Männer gehen später zum Arzt und leben kürzer. Das hat durchaus auch etwas damit zu tun, wie sie Schmerzen und somit erste Anzeichen von Fehlfunktionen wahrnehmen. Doch wie unterscheidet sich dies zwischen den Geschlechtern?
Reinhard Winter kennt viele Männer. Kein Wunder: Der Sozialwissenschaftler des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen ist Männerforscher – so etwas gibt es tatsächlich. In der Sendung „Quarks“ mit dem Episodentitel „Zwischen Muskel und Mitgefühl: Männlichkeit im Wandel“ gibt er Ergebnisse seiner Forschung preis und räumt dabei auch mit einigen Mythen auf. So erklärt er: „Wir haben Männer befragt, ob sie das gerne hätten, dass ihr bester Freund zum Beispiel so ein starker, durchsetzungsfähiger, dominanter Typ ist. Und alle haben gesagt: ‚Nein, mein bester Freund soll nicht so sein.‘“
Kaum jemand wünscht sich den dominanten Typ als besten Freund an seiner Seite
Man könnte es aufgrund der derzeitigen Diskussionen um Männer und die dabei oftmals mitschwingende Misandrie auch gerne mal vergessen: Männer sind auch nur Menschen. Und bei Weitem nicht alle entsprechen dem Klischee des Vin-Diesel-Klons, der muskelbepackt Steaks direkt aus dem Schweinehintern reißt und sie roh isst. Auch ein weiteres Klischee wird in der Sendung untersucht: nämlich, ob Männer und Frauen Schmerzen unterschiedlich wahrnehmen.
Immerhin – so fasst es beispielsweise Dr. Stephan Vinzelberg vom Sana Klinikum Lichtenberg auf deren Internetseite zusammen – gelten Frauen als wehleidig, während Männer keine Schmerzen kennen. Der Chefarzt der Klinik und Tagesklinik für Manuelle Medizin am Sana Klinikum verweist bei dem Artikel mit der Überschrift „Gender Pain Gap“ auf die Forschungslage zur geschlechtersensiblen Schmerzmedizin: „Aus Studien wissen wir, dass Frauen Druckschmerz beispielsweise stärker empfinden als Männer. Östrogen, das weibliche Hormon, führt zu einer Erhöhung der Schmerzempfindlichkeit, während das männliche Hormon Testosteron die Schmerzempfindlichkeit eher reduziert.“ Verkürzt zusammengefasst würde es einen großen Unterschied machen, ob ein Mensch mit Schmerzen weiblich oder männlich ist.
Er verweist auf die Studie „Chronic pain and sex-differences; women accept and move, while men feel blue“ von 2017. In der Untersuchung eines schwedischen Forschungsteams heißt es, dass Männer im Durchschnitt eine höhere Schmerzschwelle besitzen. Sie würden also stärkere Reize benötigen, um Schmerz überhaupt wahrzunehmen. Dies gelte für verschiedene experimentelle Schmerzarten wie Hitze, Kälte, Druck oder elektrische Reize. Männer würden zudem häufig über geringere Schmerzintensität berichten, wenn der Schmerz einmal ausgelöst wurde. Die Autoren betonen, dass sich diese Unterschiede über viele Studien hinweg konsistent zeigen.
Biologisch könne dies unter anderem tatsächlich mit Testosteron erklärt werden, das schmerzhemmende Eigenschaften besitzt. Tierstudien und Humanstudien zeigten außerdem, dass höhere Testosteronspiegel die Aktivität bestimmter Schmerzbahnen modulieren und die Ausschüttung endogener Opioide beeinflussen. Männer haben dadurch eine physiologisch bedingte Tendenz, Schmerz weniger intensiv wahrzunehmen.
Zurück zu „Quarks“: Darin geht das Redaktionsteam auch der Frage nach, ob es wirklich Testosteron ist, das Männer schmerzunempfindlicher und „angriffslustig“ macht. Für die Sendung unterziehen sich Ali und Hakan einigen kleinen Experimenten – auf sie wartet Schmerz. Der 43-jährige Familienvater Ali sagt: „Wir wurden als Jungs so erzogen: Schmerz, das musst du schon aushalten können.“ Der 31-jährige Hakan sieht es differenzierter: „Ich muss mich jetzt nicht irgendwie präsentieren als ein harter Typ. Aber ich kenne natürlich auch die Momente, wo man mit Freunden unterwegs ist. Und wenn da irgendwas passiert, will man natürlich nicht das Weichei sein.“
Schmerzforscherin Esther Pogatzki-Zahn vom Uniklinikum Münster erklärt es so: „Männer sprechen häufig nicht über ihre Schmerzen, weil sie Sorge haben, vielleicht auch wirklich glauben, dass sie dann nicht mehr als männlich wahrgenommen werden.“ Es folgt ein Kälteexperiment, bei dem Ali und Hakan ihre Hände in immer tiefer gekühltes Wasser legen – angefangen bei 32 Grad. Alis Schmerzschwelle liegt bei 10,7 Grad. Ali reagiert erst bei 2,8 Grad. Zum Vergleich: Männer der jeweiligen Altersklasse empfinden durchschnittlich ab 10,5 bis 12 Grad Kälteschmerz. Frauen seien empfindlicher, bei ihnen schmerzt es schon bei 12 bis 14 Grad.
