Rothenburg ob der Tauber hat eine ungewöhnlich gut erhaltene Altstadt aus dem Mittelalter. Doch wie leben und arbeiten die Menschen hinter dieser geschichtsträchtigen Kulisse? Und wie bewahren sie ihr architektonisches Erbe?
Schiefer als der schiefe Turm von Pisa“, konstatierte der Statiker. Wie schlimm es um das historische Gebäude aus dem 14. Jahrhundert stand, war Johannes Wittmann nicht klar, als er im Jahr 2005 das Haus samt Laden von seiner kranken Tante übernahm. Das Fachwerk neigte sich bedenklich zur Seite und musste im Inneren mit unzähligen Stahlträgern gestützt werden. Heute zieht sich ein Metallkorsett aus 90 Tonnen Stahl vom Keller bis zum Dach. „Es war gut, dass ich mit gerade mal 24 Jahren nicht wusste, auf was ich mich da einließ“, sagt der heute 45-Jährige und zieht die Augenbrauen hoch. Damals kündigte Johannes Wittmann seinen Job als Radiologie-Assistent an einer Klinik und widmete sich fortan ganz dem Laden und der aufwendigen, denkmalgerechten Sanierung des Hauses. Kein Kunde, der das bekannte Geschäft „Waffenkammer“ in der Oberen Schmiedgasse in Rothenburg ob der Tauber betritt – mit seinen Ritterrüstungen, geschmiedeten Schwertern und Mittelalter-Accessoires – ahnt, welchen enormen Einsatz der Rothenburger in den vergangenen Jahren leistete, um das alte Gemäuer zu erhalten. „Seit 21 Jahren baue ich hier. Es gab Momente der Verzweiflung. Ich habe überall mitgearbeitet, denn ich wollte jede Baumaßnahme verstehen.“ Mittlerweile kann Johannes Wittmann zu Themen wie Wärmedämmung mit Lehm, Kork und Strohmatten im Altbau, Balkenstabilität oder Brandschutz im Denkmal fachsimpeln.
Es gibt ZuschĂĽsse fĂĽr Sanierungen
Durch Rück- und Umbauten ist eine Ladenfläche entstanden, die einen Rundgang ermöglicht – mit einem alten Brunnen und einer neuen Schenke im Keller. „Alles, was wir mit dem Geschäft verdienen, fließt in die Baumaßnahmen“, erklärt der Mittelständler, der zusätzlich Kredite für die Renovierungen aufnehmen musste. Derzeit baut Johannes Wittmann im Hof eine Scheune um, um eine Schmiede und einen Mittelaltermarkt einzurichten. Das erweitert sein Angebot. Er fühlt sich seinem Haus stark verbunden. So weiß er durch ein dendrologisches Gutachten genau, dass die im Fachwerk verbauten Fichten und Tannen im Jahr 1370 gefällt wurden. Er will das Alte bewahren und es zugleich für die Zukunft nutzbar machen.
Am liebsten würde der Mittelalter-Fan mit seiner Frau Carolin und den beiden Kindern auch selbst im Haus wohnen. Im Dachgeschoss klettert er über die eingezogenen Stahlträger, der Wind pfeift durch die Ziegel des ungedämmten Giebels. „Hier wäre eigentlich genug Platz für uns.“ Doch die nötigen Mittel zum Ausbau kann er nicht aufbringen. Zwar gibt es öffentliche Zuschüsse für Sanierungen von Denkmälern, aber für ein Haus dieser Größe seien sie zu gering. „Ich werde es wohl nie erleben, hier oben einzuziehen“, bemerkt er ohne große Hoffnung. „Und das Haus bekomme ich in meinem Leben ohnehin nie fertig.“
Horst Fechner kam von Ingolstadt nach Rothenburg. Seine Frau Sonja Rüter wollte wieder zurück in ihre Heimatstadt. Die gebürtige Rothenburgerin wuchs in einem der bekanntesten historischen Häuser der Stadt auf: im Gotischen Haus, das heute ein Hotel ist.
Aber wo wohnen? Ein heruntergekommenes Eckgebäude mit Stallungen in der Kirchgasse hatte es ihnen angetan. Der denkmalgeschützte Gebäudekomplex liegt gegenüber der Kirche St. Jakob, berühmt für ihren Altar von Tilman Riemenschneider.
2015 startete die Kernsanierung des 600 Jahre alten Hauses. „Es war wie eine Zeitreise“, versichert Horst Fechner. Der Bayer übernahm die Bauleitung selbst und half eigenhändig mit, von den Wänden die zentimeterdicken Schichten an Tapeten und von den Böden die Teppich- und Linoleumbeläge abzutragen. „Nach und nach begann das Haus, wieder zu atmen.“ Im Keller entdeckte man sogar einen geheimen Gang zum nahe gelegenen Kloster, der die Fantasie anregt. „Doch die Dimension der Arbeiten war mir zuvor nicht bewusst gewesen“, sagt Fechner, obwohl er als früherer Immobilienmakler durchaus Erfahrungen mit Gebäuden hatte.
