„Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ sind längst Kult. Jetzt hat sich Regisseur und Drehbuchautor Vince Gilligan mit „Pluribus“ zurückgemeldet. In dieser surrealen Endzeit-Parabel schickt er seine Lieblingsschauspielerin Rhea Seehorn in eine toxisch glückliche Welt.
Ein geheimnisvolles Virus verwandelt die gesamte Menschheit auf einen Schlag in freundlich lächelnde, hilfsbereite, selbstlose, glückliche Wesen ohne eigene Persönlichkeit. Alle denken und fühlen dasselbe. Sie können nicht lügen, beherrschen alle Tätigkeiten meisterhaft und kooperieren reibungslos – reagieren aber extrem empfindlich, wenn jemand nicht zum Friede-Freude-Eierkuchen-Kollektiv gehört. Wie zum Beispiel Carol Sturka (Rhea Seehorn). Die Bestsellerautorin von Kitsch-Romanen ist seltsamerweise immun gegen das Virus. Als ihre Lebensgefährtin Helen (Miriam Shor) ein Opfer der Happy-Seuche wird, verbarrikadiert sich Carol zunächst in ihrem Haus am Stadtrand von Albuquerque. Aus dem Fernsehen erfährt sie, dass es Millionen Tote gibt und Städte brennen. Die letzten sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten sind –
e pluribus unum – „aus vielen eines“ geworden. Es ist der reinste Horror. Sie kann nicht fassen, was passiert ist. Doch Carol gibt nicht klein bei. Dazu ist sie viel zu aufbrausend, eitel und eigensinnig. Sturheit als Überlebensstrategie.
Trotzig versucht Carol nach dem ersten Schock, dem Phänomen auf den Grund zu gehen, das zu dieser globalen Gehirn- und Seelenwäsche führte. Warum existieren die Menschen plötzlich als Schwarm kollektiver Intelligenz? Warum sind alle so furchtbar glücklich? Und zu welchem Preis? Sogar die ganz wenigen Menschen, die ebenfalls immun sind, ergeben sich nur allzu bereitwillig ihrem Schicksal. Sie fühlen sich sehr wohl in ihrem neuen, sinnentleerten Dasein. Allerdings gibt es einen Mann namens Manousos Oviedo (Carlos Manuel Vesga) im fernen Paraguay, der dem grassierenden Wahnsinn gleichfalls widersteht. Als Carol ihn anruft und um Hilfe bitten will, lehnt er den Kontakt zunächst brüsk ab. Erst als sie ihm dann per Post eine Videobotschaft schickt, erkennt er, dass er nicht alleine ist, und macht sich auf den langen Weg nach Albuquerque.
Inzwischen hat sich Carol in dieser konfliktfreien Albtraumwelt ganz passabel eingerichtet. Sie kann überall hingehen, im Supermarkt umsonst einkaufen und sich alles wünschen, was ihr Herz begehrt. Sogar ihrem Wunsch nach einer Handgranate wird umgehend stattgegeben. Carol behält aber ihren sehr klaren, unbestechlichen Blick auf den Psychoterror um sie herum. So blockt sie jeden Versuch, sie in das toxische Nirvana hineinzupressen, rigoros ab. Auch als ihr eine sympathische und sehr verständnisvolle Betreuerin namens Zosia (Karolina Wydra) zur Seite gestellt wird. Mit ihr unterhält sich Carol zwar gerne, weil sie sich dabei nicht ganz so verlassen vorkommt, wird aber misstrauisch, als Zosia ihre Schund-Romane mit Shakespeare vergleicht.
Seehorn zeigt große Schauspielkunst
Vince Gilligan ist diesmal, nach „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“, in seiner Passion für exzentrische Inszenierungen noch einen Schritt weiter gegangen. In „Pluribus“ zeigt er uns, wie ein weltumspannendes, hochartifizielles Regime ganze Horden von Mustermenschen entmündigt und in einen Glückseligkeitstaumel versetzt. Es ist eine „brave new world“, in der der freie Wille des Einzelnen die ultimative Bedrohung darstellt. Und da die Manipulationen mit geradezu betörender Sanftheit vonstattengehen, ist es fast ein Wunder, dass Carol nicht ihren Verstand verliert. Für die Marathon-Rolle der Carol, die in den neun Episoden in jeder Einstellung zu sehen ist, hätte sich Gilligan keine bessere Schauspielerin als Rhea Seehorn aussuchen können. Sie war es, die schon in „Better Call Saul“ in ihrer Rolle als Kim Wexler brillierte und jetzt aus Carol eine der interessantesten und faszinierendsten Figuren der jüngeren TV-Geschichte macht. Wie Seehorn schaut, agiert, reagiert, ihren Zynismus und ihren Zorn als Kraftquelle benutzt oder einfach nur still dasitzt und mit stoischer Haltung diese ganz normale Albtraumwelt betrachtet, ist große Schauspielkunst. Sie allein trägt die Serie. Gerade wenn Gilligan den dramatischen Drive der Handlung fast völlig auflöst und Leerlauf als Stilmittel einsetzt, hält sie uns absolut bei der Stange. Für die Rolle der Carol wurde sie gerade mit dem Golden Globe ausgezeichnet.
Sehenswert ist die Serie natürlich auch durch die zum Teil hypnotisch wirkenden Einstellungen, die artistischen Kamerafahrten und die wie Tableaus inszenierten Bilder. Entschleunigungs-TV de luxe. „Pluribus“ ist, laut Gilligan, eine Hommage an den Science- Fiction-Schocker „Die Körperfresser kommen“ aus den 50er-Jahren, der hier elegant zu einer philosophischen Allegorie ausgeweitet wurde. Vielleicht hat sich Gilligan beim Entwerfen der Serie ja auch Immanuel Kants Fragen zu Herzen genommen: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Wie dem auch sei: Carols letzter Satz führt schnurgerade zur zweiten Staffel von „Pluribus“, die bereits in Planung ist. Sie sagt zu Manousos Oviedo: „Lass’ uns die Welt retten.“