Der Qualifizierungsverbund QLEE soll seit vier Jahren der ehemaligen Kohleregion Lausitz Glück bringen. Ein Kooperationsprojekt will mit Weiterbildungen, Qualifikationen und Informationsangeboten konkrete Unterstützung in der „grünen“ Transformation bieten.
Was ist drei Jahre nach einem ersten Gespräch aus der Power-Idee von Martin Heusler (Lausitz Energie Bergbau AG; LEAG), Jan Hinrich Glahr (Bundesverband Erneuerbare Energie; BEE) und Dr. Evelyn Schmidt-Meergans (Institut für Betriebliche Bildungsforschung; IBBF) geworden?
Herr Heusler, die Lausitz hat sich mit ihrer Kohle schon immer als Energieregion empfunden. Das Kohle-Aus stellt alles seit Generationen Dagewesene auf den Kopf. Sie haben Teilnehmer, deren Familien klassisch vom Arbeiten mit Kohle lebten. Stehen solche Menschen Berufen mit erneuerbaren Energien aufgeschlossener gegenüber, nachdem sie im QLEE weitergebildet und qualifiziert wurden?
Martin Heusler: Die Lausitz war, ist und bleibt eine Energieregion – nur die Art der Energiegewinnung, der Speicherung und der Nutzung ändert sich. Damit gehen natürlich neue Anforderungen für die Beschäftigten einher. Und das gehen wir mit dem QLEE-Projekt an. Unsere Teilnehmenden sind gut ausgebildete Facharbeiterinnen und Facharbeiter. Sie bringen einen großen Schatz an Praxiswissen mit. Darauf können wir sehr gut aufbauen und neue Inhalte vermitteln beziehungsweise schulen. Ich erlebe die Teilnehmenden als hochmotiviert und interessiert. Jeder will sich in den Zukunftsbereichen gut aufstellen, und viele sehen genau darin eine Chance, sich weiterzuentwickeln und neue berufliche Perspektiven auszuloten.
Seit Projektstart 2022 bis September 2025 nahmen 1.675 Menschen an 99 Qualifizierungsmaßnahmen teil. Der Frauenanteil liegt mit konstant 32 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt von 27 Prozent bei technischen Weiterbildungen. Beobachten Sie, dass Frauen erneuerbaren Energien offener gegenüberstehen als Männer?
Dr. Evelyn Schmidt-Meergans: Unsere Erfahrungen bestätigen das. Auch wenn der Anteil von Frauen niedriger ist als der der Männer, treffen Frauen laut Umfragen häufiger klimafreundliche und nachhaltige Entscheidungen und unterstützen die Energiewende stärker. Studien zeigen, dass Frauen offener gegenüber erneuerbaren Energien sind – insbesondere, wenn sie sich gleichberechtigt beteiligt und kompetent fühlen. Sie zeigen aber auch, dass patriarchale Strukturen im Energiesektor Frauen oft ausschließen und ihre Motivation zur Beteiligung hemmen.
Deswegen setzen wir uns für eine geschlechtergerechte Energiewende ein, die nicht nur gerechter, sondern auch effektiver sein könnte. So binden wir Expertinnen proaktiv in unsere Austausch- und Diskussionsformate ein und werben in den Verbundunternehmen um eine stärkere Qualifizierungsbeteiligung von Frauen.
Gibt es in der Lausitz, rund um Sonne, Wind und Wasserstoff, bessere Jobs und Karrierechancen für Frauen als in anderen technischen Berufen?
Dr. Evelyn Schmidt-Meergans: In der Lausitz bieten Berufe in den erneuerbaren Energien nicht nur bessere Einstiegschancen, sondern auch mehr Sinn, Vielfalt und Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen als viele klassische technische Berufe wie Maschinenbau oder Elektrotechnik. Während in letzteren der Frauenanteil etwa elf bis 15 Prozent beträgt, sind es in den Berufsfeldern Windenergie/Solar/Wasserstoff bis zu 30 Prozent. Die Kombination aus Nachhaltigkeit, Innovation und regionalem Strukturwandel macht die Branche der Erneuerbaren besonders attraktiv –
und sie wird aktiv durch Netzwerke und Programme gefördert: zum Beispiel „Netzwerk F – Frauen.Leben.Lausitz“.
Am Anfang gab es den Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), das Unternehmen LEAG und das Institut für Betriebliche Bildungsforschung (IBBF) als Initiatoren, die sich in Berlin trafen und besprachen, was konkret mit dem QLEE für den Strukturwandel in der Lausitz getan werden kann. Vier Jahre später zählt Ihr Netzwerk mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung 21 Unternehmen. Wie profitieren kleine und mittlere Unternehmen vom Bildungsangebot des QLEE, und welche Expertise und Angebote bringen die Mitglieds-Firmen ein?
