Die Juristin war als erste Frau stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende und von 1998 bis 2002 Bundesjustizministerin. Heute lehrt die 82-Jährige an verschieden Unis, ist anwaltlich tätig und setzt sich in Ehrenämtern für Frauenrechte ein.
Auf die aktuelle Politik blickt Däubler-Gmelin, die sich in 37 Jahren Bundestagszugehörigkeit den Spitznamen „Schwertgosch“ erarbeitet hat, natürlich mit juristisch besonders wachem Auge. Die jüngsten Vorgänge um die missglückte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin zeigen nach ihrer Ansicht, „wie schnell und erfolgreich heute die Hatz auf anständige Leute organisiert werden kann“.
Gut gefüllter Terminkalender
Angesichts vieler aktueller Problemfelder fordert Däubler-Gmelin verstärkte Anstrengungen, um „verängstigten Menschen in unserer Zeit der Klimakrise und KI-Transformation die Gewissheit zu geben, dass wir morgen besser leben, wenn Regierungen und Bürger die notwendigen Änderungen jetzt mutiger umsetzen.“ Einigkeit müsse bei alledem aber darüber herrschen, dass das Völkerrecht immer gilt und umgesetzt wird. Auch das Problem hoher Mieten und die Bezahlbarkeit von Wohnraum treiben die ehemalige Justizministerin aktuell um. 2022/23 hatte sie die Expertenkommission geleitet, die in Berlin die Verfassungsmäßigkeit der Enteignung großer Wohnungsunternehmen untersuchen sollte und die grundsätzliche Möglichkeit einer solchen Maßnahme festgestellt hat, auch wenn noch viele offene juristische Fragen geklärt werden müssten. Aus Sorge, dass viele Menschen sich keine Wohnung mehr leisten können, hat sie sich persönlich entschlossen, mehrere junge, alleinerziehende Frauen mit geringem Einkommen zu unterstützen. Auch mit inzwischen 82 Jahren hat Däubler-Gmelin noch einen gut gefüllten Terminkalender. Sie engagiert sich beispielsweise im Beirat von Elsa-Deutschland e. V. für die deutsche und europäische Juristenausbildung, ist seit 2014 Ehrenpräsidentin des Bundesverbandes ehrenamtlicher Richterinnen und Richter und Mitglied im Kuratorium der Carlo-Schmid-Stiftung. Bei Zonta International setzt sie sich schon lange für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen ein. Ihre zeitweise bis zu 70 Arbeitsstunden wöchentlich versucht sie inzwischen zu reduzieren und „nähert sich allmählich der Normalität“ an.
Den Tag beginnt sie üblicherweise mit einem gemütlichen Frühstück mit ihrem Mann. Danach stehen häufig Beratungen, Videomeetings, Konferenzen oder Universitätseinsätze auf ihrem Tagesprogramm. Von ihren vielen Schirmherrinnen-Aufgaben ist ihr die Unterstützung der von ihr mit aufgebauten Deutschen Hospizbewegung besonders wichtig. Beratend tätig ist sie auch im Bereich Künstliche Intelligenz, wo sie dafür kämpft, „dass die nützliche Seite dominiert und nicht die Manipulation“. Um der Gefährdung der Gesellschaft durch die sozialen Medien entgegenzuwirken, fordert Däubler-Gmelin, dass diese Medien vergleichbaren Regelungen unterworfen werden wie andere Medien auch: „Aber da trauen sich die Verantwortlichen nicht ran. Da muss man aber ran“, betonte sie kürzlich in einem SWR-Gespräch.
Weltlage bereitet ihr Sorgen
Als „typische Schwäbin“ charakterisiert sich die Tübingerin trotz vieler Reisen als „bodenständig, mit einer großen Liebe zur Schwäbischen Alb“. Auch ihre Familie ist ihr wichtig, deshalb hält sie auch viel Kontakt zu ihren drei Enkeln, von denen der 18-Jährige gerade sein Abitur macht und der 16-Jährige und die 13-Jährige sich in der Freiwilligen Feuerwehr engagieren. „Ich habe viele Freunde, bin leidlich gesund und materiell abgesichert. Was will man mehr verlangen?“, sagt sie zufrieden. Auch im Alter müsse man immer bereit sein, etwas Sinnvolles zu machen und sich zu informieren. Sorgen bereitet Däubler-Gmelin die aktuelle Weltlage, wo für Putin und Trump bedauerlicherweise das Prinzip „Macht vor Recht“ gelte. „Wir in Europa sind aber darauf angewiesen, dass Partner sich an Regeln halten.“ In Sachen Putin gibt Däubler-Gmelin zu, dass sie sich politisch geirrt habe, als sie ihm vor einigen Jahren seine kooperative Haltung abgenommen hat: „Wir hätten früher erkennen können, wo die Interessen Russlands sind. Dann wäre es möglicherweise gar nicht so weit gekommen“, so sieht sie es heute. Kritisch verfolgt Däubler-Gmelin auch die zunehmende Abwendung vieler Menschen von der Demokratie: „Demokratie ist anstrengend. Wenn man nur auf den Zuschauerrängen sitzt und rummault, ändert sich nix“, sagt sie und fordert damit mehr Engagement von den Bürgern. Leute „mit Riesengehältern“ sieht sie in der Pflicht, nicht nur das Bestehende zu sichern, sondern auch „mehr Risiken einzugehen und neue Pfade einzuschlagen“.
Däubler-Gmelins Einsatz für die Chancengleichheit der Frauen hat über die Jahrzehnte nicht nachgelassen: „Frauen haben eine ganze Menge zu bieten, gerade wenn sie qualifiziert sind.“ Obwohl ihre Geschlechtsgenossinnen „nach wie vor anders sozialisiert werden, partnerschaftlicher, empathischer und geduldiger“, könne man ihnen nicht grundsätzlich Machtbewusstsein absprechen. Anders als bei Angela Merkel habe bei ihr selbst aber das letzte kleine Stück an Machtwillen gefehlt, um ganz an die Spitze zu kommen.