Der „Stahlgipfel“ im Kanzleramt endete mit einem klaren Bekenntnis in der „Schicksalsfrage einer Schlüsselindustrie“. Vieles muss mit Brüssel abgestimmt werden. Entscheidend sind schnelle und klare Umsetzungen.
Nicht nur an den Stahlstandorten war die angespannte Stimmung vor dem „Stahlgipfel“ im Kanzleramt greifbar. Wenig verwunderlich nach den Diskussionen der letzten Wochen. Die Schlüsselindustrie ist nicht unumstritten, vor allem nicht der geplante Umbau zu „grünem Stahl“.
Erleichterung dann, als die Spitzen der Bundesregierung, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit Vize-Kanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) zusammen mit dem Präsidenten der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Gunnar Groebler, und für die Arbeitnehmer IG Metall-Vize Jürgen Kerner große Einigkeit demonstrierten.
Das wohl überraschendste Moment dabei lieferte der Bundeskanzler, als er seine grundsätzliche Skepsis gegen protektionistische Maßnahmen in diesem Fall ablegte. Es gehe schließlich um „das Schicksal einer Schlüsselindustrie“.
Derartige „Gipfel“ liefern keine konkreten Ergebnisse, aber sie können grundlegende politische Richtungen beschreiben. Die hat dieser Gipfel zumindest geliefert: Ein klares Bekenntnis zu deutscher Stahlindustrie und die Zusage auch des Kanzlers, sich auf europäischer Ebene für die notwendigen Verbesserungen der Rahmenbedingungen stark zu machen. Ohne die wäre auch ein europäisches Vorzeigeprojekt mehr als gefährdet.
Auf einer beeindruckenden Großbaustelle im saarländischen Dillingen (und gleichzeitig einer etwas kleineren in Völklingen) wird an der Zukunft der deutschen – und europäischen – Stahlindustrie mit Hochdruck gearbeitet. Ein Milliardenprojekt, das unter Beweis stellen soll, wie Klimaschutz und industrielle Hightech-Zukunft zusammenpassen.
„Meilenstein einer CO2-reduzierten Zukunft“
Die Stahlindustrie im Saarland baut um auf grünen Stahl. „Wir setzen jetzt das größte Dekarbonisierungsprojekt in Deutschland und Europa um“, unterstreicht Stefan Rauber, Vorstandschef der Stahl Holding Saar (SHS), zu der die Dillinger Hüttenwerke und Saarstahl AG (Völklingen) gehören.
4,6 Milliarden Euro werden investiert, 2,6 Milliarden davon kommen als Förderung von Bund und Land, den entsprechenden symbolischen Scheck hatten Robert Habeck (damals Bundeswirtschaftsminister) und Saar-Ministerpräsidentin Anke Rehlinger vor fast zwei Jahren (Januar 2024) überreicht. Vor kurzem (Oktober 2025) hat die SHS ihrerseits den Abschluss der Finanzierung (1,7 Milliarden Euro) durch das Unternehmen bekannt gegeben. „Ein weiterer zentraler Meilenstein auf unserem Weg in eine CO2-reduzierte Zukunft“, betont Stefan Rauber.
In Dillingen werden auf einer riesigen Fläche neben den bisherigen Anlagen die Fundamente für die neuen Anlagen bereitet. Kernstück ist eine 140 Meter hohe Direktreduktionsanlage (DRI), dazu kommen zwei Elektro-Lichtbogen-Öfen (Dillingen und Völklingen).
Mit einer Kapazität von 3,5 Millionen Tonnen Rohstahl kann die SHS-Gruppe nach eigenen Angaben in einem Schritt 70 Prozent der Gesamtkapazität auf CO2-reduzierte Produktion umstellen und wäre damit das erste Unternehmen, das in einem ersten Schritt Anfang der 2030er-Jahre das EU Ziel „Fit for 55“, also eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 55 Prozent erreicht. Das entspricht einer CO2-Einsparung von 4,8 Millionen Tonnen jährlich.
Die Direktreduktionsanlage (DRI) verfügt über eine Technologie, die den Einsatz von Erdgas und Wasserstoff ermöglicht, was die Perspektive auf die Produktion mit grünem Wasserstoff öffnet, wenn er denn einmal ausreichend zur Verfügung steht.
Als Mitte des Jahres ArcelorMittal überraschend ankündigte, trotz ebenfalls zugesagter Milliardenförderung aus den Plänen für grünen Stahl an seinen deutschen Standorten in Bremen und Eisenhüttenstadt auszusteigen, wirkte vor allem die Begründung wie ein Alarmsignal. „Die Rahmenbedingungen ermöglichen aus unserer Sicht kein belastbares und überlebensfähiges Geschäftsmodell“, hatte damals Reiner Blaschek, Chef der europäischen Flachstahlsparte, erläutert.