Dr. Evelyn Schmidt-Meergans: Kleine und mittlere Unternehmen profitieren unmittelbar von QLEE. Der Qualifizierungsverbund bietet maßgeschneiderte Qualifizierungen und stärkt dadurch die Innovationskraft. Weiterbildung erhöht die Mitarbeiterbindung und trägt damit zur Fachkräftesicherung und Arbeitgeberattraktivität bei. Ein großer Hebel liegt in der Kosteneffizienz und Ressourcenersparnis durch die Bündelung von Weiterbildungskosten. Die Mitgliedsunternehmen, vor allem KMU, bringen Branchenerfahrung, Weiterbildungsbedarfe und fachliche, insbesondere marktbezogene, Expertise in den Verbund ein.
Wie sieht das konkret aus?
Auf unseren Verbundtreffen steht die Vernetzung zwischen den Unternehmen ganz stark im Fokus. Die Unternehmen engagieren sich aktiv. Sie stellen Lösungen sowie Ansätze aus ihrer täglichen Praxis vor und tauschen sich dazu aus.
Die Sonne hat Power, der Wind auch. Doch was macht eigentlich der Mensch im Erneuerbare-Energien-Sektor: Vermitteln Sie Praktika, die den Menschen zeigen, wo sie in der Energiewende mit anpacken und spannende Jobs finden können? Ergeben sich so dauerhafte Arbeitsplätze?
Jan Hinrich Glahr: Wir verfolgen zwei klar fokussierte Stoßrichtungen – und bieten bewusst keine Praktika an. Erstens richten sich unsere Angebote an Beschäftigte aus der bisherigen Wertschöpfungskette der LEAG: Viele handwerkliche und technische Fertigkeiten aus Bergbau und Tagebau lassen sich direkt in Wind-, Solar- oder Speicherprojekte übertragen. In Kursen, modularen Weiterbildungen und praxisorientierten Qualifizierungsmaßnahmen machen wir Elektriker und Elektrikerinnen, Maschinisten und Maschinistinnen oder Fachkräfte aus Betrieb und Instandhaltung fit für die Technik und die Arbeitsabläufe der erneuerbaren Energien. Das schafft kurzfristig Beschäftigungsfähigkeit und erhöht die Chancen auf dauerhafte, tariflich abgesicherte Arbeitsplätze in regionalen Unternehmen, Reallaboren und Wertschöpfungsketten.
Zweitens sprechen wir die Zivilgesellschaft und die kommunale Ebene an: Mitarbeitende von Kommunen, Vereinen, Bildungseinrichtungen sowie Ehrenamtliche erhalten Wissen und Werkzeuge, um kommunale Wärmeplanung, Bürgerenergieprojekte und partizipative Planungsprozesse zu gestalten. Diese Qualifizierungen stärken lokale Handlungskompetenz, schaffen Praxisräume für Bürgerinnenenergie und erleichtern die Verknüpfung von Projekten mit Wirtschaft und Forschung: Ein wichtiger Hebel, um langfristig dauerhafte Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung zu verankern.
Mehr als 100 Azubis, Studierende, Berufsanfängerinnen und FÖJler aus Berlin, Brandenburg und Sachsen haben an drei fünftägigen Zukunftsakademien Lausitz teilgenommen. Welche Zukunftsvisionen haben diese jungen Menschen nach dieser Erfahrung für die Lausitz ausgearbeitet?
Jan Hinrich Glahr: Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen uns, dass mit dem mehrtägigen Austausch und praktischer Erfahrung eine Veränderung der Einstellung zur Lausitz als Energien-Region und zu den erneuerbaren Energien stattgefunden hat. Wer heute in der Lausitz eine Ausbildung in der Energiewirtschaft beginnt, hat gute Chancen auf einen guten Arbeitsplatz mit Zukunft. Junge Menschen haben großes Interesse an einer sinnstiftenden Tätigkeit für eine nachhaltige Wirtschaft in der Lausitz.
Die Zukunftsakademien haben gezeigt, dass junge Menschen die Lausitz inzwischen mit ganz anderen Augen sehen. Viele haben durch die Erfahrung vor Ort erkannt, wie viele Chancen in der Energiewende stecken – wer hier heute eine Ausbildung in der Energiebranche macht, hat wirklich gute Zukunftsperspektiven. Die Teilnehmenden haben ein sehr positives Bild der Lausitz 2040 entwickelt: Eine klimapositive Region mit grüner Energie, nachhaltiger Industrie und guten, fair bezahlten Jobs. Sie wünschen sich eine lebenswerte Region mit funktionierender Mobilität, digitaler Infrastruktur und Raum für Bildung, Kultur und Natur. Besonders wichtig war ihnen, dass Wirtschaft, Umwelt und Zusammenhalt immer gemeinsam gedacht werden – und dass junge Menschen aktiv mitgestalten können.
