Ein stimmungsvoller Abend, eine überragende Choreografie – und am Ende ein bitteres 0:1. Der 1. FC Kaiserslautern verliert gegen Hertha BSC erstmals seit sieben Monaten ein Heimspiel.
Es war angerichtet auf dem Betzenberg. Zum Traditionstag, am Wochenende des 125-jährigen Vereinsjubiläums, verwandelten die FCK-Fans das Fritz-Walter-Stadion in ein rot-weißes Bildermeer. Die überdimensionale Choreo, die sich über alle vier Tribünen spannte, war ein Gänsehautmoment selbst für Spieler, die hier schon vieles erlebt haben. „Mittlerweile denkt man ja, dass man nicht mehr überrascht werden kann, aber die Jungs schaffen es immer wieder, neue Maßstäbe zu setzen“, sagte Torhüter Julian Krahl. „Es war eine unfassbare Atmosphäre. Riesenkompliment. Das ist fast einmalig im deutschen Fußball.“
Dass der FCK diesen Abend mit einem Sieg vergolden wollte, war für Trainer Torsten Lieberknecht selbstverständlich. „Wir waren alle beeindruckt von dem, was unsere Anhänger abgezogen haben. Entsprechend wollten wir den Fans natürlich den Heimsieg schenken und so dieses unglaubliche Erlebnis heute vergolden“, sagte er nach dem Spiel. Doch es sollte anders kommen. Die Roten Teufel verloren gegen Hertha BSC mit 0:1 – und mussten dabei erneut eine VAR-Entscheidung hinnehmen, die für Gesprächsstoff sorgte.
Das Spiel begann mit hohem Tempo und viel Intensität, aber wenig Ertrag. Hertha lauerte auf Umschaltmomente, Lautern suchte Struktur. Nach 20 Minuten nutzten die Gäste den ersten klaren Angriff: Marton Winkler flankte präzise, Luca Schuler – einst FCK-Jugendspieler –
drückte den Ball aus kurzer Distanz zum 0:1 über die Linie. Es war die erste wirkliche Gelegenheit der Partie, und sie saß. „Wir waren in der ersten Halbzeit einmal unachtsam“, sagte Marlon Ritter später. „Aber zum Ende hin hat man gemerkt, dass wir unbedingt den Ausgleich machen wollten.“
Die Lautrer reagierten sofort, Mika Haas prüfte Tjark Ernst, der Hertha-Torwart parierte stark. Semih Sahin kam noch vor der Pause zu einem Distanzversuch, ehe Kenneth Eichhorn für Hertha den Pfosten traf – ein Warnsignal. Lieberknecht blieb ruhig, veränderte nichts Grundsätzliches. „Wir haben in der Pause darauf eingewirkt, die Restverteidigung besser zu organisieren und durch vertikaleres Spiel besser in die gefährlichen Räume zu kommen“, erklärte er. Die Mannschaft setzte das um, kam in der zweiten Hälfte besser ins Spiel.
Der Ärger geht, der Zweifel bleibt
Julian Krahl hielt den FCK mit starker Parade gegen Fabian Reese im Spiel. Vorne suchten Ivan Prtajin, Naatan Skyttä und der eingewechselte Mahir Emreli ihr Glück, fanden aber entweder keinen Weg durch die kompakte Berliner Defensive oder scheiterten an Ernst. „Wir hatten besonders in den letzten 20 Minuten viele Abschlüsse, die einfach nicht reingegangen sind“, so Ritter. „Einmal war der Torwart schon geschlagen, da wurde auf der Linie noch geklärt. Am Ende gegen Mika Haas hält er super. Das muss man anerkennen.“
Dann kam die Szene, über die an diesem Abend jeder sprach. Nach einem Freistoß von Marlon Ritter verlängerte der Ball in der Nachspielzeit zu Ivan Prtajin, der zum vermeintlichen 1:1 traf – das Stadion explodierte. Doch der Jubel hielt nicht lange. Der VAR meldete sich, Schiedsrichter Tobias Welz überprüfte die Situation – Abseits. Das Tor wurde aberkannt. Es war, wie Lieberknecht später sagte, „ein bisschen, wie wenn man das Herz herausgerissen bekommt“.
Der FCK-Trainer war direkt nach Abpfiff spürbar aufgebracht. „Ich kann mir diese Linie nicht mehr angucken. Ich vertraue dieser Linie nicht mehr“, sagte er bei Sky. Der 52-Jährige erinnerte an die vorangegangenen Spiele: den Elfmeter in der Nachspielzeit gegen Nürnberg, das aberkannte 2:0 in Düsseldorf. „Unsere Spielsituation, wo wir richtig im Flow waren, wird fünf Minuten lang unterbrochen“, sagte er mit Blick auf das Fortuna-Spiel. „Heute wird sofort entschieden. Wieder eine enge Entscheidung, wieder kein Spielglück.“
Am Tag danach war der Ärger zwar etwas verraucht, doch die Zweifel blieben. „Wie man die Linien kalibriert, erinnert mich eher an die Playstation“, sagte Lieberknecht. „Uns fehlt momentan das berühmte Matchglück, etwa bei dem Tor von Ivan Prtajin. Und er fügte hinzu: „Gerade auch, weil der Wunsch da war, unseren Fans den Tag zu vergolden.“
Die FCK-Anhänger hatten das Team mit einer Choreografie für die Geschichtsbücher empfangen – das sah auch der Trainer so: „Man findet für die Aktion keine Worte. Es war ein unglaublicher Moment und auch ein Privileg für uns. Es war ‚outstanding‘.“ Dass das Spiel danach so endete, schmerzte doppelt.
So blieb es am Ende bei einem 0:1, das mehr über die emotionale Seite dieses Spiels erzählte als über Zahlen. Der FCK war feldüberlegen, drängte, wollte – und scheiterte an einer Mischung aus Pech, VAR und Effizienz. Lieberknecht blieb trotzdem konstruktiv. „Die Investitionen, die wir auf dem Platz machen, und die Leidenschaft, die wir zeigen, stimmen. Wir zeigen viel Mut. Die Mannschaft befindet sich immer am Rande der Verausgabung. Gegen die Hertha waren wir in allen Statistiken besser.“
Dass die Roten Teufel dabei erstmals seit April wieder ein Heimspiel verloren, war für den Trainer kein Warnsignal, sondern Teil eines Entwicklungsprozesses. „Wir sind definitiv auf dem richtigen Weg“, sagte er. „Wir haben eine DNA gefunden, die bei vielen Fans Anklang findet. Aber wir müssen uns verbessern, um solche Partien auf unsere Seite zu ziehen. Das ist auch ein Reifeprozess.“
Mit 20 Punkten nach zwölf Spieltagen steht der FCK weiter ordentlich da, auch wenn der Kontakt zu den Aufstiegsrängen vorerst abgerissen ist. Lieberknecht sieht die Pause nun als Chance, um „Kräfte zu bündeln und Details zu schärfen“. Am 23. November wartet mit Holstein Kiel der nächste Prüfstein –
wieder im eigenen Stadion, wieder vor den eigenen Fans, deren Leidenschaft und Treue an diesem Traditionstag noch einmal gezeigt haben, was Kaiserslautern ausmacht: das Herz, das immer weiter schlägt, selbst wenn es an einem Abend kurz stillzustehen scheint.