Um genau derartige Rahmenbedingungen ging es denn auch beim Stahlgipfel. Bei den ursprünglichen Plänen zum Umbau standen vor allem die ehrgeizigen europäischen Klimaschutzbemühungen im Vordergrund. Die Pläne dazu für die saarländische Stahlindustrie wurden im Sommer 2022 vorgestellt.
Leitmärkte für grünen Stahl gefordert
Inzwischen haben sich die Herausforderungen für die gesamte deutsche (und europäische) Stahlproduktion zusätzlich verschärft, Trumps Zollpolitik und Chinas Überproduktion, die sich zu Dumpingpreisen neue Absatzmärkte sucht, sind hinlänglich bekannt.
Dazu kommen insbesondere in Deutschland Energiepreise, die nach allem Bekunden extrem auf die Wettbewerbsfähigkeit drücken, nicht nur beim Stahl.
Alles Punkte, für die Antworten vom Stahlgipfel erwartet wurden. Wobei gleich bei den Statements im Anschluss klar wurde, dass es längst nicht nur um Fragen geht, die im Kanzleramt allein entschieden werden, ob es nun um Industriestrompreise geht (mögliche Subventionen bedürfen der Genehmigung aus Brüssel) oder um eine Zollpolitik zur Abwehr von Dumpingimporten.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche verhandelt bereits seit Wochen in Brüssel über das Thema Industriestrompreise und konnte wenige Tage vor dem Stahlgipfel signalisieren, dass es eine Zustimmung aus Brüssel (zu einer Subventionierung des Strompreises) geben würde, wenn auch geknüpft an einige Bedingungen und nur für einen überschaubaren Zeitraum (drei Jahre).
Die ziemlich einhellige Reaktion: Das verschafft Luft, bringt aber keine Planungssicherheit.
Milliardenprojekte haben nun mal andere Zeithorizonte als einen Drei-Jahres-Plan. Immerhin wäre es in der aktuellen Situation zumindest erst einmal eine Erleichterung – für die gesamte Industrie.
In Sachen Zollpolitik und Stahl liegt ebenfalls ein Vorschlag der EU-Kommission vor. So soll nur noch eine bestimmte begrenzte Menge zollfrei in die EU importiert werden dürfen, für alle darüber hinausgehenden Mengen würden Zölle von bis zu 50 Prozent anfallen.
Damit sich aber grüner Stahl, der nun mal teurer ist (und bleibt), durchsetzen kann, braucht es Nachfrage, heißt vor allem in der Anfangsphase Leitmärkte.
Naheliegend also der drängende Wunsch der Stahlindustrie, Politik solle doch in ihren eigenen unmittelbaren Bereichen dafür sorgen, dass bevorzugt grüner Stahl eingekauft wird.
Frankreich ist da bereits weiter, wovon wiederum Saarstahl profitiert. Die französische Bahn (SNCF) hat „grüne Schienen“ bei der französischen Tochtergesellschaft Saarstahl Rail bestellt. Vertragslaufzeit: sechs Jahre, Volumen: rund eine Milliarde. Im ostfranzösischen Hayange werden in Elektro-Lichtbogen-Öfen alte Schienen recycelt. Europaweit gelten die Schienen als „grün“, nur in Deutschland nicht, weil nämlich der Strom für die Produktion aus französischen AKWs kommt.
Bei der Vorstellung der Vereinbarung wurde das jedenfalls auch zur Nachahmung in Deutschland gefordert. Nur bislang waren der Deutschen Bahn diese Schienen zu teuer. Einen Tag vor dem Stahlgipfel dann die Meldung: Die Deutsche Bahn kauft „grüne Schienen“ bei Saarstahl. Ein Modellprojekt, bei dem 1.000 Tonnen Stahl gekauft werden, was für etwas mehr als 20 Kilometer Schienenstrecke reicht. Bei einem Gesamtschienennetz der Bahn in Deutschland von knapp 40.000 Kilometern ist Luft nach oben.
Die Bundesregierung sichert nun zu, die Entwicklung von Leitmärkten und grünem Stahl bei öffentlichen Aufträgen zu fördern. Saar-Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, die selbst beim Stahlgipfel dabei war, befand, es gebe keinen inhaltlichen Streit darüber, was notwendig sei. Es komme auf „zügige Umsetzung in Berlin und auch in Verhandlungen mit der EU“ an. Und dafür sei jetzt „höchste Eisenbahn“.