Die August Hermann Francke Schule in Berlin-Spandau ist ein Ort der Begegnung und hat ein erklärtes Ziel: die Schüler nach deren individuellen Möglichkeiten bestmöglich zu fördern.
Um 10 Uhr wird in der UM 3 gefrühstückt. Frisch geschnittenes Gemüse, verschiedene Aufstriche, Brot und Getränke stehen bereit – einladend bunt. Drei Kinder und zwei Erwachsene haben sich um den großen Tisch versammelt. Die Stimmung ist entspannt und heiter. Auch das Mädchen, das an einem kleinen Tisch für sich sitzt, mischt sich immer wieder in das Gespräch ein. Auf dem Sofa am Fenster räkelt sich ein Junge, nachdem er kurz zuvor noch geschlafen hat. Tapsig bewegt er sich zu einer der Erwachsenen und setzt sich auf deren Schoß, sucht Nähe, kuschelt sich ein, um ganz aufzuwachen. Bald darauf sitzt er mit den anderen am Tisch – und dabei fällt zum ersten Mal auf, dass etwas anders ist. Der Junge kann nicht sprechen und gibt nur Laute von sich. Er trägt nicht nur ein großes Lätzchen, sondern hat auch ein Tablet vor sich stehen, auf dem er tippt. Dann ertönt eine digitale Stimme, ruhig und klar: „Ich will Brei.“ Später wird „Ich hab’ dich lieb.“ zu hören sein. Ein ganz normaler Dienstagmorgen in einer Klasse der August Hermann Francke Schule.
Auch pflegendes Personal dabei
Die Schule für Sechs‑ bis 18‑Jährige mit den Förderschwerpunkten geistige und körperlich-motorische Entwicklung gehört zum Evangelischen Johannesstift an der nordwestlichen Stadtgrenze von Berlin. Das 75 Hektar große Gelände im Spandauer Forst ist von Backsteinbauten und anderen Gebäuden geprägt: eine Kirche, ein Krankenhaus, eine Gärtnerei, diakonische Einrichtungen, mehrere Schulen. Seit 2021 gibt es den modularen Flachbau der August Hermann Francke Schule, in der aktuell 124 Kinder in 17 Klassen unterrichtet werden. Sechs bis acht Schülerinnen und Schüler werden von einer Sonderschulpädagogin oder einem Sonderschulpädagogen und einer pädagogischen Unterrichtshilfe betreut. Bei Bedarf sind weitere Betreuungskräfte und pflegendes Personal dabei. Zudem gibt es an der Schule unter anderem auch Therapeuten, eine Schulsozialarbeiterin, eine Schulsekretärin, zwei Hausmeister und eine Hauswirtschaftskraft. Rund 70 Menschen mit klarem Fokus: jedes Kind nach seinen Möglichkeiten bestmöglich fördern.
August Hermann Francke, der Namensgeber der Schule, war ein evangelischer Theologe und Pädagoge. Er gilt als Mitbegründer des preußischen Volksschulwesens und hatte vor mehr als 300 Jahren eine revolutionäre Bildungsidee: Schulunterricht für alle Kinder. Die Schulpflicht wurde hierzulande erstmals 1717 eingeführt, doch für Kinder mit Behinderung gilt diese in den westdeutschen Bundesländern erst seit Ende der 1960er-Jahre, der Osten folgte 1990 nach der Wiedervereinigung. 2009 ratifizierte Deutschland zudem die UN-Behindertenrechtskonvention, die das Recht auf inklusive Bildung für alle Kinder und Jugendliche mit Behinderungen festlegt. Ihnen solle „der Zugang zu einem einbeziehenden, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht ermöglicht werden“, heißt es darin. Und: „Innerhalb des allgemeinen Bildungssystems sollen angemessene Vorkehrungen getroffen und die notwendige Unterstützung geleistet werden, um eine erfolgreiche Bildung zu erleichtern. Weiterhin muss behinderten Menschen durch geeignete Maßnahmen der Erwerb lebenspraktischer Fertigkeiten und sozialer Kompetenzen ermöglicht werden.“
Auch Kunst- und Reittherapie
Was das in der Praxis bedeutet, wird in der August Hermann Francke Schule allerorts sichtbar. „Der Unterricht bereitet die Schülerinnen und Schüler auf gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben vor“, bringt es Schulleiterin Ulrike Müller auf den Punkt. Dazu gestalten die Pädagoginnen und Pädagogen den Unterricht individuell und orientieren sich dabei an den Fähigkeiten und Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen. Im Klassenteam werden die persönlichen Voraussetzungen, die Lerninhalte sowie die im Tagesverlauf stattfindenden Therapien sorgfältig miteinander abgestimmt und in einem gemeinsamen Stundenplan integriert.
