinis Stahl-Glas-Installation „She Lies“, die an eine treibende Eisscholle erinnert. Je blauer der Himmel, desto schwerer fällt es, diesen Ort wieder zu verlassen.
Seit ihrer Eröffnung 2008 ist die Oper das Wahrzeichen des neuen Stadtviertels Bjørvika. Hinter der spektakulären Fassade aus weißem Carrara-Marmor und Glas verbirgt sich ein lichtdurchflutetes Foyer mit einer 15 Meter hohen Glasfront zum Fjord. Rampen und Treppen führen in den vollständig mit dunkler Eiche ausgekleideten Hauptsaal. Wer den Tag mit einem Konzert, einer Oper oder einer Ballettaufführung ausklingen lässt, erlebt nicht nur hervorragende Akustik, sondern einen stimmungsvollen Abschluss eines Tages in Oslo.
Munch-Museum hat über 26.000 Werke
Unweit der spektakulären Oper ragt am Fjord ein grauer Glasturm in den Himmel. Knapp 60 Meter hoch, mit seinem markanten Knick im oberen Drittel, ist das „MUNCH“ nicht zu übersehen. Die ungewöhnliche Form ist bewusst gewählt: eine „respektvolle Verbeugung vor der Oper, der Stadt und der Kunst“, wie der ehemalige Museumsdirektor Stein Olav Henrichsen sagte. Seit seiner Eröffnung Ende 2021 beherbergt das Museum auf 13 Etagen den wohl größten Schatz Norwegens: mehr als 26.000 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Fotografien und persönliche Hinterlassenschaften Edvard Munchs, die der kinderlose Künstler seiner Heimatstadt vermachte. Neben den Ausstellungsräumen gibt es Bereiche für Konzerte, Debatten, Workshops, ein Kino, eine Forschungsbibliothek sowie Restaurants und Cafés. Das „MUNCH“ zählt zu den größten Museen der Welt, die einem einzigen Künstler gewidmet sind. Die meisten Besucher steuern jedoch ein Werk an: „Der Schrei“. Gleich drei der vier berühmten Versionen hängen hier. Weil die empfindlichen Bilder höchstens eine Stunde dem Licht ausgesetzt werden dürfen, verschwindet jeweils eines hinter einer Wand und macht der nächsten Version Platz. So gleicht jeder Besuch einer kleinen Überraschung. Nach Stunden zwischen Munchs Bildern tut eine Pause gut. Die beiden obersten Etagen bieten dafür den perfekten Ort: Bänke und Sessel vor einer raumhohen Glasfront, dahinter Oslo, der Fjord und die umliegenden Hügel – ein Ausblick, der fast ebenso lange nachwirkt wie die Kunst.
Vom Fjordrand laufen wir zurück ins Herz der Stadt – zum nächsten markanten Bau, dem Osloer Rathaus. Der klotzige rote Backsteinbau am Ufer des Oslofjords, flankiert von zwei Türmen und Skulpturen mit Szenen aus dem Arbeitsleben, prägt die Uferlinie eher durch Masse als durch Leichtigkeit. Doch der Eindruck ändert sich mit dem ersten Schritt ins Innere. In der monumentalen Eingangshalle entfalten die Wandgemälde von Henrik Sørensen und Alf Rolfsen ein farbenreiches Panorama der norwegischen Geschichte im 20. Jahrhundert – von der Zwischenkriegszeit über die deutsche Besatzung bis zum Aufbruch der Nachkriegsjahre. Sie erzählen vom gesellschaftlichen Wandel, vom Aufstieg der Arbeiterbewegung, aber auch von Kunst, Kultur und vom Alltag zwischen Hoffnung und Krise. In der monumentalen, 39 Meter langen, 31 Meter breiten und 21 Meter hohen Eingangshalle des Rathauses wird jährlich am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, der Friedensnobelpreis verliehen. Das wandhohe Fenster am Ende der Halle gibt einen herrlichen Blick über den Hafen und den Oslofjord frei.
