Wie „der letzte linke Kleingärtner“ an Bayern-Tickets kommt
Ich bin bekanntlich der Repräsentant der zwei großen Menschheitsthemen: Garten und Fußball. Zumindest das irdische Dasein der mir bekannten Menschheit fußt auf einer dieser zwei Säulen oder gleich auf beiden. Mit Menschen, die das anders sehen, pflege ich aus Gründen des Eigenschutzes und meiner ohnehin knappen Zeit keinen Kontakt. Auch Kleingärtner brauchen ihre Bubble und ihren Safe Space. Dort haben die anderen, also die Fremden, nichts zu suchen.
Kleingärtner sind nicht nur begabte Netzwerker – Eier und Gemüse verschenken gegen gute Kontakte –, sie sind ebenso gute Dealer für Tauschgeschäfte ohne Geld. Das Finanzamt könnte sich nur dann darüber empören, wenn es davon erfahren würde. Tut es aber nicht. Die Schattenwirtschaft fernab von Staat und Markt hat der Menschheit in zahlreichen Notsituationen das Überleben gesichert. Seit einigen Jahren – nur von Corona unterbrochen – tausche ich ab November Grünkohl gegen Karten für Fußballspiele des FC Bayern München. Da dort Spiele meist ausverkauft sind, muss man sich etwas einfallen lassen, wenn man zum Spiel gegen Borussia Dortmund möchte. Da ich weder mit einem Spieler noch mit einem Sponsor per Du bin – ich gehöre ja zu den Marginalisierten dieser Erde –, musste ich die Nummer mit dem Grünkohl aus dem Hut zaubern.
Ich tausche also Grünkohl gegen Bayern-Tickets. Nein, liebe Leser, ruhig bleiben: Ich latsche nicht mit einem Büschel Grünkohl zum digitalen oder analogen Ticketschalter und fädele für alle nachvollziehbar das Tauschgeschäft ein. Als Kleingärtner kennt man seine zielführenden Wege. Zum Beispiel einen Bayern-Fan, der Vereinsmitglied ist und „immer schon“ zwei Dauerkarten für die Familie hat. Wenn dieser jemand seine Dauerkarte nicht ständig nutzt, dafür aber ein Feinschmecker ist, der gerne Grünkohl futtert, dann ist das Tauschgeschäft so gut wie über die Bühne.
Alle Welt staunt Bauklötze, wie der dumme Kleingärtner das wieder hinbekommen hat, wenn er Wochen später triumphierend die zwei Tickets für Bayern gegen Dortmund in die Höhe hält und dafür keine Mondpreise auf dem Schwarzmarkt bezahlt hat. Und weil ich als Kleingärtner großzügig bin, dürfen auch mal Familienmitglieder die hart erarbeiteten Bayern-Tickets nutzen. Dann verzeihen sie mir auch den Mist, den ich via Schuhwerk aus dem Hühnerstall und Garten in die Wohnung schleppe und gerecht verteile. Alles wieder friedlich. Das ist sehr achtsam von mir.
Ansonsten gehen die Dinge im Garten ihren geordneten Gang. Im Hintergrund führt mit unsichtbarer Hand nicht der Markt, sondern mein Plan die Regie – kein Kleingärtner arbeitet ohne Zwei- oder Vierjahresplan. Etliche Portionen Endiviensalat warten auf die Salatschüssel und können noch bis in den Dezember bei leichten Minusgraden geerntet werden. Der buntstielige Mangold schmiegte sich bis zum Ernteende im Oktober an meinen edlen Feinschmeckergaumen. Ebenfalls gut im Rennen sind der leicht nussig schmeckende Rucola sowie einige Rote-Bete-Kugeln, die mich verschämt anlächeln. Ich fühle mich geehrt. Frisch auf dem Teller überraschen sie manche Gäste, die Gemüse nur aus dem Supermarkt oder vom hippen, veganen, aber eben auch sterilen Ökoimbiss kennen.
Der Grünkohl, der dem Tauschgeschäft für die Bayern-Karten nicht zum Opfer fällt, kann so lange im Garten stehen, bis er auf den Teller kommt. Er ist kälteresistent und verträgt als klassisches Wintergemüse zweistellige Minusgrade. Den kann man getrost bis Februar im Garten stehen lassen. Während die Marktwirtschaft Lagerhaltung auf den Straßen Europas betreibt, was das automobile Turnen auf den Autobahnen der Republik einschränkt und zu einer äußerst gefährlichen Angelegenheit macht, praktiziere ich die Lagerhaltung im Garten.
Wie es den Hühnern geht? Nun, sie laufen, gackern und fressen, als ginge sie alles andere nichts an. Mir soll es recht sein: Sie sind mit ihrem Mist Teil meines gärtnerischen Öko-Kosmos, ob sie das wissen oder nicht. In diesem Sinne, alles fürs Klima, ich bin mal wieder der Beste.