Bei den jüngsten Hitzejahren handelt es sich keineswegs um eine einmalige Klima-Anomalie. Auch wenn diese in den vergangenen Jahren gehäuft und regelmäßig auftreten: Wetterextremereignisse hat es über die Jahrhunderte immer wieder gegeben.
Hitze und Dürreperioden vergangener Jahrhunderte hatten lange Zeit allenfalls Klimatologen, Historiker oder Vertreter der jungen Disziplin der Klimageschichte interessiert. In der breiten Öffentlichkeit blieben sie dagegen im Unterschied zu ebenso kurzfristigen wie spektakulären Extremereignissen wie Erdbeben, Hochwasser oder Sturmfluten meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Aufgrund der kontinuierlichen Hitzerekorde der vergangenen Jahre hat sich ein vor allem durch die Medien geschürter Sinneswandel vollzogen. Was dazu geführt hat, dass einige prägnante Beispiele von Hitze- und Dürrejahren aus dem Mittelalter dem Vergessen entrissen wurden, um daraus Vergleiche oder Rückschlüsse auf die aktuellen Entwicklungen des bedrohlich voranschreitenden Klimawandels ziehen zu können.
Dürre selbst bei Dante erwähnt
Dabei wurde insbesondere das von einer sogenannten Megadürre betroffene Jahr 1540 medial in den Mittelpunkt gerückt, weil es von einer EU-Forschungsstelle im Jahr 2022 als schlimmste Trockenheit seit Menschengedenken eingestuft worden ist. Der sogenannten Jahrtausenddürre des Jahres 1540 stand allerdings das Jahr 1473 kein bisschen nach. Hinsichtlich seiner Hitzedauer und seiner räumlichen Ausbreitung war die Situation sogar noch katastrophaler. 2021 wurde zudem eine bis dahin noch weitgehend unbekannte, rund 720 Jahre zurückliegende Dürreperiode des europäischen Mittelalters in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Bei dieser war es zwischen 1302 und 1307 wegen einer sogenannten starken und stabilen Hochwetterlage ebenfalls zu einer extremen Dürre gekommen.
Fraglos besonders interessant dürfte dabei das letztgenannte Ereignis sein, da es sich während der größten globalen klimatischen Veränderung der vergangenen 1.000 Jahre vor der gegenwärtigen Erderwärmung abgespielt hat. Und zwar beim Übergang von der Mittelalterlichen Warmzeit (MCA), die auch als Mittelalterliche Klima-Anomalie bezeichnet wird, zur Kleinen Eiszeit (LIA), die bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert andauerte und die vermutlich kälteste Periode der vergangenen 8.000 Jahre war. Anders als heutzutage wurde das Klima ab dem späten Mittelalter daher nicht wärmer, sondern kälter, auch wenn die globalen Temperaturen nur um etwa ein Grad absanken. Vor allem die Winter wurden kälter und länger, die Sommer dafür kürzer, dabei häufig warm und trocken. Dramatisch war vor allem die Zunahme drastischer Wetterereignisse mit einem stetigen Wechsel zwischen anhaltenden Dürren und schier endlosen Regenphasen.
Viele Klimaforscher datieren den Beginn der Übergangszeit von der MCA zur LIA auf die Wende zum 14. Jahrhundert. Und genau zu jener Zeit kam es laut einer 2021 veröffentlichten Studie von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europas und für sogenannte Troposphärenforschung im Mittelmeerraum zwischen 1302 und 1304 zu einer Dürreperiode, an die sich zwischen 1304 und 1306 heiß-trockene Sommer nördlich der Alpen anschlossen. „Aus Sicht der Klimageschichte handelt es sich dabei um die stärkste Dürre des 13. und 14. Jahrhunderts“, erklären die Forscher. Da Quellen aus dem Nahen Osten gleichzeitig ebenfalls von großen Dürren und einem ungewöhnlich geringen Wasserbestand des Nils berichten, war für die Studienautoren die Vermutung naheliegend, dass die damalige Dürre nicht nur ein regionales Phänomen war, sondern wahrscheinlich transkontinentale Ausmaße gehabt haben könnte. „In den meisten Teilen Westeuropas wirkten sich Dürren weitgehend positiv aus, da die landwirtschaftliche Produktion in diesen Gebieten auf Getreide und Wein basierte. Diese Pflanzenarten tolerieren Trockenheit gut, solange der Wasserstress das Pflanzenwachstum nicht behindert, wie es in Extremfällen wie 1540 der Fall war. Dürren führten daher selten zu sozioökonomischen Katastrophen im Vergleich zu den häufig mit Feuchtigkeitsanomalien verbundenen“, erklären die Forscher in der Studie.
