Ausländische Beschäftigte, Migrantinnen und Migranten, Schulkinder und Jugendliche in Ausbildung: Sie finden in der Arbeitskammer eine Anlaufstelle – nach den Herbstferien in den sanierten Räumlichkeiten in Völklingen und zusammen mit dem Verein „Baris“.
Drei Studierende schrieben vor vier Jahrzehnten ihre Abschlussarbeit über das Völklinger Arbeiterviertel und Menschen mit Migrationsgeschichte – und wurden von Kindern angesprochen, die Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten. Daraus wurde eine feste Struktur und ein Verein namens Bariş (Türkisch für „Versöhnung“, „Frieden“): schulbezogene Hilfen, Sozialberatung und Veranstaltungen beim Kompetenzzentrum, Ferienprogramme und Frauenarbeit unter einem Dach. „Wir arbeiten hier alle ganz eng zusammen“, sagt Claudia Hell, die das Kompetenzzentrum leitet und zugleich im Vorstand von Bariş sitzt, denn Kinder mit schulischen Problemen führten fast immer zurück ins Elternhaus – weshalb Elternberatung, psychosoziale Beratung und Berufsberatung ihrer Meinung nach ineinandergreifen sollten. Die Idee entstand vor 40 Jahren, so lange gibt es bereits das Interkulturelle Kompetenzzentrum der Arbeitskammer in Völklingen. Fast genauso lange arbeitet es mit dem Verein Bariş zusammen.
Wie dringend dieser Verbund gebraucht wird, zeigt sich im Alltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Süheyla Sahin, die in der psychosozialen Beratung dolmetscht und zugleich die Frauenarbeit mitträgt, berichtet von Wartezeiten auf einen Therapieplatz von einem halben Jahr und mehr für traumatisierte Flüchtende – verschärft durch die Sprachbarriere, denn ein Trauma in der Fremdsprache Deutsch zu schildern, sei für viele kaum möglich. Ebenso erlebt sie täglich Sorgen um Aufenthaltstitel, unerreichbare Behörden, Nebenkosten oder sogenannte Schrottimmobilien mit Wuchermieten, gegen die sich Betroffene aus Angst selten wehren. Wer sich stattdessen an Kadriye Eker wendet, die zweisprachig auf Türkisch und Deutsch berät, landet meist zuerst bei der Bürokratie als eigentlicher Hürde: Viele Klienten kennen so viel Papierkram aus ihrem Herkunftsland schlicht nicht und reagieren auf jeden neuen Brief vom Jobcenter mit Verunsicherung; rund 90 Prozent ihrer Klientel, schätzt Eker, kommen mit Onlineterminen oder E-Mails praktisch nicht alleine zurecht.
Schulbezogene Hilfen und Sozialberatung
Was das für die nächste Generation bedeutet, sieht Dagmar Gruber, die Jugendliche beim Übergang von der Schule in die Ausbildung begleitet: Schulerfolg hänge stark vom Bildungsstand der Eltern und vom Haushaltseinkommen ab. Bewerber mit ausländisch klingendem Nachnamen bräuchten nachweislich mehr Bewerbungen für eine Zusage. Dies bestätigen Studien. Verschärft wird diese Lage aus Sicht von Matthias Lang, Referent für Migrationspolitik bei der Arbeitskammer, derzeit zusätzlich durch bundespolitische Entscheidungen: Seit Jahresbeginn hätten 40 bis 50 Prozent derjenigen, die im Vorjahr noch für einen Integrationskurs zugelassen wurden, einen Zulassungsstopp erhalten, vor allem Asylbewerber im laufenden Verfahren und Geduldete. Für Ukrainer wurde der Stopp zurückgenommen, für übrige EU-Bürger besteht er weiter, und weil vielerorts die Hälfte der Teilnehmenden jäh wegbricht, können Kurse gar nicht mehr angeboten werden – auch nicht für weiterhin Berechtigte.
Diese Sprachbarriere zieht sich bis in den Schulalltag, sagen Gruber und Hell unisono: Wenn Eltern kein Deutsch sprechen, sind sie für Lehrkräfte kaum erreichbar, und manche Kinder kommen ohne Kita-Erfahrung und ohne Deutschkenntnisse in die Grundschule. Wie eng Armut und Bildungschancen zusammenhängen, zeigte sich während der Corona-Pandemie, als Homeschooling ein eigenes Zimmer und ein Gerät pro Kind voraussetzte – Bedingungen, die mit einem Handy und zwei Zimmern für manchmal sieben Personen in der Familie nicht gegeben waren.
