Verena Müller ist leitende Referentin beim Bündnis gegen Cybermobbing (e.V.). Im Interview spricht sie über Gründe und Ursachen für Mobbing im Netz, wie Betroffene sich Hilfe holen können, über aktuelle Verbotsdiskussionen und über das erschreckende Desinteresse vieler Eltern für das Thema.
Frau Müller, Sie arbeiten als leitende Referentin beim Bündnis gegen Cybermobbing und klären über das Thema auf. Was genau ist denn unter Cybermobbing zu verstehen?
Als unser Verein 2011 gegründet wurde, haben wir natürlich ganz viel über Hass und Hetze, Beleidigungen im Netz gesprochen. Mittlerweile umfasst das Thema Cybermobbing aus unserer Sicht deutlich mehr. Etwa alles, was den Bereich Stalking und Belästigung übers Internet betrifft. Oder auch Cybergrooming, also sexuelle Nötigung und Übergriffe insbesondere auf Kinder und Jugendliche über das Internet, fällt aus unserer Sicht ganz klar darunter. Aber auch Swatting, Doxing, Fake-Profiling.
Können Sie erläutern, was unter diesen Begriffen zu verstehen ist?
Swatting ist eine Straftat, bei der durch vorgetäuschte Notrufe ein bewaffneter Polizeieinsatz gegen das Opfer provoziert wird. Wenn beispielsweise ein Online-Gamer gerade sein Spiel auf einer Plattform wie etwa Twitch streamt, plötzlich die Polizei an der Tür klingelt und seine Wohnung aufgrund eines solch vorgetäuschten Notrufs stürmt und dies womöglich noch unfreiwillig live im Stream übertragen wird, spricht man von Swatting (Anm. d. Red.: Der Begriff leitet sich von US-amerikanischen Sondereinsatzteams der Polizei, den SWAT-Teams, ab). Von Doxing sprechen wir, abgeleitet vom englischen Begriff „documents“, wenn ich Ihren Namen, Ihre Social-Media-Konten, Adresse, Telefonnummer und Ähnliches für jeden öffentlich ins Internet stelle, sodass jeder Zugang dazu hat. So kann dann auch das Swatting passieren, indem andere durch Doxing Ihre Adresse herausgefunden haben. Fake-Profiling bezeichnet die Tätigkeit, dass ich ein sogenanntes Fake-Profil erstelle. Also entweder gebe ich mich als völlig andere Person aus, die ich gar nicht bin, oder – das erleben wir zum Beispiel oft bei Kindern und Jugendlichen – ich nehme den Namen und das Profilbild eines Mitschülers und eröffne in dessen Namen ein Online-Konto. Anschließend beleidige ich dann andere oder schreibe komische Sachen unter dessen Namen.
Also ähnlich wie im Fall Collien Fernandes, der kürzlich Schlagzeilen machte?
Ja genau, aber natürlich ist so etwas immer schwer zu beurteilen, wenn man immer nur eine Seite hört oder auch eben nur durch Online-Medien davon erfährt. Grundsätzlich ist nicht jeder Hasskommentar gleich Cybermobbing. Erhalte ich einmalig einen solchen Kommentar über Social Media, ist das einfach eine Beleidigung übers Internet. Natürlich ist auch das nicht in Ordnung und eventuell eine Straftat, aber eben noch kein Mobbing. Mobbing ist klar definiert, und diese Definition gilt natürlich auch fürs Mobben im Internet. Das heißt, es ist ein Macht-ungleichgewicht da, es kommt weitaus häufiger als nur einmal vor, wir haben eine ganz klare Täter-Opfer-Beziehung.
Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen für Cybermobbing? Was bringt einen Menschen dazu, im Netz hemmungslos über andere herzuziehen?