In der UM 3 folgt auf das Frühstück der Morgenkreis. Zum Start gibt es Musik: Die Lehrerin holt die Gitarre, alle singen mit. Es folgt ein Hip-Hop-Stück aus dem kleinen Lautsprecher, wer mag, tanzt. Anschließend geht es um den Wochentag, das Datum, das Wetter und alles, was an diesem Tag noch auf dem Plan steht. Magnetische Kärtchen mit den entsprechenden Symbolen werden an die Wand geheftet, auch die Gebärden dazu werden gezeigt. Der Junge mit dem Tablet – ein Viertklässler – findet die Begriffe auf Anhieb. Zwischendurch kommt die Musiktherapeutin in die Klasse, um ein Kind abzuholen.
Auch Physiotherapie, Ergotherapie, logopädische Therapie, Kunsttherapie und Reittherapie werden an der August Hermann Francke Schule angeboten. „Wir arbeiten mit externen Therapeutinnen und Therapeuten zusammen. Gemeinsam stimmen wir die Therapien passgenau auf die aktuellen Unterrichtsinhalte und die individuellen Förderziele unserer Kinder und Jugendlichen ab“, erklärt Ulrike Müller. Ihre jahrzehntelange Erfahrung als Sonderpädagogin und Schulleiterin floss in die Planung der Schule ein: breite Gänge, Pflegeräume und ausreichend Abstellplätze für den Fuhrpark. „Es gibt Schüler, die haben einen Rollstuhl, ein Gehgerät und eine Sitzschale, dafür benötigen wir ausreichend Platz.“
Je zwei Klassen sind mit einem Zwischenraum verbunden, in dem gemeinsame Aktivitäten stattfinden. Das ist auch bei den sechs Inklusionsklassen von Vorteil. Dabei handelt es sich um Regelklassen, die im Rahmen einer Partnerschaft mit der benachbarten Evangelischen Schule Spandau im Schulgebäude der August Hermann Francke Schule untergebracht sind. „Es gibt viele Möglichkeiten, zusammenzuarbeiten, zum Beispiel bei Projekten oder bei einem gemeinsamen Wochenthema. Die Lehrerinnen und Lehrer entscheiden gemeinsam, was sinnvoll ist“, berichtet die Schulleiterin. Dass ihre Schule eine staatlich anerkannte, private Ersatzschule ist, die auch Förder- und Spendenmittel erhält, zeigt sich an den Räumlichkeiten. Die Therapieräume sind modern ausgestattet, der Außenbereich ist gepflegt und lädt zum Spielen und Entspannen ein.
In jeder Klasse gibt es eine Küchenzeile, dazu Sitzmöbel, Schränke, Regale und eine Terrassentür, die in den Garten führt. Auf den ersten Blick lassen nur Smartboard und ein PC-Arbeitsplatz erahnen, dass hier Unterricht stattfindet. Deutlich wird es bei den Rollcontainern, die jeweils mit dem Namen eines Kindes beschriftet sind. In den Schubladen finden die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben für den Tag.
Kommunikation mithilfe von Symbolen
Nicht jede Klasse arbeitet mit diesem System; es gibt zum Beispiel auch Pä-dagogen, die Wochenpläne verwenden. Diese Methodenfreiheit schätzt das Kollegium, berichtet Ulrike Müller: „Die Lehrerinnen und Lehrer haben hier viele Gestaltungsmöglichkeiten und können ihre Ideen umsetzen sowie die eigene Kreativität einbringen.“ Zu Beginn des Schuljahres erstellen die Pädagoginnen und Pädagogen für jede Schülerin und jeden Schüler einen Förderplan, der im Jahresverlauf überprüft und angepasst wird. Einmal jährlich werden die Eltern zum Entwicklungsgespräch eingeladen.
Elternarbeit ist ein wichtiges Thema an der August Hermann Francke Schule. „Der Schuleintritt ist ein großer Schritt für Familien mit Kindern mit Einschränkungen. Bei manchen Eltern ist er mit Ängsten verbunden, anderen fällt es schwer, ihre Tochter oder ihren Sohn in fremde Hände abzugeben“, erzählt Ulrike Müller. Entsprechend großen Raum nimmt das gegenseitige Kennenlernen ein. Eineinhalb Jahre vor Schulbeginn gibt es für Eltern und Betreuende Gelegenheit, an einem Tag der offenen Tür in der Schule zu hospitieren. Darauf folgen Einzelgespräche und Gelegenheiten zum Austausch, und wenn es für beide Seiten passt, wird ein Schulvertrag abgeschlossen.
