Wie sollte man das Haar im Sommer vor dem Austrocknen schützen? Ist Lufttrocknen eine gute Idee? Und welche Irrtümer rund um das Haar müssen mal richtiggestellt werden? Friseur, Autor und Haarexperte Tom Hannemann aus Düsseldorf kennt die Antworten.
Lieber Tom, Du hast in den letzten zehn Jahren für das Unternehmen New Flag gearbeitet und letztes Jahr deine eigene Firma gegründet. Was genau machst Du aktuell beruflich, wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?
Mein Arbeitsalltag hat sich verändert, aber eigentlich auch wieder nicht. Im Kern mache ich heute genau das, was ich schon immer gemacht habe: Ich helfe Menschen dabei, ihre Haare besser zu verstehen.
Früher habe ich das vor allem im Salon und später in der Produktentwicklung und Ausbildung bei New Flag gemacht. Heute kommen noch meine Social-Media-Kanäle, Vorträge, Medienanfragen, mein Buch und inzwischen auch die Entwicklung eigener Produkte dazu.
Kein Tag sieht aus wie der andere. An einem Tag teste ich Formulierungen für neue Produkte, am nächsten beantworte ich Fragen aus der Community. Was sich allerdings nie verändert hat, ist mein Anspruch: Ich möchte erklären statt verkaufen. Denn ich glaube, dass gute Haarpflege mit Wissen beginnt, nicht mit dem nächsten Trend.
Man kennt Dich mit Deiner roten, wallenden Mähne. Warum trägst Du jetzt seit ein paar Wochen eine Kurzhaarfrisur?
Tatsächlich war das nur eine Momentaufnahme. Ich habe meine Haare für ein Herzensprojekt gespendet und sie deshalb ganz bewusst abgeschnitten. Das war für mich eine Entscheidung mit Bedeutung, nicht einfach nur ein neuer Look.
Ich lasse sie aber tatsächlich schon wieder wachsen. Viele verbinden mich mit meinen langen Haaren und ich fühle mich damit einfach wohl. Außerdem finde ich es schön, zu zeigen, dass Haare Veränderung dürfen. Sie wachsen nach; und genau deshalb kann man auch mal mutig sein und etwas Neues ausprobieren.
Sollte man die Haare im Sommer anders pflegen als im Winter?
Ja, definitiv. Im Sommer haben unsere Haare mit ganz anderen Belastungen zu kämpfen als im Winter.
Sonne, UV-Strahlung, Salzwasser, Chlor und Hitze entziehen den Haaren Feuchtigkeit. Viele merken das allerdings erst nach dem Urlaub, wenn die Haare plötzlich stumpf wirken oder schneller abbrechen. Der größte Fehler ist, erst dann mit der Pflege anzufangen. Ich sage immer: Pflege beginnt nicht nach dem Schaden, sondern davor. Wer seine Haare schon vor dem Strandtag schützt und ihnen regelmäßig Feuchtigkeit zurückgibt, hat nach dem Urlaub deutlich weniger Arbeit.
Wie kann man im Sommer Haut und Haare vor Austrocknung und die Haarfarbe vor dem Verblassen schützen?
Eigentlich gar nicht so kompliziert. Für die Haare gilt das Gleiche wie für die Haut: Schutz ist besser als Reparatur. Ein feuchtigkeitsspendendes Leave-in-Produkt vor dem Schwimmen hilft dabei, die Haare vor Salz- oder Chlorwasser zu schützen. Nach dem Baden sollte man das Salz möglichst zeitnah ausspülen und den Haaren wieder Feuchtigkeit geben.
Und ganz ehrlich: Ein Hut ist oft der beste UV-Schutz – auch für die Haare und vor allem für die Kopfhaut. Das klingt unspektakulär, ist aber häufig wirksamer als das teuerste Produkt.
Bei den aktuellen sommerlichen Temperaturen lassen viele ihre Haare lufttrocknen, ist das gut oder schlecht?
Das kommt ein bisschen auf die Haarstruktur an. Viele denken, Lufttrocknen sei grundsätzlich schonender als Föhnen. Ganz so einfach ist es aber nicht.
Gerade Menschen mit mitteldickem oder dickem Haar würde ich empfehlen, zumindest den Ansatz trocken zu föhnen. Der Grund ist weniger das Haar selbst als die Kopfhaut. Bleibt sie über Stunden feucht, kann das ihr natürliches Gleichgewicht stören und auf Dauer zu Irritationen führen.
Die Längen dürfen anschließend gerne an der Luft trocknen. Das ist oft ein guter Kompromiss.
Wie föhnt man die Haare eigentlich richtig?
Das Wichtigste ist tatsächlich der Hitzeschutz. Er gehört für mich genauso selbstverständlich dazu wie Sonnencreme im Sommer.
Außerdem sollte der Föhn nicht auf der höchsten Temperatur laufen. Mittlere Hitze reicht in den meisten Fällen völlig aus.