„Dieses Haus hat mich Demut gelehrt.“ Seit Jahren wohnt das Paar im Obergeschoss des Hauses, das auch Platz für weitere Familienmitglieder bietet. Die ursprüngliche Idee für das Haus war, einen Ort der Begegnung zu schaffen. Daraus wurde das bunte „Café Lebenslust“ im Erdgeschoss, geführt von Nadine Schäff, einer der Töchter. Das Café fungiert als Bühne für Künstler.
Welche Voraussetzungen braucht es, um so ein Projekt erfolgreich durchzuziehen? „Keine Angst vor Schulden haben“, sagt er spontan und lacht. „Hinzu kommt: Bei uns in der Familie machen alle alles. Keiner drückt sich.“
Einige der historischen Gebäude in Rothenburg ob der Tauber sind besonders markant, wie der Markusturm mit dem Rödernbogen – ein beliebtes Fotomotiv. Der Markusturm, einer der 42 historischen Türme der Stadtmauer, diente einst als Wachturm, später als Gefängnis mit Gitter an den Fenstern. Gleich daneben schließt das gleichnamige Hotel an. Es wurde direkt an die alte Stadtmauer aus dem 11. Jahrhundert gebaut. Die alten Felsensteine sind sogar im Hotelflur sichtbar. Mittelalter-Flair weht durch die Räume.
„Brandschutz kann einen ruinieren“
„Für diese historische Atmosphäre möchte ich gerne auch jüngere Gäste begeistern“, erzählt Lissy Berger von ihren Plänen. Die 29-Jährige soll das Hotel ihrer Eltern, Stefan und Lilo Berger, künftig übernehmen. Derzeit leiten sie es gemeinsam. Während ihre beiden Katzen ihr um die Beine streifen, erklärt Lissy Berger, wie sie das „Hotel Markusturm“, das seit Generationen von ihrer Familie betrieben wird, in Zukunft attraktiver machen möchte. Vielleicht eine Sauna, ein kleines Café. Doch in einem mittelalterlichen Gebäude sind Umgestaltungen nicht einfach. Der Denkmalschutz muss immer mitgedacht werden.
Erst mal aber stehen Baumaßnahmen für den verschärften Brandschutz auf dem Plan. Brandfeste Materialien, Schutztüren, sogar Wände müssen versetzt werden, um Fluchtwege zu verbreitern. Ein umfangreiches Programm, das ordentlich kostet. „Der Brandschutz in so alten Gebäuden kann einen ruinieren“, meint sie fatalistisch, „davon kann so mancher Hotelier in der Stadt ein Lied singen.“ Warum tut man sich das an? Sprechen Menschen ihrer Generation doch gern von einer ausgewogenen Work-Life-Balance. „Wenn meine Freundinnen frei haben, haben sie frei. Ich dagegen bin auch an meinem freien Tag im Hotel. Derzeit habe ich noch keine Familie und kann mich ganz in die Arbeit einbringen.“ Die Rothenburgerin ist vorbereitet auf ihre Aufgabe. Sie hat eine Hotelfachausbildung absolviert und sogar ihren Bachelor dem Thema „Generationswechsel in der Hotellerie“ gewidmet. „Ich habe großen Respekt vor der Leistung meiner Vorfahren und möchte es ihnen beweisen“, erzählt sie von ihrer Motivation. „Jedenfalls möchte ich nicht diejenige sein, wie bei den Buddenbrooks, die das Ganze zum Scheitern bringt.“
Als einzige Tochter spürt sie die Verantwortung. „Ich bin in diesem Hotel aufgewachsen, es ist mein Zuhause.“ Auch wenn sie nur 100 Meter entfernt wohnt, würde sie gern im Gebäude selbst leben, etwa im Dachgeschoss. Das ist aber derzeit nicht ausgebaut und wird als Lagerraum für alles Mögliche genutzt.
Vorrang haben aber weitere Hotelzimmer, die erneuert werden müssen, und irgendwann einmal auch der Keller. „Eine Bar hier unten wäre toll!“, meint Lissy Berger und schreitet tief ins mittelalterliche Gewölbe. Direkt unter dem Markusturm lagern verstaubte Weinflaschen in den Regalen – im einstigen Verlies. Die Vergangenheit ist in Rothenburg ob der Tauber allgegenwärtig. Auch im Keller.