„Nach der Zusage habe ich vor Erleichterung geweint“, erinnert sich Jasmin Duman an den Moment, als sie von der Entscheidung erfuhr. Denn die August Hermann Francke Schule habe sich von Anfang an als der richtige Ort für ihren Sohn angefühlt: „Hier ist jedes Kind willkommen und wird von liebevollen Menschen betreut.“ Als Schulelternsprecherin ist sie regelmäßig in Kontakt mit der Schule. In den zwei Jahren, in denen sie das Amt bekleidet, habe sie noch keine Beschwerde von anderen Eltern gehört. Das könnte auch an der gut funktionierenden Kommunikation liegen: Jasmin Duman, deren Sohn an frühkindlichem Autismus leidet und nahezu nonverbal ist, erfährt von dessen Lehrerin täglich, wie der Schultag verlaufen ist.
Jasmin Dumans Sohn kommuniziert, wie viele seiner Mitschülerinnen und Mitschüler, in der Schule und zu Hause mithilfe eines Tablets. Dabei kommt das mehr als 10.000 Symbole umfassende System Metacom zum Einsatz, die sowohl als Kärtchen im Schulalltag als auch in der App zu finden sind. Der Bildschirm zeigt eine übersichtliche Oberfläche mit Symbolen, Bildern und Wörtern, die das Kind antippen kann. Diese Symbole sind in thematische Felder wie „Essen“, „Spielen“ oder „Gefühle“ sortiert und führen zu weiteren Auswahlmöglichkeiten. So kann die Schülerin oder der Schüler mitteilen, was sie oder er braucht, denkt oder fühlt – auch wenn er oder sie nicht sprechen kann. Die Inhalte können individuell angepasst werden: Je nach Alter, Entwicklungsstand und Interessen des Kindes wird der Wortschatz aufgebaut. Jasmin Duman hat auf dem Tablet ihres Sohnes Fotos von Familienmitgliedern integriert. So kann er mitteilen, wen er am Wochenende besuchen möchte. So wächst die Kommunikationsfähigkeit Stück für Stück – und das Kind erlebt: Ich kann mich ausdrücken. Ich werde verstanden. Auch der Junge aus der UM 3 hat sichtlich Spaß am Umgang mit dem Tablet. Der Zehnjährige mit Downsyndrom beteiligt sich damit aktiv am Unterrichtsgeschehen und sorgt zwischendurch für Heiterkeit: Er sucht sich das Symbol für „Schaf“, drückt darauf und versucht, das Tier nachzuahmen. Alle lachen mit ihm. Eine kleine Aktion, die zeigt, wie viel er versteht und dass er sich bemüht, zu kommunizieren.
Auch Praktika werden absolviert
„Wir möchten eine passende Kommunikationsform für jedes Kind finden und unterstützen bei der Beschaffung des dafür notwendigen Materials. Eltern und Bezugspersonen beziehen wir in den Prozess mit ein“, sagt Ulrike Müller. Denn jeder Mensch braucht Sprache, um sich selbst zu finden, zu lernen und am Leben teilzuhaben. Mit manchen Schülern erfolgt die Kommunikation basal, also über Körperkontakt und Körpersprache, mit anderen über Gebärden oder taktile Symbole. Einige kommunizieren über Objekte, indem sie durch Blickrichtung oder Zeige- und Greifbewegungen Gegenstände auswählen, die für ihr Anliegen wichtig sind. Über die geeignete Methode sowie die Bedürfnisse des Kindes sprechen die Klassenlehrer bereits lange vor dem Schulstart bei einem Hausbesuch mit den Eltern. Dieser ist auch wichtig in Hinblick auf die Gestaltung der Räumlichkeiten. Für Jasmin Dumans Sohn gibt es eine eigene Schaukel, die ihm Sicherheit und Geborgenheit bietet.
Der erste Schultag wird an der August Hermann Francke Schule groß gefeiert, denn er markiert den Beginn eines neuen Lebensabschnitts sowohl für das Kind als auch für die Eltern. Von da an ist es unter der Woche von 8 bis 15 Uhr Teil der Schulgemeinschaft, bei Bedarf gibt es den Hort bis 17 Uhr. Der Abschied erfolgt spätestens nach der zwölften Klasse. In den letzten beiden Jahren geht es um Zukunftsperspektiven. „Wir besprechen mit den Jugendlichen und deren Eltern die Möglichkeiten des Einstiegs in das Berufsleben, nach Möglichkeit werden Praktika absolviert“, berichtet Ulrike Müller und weist erneut auf das erklärte Ziel der Schule hin: ein möglichst hohes Maß an gesellschaftlicher Teilhabe sowie selbstständiger und selbstbestimmter Lebensgestaltung.
Die gemeinsame Arbeit an diesem Ziel sei zwar oftmals herausfordernd, aber vor allem von Freude geprägt. Diese positive Grundstimmung spiegelt die starke Schulgemeinschaft wider: Kinder und Jugendliche, die gerne in die Schule gehen, Lehrkräfte und Betreuer, die den Schülern offen und zugewandt begegnen, eine Schulleiterin, die sich tatkräftig engagiert, und Eltern, die ihre Töchter und Söhne an einem guten Ort wissen.