Ich empfehle außerdem, den Föhn immer in Wuchsrichtung der Haare zu führen. Dadurch legt sich die Schuppenschicht besser an, das Haar glänzt mehr und neigt weniger zu Frizz.
Und bitte den Föhn nicht direkt auf eine Stelle halten. Lieber ständig in Bewegung bleiben, das schont Haare und Kopfhaut gleichermaßen.
Was macht für Dich einen wirklich guten Haarschnitt aus?
Ein guter Haarschnitt ist für mich nicht der modernste, sondern der passendste.
Ich finde, wir orientieren uns oft zu sehr an Trends oder Prominenten. Dabei sieht dieselbe Frisur an zwei Menschen völlig unterschiedlich aus.
Ein guter Schnitt berücksichtigt die Haarstruktur, den Alltag und auch die Bereitschaft, Zeit ins Styling zu investieren.
Ich würde deshalb immer lieber fragen: „Wie viel Zeit möchtest du morgens vor dem Spiegel verbringen?“ als: „Welche Frisur gefällt dir auf Instagram?“
Denn der schönste Haarschnitt bringt nichts, wenn er zu Hause nie so aussieht wie beim Friseur.
Was waren für Dich die Errungenschaften in der Haar- und Friseurbranche in den letzten Jahren?
Ich finde, wir erleben gerade einen echten Perspektivwechsel. Lange Zeit ging es in der Haarpflege fast ausschließlich um die Längen – heute rückt endlich die Kopfhaut in den Fokus. Und das halte ich für eine der wichtigsten Entwicklungen überhaupt.
Wir verstehen immer besser, dass gesundes Haar auf einer gesunden Kopfhaut wächst. Themen wie Hautbarriere, Mikrobiom oder Postbiotika kennen viele schon aus der Gesichtspflege. Jetzt halten sie endlich auch in der Haarpflege Einzug.
Gleichzeitig werden Formulierungen intelligenter. Es geht nicht mehr darum, möglichst viele Inhaltsstoffe auf eine Verpackung zu schreiben, sondern sie sinnvoll einzusetzen. Diese Entwicklung gefällt mir sehr.
Welche Produktarten findest Du eher überbewertet und von welchen rätst Du sogar ab?
Ich finde weniger einzelne Produkte problematisch als überzogene Versprechen.
Sobald ein Produkt behauptet, kaputte Haare vollständig zu reparieren oder Haarwachstum quasi über Nacht anzukurbeln, werde ich skeptisch. Haare bestehen aus abgestorbenem Keratin, was einmal kaputt ist, lässt sich nicht ‚heilen‘. Man kann sie schützen, pflegen und optisch verbessern, aber nicht zurück in ihren Ursprungszustand versetzen.
Und ganz ehrlich: Ich glaube, wir machen Haarpflege manchmal unnötig kompliziert. Viele Badezimmer sehen heute aus wie kleine Drogerien. Dabei reichen oft deutlich weniger Produkte, wenn sie wirklich zu Haar und Kopfhaut passen.
Du testest für Instagram & Co. viele Drogerie-Haarprodukte. Welche waren für Dich im letzten Jahr die absoluten Tops?
Ich freue mich immer, wenn gute Produkte für viele Menschen zugänglich sind. Denn gute Haarpflege sollte keine Frage des Geldbeutels sein.
Deshalb teste ich Drogerieprodukte genauso kritisch wie Luxusmarken. Mich interessiert nicht das Logo auf der Flasche, sondern die Formulierung.
Natürlich freue ich mich besonders über meine Stylist Edition mit NEQI, weil dort fast zwei Jahrzehnte Salon-Erfahrung eingeflossen sind. Aber grundsätzlich gilt für mich: Haare kennen kein Preisschild. Sie reagieren auf Inhaltsstoffe und nicht auf den Preis.
Haben Friseurprodukte wirklich Vorteile? Und wie sieht das bei
Farben aus?
Friseurprodukte können Vorteile haben; müssen sie aber nicht automatisch.
Der größte Unterschied liegt selten darin, wo ein Produkt verkauft wird, sondern wie es formuliert wurde. Es gibt hervorragende Produkte im Fachhandel und sehr gute Produkte in der Drogerie.
Anders sieht es bei chemischen Behandlungen wie Blondierungen oder Colorationen aus. Dort spielen Erfahrung, Diagnose und die richtige Anwendung eine enorme Rolle. Gerade starke Aufhellungen oder Farbkorrekturen gehören für mich in professionelle Hände. Denn Fehler lassen sich später oft nur mit viel Aufwand wieder korrigieren.
Welche Wirkstoffe in Shampoos, Conditioner, Stylingprodukten & Co. haben für Dich persönlich die besten Eigenschaften, auf welche setzt Du und warum?
Ich mag Inhaltsstoffe, die nachvollziehbar funktionieren und nicht nur gut klingen.
Aloe Vera zum Beispiel spendet Feuchtigkeit und wird häufig unterschätzt. Leichte Silikone sorgen für Glanz und bessere Kämmbarkeit, obwohl sie oft zu Unrecht verteufelt werden. Und auch Inhaltsstoffe wie Postbiotika finde ich spannend, weil sie die Kopfhaut unterstützen können.
