Hertha BSC muss zu Beginn der Rückserie gegen alle Topteams spielen – und dabei auch noch Boden gutmachen. Das neue Jahr stellt die „Alte Dame“ vor große Herausforderungen.
Immerhin: Obwohl man zuletzt nur drei Partien ohne Sieg erreichte, herrschte bei den Spielern von Hertha BSC zum Ende des Jahres 2025 eine Mischung aus Zuversicht und ungebrochener Angriffslust. Bloßer Trotz? Keineswegs: „Purer Glaube“, wie Tjark Ernst unterstrich. „Mund abputzen, auch ruhig ein bisschen diese Wut, die man jetzt verspürt, mitnehmen in die Pause und dann im neuen Jahr in positive Energie umwandeln“, beschrieb Herthas Torwart die Herangehensweise für die zweite Halbserie. Wo in den letzten Jahren in unschöner Regelmäßigkeit Ratlosigkeit zum Ausdruck kam, wenn die „Alte Dame“ mal wieder eine Gelegenheit ausließ, um ein nachhaltig positives Zeichen zu setzen, wirkte die Überzeugung der Profis dabei durchaus authentisch. Natürlich habe man sich die letzten drei Spiele anders vorgestellt, so etwa Fabian Reese, dennoch gehe es in die Winterpause mit der „Gewissheit, dass wir ein System gefunden haben, dass wir eine Formation gefunden haben und eine Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen.“ Dieselbe Quelle der Zuversicht benannte Routinier Paul Seguin: „Wir funktionieren als Einheit, sind immer kompakt, haben gute Abstände – ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind.“ An Vertrauen in das erarbeitete System mangelte es in der Vergangenheit auch bekanntlich oft, was zu nachhaltig inkonstanten Saisons bei Hertha BSC führte. Befeuert wurde der Glaube in die Systematik natürlich auch durch die Siegesserie im Verlauf des ersten Halbjahrs in der 2. Liga: Fünf Erfolge hintereinander (mit dem DFB-Pokal sogar sieben) gelangen den Hauptstädtern von Ende Oktober bis Anfang Dezember, sechsmal blieb man dabei ohne Gegentor. Wahrlich ein „Boost“ für einen Verein, dem es etwa zuvor in neun Jahren nur ein einziges Mal gelungen war, bloße drei Punktspiele in Serie zu gewinnen. Andererseits sind dies wiederum die Zahlen, die das generelle Misstrauen gegenüber Hertha BSC haben wachsen lassen in den vergangenen Jahren.
Und so ist die Situation eben auch brisant vor dem Beginn der Rückrunde in einer Woche: vom Druck, den Aufstieg in dieser Saison eigentlich noch erreichen zu müssen, bis hin zu den im Umfeld zum Teil noch vorhandenen Restzweifeln bezüglich der Stabilität des Teams. Denn dass die Mannschaft letztlich nur auf Platz sechs mit sechs Zählern Rückstand zu Platz zwei in der Tabelle steht, verdeutlicht, wie inkonstant das erste Halbjahr eben dennoch verlief. Die erwähnte Siegesserie jedenfalls sorgte in fünf Partien für mehr als die Hälfte der bisherigen Gesamtpunktzahl (28) – der Rest verteilt sich auf weitere zwölf Begegnungen. Gerade die zuletzt nur zwei Zähler aus den Begegnungen mit dem Tabellenletzten (1. FC Magdeburg, 0:2), -drittletzten (Greuther Fürth, 3:3) sowie dem auswärtsschwächsten Team (Arminia Bielefeld, 1:1) offenbarten die ganze Palette altbekannter Probleme der Blau-Weißen.
