Nicht viel Gutes wurde für das erste Saisonspiel in Bochum erwartet. Es kam jedoch anders. Erstmals seit 2020 konnte der Hauptstadtclub wieder ein Auftaktspiel zur neuen Saison gewinnen. Nun soll zu Hause nachgelegt werden.
Ein ewiges Werden, das wurde einst der Stadt Berlin von dem Philosophen Ernst Bloch bescheinigt. Es trifft bis heute auf die Hertha zu. „Wir sind so, wie wir sind, das Berliner Sorgenkind!“ Diese Zeile aus einem Hertha-Lied stammt zwar aus dem Jahr 1967, hat aber leider nichts an Aktualität eingebüßt.
Erst 14 Tage vor dem ersten Saisonspiel in Bochum konnte die erste Neuverpflichtung der „Alten Dame“ bekannt gegeben werden. Die zuvor kolportierten Wechsel bestätigten sich nicht. Die Anhänger der Hertha machen sich ernsthaft Sorgen, Abgang um Abgang wurde verkündet und keinerlei Ersatz. Das zehntägige Trainingslager in Kitzbühel musste Trainer Stefan Leitl ohne einen einzigen Neuzugang beginnen, dafür bekamen Spieler aus dem Nachwuchs eine Chance. Die Generalprobe zum Abschluss des Trainingslagers gegen den Erstligisten 1. FC Köln verlief recht ordentlich. Der bisher einzige Neuzugang, ein Leihspieler vom FC Burnley, Oluwaseun Adewumi, kam im letzten Testspiel nach der Pause zu seinem ersten Einsatz im Hertha-Trikot. Er sorgte auf dem rechten Flügel durchaus für eine Belebung des Angriffsspiels. Nach den vereinbarten insgesamt 120 Spielminuten stand es 2:2. Jedoch, die Bewertung einer Vorbereitungsphase hat nur Bestand bis zum Anpfiff des ersten Spiels um die Punkte.
Ansehnlicher Zweitliga-Fight
Das Stadion in Bochum liegt nur eine halbe Stunde Fahrt mit dem Auto von der Arena auf Schalke entfernt. Dort bestritt die Hertha vor einem Jahr das Saisoneröffnungsspiel und verlor mit 1:2. Bekanntlich gelang den Königsblauen, was sich die Blau-Weißen aus der Hauptstadt eigentlich vorgenommen hatten, der Aufstieg in die Beletage des deutschen Fußballs. Von diesem Ziel scheinen die Berliner aktuell weit entfernt zu sein. Für das Spiel in Bochum hatte der Hertha-Trainer Stefan Leitl etwas verschmitzt verkündet, dass es vielleicht eine Überraschung geben könnte. Sie gelang tatsächlich. Die Startformation der Hertha verzeichnete keinen einzigen Neuzugang. Adewumi, zwölffacher U-21-Nationalspieler für Österreich, saß immerhin auf der Bank. Er braucht noch etwas Zeit, um sich zu integrieren, und hat noch etwas Trainingsrückstand. Dagegen konnte der Trainer des VfL Bochum fünf Neuzugänge an den Start schicken.
In einem ansehnlichen Zweitliga-Fight schenkten sich beide nichts. Schiedsrichter Wolfgang Haslberger zückte insgesamt siebenmal den gelben Karton. Fünf davon musste jeweils ein Herthaspieler quittieren. Den Gästen aus der Hauptstadt gehörte im ausverkauften Ruhrstadion die erste Hälfte des Spiels. Ihr hohes Pressing bereitete den Bochumern Probleme. Es lief bereits die 30. Minute, da konnte endlich der erste Torschuss für die Gastgeber notiert werden. Das einzige, goldene Tor des Spiels war sehenswert. Die Hertha wirkte sehr ballsicher und daraus konnten sie Kapital schlagen. Es lief die 39. Spielminute, eine schnell vorgetragene Kombination im Mittelfeld und Soufian Gouram, aus der Regionalligamannschaft zu den Profis befördert, spielte einen genialen Pass. Sebastian Grönning, einer der Verbliebenen aus dem Kader der vergangenen Saison, hob den Ball geschickt am herauseilenden Bochumer Kapitän Timo Horn vorbei ins Tor.
Bochums Trainer Uwe Rösler war nicht zufrieden mit der Leistung seiner Elf in der ersten Halbzeit. Mit Beginn der zweiten Hälfte war bereits der Arbeitstag für zwei seiner Profis beendet. Der VfL wurde stärker und Hertha hielt aufopferungsvoll dagegen. Insgesamt drei Riesenchancen konnten die Hausherren von der Castroper Straße nicht nutzen. Der Schlusspfiff, nach nur zwei Minuten Nachspielzeit, zu wenig für Bochums Trainer, der heftig reklamierte, erlöste die Hertha. Die zahlreich mitgereisten Hertha-Fans konnten feiern und machten durch ein nicht korrekt angebrachtes Banner auf sich aufmerksam.