Am Ende zählt für mich aber nie der einzelne Wirkstoff, sondern die gesamte Formulierung. Nicht jeder Inhaltsstoff ist entweder Wundermittel oder Problemstoff, meistens liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Extensions erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit. Welche Extensionsarten schädigen das Haar am wenigsten und was sollte man generell bei Extensions beachten?
Extensions können großartig aussehen, wenn sie fachgerecht eingesetzt werden.
Ich persönlich bevorzuge hochwertige Tressen oder Methoden, bei denen möglichst wenig Zug auf das Eigenhaar entsteht. Entscheidend ist aber weniger die Technik als die richtige Anpassung an Haarstruktur und Haardichte.
Viele Probleme entstehen nämlich nicht durch die Extensions selbst, sondern weil sie zu schwer gewählt oder falsch gepflegt werden. Deshalb sollte man sich unbedingt professionell beraten lassen und die Haare regelmäßig kontrollieren lassen.
Welche Irrtümer rund um das Haar würdest Du gern richtigstellen?
Da gibt es einige.
Der größte Mythos ist wahrscheinlich, dass Haare schneller wachsen, wenn man sie regelmäßig schneidet. Das stimmt schlicht nicht. Schneiden sorgt dafür, dass Spitzen gesund bleiben, das Haar wächst aber an der Kopfhaut.
Außerdem würde ich gern mit der Vorstellung aufräumen, dass teuer automatisch besser bedeutet. Haare kennen kein Preisschild.
Und noch etwas: Wir waschen eigentlich nicht die Haare, sondern die Kopfhaut. Das klingt banal, verändert aber den Blick auf Haarpflege komplett.
Welche „Tipps“ aus Social Media schaden eher den Haaren?
Social Media ist gleichzeitig Goldmine und Minenfeld.
Es gibt viele Creator, die großartige Aufklärungsarbeit leisten. Gleichzeitig verbreiten sich extreme DIY-Hacks oft besonders schnell. Problematisch wird es immer dann, wenn chemische Prozesse wie Blondierungen oder Farbkorrekturen zu Hause nachgemacht werden.
Auch straff gebundene Frisuren, die dauerhaft Spannung auf die Haarwurzel bringen, sehe ich kritisch. Sie sehen zwar gut aus, können langfristig
aber zu Haarbruch oder sogar Haarausfall führen.
Mein Rat ist deshalb immer: Inspiration gerne; aber bitte nicht alles ungefiltert nachmachen.
Ende Juni ist Dein erstes Buch erschienen. Warum hast Du ein Buch geschrieben?
Über Social Media erreiche ich zwar jeden Tag sehr viele Menschen, aber vieles lässt sich dort nur an der Oberfläche erklären. Ein Reel dauert vielleicht eine Minute, manche Themen brauchen einfach mehr Raum.
Außerdem ist mir in den letzten Jahren aufgefallen, dass es zwar unzählige Informationen über Haare und Haarpflege gibt, aber eigentlich keinen wirklichen Ratgeber, der das Thema einmal verständlich, fundiert und ohne Marketingversprechen erklärt. Stattdessen begegnen uns überall einzelne Tipps, Trends und vermeintliche Wundermittel. Was oft fehlt, ist Orientierung.
Genau diese Lücke wollte ich mit meinem Buch schließen. Es soll Menschen dabei helfen, zu verstehen, wie Haare eigentlich funktionieren, welche Mythen sich hartnäckig halten und worauf es bei guter Haarpflege wirklich ankommt. Nicht mit erhobenem Zeigefinger oder komplizierter Fachsprache, sondern so, wie ich es auch meiner Community erkläre – verständlich, ehrlich und alltagstauglich.
Mein Ziel war nie, den nächsten Beauty-Ratgeber zu schreiben. Ich wollte ein Buch schreiben, das Menschen dabei hilft, ihre Haare besser zu verstehen und dadurch selbst bessere Entscheidungen zu treffen – statt jedem neuen Trend oder Marketingversprechen hinterherzulaufen. Wenn Leserinnen und Leser das Buch zuklappen und ihre Haare danach mit einem ganz anderen Blick sehen, dann habe ich genau das erreicht, was ich mir vorgenommen habe.
Was findet man darin, was man auf Deinen Social Media-Profilen nicht findet?
Mein Buch ist im Grunde eine Gebrauchsanweisung für Haare.
Es erklärt nicht nur, was funktioniert, sondern vor allem warum. Ich räume mit den größten Haarmythen auf, erkläre, welche Produkte wirklich sinnvoll sind und warum viele Trends deutlich weniger spektakulär sind, als sie wirken.
Online bekommt man oft einzelne Tipps oder kurze Videos. Im Buch entsteht das große Ganze. Mir war wichtig, dass die Leserinnen und Leser empowered werden, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen; statt jedem neuen Trend hinterherzulaufen.