Den schwachen Saisonstart wettmachen
Nachdem diese im Stile einer Spitzenmannschaft dreimal in Folge 1:0 in einem jeweils engen Spiel gewonnen hatten, reichte die Darbietung gegen ein mutiges Schlusslicht von der Elbe jedenfalls gerade offensiv nicht – die beiden Gegentore waren dazu situativ durch Fehlverhalten in der Defensive begünstigt worden. In Fürth wiederum stimmte es zwar offensiv, doch eine 2:0- beziehungsweise 3:2-Führung konnte man dennoch nicht nach Hause bringen. Genauso wie das 1:0 durch Seguins Premierentreffer im blau-weißen Dress gegen Bielefeld – weil die Arminia in der sechsten Minute der Nachspielzeit doch noch zum Ausgleich traf. Ob der umstrittene Platzverweis gegen Toni Leistner bei eigener Führung ursächlich für die letztliche Punkteteilung war, sei einmal dahingestellt – wenn dieser auch unisono von Berliner Seite in dieser Weise beurteilt wurde.
Dass Hertha BSC trotz der zwischenzeitlich maximalen Punktzahl aus fünf Partien auch nur bis auf drei Zähler an Platz zwei herangerückt war, verdeutlicht dazu, wie sehr die Mannschaft auch den schwachen Saisonstart noch als Hypothek mit sich schleppt. Nur fünf Punkte aus sechs Duellen sind für einen selbsternannten Aufstiegsaspiranten definitiv zu wenig gewesen – die aktuellen Top 3 hatten zu diesem Zeitpunkt bereits fünf bis sieben Zähler mehr auf dem Konto. Die Hauptstädter dürfen sich so im zweiten Saisonabschnitt auch weniger Ausrutscher erlauben als die Konkurrenz. Dem Start in die Rückserie kommt dabei besondere Bedeutung zu: Mit einer Bilanz aus den ersten sechs Partien wie in der Hinrunde wären die Aufstiegsambitionen an der Spree jedenfalls bereits Ende Februar passé. Das Programm zum Jahresbeginn 2026 beinhaltet dabei Duelle mit allen fünf Vereinen, die in der Tabelle vor Hertha BSC liegen – dazu kommt noch die im Zeichen der Fanfreundschaft oft schwer zu spielende Partie beim KSC sowie das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den SC Freiburg. Dieses „beschert“ Hertha BSC dabei in dieser Phase noch ein Pflichtspiel mehr als seinen Gegnern. Eine „To-do-Liste“ also, die es sogleich in sich hat – das achttägige Trainingslager in Portugal, das diesen Sonnabend zu Ende geht, soll dazu die nötigen Impulse liefern, um in die Erfolgsspur zurückzukehren. Dazu zählt auch die Hoffnung, dass sich die Zahl der Ausfälle nicht vergrößert: Denn zum Auftakt gegen Spitzenreiter Schalke 04 (17. Januar) fehlen bereits in der Defensive der für eine Partie gesperrte Leistner sowie der im Bielefeld-Spiel frühzeitig ausgewechselte Niklas Kolbe (Muskelverletzung). Alternativen besitzt Stefan Leitl jedoch noch im Abwehrbereich, um – notfalls auch wieder durch personelle Rochaden – eine stabile Verteidigung aufbieten zu können. Die Einsatzchancen von Kennet Eichhorn beurteilte Herthas Trainer dazu optimistisch – der 16-Jährige hatte zum Jahresabschluss noch wegen einer offenbar nicht schwerwiegenden Verletzung des Sprunggelenks ausgesetzt. Das Talent bildete in der Hinrunde schließlich gemeinsam mit Seguin die „A-Lösung“ für das Tandem vor der Abwehr – auf Routinier Diego Demme fiel dagegen bislang nur die Wahl, wenn der Youngster aus Gründen der Belastungssteuerung pausieren sollte. Aber gegen die Königsblauen wird es auch auf die Berliner Offensive ankommen: Denn das letzte Duell im Olympiastadion (März 2025) konnten die Gäste auch deshalb mit 2:1 für sich entscheiden, weil Hertha BSC seinerzeit zahlreiche, zum Teil hundertprozentige Chancen ausließ.