Tasmanische Teufel stehen für Durchsetzungsvermögen. Wie die Spieler der Australian Open, die der Hitze vom 18. Januar bis zum 1. Februar trotzen. Justin Engel versucht nach höllisch guter Saison sein Glück als Qualifikant. Ex-Lucky-Loserin Eva Lys bleibt auf Erfolgskurs.
Und dann ist da noch Zverev. Alexander, der immer noch nicht ganz Große. Der dennoch eine ganz große Karte im internationalen Tennis und vorerst einer der zwei erfolgreichsten deutschen Spieler aller Zeiten bleibt. Ein Hoffnungsträger. Auch wenn der Begriff für einen, der stabil als Nummer drei auf den Courts der Welt aufschlägt, untertourig gewählt zu sein scheint.
Vergangenes Jahr unterlag der 28-jährige Hamburger im Finale des ersten Grand Slams der Saison knapp Jannik Sinner. Dem Südtiroler, der wie Carlos Alcaraz aus einer anderen Galaxie zu kommen scheint. „Das war ein harter Moment für mich“, sagte Zverev. Nachdem er zum dritten Mal bis ins Endspiel der höchstrangigen Turniere vorgedrungen, aber dort gescheitert war, gab das Vorbild vieler Tennis-Kids eine klare Botschaft aus: Er wolle nicht als der beste Spieler in die Geschichte eingehen, der nie einen Grand Slam gewonnen hat.
Nachdem das Dominanz-Duo „Fedal“, Roger Federer und Rafael Nadal, die Profitour verlassen hatte, hätte der Ball soft an Zverev gehen können: Denn 2022 checkte „Sascha“ erstmals auf Position zwei im internationalen Ranking ein. Auch 2024 und 2025 hielt er sich viele Monate als zweitbester Tennisspieler der Welt.
Anfang 2026 wirkt allerdings ein neues Spitzenpaar auf den Plätzen der zwei Führenden festgefroren: Jannik Sinner und Carlos Alcaraz. Beide jünger und mit mehreren Grand-Slam-Titeln nach Major-Maßstab auch erfolgreicher als der berühmteste Spross einer Tennisfamilie.
Im Urlaub stießen Sinner und Zverev unlängst aufeinander: Ihre Destinationen scheinen die gleichen zu sein. Mit Sicherheit auch die, ein weiteres Mal um den schweren Pokal in Melbourne im Finale miteinander zu kämpfen. Der Südtiroler kann dabei auf Autostart drücken: Zweimal nacheinander gewann er zuletzt die Schüssel in Australien.
Überraschende Trennung
„Ich glaube und hoffe, dass dieses Jahr alles anders wird“, setzt sich indes Alcaraz unter Druck. Bislang war der sechsfache Grand-Slam-Sieger locker und unverkrampft, wenn es um Sieg oder Niederlage ging. Dieses Unverkrampfte trug wohl auch zu seinen frühen Erfolgen bei. Doch jetzt soll der 22-Jährige noch mehr leisten. Dabei hat er als Nummer eins der Welt seine bislang beste Saison mit 71 Matchsiegen und mehr als 12.000 Rankingpunkten abgeschlossen. Der Spanier teilte sich die vier Grand-Slam-Titel 2025 gerecht mit Sinner auf.
Der „Happy Slam“ zum Jahresauftakt ist jedoch sein Angstturnier. Gegenüber „Cope Murcia“, seinem heimischen Radiosender, sagte Alcaraz: „Mein Ziel für 2026 ist Australien, und das Gute und Schlechte daran ist, dass es das erste Turnier des Jahres ist.“
Eine solche Ansage bedeutet Stress. Ein Coach mag sie als Signal sehen, seinem Schützling strikte Trainingsdisziplin abzuverlangen. Noch dazu während der „Zwischensaison“, die auch Erholung bringen soll. Und nicht für Show-Events und ähnliche Glamour- und Spaß-Turniere jenseits der ATP-Arbeitstour verschwendet werden sollte.