Die Dürre fand sogar Eingang in die Literaturgeschichte, weil Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ die Anstrengungen der von Trockenheit besonders betroffenen Stadt Siena auf der Suche nach dem mythologischen unterirdischen Fluss namens „Diana“ und den Erwerb des Hafens Talamore in der Südtoskana für Getreideimporte verspottet hat. Parma und Siena ließen tiefere Brunnen für die Wasserversorgung ihrer Bürger errichten. Aus Angst vor Feuersbrünsten wurde in Italiens Städten die Aufstellung von Wassereimern neben den Haustüren zur Pflichtaufgabe. Das konnte aber den Großbrand von Florenz im Juni 1304 mit mehr als 1.700 zerstörten Gebäuden nicht verhindern. Nördlich der Alpen wurde von einer Austrocknung der Flüsse Rhein, Loire, Donau und Seine berichtet, wodurch die Schifffahrt erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Wasserknappheit, die erst recht die kleinen Flüsse versiegen ließ, führte zudem zu einer Stilllegung vieler Mühlen.
Im Jahr 1473 wurden die Dimensionen von Hitze und Dürre nochmals deutlich getoppt. Diese hatten einen Großteil Europas mit wenigen Unterbrechungen sogar mehr als 14 Monate lang fest im Griff. Im Juli brannten die Wälder von Frankreich bis Polen bei Temperaturen von weit über 40 Grad. Nahezu der gesamte Kontinent war von einem Rauchschleier überzogen. Kleine Flüsse trockneten komplett aus, größere verkamen zu Rinnsalen. Wieder standen die Mühlen still, der Energiekollaps ließ Mehl und Brot verknappen. Nutztiere verendeten vor Hunger und Durst. „Der große Tod“ ging um, wie zeitgenössische Chronisten berichteten, wobei Infektionen aufgrund verunreinigten Wassers hauptursächlich gewesen sein dürften.
Auswertung durch gut 300 Chroniken
In Sachen medialer Berichterstattung rund um Dürren des Mittelalters kumuliert allerdings alles rund um das Jahr 1540, weil es ebenso wie schon das Jahr 1473 die Hitzeperioden der jüngsten Vergangenheit weit in den Schatten stellte. Die Schrecken der Naturkatastrophe von 1540 konnte ein 32-köpfiges internationales Forschungsteam im Jahr 2014 durch die Auswertung von mehr als 300 Chroniken aus ganz Europa rekonstruieren.
Elf Monate lang war 1540 in Mitteleuropa so gut wie kein Regen gefallen. Die gesamte Niederschlagsmenge des Jahres betrug gerade einmal ein Drittel der sonst üblichen Menge. Ein sogenannter Hochdruckrücken hielt dauerhaft Tiefdruckgebiete fern. Weil kein Wasser verdunsten konnte, wobei Wärme verbraucht worden wäre, heizte sich die Luft immer weiter auf. Das Thermometer kletterte im Sommer deutlich über die Marke von 40 Grad Celsius, die Menschen suchten vor der Hitze Zuflucht in ihren Kellern, wie das Beispiel der südfranzösischen Stadt Besançon belegt. An mindestens dreimal so vielen Tagen wie üblich war es 1540 mehr als 30 Grad heiß. Im ausgetrockneten Boden taten sich laut zeitgenössischen Berichten Risse auf, die teils so tief waren, dass man die Beine darin baumeln lassen konnte. Schon Anfang August warfen die staubtrockenen Bäume ihre Blätter ab. Manche Beschreibungen wirken geradezu apokalyptisch. Waldbrände wüteten von den Vogesen bis nach Polen. Beißende Rauchschwaden trübten das Sonnenlicht. Einbeck ging im Juli in Flammen auf – was aber kein Einzelfall war, weil die Fachwerkhäuschen in den eng bebauten Städten in Windeseile Feuer fingen. Brunnen und Quellen trockneten aus, Lindau im Bodensee verlor seinen Inselstatus, weil der Wasserspiegel gleichsam ins Nichts absank. Nutztiere mussten notgeschlachtet werden.
Hitze sorgte für Jahrtausendwein
Die damaligen Kernbereiche der Wirtschaft wie Landwirtschaft, Binnenschifffahrt oder die mit Wasserkraft angetriebenen Mühlen wurden erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Da Getreide größtenteils verdorrte, gingen die Preise für Mehl und Brot durch die Decke. Hungersnöte konnten nur deshalb vermieden werden, weil robustere Getreidearten wie Roggen und Hafer den Klimawidrigkeiten standhielten. Verunreinigtes Wasser förderte die Ausbreitung von Epidemien wie der Ruhr und anderer Darminfekte – mit oft tödlichem Ausgang. Die Zahl der Opfer von Hitze und Krankheiten im Jahr 1540 wird auf 500.000 bis eine Million geschätzt. Auf der Suche nach Verantwortlichen für die Extremzustände kam es vielerorts wie in Wittenberg zu Hexenjagden.
Einzig die Winzer konnten frohlocken, weil 1540 ein geradezu herausragendes Jahr für den Wein war. Die Ernte war reichlich, weshalb die überaus alkoholreichen Tropfen preisgünstig und vielerorts billiger als Wasser abgegeben werden konnten. Das führte etwa in Köln zu regelrechten Exzessen, bei denen Bürger volltrunken auf den Straßen liegend gefunden wurden. Manche Fässer des Jahrtausendweins mit hohem Zuckergehalt wurden wie im fränkischen Würzburg auch eingelagert. Im 19. Jahrhundert konnte daher Bayerns König Ludwig II. einige davon an einen englischen Händler verkaufen, um damit seine Märchenschlösser mitzufinanzieren.