Die Erde gerät aus der Balance. Auch weil Konsum Spuren hinterlässt. Der Klimawandel reduziert Rohstoff-Reservoirs. Umwelt-Innovatorinnen lassen sich Alternativen einfallen.
Ob die Welt beziehungsweise das Klima noch zu retten ist, ist fraglich. Außer Frage steht, dass wir alles daran setzen sollten, um an umweltfreundlichen Alternativen in allen Lebensbereichen zu forschen.
Besser Essen
„Who’s Gonna Stand Up?“ Wer tut etwas gegen die Klimakrise, fragt sich auch Neil Young. Die Zeit der Open-Air-Festivals beginnt wieder. Und sie hinterlassen Spuren. Bei den Musik-Fans, die glücklich und müde nach Hause fahren. Auf dem Festivalgelände, das häufig etwas schlammig zurückbleibt. Einst auch im Umland, das manche Besucher mit Wegwerf-Verpackungen spickten. Die Festival- und Streetfood-Szene boomt. Zehntausende Menschen essen, trinken und lassen Berge aus Besteck, Geschirr, Verpackungen und Ess-Spießen zurück, wenn sie von einem Konzert zum nächsten weiterziehen. Rückgabe- und Recycling-Konzepte greifen, sind aber auch eine Riesenherausforderung.
Wie gut, wenn Hände, Umwelt und Gewissen beispielsweise mit kompostierbaren Pommes-Aufspießern etwas sauberer bleiben. Das Hamburger Bioökonomie-Scale-up traceless sorgte schon 2025 mit solchem plastikfreien Besteck bei zwei Riesen-Festivals dafür, dass frittierte Kartoffelstäbchen keine Spuren hinterließen. „Unsere Pommesgabeln bei Rock am Ring und Rock im Park in Aktion zu sehen, war für das gesamte Team und mich ein wirklich stolzer Moment – und wir sind dankbar für die großartige Zusammenarbeit mit Gastro Team Bremen“, freut sich Dr. Anne Lamp, CEO und Mitbegründerin von traceless materials. Und weiter: „Es mag nur eine kleine Gabel sein, aber sie ist Teil einer grünen Revolution in der Gastronomie.“ Denn dies sei erst der Anfang. „Ich freue mich darauf, zu sehen, wie unsere Produktion wächst, sodass wir Unternehmen und Verbrauchern in großem Maßstab sinnvolle Lösungen anbieten können und damit den nötigen Beitrag zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung leisten“, betont die Umwelt-Innovatorin.
Es geht um Esshilfen, die mit Fettigem, Feuchtem und Heißem gut zurechtkommen sollen. Die zudem fossilfrei, regenerativ und ressourcenschonend hergestellt sowie zertifiziert plastik- und mikroplastikfrei sind. Hergestellt aus einem Kunststoffersatz, der nicht recycelt werden muss, weil er – nach Unternehmensangaben – nicht nur vollständig plastikfrei, sondern auch kompostierbar und frei von Schadstoffen ist.
Und das geht so: Das Material, das traceless in seiner Produktion verwendet, basiert auf pflanzlichen Reststoffen der Agrarindustrie. Ein patentiertes Verfahren funktionalisiert natürliche Polymere so, dass daraus ein thermoplastisches Granulat entsteht. Das soll dann technisch einsetzbar wie Kunststoff sein, aber ohne dessen ökologische Altlasten mit sich herumzuschleppen. Der Herstellungsprozess spart laut Unternehmen rund 91 Prozent Kohlendioxid und 89 Prozent fossile Energie ein.
Als Forschungsteam im Jahr 2020 gegründet, hat sich traceless inzwischen zu einem Scale-up mit über 100 Mitarbeitenden entwickelt. Das Team ist stolz darauf, eine völlig neue Materialklasse geschaffen zu haben: traceless („designed to leave no trace“).
Und damit nicht genug: Unter der Leitung von Gründerin und CEO Dr. Anne Lamp, COO Sina Spingler und CFO Jakob Röskamp wollen die Mitarbeitenden den ressourcenschonenden Prozess zügig auf industriellen Maßstab skalieren. Ihre Vision: eine klimafreundliche, biobasierte Kreislaufwirtschaft voranzutreiben.
Klimafreundliche Ambitionen und Innovationen haben bessere Chancen, wenn junge Unternehmen mit etablierten Partnern zusammenarbeiten. So kooperiert auch traceless mit führenden Marken und Verarbeitern. Dazu gehören der Papier- und Verpackungshersteller Mondi sowie das E-Commerce-Unternehmen Otto. Dem Scale-up traceless zufolge werden seit 2022 Pilotprodukte erfolgreich am Markt getestet. Weil es innovativ anpackt, wurde der Emissionen und Energie einsparende Spuren-Vermeider mehrfach ausgezeichnet: etwa mit dem Deutschen Gründerpreis und dem Next Economy Award. Traceless darf sich auch Sieger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für Unternehmen 2026 nennen. Außerdem gehörte das Bioökonomie-Scale-up mit seinem Team um Lamp, Spingler und Röskamp zu den Nominierten des Deutschen Zukunftspreises 2025.
Besser fermentieren statt Bäume fällen
Schokolade und Snacks schmecken ohne Reue besser. Doch Rohstoffmangel sowie Regenwald-Abholzung betreffen manchmal auch Früchte, die wir brauchen, wenn es um gutes Essen und leckere Knabbereien geht.
Sara Marquart, eine Lebensmittelchemikerin und biotechnologisch versierte Aromen-Expertin, sucht als Co-Gründerin und CTO mit ihrem Start-up nach Alternativen. Mit ihrem Bruder Maximilian, der nicht nur CEO, sondern auch Maschinenbauingenieur ist, bringt sie klimafreundliche Lecker-Zutaten vom Labor in den Markt.
Neuester Coup: Ihr Start-up Planet A Foods aus Planegg bei München bringt mit Partner Nestlé Deutschland einen Klassiker mit schokoladigem Mantel in die Geschäfte. Aber kakaofrei. Die Choco Crossies „Snack Vibes“ sollen übrigens der Generation Z besonders gut munden, die angeblich besonders snackaffin ist.
Marquarts kakaofreie Schokoladenalternative ChoViva ist inzwischen in über 120 Produkten und in zehn Ländern in Lebensmittelmärkten vertreten, darunter auch in Frankreich und der Schweiz. Das Portfolio der Münchener umspannt sowohl Eigenmarken des Handels als auch Markenhersteller wie Treets, Jokolade oder Griesson – de Beukelaer.
ChoViva kommt rum: Um auf der ganzen Welt verfügbar zu sein, ist Planet A Foods eine kommerzielle Partnerschaft mit der Branchengröße Barry Callebaut eingegangen. Diese Partnerschaft soll Herstellern eine zusätzliche Option bieten, um auf die Volatilität der globalen Kakaomärkte sowie steigende Anforderungen an die Nachhaltigkeit in der Lieferkette zu reagieren. Denn der Klimawandel wirkt sich auf Preise und Verfügbarkeiten aus. Da kommen leicht verfügbare Alternativen recht.