Juan Carlos Ferrero begleitete Carlos Alcaraz etwa sieben Jahre als Trainer. Überraschend kam daher die Trennung der beiden angesichts der großen Erfolge, besonders auch 2025. Auseinanderleben kann manchmal auch an unterschiedlichen Vorstellungen liegen, wie das jeweilige Private zu gestalten und das Berufliche anzupassen ist. Was bei einem Trainer-Spieler-Gespann zwei familiäre Umfelder betrifft.
Alcaraz’ Trainer Juan Carlos Ferrero sagte kurz vor Jahresende via Instagram „Goodbye“. Und äußerte doch die Hoffnung, zu einer anderen Zeit wieder mit dem jungen Carlos zusammenzuarbeiten. Eine Trennung in beiderseitigem Einvernehmen und doch ein Stück Drama: Ob der 22-Jährige ohne seinen langjährigen Vertrauten bessere Chancen hat, erstmals über das Viertelfinale „Down Under“ hinauszukommen? Mit mehr Freiheit, ohne seinen bisherigen Haupttrainer? Wird es Alcaraz gelingen, angesichts des Drucks, kurz nach der Trennung, zum Saisonstart all den großen Erwartungen und der enormen Hitze und Luftfeuchtigkeit im australischen Sommer standzuhalten?
Auch bei Zverev geht es ums passende Umfeld: Das Finale in Melbourne kostete ihn 2025 viel Kraft. Zwischendurch gewann er das 500er-Turnier in München. Bei den US Open schickte ihn Felix Auger-Aliassime nach der dritten Runde heim.
Der Kanadier gilt als Mitfavorit auf den Pokal in Melbourne. Mit einer Siegesserie in der zweiten Jahreshälfte bugsierte er sich 2025 auf sein bisheriges Karrierehoch von Platz fünf. Frisch verheiratet und wieder frei von lästigen Blessuren könnte der 26-Jährige selbst Sinner und Alcaraz beim „Happy Slam“ gefährlich werden: „Seit meiner Kindheit war es mein Ziel, Grand Slams zu gewinnen und die Nummer eins der Welt zu werden. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt, aber immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann“, sagte Auger-Aliassime.
Von Platz 130 in die Top 40
An die Spitze hastet derzeit auch Daniel Altmaier. Der Kemptener ist zum Saisonwechsel auf dem 46. Weltranglistenplatz sowie seinem persönlichen Karrierehoch angelangt. Auch er schwebt derzeit auf Wolken, sofern seine Bildunterschriften auf Instagram nicht lügen: „Wir sind verheiratet. Es ist fast unmöglich, das in Worte zu fassen. Das Glück, das wir in diesem Moment empfinden, ist etwas Magisches. Der 6.12. war der schönste Tag unseres Lebens“, schrieb der 27-Jährige, nachdem er Paulina Nieto das Ja-Wort gegeben hatte.
Als dritter Deutscher hat sich Jan-Lennard Struff direkt fürs Hauptfeld qualifiziert. Über Challengers arbeitete sich der BMW-Open-Sieger von 2024 auf die Weltranglistenposition 84 vor. Yannik Hanfmann, auf Position 104 knapp am Hauptfeld vorbei, muss darauf hoffen, dass andere Spieler absagen, um ohne kräftezehrende Qualifikation direkt im Wettbewerb zu stehen.
Viele Augen werden sich in diesem Jahr auf Eva Lys richten. Die gebürtige Ukrainerin brillierte vor einem Jahr in Melbourne als Lucky Loserin, bis sie im Achtelfinale das Pech hatte, auf Iga Swiatek zu treffen. Davon unbeeindruckt rückte die 23-Jährige 2025 zur besten deutschen Spielerin auf.