Bei einem anderen Experiment geht es um die Schmerztoleranz, also darum, wie viel die beiden aushalten können. Ali hält eine Kraft von knapp 54 Newton aus, nah am Durchschnitt seiner Altersklasse. Für Hakan ist erst bei rund 82 Newton Schluss, deutlich über dem Schnitt Gleichaltriger. Frauen sind auch bei diesem Test schmerzempfindlicher, mit etwa 40 Newton. Abschließend legen die beiden zeitgleich ihre Hände in ein Kältebad – 31 Sekunden für Ali und 39 für Hakan. Dann ist Schluss. Beide sagen: „Das reicht jetzt auch.“
Biologisch gesehen würden Männer im Alltag tatsächlich etwas mehr Schmerz aushalten, das gelte für Kälte wie für Hitze. Ein Grund: Ihr Körper kann Schmerzen stärker hemmen. Die Schmerzforscherin erläutert, dass man aus der Forschung wisse, dass die Schmerzverarbeitung beim Mann teilweise anders sei: „Bei Männern ist es eben das Testosteron, was einen Einfluss auf Schmerzschwellen hat, also zum Beispiel auf die Erfassung von Schmerzreizen und auf bestimmte Aspekte der Schmerzverarbeitung.“
„Quarks“ erklärt: „In solchen Momenten hilft sich der Körper selbst. Dazu schüttet er Botenstoffe aus, sogenannte Opioide.“ Diese dämpften die Schmerzverarbeitung im Gehirn und im Rückenmark, ähnlich wie Schmerzmittel. So könne man trotz Verletzungen handlungsfähig bleiben. Testosteron verstärkt bei Männern diesen schmerzhemmenden Effekt. Das Fazit des „Quarks“-Berichts bringt es wohl gut auf den Punkt: „Ein Vorteil ist die höhere Schmerztoleranz für Männer aber nicht unbedingt. Wer Schmerz später wahrnimmt, übersieht womöglich Warnsignale. Rückenschmerz – wird schon. Druck auf der Brust – bestimmt eine Zerrung.“ Es sei halt einfach klüger, auf den Schmerz zu hören, als ihn tapfer auszuhalten.
Studien zeigen: Testosteron kann die Bereitschaft erhöhen, Gegner härter zu bestrafen
Die Studie „Chronic pain and sex-differences …“ zeigt zudem, dass ein großer Teil der Unterschiede im Schmerzverhalten bei Männern und Frauen schlicht sozial bedingt ist. Sie verweist auf zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass Männer Schmerzen unterdrücken, weil sie gelernt haben, dass Schmerz zu zeigen als Schwäche gilt. Dadurch entstehe der Eindruck, Männer hätten weniger Schmerzen – obwohl sie diese oft nur anders ausdrücken. Die Autoren betonen, dass diese Normen auch die Forschung beeinflussen: Männer nehmen häufiger an Schmerzstudien teil, weil sie weniger Angst vor Schmerztests hätten. Gleichzeitig geben sie in experimentellen Situationen niedrigere Schmerzwerte an, wenn sie glauben, dass ihr Verhalten bewertet wird.
Ein anderer Bericht in der „Quarks“-Sendung entkräftet übrigens eines der hartnäckigsten Klischees über Männer: dass sie von Natur aus aggressiver sind und daran das Testosteron schuld sein soll. Der Psychologe Prof. Oliver Schultheiss von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen hat herausgefunden, dass Männer, die durch das Verlieren während eines Tests frustriert waren, ihre Gegner am härtesten bestraften. Welchen Einfluss hatte Testosteron konkret in diesem Ergebnis? Überhaupt keinen.
Der Psychologe erläutert: „Was es allerdings gab, war ein Zusammenhang mit Cortisol. Das Hormon, das wir normalerweise ausschütten, wenn wir in eine herausfordernde Situation kommen und das normalerweise unser Verhalten auch bremsen würde. Das war bei den Leuten, die aggressiv waren – insbesondere auch bei den Männern –, von vornherein niedriger und sie hatten auch einen weniger starken Anstieg von Cortisol. Also: Wenn mit meiner Stressreaktion was im Argen liegt, dann bin ich eher gewaltbereit.“