Passenderweise liegt das Nobel Fredssenter (Friedenszentrum) direkt gegenüber dem Rathaus. Untergebracht im ehemaligen Vestbanen-Bahnhof wurde es 2005 von König Harald V. eröffnet. Die Stiftung war zuvor vom norwegischen Parlament im Jahr 2000 gegründet worden – im Zuge der Feierlichkeiten zur 100-jährigen Unabhängigkeit von Schweden. Heute ist das Zentrum ein Ort für Ausstellungen, Debatten und digitale Erlebnisse rund um Alfred Nobel, die Preisträger und weltweite Friedensprozesse. Die Themen wechseln regelmäßig – etwa mit der Ausstellung „Frau – Leben – Freiheit“ über die iranische Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi oder „Yoko Ono – Peace is Power“. Herzstück ist „Nobel’s Field“: ein atmosphärischer Raum mit tausend Lichtern, die an alle bisherigen Friedensnobelpreisträger erinnern. Unter ihnen Henri Dunant, der erste Preisträger von 1901, und Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau ausgezeichnet wurde. In der Medaillenkammer schließlich bestaunen wir eine echte Friedensnobelpreismedaille – klein, schlicht und doch voller Geschichte.
Zeitreise ins Polarmeer
Einen Katzensprung entfernt, am Rathauskai, springen wir auf die Fähre zur Halbinsel Bygdøy, die uns in rund 15 Minuten zum Frammuseum bringt. Dort steht die „Fram“, die Fridtjof Nansen zwischen 1891 und 1892 als Expeditionsschiff bauen ließ. An Bord der „Fram“ beginnt unser interaktives Polarabenteuer. Über dem Schiff spannt sich ein gigantisches weißes Zelt, die Planen werden zur Leinwand – und plötzlich steckt die „Fram“ mitten im Eis. Wind heult aus den Lautsprechern, irgendwo bellen Schlittenhunde. Eis knirscht, Schollen treiben über die Projektionsfläche, die Bank in der Mitte beginnt zu schwanken. Dann wird es dunkel. Nordlichter ziehen über den Himmel, das Knacken des Eises wird lauter, Eiskristalle wachsen auf der Leinwand. Regen setzt ein, Sekunden später tobt ein Sturm: Donner, Blitz, steigende Wellen – unsere Körper schaukeln mit. Plötzlich Stille. Eisberge gleiten ins Bild.
Wir haben tatsächlich das Gefühl, als befänden wir uns irgendwo im Polarmeer. Eine Etage höher steht am Rettungsring Fridtjof Nansen und schaut in die Ferne.
Vom Polarmeer machen wir einen Sprung in die Südsee – ins gegenüberliegende Kon-Tiki-Museum. Schon beim ersten Blick wird klar: Wer es von Fotos kennt, unterschätzt die Dimensionen des Kon-Tiki-Floßes. In Originalgröße wirkt das Expeditionsgefährt von Thor Heyerdahl deutlich wuchtiger, als man erwarten würde. Der norwegische Forschungsreisende und Ethnologe (1914–2002) wurde mit seiner Kon-Tiki-Expedition weltbekannt. Seine Idee: Die Besiedlung Polynesiens könnte bereits in präkolumbischer Zeit von Südamerika aus möglich gewesen sein. Um das zu belegen, ließ er ein Floß nach historischen Vorlagen bauen, als Schutz diente eine mit Bananenblättern gedeckte Hütte. Ende April 1947 stach Heyerdahl mit fünf weiteren Crewmitgliedern in Callao (Peru) in See – ausgestattet mit Funkgeräten, Proviant und Notfallausrüstung. Nach 101 Tagen und rund 6.980 Kilometern lief die Kon-Tiki vor einem Korallenriff in Ostpolynesien auf Grund. Die Hütte war zerstört, das Floß selbst jedoch weitgehend intakt. Der Beweis einer möglichen prähistorischen Verbindung zwischen Südamerika und Polynesien war zumindest gewagt erbracht. Später wurde die Kon-Tiki nach Tahiti geschleppt und schließlich nach Oslo gebracht, wo 1950 der Bau des Museums begann. Heute wird es von Liv Heyerdahl geleitet, der Enkelin des Abenteurers.