Das Spiel musste in der 19. Minute unterbrochen werden. Das Banner blockierte einen Fluchtweg, betont langsam wurde es entfernt. In einer später veröffentlichten Stellungnahme wurde von einer bewusst herbeigeführten Verzögerung gesprochen. Die Ticketpreise steigen unverändert weiter. Ein horrender Topspielzuschlag in Höhe von zehn Euro sorgte für den Kartenpreis von 42 Euro in Teilen des Gästeblocks, und das beim selbsternannten „Arbeiterverein“. Der Fußball hat eine soziale Funktion und sollte bezahlbar bleiben. „Als unübersehbaren Widerspruch zu diesem horrenden Topspielzuschlag haben wir das Spiel symbolisch um einige Minuten verzögert“, hieß es.
Die Einschätzungen der Trainer, was die jeweilige Leistung ihrer Mannschaft betraf, gingen in der Pressekonferenz etwas auseinander. Der Berliner Trainer lobte die Intensität und Griffigkeit seiner Spieler. „In der ersten Halbzeit hatten wir das Spiel unter Kontrolle. Ein zweites Tor hätte für uns mehr Ruhe in die Begegnung bringen können, davon waren wir allerdings weit entfernt, insgesamt ein verdienter Sieg.“ Aus Bochumer Sicht wurde dem widersprochen. Ein Unentschieden wäre dem Spiel angemessener gewesen, so Rösler. Er musste eine Niederlage erklären und analysierte dabei Herthas Spielweise. Im Gegensatz zur vergangenen Saison, wo die Hertha mehr auf Einzelspieler gesetzt hatte, steht jetzt mehr die Mannschaft im Vordergrund und die gezeigte Geschlossenheit, gepaart mit dem gezeigten Leistungswillen, das war beeindruckend. Im defensiven Mittelfeld, auf der Doppelsechs, sah Rösler mit Paul Seguin und Kevin Sessa Hertha individuell besser besetzt.
Heidenheim kommt ins Olympiastadion
In den Auswärtsspielen hatte sich Hertha bereits in der vergangenen Saison etwas leichter getan. Dagegen gab es in den Heimspielen zu oft eine Enttäuschung. Zur Heimspiel-Premiere der neuen Saison kommt der Bundesligaabsteiger 1. FC Heidenheim ins weite Rund des Olympiastadions. Die Heidenheimer bezwangen in einer torreichen Begegnung Aufsteiger VfL Osnabrück mit 4:3. Sie haben einen ähnlich großen Umbruch im Kader zu verkraften. Da treffen am zweiten Spieltag zwei Sieger mit gewachsenem Selbstbewusstsein aufeinander. Was die Atmosphäre im Olympiastadion betrifft, so kann sie, trotz Laufbahn, durchaus mit den Phonzahlen im Bochumer Ruhrstadion mithalten. Im Verkauf der Dauerkarten konnte fast das Ergebnis aus dem vergangenen Jahr erreicht werden, mit aktuell 21.500 Tickets wurden nur 894 weniger verkauft. Der August ist für die Zweitligisten aufgrund des bis zum 1. September geöffneten Transferfensters ein undankbarer Monat. Die endgültigen Kader stehen, bis auf wenige Ausnahmen, noch nicht fest. Bei der Hertha ist ein möglicher Weggang von Innenverteidiger Linus Gechter nicht vom Tisch. Vom Trainer wurde er neben Paul Seguin zum Vizekapitän ernannt. Ein Vertrauensbeweis, verbunden mit dem Hintergedanken, dass der gebürtige Berliner seine Zukunft weiter bei der Hertha sieht. Bis sich das Transferfenster schließt, wird es noch zu einigen Löschungen und Neueintragungen in den Kaderlisten kommen.
Eine Alternative zum Berliner Weg gibt es für Hertha daher nicht. Das siegreiche Spiel in Bochum, bei dem fünf Spieler aus der eigenen Akademie in der Startformation standen, gibt die Richtung vor. Trotzdem muss der Kader verstärkt werden. Dringend gesucht werden ein Außenverteidiger für die linke Seite sowie ein weiterer Mittelstürmer. Aufgrund der angespannten Finanzlage kann wohl erst im „Sommerschlussverkauf“ zugegriffen werden.