Von der Schule hin zum Arbeitsmarkt ist es bei Bariş oft nur ein kurzer Weg. Genau dort setzt die Arbeit von Egbert Ulrich an, der bei der Arbeitskammer die Stabsstelle für grenzüberschreitende Projekte leitet. Über die „Saarländische Beratungsstelle für Wanderarbeit und mobile Beschäftigte“ sowie das bundesfinanzierte Projekt „Faire Integration Saarland“ unterstützt sein Team Beschäftigte aus Ost- und Mitteleuropa sowie von außerhalb Europas muttersprachlich, unter anderem auf Polnisch, Rumänisch, Arabisch und Russisch. Ein Grundproblem: Der Aufenthaltstitel ist oft an die Einkommenssicherung gekoppelt. Wer um seinen Arbeitsplatz fürchten muss, wird erpressbar – besonders betroffen sind Beschäftigte im Paket- und Kurierdienst, auf Glasfaserbaustellen und im Fernverkehr, wo Arbeiter teils gar nicht wissen, bei welcher Firma sie angestellt sind.
Was dabei zutage tritt, reicht von dreisten Tricks bis zu handfestem Betrug: Ulrich schildert Fälle, in denen Arbeitgeber Beschäftigte über eine manipulierte Kündigungserklärung zur eigenen Kündigung verleiteten, mündlich kündigten oder über Nacht verschwanden, ohne ausstehende Löhne zu zahlen. Begünstigt werde das durch verbreitete Subunternehmerstrukturen, die Mitbestimmung praktisch aushebeln, weil es oft keine greifbare Firma gebe – seit 2018 habe seine Stelle über 5.500 Beratungen durchgeführt, nur eine einzige davon in einem mitbestimmten Betrieb. Für Ulrich ein zentraler Befund: Mitbestimmung verhindere Ausbeutung. Muttersprachliche Beratung sei entscheidend fürs Vertrauen; mit dem Zoll arbeite man nur mit Einwilligung, weil viele aus Angst vor eigener Verstrickung Berührungsängste hätten.
„Faire Integration Saarland“
Neben belastenden Fällen erzählt Ulrich aber auch von Erfolgen: Einer syrischen Familie, die zu dritt in einer Backstube gearbeitet hatte, wurden über den Klageweg rund 9.000 Euro Nachzahlung für Lohn, Überstunden und Urlaub zugesprochen. Die Tochter habe danach beschlossen, einen Sprachkurs zu machen, „um nie wieder betrogen zu werden“ – ein Satz, den Ulrich der politischen Erzählung entgegenhält, Zuwanderer kämen vor allem wegen der Sozialleistungen: Die meisten wollten möglichst schnell arbeiten, um Angehörige in der Heimat zu unterstützen. Nötig wären schnellere Verfahren für die Arbeitserlaubnis und mehr Investitionen in Ausbildung; seit 2016 seien zwar rund 80 Prozent der angekommenen Geflüchteten beschäftigt, aber überwiegend nicht qualifiziert.
Wie konkret diese Arbeit vor Ort aussieht, zeigt eine Kontrollaktion auf Glasfaserbaustellen, von der Ulrich berichtet: Zwei junge Männer liefen zunächst weg, aus Angst vor einer Verhaftung, und kamen erst zurück, als sie auf Kurdisch und Türkisch angesprochen wurden. Fast alle Angesprochenen gaben an, es sei ihr erster Arbeitstag oder eine Probearbeit – belastbare Arbeitsverträge konnte niemand vorweisen. Deshalb geht Ulrichs Team inzwischen auch präventiv in laufende Sprachkurse und informiert dort mehrsprachig über Rechte und Pflichten im Arbeitsverhältnis, aktuell zu Mini- und Midijobs.
Dass all diese Beratungsangebote überhaupt funktionieren, liegt für Lang und Hell an einer Ressource, die sich durch alle Bereiche zieht und im Bildungssystem zu wenig gefördert werde: Mehrsprachigkeit. Als Beleg nennt Hell ehemalige Schüler der schulbezogenen Hilfen, die kaum Deutsch sprachen und heute als Honorarkräfte die nächste Generation unterstützen – ein Kreislauf, der aber nur funktioniert, solange der Verein finanziell besteht. Und das ist nicht selbstverständlich: 75 Prozent der Mittel kommen vom Regionalverband Saarbrücken, 20 Prozent von der Arbeitskammer. Den Rest – rund 8.000 bis 9.000 Euro jährlich – muss Bariş über Mitgliedsbeiträge ab 15 Euro und Spenden selbst aufbringen, bei sinkender Spendenbereitschaft gerade gegenüber Migrantenorganisationen. In der Vergangenheit war die Einrichtung nach Angaben von Hell auch Ziel von Drohschreiben im Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU); aktuell sei die Lage jedoch ruhig.
Bis August arbeiteten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch in einem Container-Provisorium, da das eigentliche Gebäude für die Arbeitskammer in der Völklinger Saarstraße saniert wurde. Nun geht es zurück in modernisierte, umgebaute Räume, die Einweihung ist für den 22. Oktober geplant. Mit zwei Etagen für Grundschulkinder und schulbezogene Hilfen sollen in der Saarstraße künftig wieder rund 120 Kinder täglich betreut werden, das Ferienprogramm bleibt spendenfinanziert. Über den Lions Club Völklingen erhält Bariş eine jährliche Obstspende, zudem soll wieder ein Mittagsangebot möglich werden.