Vom Kon-Tiki-Museum geht es zurück ins Grüne – in den Frognerpark. Innerhalb der weitläufigen Parkanlage liegt der Vigelandsparken mit 212 Skulpturen aus Granit und Bronze des Bildhauers Gustav Vigeland (1869–1943). Die meisten Werke sind entlang einer rund 850 Meter langen Achse angeordnet. Schon der Eingang setzt den Ton: das monumentale Hauptportal, dahinter die Brücke mit 58 Figuren – Männer, Frauen und Kinder in allen erdenklichen Lebenslagen, allein, in Gruppen, lachend, streitend, trotzig. Weiter geht es zum Springbrunnen, vorbei am Monolithhügel bis zum „Rad des Lebens“. Höhepunkt ist der 17 Meter hohe Monolith, der über allem thront. Aus einem einzigen Granitblock gehauen, zeigt er 121 ineinander verschlungene Figuren, die sich nach oben arbeiten – als Metapher für das Streben des Menschen nach dem Spirituellen. Die Fertigstellung dauerte 13 Jahre. Nicht weniger berühmt ist der „Sinnataggen“, der kleine Trotzkopf. Die nur 83 Zentimeter hohe Bronzefigur steht etwas versteckt auf der Brückenbrüstung, ist aber längst der heimliche Star des Parks – dicht umlagert, unzählige Male fotografiert, fast so etwas wie die „Mona Lisa“ von Vigeland. Der gesamte Park ist das Lebenswerk des Künstlers: Zwischen 1923 und 1942 entworfen, ist er heute der größte Skulpturenpark der Welt, der von einem einzigen Künstler gestaltet wurde. Nur wenige Gehminuten entfernt, in der Nobels gate 32, liegt das ehemalige Atelier Vigelands – heute das Vigeland-Museum mit Tausenden Skulpturen, Zeichnungen und Holzschnitten aus seinem Werk.
Zum Schluss in die schwimmende Sauna
Nach so viel Sightseeing wird es Zeit für einen Perspektivwechsel – und für Wärme auf dem Wasser: Saunieren auf dem Fjord. Ein paar Schritte noch, dann knarzt das Holz unter den Füßen – wir sind angekommen: in einer der „Fjordbadstuer“ entlang der Hafenpromenade. Diese schwimmenden Saunen liegen mitten im Oslofjord und laden zur Entspannung mit Blick aufs Wasser ein. Das Wort „Sauna“ haben die Norweger übrigens nicht von den Finnen übernommen. Hier heißt die Schwitzkammer „badstue“. Einer der bekanntesten Anbieter ist der Osloer Saunaverein Oslo Badstuforening, dessen Motto Programm ist: „Sauna to the people!“ Seit 2016 setzt sich der gemeinnützige Verein für öffentlichen Zugang zum Saunieren im Fjord ein. Den Anfang machte das Saunafloß Måken („Möwe“) – gebaut aus Treibholz und Recyclingmaterialien, mit einer kleinen Luke direkt ins eiskalte Wasser. In Oslo gehört zum Saunagang fast immer der Sprung in den Fjord – auch im Winter bei Minusgraden. Aus dem Experiment ist längst eine Bewegung geworden. Heute betreibt der Verein mehrere schwimmende Saunen, darunter die architektonisch gestalteten Flöße „Skarven“, „Havørnen“ und „Anda“, ein Dampfbad sowie die sogenannten „Bademaschinen“ – eine Badeanlage mit Saunen, Umkleiden und Sprungtürmen, inklusive großem Fjordblick auf das Opernhaus. Der Name erinnert an die erste Fjordbadeanstalt von 1820. Die neueste Sauna, „Trosten“, ist zudem Oslos erste vollständig barrierefreie Anlage mit Platz für Rollstuhlnutzer. Buchen lässt sich alles unkompliziert online – inklusive Blick darauf, wann die Plätze auf dem Wasser bereits vergeben sind (oslobadstuforening.no).