Am Sonntag steigt in New Jersey das Finale der größten Fußball-WM der Geschichte. Schon davor stand fest: Es waren vor allem die echten Stars, die diesem Turnier ihren Stempel aufgedrückt haben.
Es war Miroslav Klose klar, dass er diesen stolzen Rekord irgendwann verlieren wird. Zwölf Jahre lang durfte sich der Rekordtorschütze der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auch WM-Rekordschütze nennen. Seit er ausgerechnet mit einem Tor beim 7:1 in Brasilien gegen Brasilien 2014 den brasilianischen Vorgänger Ronaldo abgelöst hatte, hatte Klose die Liste mit 16 Treffern angeführt und den Titel mit Stolz tragen dürfen.
Dass er nun überflügelt wurde, hat nur bedingt mit der Aufstockung der WM auf 48 Mannschaften zu tun. Denn statt sieben Spielen wie bei Kloses WM-Debüt 2002 hat ein Team bis ins Finale heute acht Partien zu absolvieren. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Kloses Leistung nun gleich von zwei Weltklasse-Stürmern in den Schatten gestellt wurde.
Klose telefonierte mit Messi
Vor dem Halbfinale stand Argentiniens Superstar Lionel Messi bei 21 Treffern. Obwohl er noch zwei Elfmeter verschoss. Die WM in Nordamerika war die sechste Endrunde des mehrmaligen Weltfußballers, Klose hat „nur“ an vier teilgenommen. Mit 31 Spielen war Messi da auch schon WM-Rekordspieler.
„Lionel Messi ist für mich der beste Fußballer aller Zeiten! Glückwunsch, Champion!“, hatte Klose direkt nach Verlust des Rekords der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt: „Das ist auch völlig okay, der Rekord wird sowieso irgendwann geknackt werden, und dann darf das gern Messi machen“, sagte Klose. Er sei eben „ein Genie“. Kurz darauf telefonierten die beiden dann sogar. „Das war schon sehr bewegend. Messi und ich sind uns natürlich immer mal wieder auf dem Platz begegnet, das war immer schön und respektvoll. Das Telefonat jetzt war aber das erste Mal, dass wir abseits davon etwas länger miteinander gesprochen haben. Er hat gesagt, er schickt mir ein unterschriebenes Trikot“, erzählte Klose danach und bezeichnete Messi als „brutales Phänomen“. Der argentinische Nationaltrainer Lionel Scaloni hatte das Gespräch vermittelt, er war Kloses Mitspieler bei Lazio Rom. Und Jürgen Klopp, bei dieser WM Experte bei „Magenta“, schwärmte: „In dem Moment, wo er an den Ball kommt, verändert er das Spiel, wie es noch kein anderer Spieler getan hat.“ Es sei „unglaublich, mit welcher Leichtigkeit er Fußball spielt. Das ist das, was wir so wahrscheinlich nicht mehr sehen werden.“ Er freue sich deshalb „wie ein kleines Kind, ihn noch mal live sehen zu dürfen“.
Doch es ist jetzt schon absehbar, dass Messi den Rekord nicht auf ewig behalten wird. Denn Kylian Mbappé hat erst drei WM-Teilnahmen auf dem Buckel und könnte mit 27 noch locker ein oder sogar zwei Endrunden spielen. Und bei Weltmeisterschaften dreht der Franzose immer so richtig auf. Bei seiner ersten 2018 traf Mbappé als 19-Jähriger gleich viermal, wurde Weltmeister und erzielte als erster Teenager seit Pelé 1958 ein Tor im Endspiel. 2022 in Katar wurden die Franzosen nach einem 3:3 im Finale gegen Argentinien mit je drei Toren von Mbappé und Messi nach einer Niederlage im Elfmeterschießen Vize-Weltmeister. Mbappé bekam für acht Tore aber den Goldenen Schuh als Torschützenkönig.