„Von 130 auf Top 40 … Ich versuche, nicht zu emotional zu werden, aber wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, kommen mir die Tränen. Ich habe Schmerzen, Sorgen und schlaflose Nächte durchgestanden“, resümierte Lys ihre Saison auf Instagram.
Kein Wunder, dass sie als Newcomerin 2025 von der Profi-Organisation WTA nominiert wurde. Auch wenn sie bei der Titelvergabe am Ende doch der 19-jährigen Victoria Mboko unterlag. Denn 2025 brachte einige beeindruckende Talente auf die Erfolgsspur. Die Kanadierin gelangte sogar von außerhalb der Top 300 auf Platz 18 der Weltrangliste. Bei den Masters in Montreal lehrte sie eine Topspielerin nach der anderen das Fürchten und holte sich am Ende den Titel.
Wer Damen-Tennis der Zukunft sehen will, sollte sich die Matches von Lys, Mboko und Lois Boisson ansehen. Eurosport beziehungsweise DAZN übertragen die Australian Open. Alle Matches sollen über ein Abo bei Discovery+ zu sehen sein, auch für diejenigen, die nicht zwischen ein Uhr nachts und Frühstücksfernsehen die Partien von Deutschland aus verfolgen können. Die Französin Boisson stand ebenfalls jenseits der Top 300, als sie bei ihrem Grand-Slam-Debüt bis ins Halbfinale der French Open vorpreschte. Sie schaffte es 2025 bis auf Rang 36.
Das Ziel: in die Top 100 kommen
Bei den besten 100 Spielerinnen der Welt ist auch die erst 20-jährige Ella Seidel angelangt, als sie beim WTA-Turnier in Seoul ins Viertelfinale einzog. Die gebürtige Hamburgerin darf deshalb ohne Qualifikation in Melbourne antreten. Ebenso Laura Siegemund und Tatjana Maria, die sich wieder einmal unter den Top 50 der Welt tummeln.
Der Nachwuchs harrt auch bei den Männern bereits im Anflug aufs Hauptfeld aus: „Mein Ziel für nächstes Jahr ist, dass ich mich für einen Grand Slam qualifiziere. Egal ob über die Rankings oder die Quali. Und am Ende des Jahres Top 100“, sagte Justin Engel, als er sich als erster Deutscher am Jahresende 2025 für die Next Gen ATP Finals qualifiziert hatte. Der 18-jährige Nürnberger kam als jüngster Teilnehmer nicht über die Gruppenphase hinaus. Egal: Denn im Oktober 2025 holte er in Hamburg seinen ersten ATP-Challenger-Titel und gewann dabei sieben Tiebreaks. So sprintete Engel im Ranking von Platz 235 auf 188 und sicherte sich die Zulassung für die Australian-Open-Quali 2026.
Und dann war da noch Roger Federer. Der 44-Jährige, der 20 Grand-Slam-Titel elegant erspielte, wird noch einmal bei den Australian Open antreten: Am Abend der Eröffnungsfeier soll sich der Schweizer in einem „Kampf der Weltnummern eins“ mit dem viermaligen Australian-Open-Sieger Andre Agassi sowie den australischen Legenden Patrick Rafter und Lleyton Hewitt auf dem Platz messen.
Novak Djokovic nimmt indes mit 38 Jahren – jenseits der Show-Auftritte – Anlauf auf seinen elften Titel bei den Australian Open. Der 39-jährige Rafael Nadal, der im November 2024 zurückgetreten war, scherzte jüngst, als er sich an der Hand operieren ließ: „Sieht so aus, als könnte ich die Australian Open nicht spielen.“ 22 Grand-Slam-Titel können einem Superstar auch genug sein. In Melbourne dürfte der genesende Spanier nicht einmal an der Bande sitzen. Auch wenn ihn manche gern als neuen Trainer von Carlos Alcaraz sehen würden. Doch der muss vorerst wohl ohne Promi-Coach auskommen.