Doris Dörries Film über Pflege und Verantwortung, über Roboter und die Welt in einigen Jahren: „Frau Winkler verlässt das Haus“ startet am 1. Oktober im Kino und ist lustig, emotional berührend und stimmt nachdenklich.
Es ist eine Geschichte, wie sie so oft vorkommt: Die Mutter pflegebedürftig, die Tochter hin- und hergerissen zwischen Beruf und der Verpflichtung, sich um sie zu kümmern. Und dann kommt da die Technik, die schöne neue Welt voll von Künstlicher Intelligenz und Robotik.
Frau Winkler, eine Frau um die 80, lebt allein und selbstständig in ihrem Haus. Ihr Ehemann ist Jahrzehnte zuvor gestorben, als die gemeinsame Tochter noch ein Kind war: an einer Gehirnblutung während einer Bergtour. Tochter Emi (Laura Tonke) führt längst ein eigenes Leben – mehr schlecht als recht geht sie ihrem Beruf als Schauspielerin nach. Große Hoffnung setzt sie auf ein neues Engagement, eine Rolle, die sie mit großer Mühe ergattern konnte: Sie soll in dem Theaterstück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow die Rolle einer der drei Schwestern, der Olga, spielen. Eine Rolle, in der ihre Mutter – die ebenfalls Schauspielerin war – Jahrzehnte zuvor auf der Bühne gestanden hat.
Wie das Leben aussehen könnte
Doris Dörrie zeigt in ihrem Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ das Leben, wie es in ein paar Jahren aussehen könnte. Nicht wie in einem Science-Fiction-Film, sondern mit Dingen, die es jetzt schon in den Entwicklungslabors gibt. So hat zum Beispiel jeder Kühlschrank außen an der Tür einen Flatscreen, der den Inhalt anzeigt – und davor warnt, wenn das Haltbarkeitsdatum von Lebensmitteln abgelaufen ist. Was die Protagonistin Frau Winkler (Angela Winkler) mit einem Fluch ignoriert. Pakete und Essenslieferungen werden von Robotern gebracht, Roboter führen Hunde aus und Menschen haben Roboterhunde an der Leine. Und auch der Wodka im Restaurant wird von einem Roboter serviert – der zuvor allerdings einen Scan der Krankenkassenkarte verlangt.
Eines Tages passiert das, was in deutschen Haushalten jedes Jahr hunderttausendfach passiert: Frau Winkler stürzt in ihrem Haus. Nach einem Krankenhausaufenthalt wird sie pflegebedürftig wieder entlassen. Und auf einmal steht Tochter Emi vor einem Dilemma: Soll sie sich um ihre Mutter kümmern oder soll sie sich weiter ihrem Beruf widmen, der sich gerade endlich wieder in die richtige Richtung entwickelt? Natürlich sieht sie sich in der Verpflichtung, sich um die Mutter zu kümmern, und gleichzeitig sagt die Mutter, sie wolle ihrer Tochter nicht zur Last fallen und Emi solle weiter ihrem Beruf nachgehen. Nicht gerade einfacher macht die Situation, dass es auch für Frau Winkler schwer zu ertragen ist, dass sie auf einmal nicht mehr selbstständig in ihrem Haus leben kann. Die Lösung: ein Pflegeroboter, den die Krankenkasse zur Verfügung stellt.
„Frau Winkler verlässt das Haus“ ist eine Geschichte über Pflege und gleichzeitig eine Mutter-Tochter-Geschichte. Eine Geschichte darüber, wie schwer es ist, sich um einen Menschen zu kümmern, obwohl man das eigentlich möchte und es auch für seine Pflicht hält, und sich gleichzeitig um die eigenen Dinge zu kümmern.
Künstliche Intelligenz und Robotik sind die relevanten Themen
Auf pointierte Art beschäftigt sich Doris Dörrie mit den Themen Künstliche Intelligenz und Robotik. Damit, wie diese Technologien in unser Leben eindringen und wie wir damit umgehen. Es geht um die Frage, was Technik für den Menschen leisten kann. Und um die Frage, ob Technik einen Menschen ersetzen kann. Und natürlich auch um die allgemeine philosophische Frage: Was ist der Mensch überhaupt. Der Roboter im Film durchläuft dabei einen bemerkenswerten Wandel. Von der auf freundlichen Service getrimmten Maschine hin zu einem Wesen, das dann am Ende doch so etwas wie ein bisschen Gefühl entwickelt hat.
Das Zusammenleben mit dem Roboter (gespielt von Josef Ellers, der in Rückblenden auch Frau Winklers verstorbenen Mann Bruno spielt) ist für Frau Winkler nicht einfach.
Nachdem ihn Roboter-Pflegespezialistin Selma (Via Jikeli) vorgestellt hat, gibt Frau Winkler ihm den Namen Pawlowitsch. Natürlich schmeißt Pawlowitsch die abgelaufenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank weg, und mit manchen Dingen kommt er einfach nicht zurecht. Zum Beispiel damit, ein Spiegelei zu braten. Und zu allem Überfluss hat der Roboter auch noch einen besonderen Modus: den End-of-Life-Modus, in dem er die zu pflegende Person auf ihren Wunsch beim Sterben begleitet. Und sie sogar töten kann.