Echter Torjäger und Leader
Und im Nachhinein war das Wettschießen im damaligen Finale zwischen Messi und Mbappé ein Fingerzeig für das, was dieses Turnier 2026 bieten würde. Denn ja, es gab erfrischende Außenseiter wie Kap Verde oder die DR Kongo, und Teams wie Marokko zeigten, dass starke Kollektive immer noch weit kommen können. Doch diese WM war wie nie zuvor eindeutig eine WM der Stars. Denn wer weit kommen wollte, brauchte einen echten Torjäger, der idealerweise auch ein echter Leader ist. Vor dem Halbfinae also nach maximal sechs Turnierspielen pro Spieler, führten Messi und Mbappé die Torschützenliste mit acht Toren an, der norwegische Mega-Star Erling Haaland bei seinem WM-Debüt folgte mit sieben Treffern, Bayer-Torjäger Harry Kane und sein Teamkollege Jude Bellingham mit sechs Toren für England, der Brasilianer Vini Junior oder Frankreichs Ousmane Dembélé hatten auch schon viermal getroffen. „Diese großen Spieler bei der Weltmeisterschaft – schauen die sich gegenseitig an und denken dann: ‚Nein, nicht mit mir. Und dann treffe ich und mache einen Hattrick?‘ Was geht da eigentlich ab? Das ist verrückt“, sagte Englands deutscher Nationaltrainer Thomas Tuchel zum Wettschießen der Stars: „Das sind alles Haie. Wenn sie Blut wittern, kommen sie und treffen.“
Klopp beeindruckte zutiefst, dass Dembélé als aktueller Weltfußballer ohne Murren Defensivarbeit verrichtete und für Mbappé als Vollstrecker arbeitete: „Jetzt ist das der perfekte Spieler. Er ist der Ballon-d’Or-Gewinner des letzten Jahres, und zwar 100 Prozent verdient. Er stellt sich komplett in den Dienst der Mannschaft.“ Und dann hatten die Franzosen ja auch Bayern-Star Michael Olise, der zwar nicht so treffsicher war, aber – ebenfalls für das Gesamtgefüge – vom Flügel ins Zentrum wechselte und dort seine ganze Klasse zeigte. Er sei „ein großartiger Spieler. Er hat die Fähigkeit und Qualität, um etwas zu kreieren und etwas anderes zu machen. Wir sind sehr glücklich, dass wir ihn haben“, sagte Mbappé. Überhaupt hätten die Franzosen „sehr viel Talent in der Mannschaft. Da kann ein Tag der eine glänzen, am nächsten Tag entscheidet ein anderer das Spiel.“ Das war in der Tat Luxus. Doch waren auch die Norweger mit Haaland und die Engländer mit Kane schon sehr gesegnet. Bitter, dass sie im Viertelfinale aufeinandertrafen und nur einer weiterkommen konnte. „Er ist unser Kapitän, unser Anführer. Er entscheidet Fußballspiele mit unglaublichen Abschlüssen“, lobte Tuchel den Bayern-Star Kane. Er sei ein „besonderer Spieler“ mit einer „besonderen Persönlichkeit“ und „in der besten Phase seiner Karriere. Ich bin immer noch froh, dass ich dafür gekämpft habe, ihn zum FC Bayern München zu holen – gegen einige andere Meinungen.“ Klopp, der mit Liverpool oft gegen Kane und Tottenham spielen musste, erklärte: „Ich weiß nicht, ob in England schon Statuen gebaut wurden, aber sie werden sicher gebaut. Den Einfluss, den Harry Kane hat, habe ich so noch nie gesehen.“
Ronaldo zum sechsten Mal dabei
Doch auch Haaland ist für die seit Jahren gewachsene norwegische Mannschaft, die erstmals seit 1994 bei einer WM dabei war, das gewisse Extra, das das Team so besonders macht. „Norwegen ist zwar eine exzellente Mannschaft, in jeder Hinsicht. Sie haben auch andere respektable Spieler. Aber mit diesem Stürmer im Team gehen sie mit einem oder zwei Toren Vorsprung ins Spiel“, schrieb der italienische „Corriere dello Sport“, nachdem der heute für Manchester City spielende Ex-Dortmunder Haaland Brasilien beim 2:1 im Achtelfinale durch einen Doppelpack ausgeschaltet hatte. Die „Mundo Deportivo“ aus Spanien schrieb: „Haaland ist ein Cyborg, tödlich, unbestreitbar. Ein Wikinger der Superlative.“ Und auch Haaland wusste die Dimension direkt einzuschätzen: „Das ist das größte Spiel in der norwegischen Fußballgeschichte. Ich hoffe, wir haben viele Jugendliche inspiriert.“
Bleibt die Frage: Welche Stars hatte Deutschland? „Wir haben aktuell keinen einzigen Weltklassespieler“, sagte der inzwischen zurückgetretene Weltmeister Toni Kroos in seinem Podcast: „Wir haben Spieler mit Weltklasse-Potenzial, aber das heißt noch lange nicht, dass sie Weltklasse sind.“ Rekordnationalspieler Lothar Matthäus erklärte, er könne Kroos „da nicht widersprechen“. Und Klopp ergänzte: „Es ist offensichtlich nicht so, dass wir die besten Spieler der Welt haben und davon noch 200 in der Hinterhand.“
Doch was ist eigentlich mit Cristiano Ronaldo, dem neben Messi prägenden Spieler dieses Jahrtausends? Der war wie sein argentinischer Dauerrivale und Mexikos Torhüter Guillermo Ochoa zum sechsten Mal dabei. Erster Rekord. Er erzielte – im Gegensatz zu Messi – bei allen sechs Turnieren mindestens einen Treffer. Zweiter Rekord. Doch Ronaldo, der mit Portugal diesmal im Achtelfinale an Spanien scheiterte, stand nie im Endspiel. Er traf bei diesem Turnier dreimal, enttäuschte aber außer bei seinem Doppelpack gegen Usbekistan die meiste Zeit. Insgesamt elf Tore in 27 Spielen weisen nicht die Klasse der Rivalen auf. Und vor allem: Ronaldo erzielte nur ein einziges Tor in einem K.-o.-Runden-Spiel.
Die WM-Bühne nutzte er nie so wie Messi. Und wie viele andere in diesem Jahr. Mit 41 sollte das eigentlich auch seine letzte Endrunde gewesen sein. Wobei die nächste 2030 auch in Portugal stattfindet. Normalerweise ohne Ronaldo, ohne Messi (39), vielleicht ohne den heute 32 Jahre alten Kane. Wahrscheinlich noch mit Haaland, Vini Junior (beide 25), Mbappé (27) oder Dembélé (29). Doch es ist gut möglich, dass man in vielen Jahren auf die WM 2026 zurückschaut als diejenige, in der die Star-Dichte ihr absolutes Maximum erreichte.