Ich glaube, dafür muss man ein bisschen tiefer in die menschliche Psyche einsteigen. Ganz häufig sehen wir Neid dahinter. Auch Themen wie Diskriminierung, Rassismus und Ähnliches spielen natürlich eine große Rolle. Oder wenn Frauen in einer „eher männergeprägten“ Domäne unterwegs sind, weibliche Streamer etwa. Auf Tiktok ist beispielsweise eine Handwerkerin unterwegs, die ihr Haus kernsaniert. Sie bekommt regelmäßig von Männern Hasskommentare, dass Frauen in die Küche gehören und solche Sachen. Sobald ich also irgendwie anderer Ansicht bin, sobald irgendwo Neid im Spiel ist, weil beispielsweise ein anderer in einem Spiel erfolgreicher ist als ich oder er ganz viele Follower hat und ich eben nicht, dann werden solche Menschen gerne beleidigt. Oftmals sprechen wir auch von Langeweile im Netz, und wir sehen generell in den vergangenen Jahren eine sehr deutliche Sprachverrohung in der Online-Gesellschaft.
Liegt das vor allem an der Anonymität im Netz?
Natürlich spielt Anonymität eine große Rolle. Wenn ich nur meinen Alias-Namen eingebe, ist natürlich ein Rückschluss auf meine Person schwieriger für andere. Aber wir beobachten auch, dass die Hemmschwelle selbst dann sinkt, wenn Personen mit Klarnamen zu erkennen sind. Es ist eben viel einfacher, Hassbotschaften über den Bildschirm zu verschicken, als es einem Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sagen. Zudem sind viele noch immer der Meinung, Mobbing, Beleidigungen oder Hass im Internet seien nicht straftat-relevant, dass sie sich mit ihren Äußerungen im „straffreien Raum“ bewegen, was natürlich nicht der Fall ist.
Aktuell gibt es wieder eine Diskussion über einen Klarnamen-Pflicht im Netz. Wie stehen Sie dazu?
Das kann ich nur aus persönlicher Sicht beantworten, nicht als Referentin des Bündnisses. Für mich persönlich ist es ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Gäbe es die Anforderungen für Klarnamen im Netz, könnten wir potenziell sicher die ein oder anderen Cybermobbing-Angriffe reduzieren. Andererseits ist das Ganze im Hinblick auf Datenschutz, auf den gläsernen Menschen, höchst fragwürdig. Sollte ein solches Gesetz in Kraft treten, bräuchte es dafür ganz klare Grenzen. Rechtlich und politisch gesehen haben wir dafür aber noch nicht die Basis geschaffen, um so etwas sinnvoll umsetzen zu können. Ebenso wenig wie für das angedachte Social-Media-Verbot bis 16 Jahre.
Wie sehen Sie diese Verbots-Diskussion?
Ich bin auch grundsätzlich für ein Social-Media-Verbot bis 13 Jahre. Viele App-Anbieter sind ja quasi ab 13 aktuell nutzbar für Kinder und Jugendliche. Wir erleben aber, dass bereits im Grundschulalter Achtjährige einen eigenen Tiktok-Account haben und Videos von sich posten. Da fängt natürlich erst mal die Erziehung im Elternhaus an. Wenn all diejenigen die aktuell geltenden FSK-Freigaben (FSK = Freiwillige Selbstkontrolle, Anm. d. Red.) einhalten würden, die es aktuell nicht tun, hätten wir schon ein deutlich kleineres Problem und könnten dann eben auch sinnvoll über solche Themen wie Social-Media-Verbot oder Klarnamen im Netz sprechen.
Kümmern sich auch Eltern zu wenig um das, was ihre Kinder im Netz machen?
Ja, absolut. Das ist etwas, das auch wir beobachten. Unser Bündnis hat beispielsweise ein Buch herausgegeben, einen Cybermobbing-Ratgeber für Eltern. Die Verkaufszahlen sind allerdings unterhalb jeglicher konservativen Erwartungshaltung von uns geblieben. Wir verschenken die Bücher mittlerweile zum Teil auf Elternabenden. Es ist auch erschreckend, wie wenige Eltern zu solchen Abenden kommen und sich für das Thema interessieren. Ich war kürzlich an einer zehnzügigen Schule, also zehn fünfte Klassen mit 21 bis 27 Schülern pro Klasse. Beim Elternabend waren 33 Eltern da – ein verschwindend geringer Prozentsatz. Auch wenn manche Eltern sich überfordert fühlen, gibt es genügend Informationsmöglichkeiten, sich zum Wohle seiner Kinder mit den digitalen Medien auseinanderzusetzen. Allerdings werden diese Angebote oftmals nicht genutzt. Es mangelt nicht an Angeboten an Fachliteratur, es gibt viele tolle Materialien, wie etwa unser Buch, klicksafe.de und Co. Wir selbst bieten auch in Kooperation mit Krankenkassen kostenfreie sogenannte Eltern-Webinare zu diesen Themen, aber das Angebot wird einfach nicht angenommen – oftmals aufgrund von mangelndem Interesse.