Zu Ihren wichtigsten Fachweiterbildungen gehören Kurse zu Groß-Photovoltaik-Anlagen, Großbatteriespeichern und Fehlersuchen an PV-Anlagen. Fertigkeiten, die künftig sehr gefragt sein werden. Sogar Fachexperten für Wasserstoff kommen aus der QLEE-Bildungsschmiede heraus. Haben Sie keine Angst, dass diese top qualifizierten Menschen abwandern, weil sie aus anderen Bundesländern attraktivere Jobangebote bekommen?
Dr. Evelyn Schmidt-Meergans: Absolut nicht. QLEE ist ein regionaler Qualifizierungsverbund und genau darin liegen die Stärken. Ein dichtes Netz aus Betrieben, Kommunen, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen schafft attraktive Entwicklungspfade für Arbeitnehmerinnen und spricht auch Berufseinsteiger an. Betriebe, die die lokale Verwurzelung wertschätzen, bieten Stabilität und Anerkennung – beides wirkt unserer Meinung nach stärker als rein monetäre Anreize.
Hinzu kommt die persönliche Ebene: Menschen, die in der Lausitz aufgewachsen sind, haben dort gewachsene soziale Netze, Familienbeziehungen und Orte mit emotionaler Verbundenheit. Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist etwas Besonderes.
In der Lausitz siedeln sich Unternehmen an, die auf Zukunftstechnologien setzen. Machen Sie Facharbeiterinnen und Facharbeiter, Ingenieure und Ingenieurinnen fit für Jobs, die dort im Erneuerbare-Energien-Sektor entstehen?
Martin Heusler: Wir sind ein offener Verbund für alle Unternehmen in der Lausitz – für alteingesessene wie auch für neue. Der Schlüssel liegt im Austausch und der gemeinsamen Qualifizierung der Beschäftigten. Wir lernen mit- und voneinander. Wir bemühen uns, alle Beschäftigten zu qualifizieren. In Grundkursen, damit die Breite der Belegschaft, aber auch kommunale und zivilgesellschaftliche Akteure einen Einblick in und ein Verständnis für neue Technologien bekommen. Aber auch in Fachkursen, bei denen wir Fachwissen und Kenntnisse voraussetzen müssen.
Wir machen keine Umschulungen, sondern Weiterbildungen. Der Vorteil ist, dass wir dies praxisbezogen tun und einen hohen Wert auf den Austausch der Teilnehmenden untereinander legen. Die Energiewende schafft nicht ein Unternehmen allein, sondern jeder hat im Prozess Fachwissen und Erfahrungen gesammelt, die es gilt, mit den anderen zu teilen.
Tauschen Sie sich mit anderen Regionen aus, die ähnlich durch die Transformation gefordert sind?
Jan Hinrich Glahr: Ja, der Austausch mit anderen Regionen im Strukturwandel ist uns wirklich wichtig – nicht nur, weil es zu unserem Auftrag gehört, sondern weil wir viel voneinander lernen können. Besonders aktiv sind wir im Dreiländereck Deutschland–Tschechien–Polen.
Zum Beispiel arbeiten wir mit einem polnischen Wasserstoff-Studiengang zusammen und mit einem tschechischen kommunalen Energiebündnis. Darüber hinaus tauschen wir uns auch mit anderen deutschen Kohlerevieren und internationalen Partnern, etwa in Südafrika, Vietnam oder Kolumbien, aus. Viele unserer Erfahrungen und Ansätze stoßen dort auf großes Interesse und werden weitergedacht.
Wie wollen Sie das QLEE noch weiterentwickeln?
Martin Heusler: In der Fortsetzung von QLEE steht für uns ganz klar die Verstetigung des Verbundes im Fokus. Wir wollen und werden weiterwachsen. Der inhaltliche Schwerpunkt von QLEE wird sich ändern. Neben passgenauen Qualifizierungen werden Beratungsangebote zur Personal- und Organisationsentwicklung eine stärkere Rolle spielen. Die Zusammenarbeit mit kommunalen Akteurinnen aus der brandenburgischen und sächsischen Lausitz werden wir definitiv vertiefen und erweitern. Auch die weitreichende Vernetzung im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen, Informations- und Austauschformaten liegt uns sehr am Herzen: Wir bringen die KMUs, die Kommunen, die Zivilgesellschaft und die Politik bei den energiewirtschaftlichen Themen näher zusammen. Das zeichnet unsere Initiative aus.