Vier Punkte aus zwei Spielen, sechs Tore und noch keine Niederlage: Hansa Rostock ist ordentlich in die neue Saison gestartet. Nun tritt „die Kogge“ am Sonntag beim 1. FC Saarbrücken an.
Vorsichtiger Optimismus ja, aber von Euphorie ist an der Ostsee noch recht wenig zu spüren. Dafür ist die Erinnerung an das Frühjahr zu frisch. Am Ende einer Saison, in der lange der Aufstieg möglich schien, blieb nur Rang fünf. Ausgerechnet mit einem 4:3-Erfolg in Saarbrücken verabschiedete sich die Kogge damals aus der Spielzeit. Drei Monate später führt der Weg erneut in den Ludwigspark.
Saarbrücken hat seine ersten beiden Ligaspiele gewonnen, Rostock steht nach dem 3:2 bei Hoffenheim II und dem 3:3 gegen Waldhof Mannheim bei vier Punkten. Nach zwei Spieltagen ist die Tabelle kaum mehr als eine Momentaufnahme. Entscheidend ist, ob Hansa inzwischen genug Qualität besitzt, um über eine komplette Saison oben mitzuhalten. 17 Trainer der 3. Liga haben das Team aus Mecklenburg-Vorpommern zum Aufstiegsfavoriten Nummer eins erkoren.
Ein Einschnitt der vergangenen Runde war der Abgang von Ryan Naderi. Rostocks gefährlichster Angreifer wechselte Anfang Februar zu den Glasgow Rangers. Bis zu sechs Millionen Euro soll der schottische Traditionsclub bezahlt haben. Für Hansa war es der größte Verkauf der Vereinsgeschichte, zugleich setzte der Wechsel Maßstäbe für die 3. Liga. Wirtschaftlich war das Angebot kaum auszuschlagen. Sportlich verlor Rostock jedoch einen Stürmer, der in 13 Drittligaspielen achtmal getroffen hatte.
Für viele Trainer der große Favorit
Dass Hansa dennoch bis zum Ende im Aufstiegsrennen blieb, zeigt, wie viel Substanz im Kader steckte. Genau darauf baut Trainer Daniel Brinkmann weiter auf. Der Kern der Mannschaft ist erfahren, robust und drittligaerprobt. Dazu kamen im Sommer neue Spieler, die vor allem Tempo und Variabilität bringen sollen.
Am deutlichsten wird das bislang in der Offensive. Andreas Voglsammer ist mit seinen 34 Jahren keiner, der über Entwicklungspotenzial definiert wird. Dafür weiß er, wo ein Stürmer stehen muss. Der frühere Bundesliga- und Zweitliga-Profi bringt Wucht, Kopfballstärke und Erfahrung mit. Beim 3:2 in Hoffenheim traf er zweimal, gegen Mannheim leitete sein Treffer noch vor der Pause die Aufholjagd ein.
Neben ihm hat sich Bernie Lennemann schnell in den Vordergrund gespielt. Der 23-Jährige kam aus der U21 des 1. FC Köln und steht für eine andere Art von Fußball. Lennemann ist schnell, geht in die Tiefe und kann über außen wie zentral eingesetzt werden. Gegen Mannheim traf er zum 2:3 und gab der Partie damit endgültig eine neue Richtung. Seine Dynamik erweitert das Rostocker Spiel. Eine weitere wichtige Personalie ist Emil Holten. Der 1,95 Meter große Däne entwickelte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten im vergangenen Jahr zum zuverlässigsten Rostocker Torjäger. 15 Treffer in 33 Ligaspielen standen am Ende zu Buche. Vor allem nach dem Abgang von Naderi übernahm Holten zusätzliche Verantwortung. Hansa verpflichtete den zuvor von Elfsborg ausgeliehenen Angreifer deshalb im Sommer fest. Ausgerechnet Saarbrücken hat er in guter Erinnerung: Beim 4:3 traf Holten zum zwischenzeitlichen 2:0. Ob es diesmal zu einem Wiedersehen kommt, ist allerdings offen. Rückenprobleme bremsten den 30-Jährigen während der Vorbereitung aus, die ersten beiden Ligaspiele verpasste er. Dahinter verfügt Brinkmann über unterschiedliche Spielertypen. Maximilian Krauß kann zwischen den Linien Räume finden und Eins-gegen-eins-Situationen suchen. Organisator Marco Schuster steht für Ordnung, Zweikampfstärke und Kontrolle. Jonas Dirkner bringt Laufarbeit und Präsenz mit, Kenan Fatkic Erfahrung und Ruhe. Damit ist Hansa im Zentrum variabel aufgestellt.
Hinten noch zu anfällig
Auch auf den Außenbahnen wurde nachgelegt. Niklas Kölle und der frühere Saarbrücker Jugendspieler Florian Bohnert sollen Tempo und Druck nach vorne bringen, ohne die defensive Balance zu verlieren. Gerade gegen tief stehende Mannschaften braucht Rostock Breite und Spieler, die bis an die Grundlinie kommen. Auf der anderen Seite ist genau dort Vorsicht gefragt: Die fünf Gegentore in den ersten beiden Ligaspielen zeigen, dass die Abstimmung noch nicht überall stimmt. „Man kann auch die sechs geschossenen Tore erwähnen – und an den anderen Themen arbeiten“, sagt Hansa-Trainer Dennis Brinkmann dazu.
Das 3:3 gegen Mannheim war dafür das beste Beispiel. Nach nicht einmal einer halben Stunde lag Hansa 0:2 zurück, kurz nach der Pause sogar 1:3. Dass die Partie nicht verloren ging, spricht für die Mentalität der Mannschaft. Voglsammer, Lennemann und Florian Carstens sorgten noch für den Ausgleich. Es war ein Spiel, das zwei Seiten dieser Rostocker Mannschaft offenlegte: Sie kann sich mit ihrer Offensivqualität aus schwierigen Situationen befreien, bringt sich aber durch Fehler und Unordnung auch selbst in Schwierigkeiten.
Carstens verkörpert eine weitere Stärke. Der Innenverteidiger ist bei Standards gefährlich und bringt jene Körperlichkeit mit, die in der 3. Liga unverzichtbar ist. Gerade im Ludwigspark, wo Zweikämpfe, zweite Bälle und Standards eine große Rolle spielen dürften, kann das wichtig werden. Fehlen wird weiterhin Kapitän Franz Pfanne, der wegen Adduktoren- und Schambeinproblemen nicht zur Verfügung steht. Sein Ausfall nimmt Brinkmann eine Führungsfigur, verändert aber nicht grundsätzlich die Möglichkeiten des Kaders. Mit Luca Unbehaun kam zudem ein Torhüter, der das Spiel von hinten eröffnen kann. Brinkmann hat damit auf fast jeder Position Konkurrenz geschaffen. Die Rolle des Topfavoriten nimmt er eher lapidar zur Kenntnis: „Die aus diesen Umfragen abgeleiteten Prognosen sind für mich eher eine Randnotiz. Bin ich über das Ergebnis und die Meinungen der Trainer-Kollegen überrascht? Nein, wobei ich mich selbst ja nicht beteiligt habe. Hier vertrete ich die Meinung, dass es nicht zu 100 Prozent seriös wäre, mich als Trainer über andere Teams und Kräfteverhältnisse zu äußern, bevor ich gegen ein Team selbst gespielt habe“, sagt er und fügt hinzu: „Eines hat die 3. Liga doch immer gezeigt. Man kann relativ wenig vorhersagen.“