Beobachten Sie generell eine Zunahme der Cybermobbing-Fälle oder hat sich das auf einem gewissen Niveau eingependelt?
Wenn man sich unsere Studien im Vergleich der vergangenen Jahre anguckt, hat sich das auf einem gewissen Niveau eingependelt. Wir stellen keine drastischen Anstiege oder Abfälle der Zahlen fest. Dennoch zeigt die Erfahrung aus der Praxis, ganz unabhängig von den Studien, dass gerade Kinder und Jugendliche bei solchen Befragungen nicht zwingend angeben, dass sie betroffen von Cybermobbing sind, wenn sie bereits in der Schule gemobbt werden. Deswegen haben wir da wahrscheinlich auch eine Dunkelziffer. Wir reden ja aktuell von jedem fünften Betroffenen. Ich glaube aber, die Dunkelziffer ist tatsächlich ein bisschen höher, weil das nicht jeder für sich abstrahieren kann, dass ich auch betroffen von Cybermobbing sein kann, wenn ich etwa Hassnachrichten per Whatsapp bekomme.
Opfer ziehen sich häufig zurück, weil sie Angst haben, dass alles noch schlimmer wird, wenn sie sich zur Wehr setzen. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Was also raten Sie Betroffenen?
Ja, die Angst ist immer da. Zumal Täter oftmals ganz bewusst androhen, wenn du das jemandem sagst, dann wird es noch schlimmer, dann wende ich körperliche Gewalt an. Meine klare Empfehlung ist dennoch immer, trotzdem einen Erwachsenen mit einzubeziehen. Man sollte auf jeden Fall mit jemandem drüber reden. Das ist nichts, was man allein mit sich ausmachen muss. Das hat auch nichts mit Petzen zu tun. Auch technisch können wir ganz viel machen. Wenn ich beispielsweise ein öffentliches Social-Media-Konto habe, kann ich das Ganze auf „Privat“ stellen, ich kann Benutzer blockieren oder Benutzer und entsprechende Kommentare den Plattformbetreibern melden. Und ich habe natürlich auch immer den straf- oder zivilrechtlichen Weg, den ich gehen kann. Da ist es natürlich ungemein wichtig, Beweise dafür zu sammeln.
Etwa mithilfe von Screenshots?
Genau, Screenshot machen, am besten mit Datum und Uhrzeit, mit genauen Informationen zum Absender. Ich empfehle parallel dazu, immer ein Mobbing-Tagebuch zu führen und gegebenenfalls Zeugen mit anzugeben. Wir reden leider in Deutschland noch immer davon, dass Cybermobbing und auch Mobbing keine Straftaten sind. Das heißt, wir müssen es leider selbst beweisen. Es ist ein sogenanntes Antragserfordernis da. Das heißt, ich als Betroffener muss selbst Anzeige erstatten. Das kann mir niemand abnehmen. Und deswegen sind eben solche Beweissicherungen essenziell wichtig, wenn ich das strafrechtlich verfolgen lassen möchte.
Wo kann ich mir noch Hilfe holen, wenn ich Betroffener bin?
Außerhalb von Schule oder Unternehmen gibt es natürlich ganz unterschiedliche Stellen. Für Kinder und Jugendliche ist das zum Beispiel unter anderem die Nummer gegen Kummer, Juuuport, jugend.support, das Opfertelefon vom Weißen Ring, auch für Erwachsene natürlich. Bei Erwachsenen kann man sich zudem an Gewerkschaften – Verdi und Co. – wenden, oder es gibt sogenannte Ombudsstellen, zu denen ich gehen kann – gerade, wenn das berufliche Umfeld betroffen ist. Wir als Bündnis gegen Cybermobbing stehen auch immer zur Verfügung, und natürlich sind auch Polizei und Fachanwälte passende Anlaufstellen.