Die „Neunkircher Nächte – Female Edition“ präsentieren vom 9. Oktober bis zum 8. November Künstlerinnen unterschiedlicher Genres, darunter Comedian Nicole Jäger.
Frau Jäger, Sie sind Stand-up-Comedian. Wie beschreiben Sie ihren Beruf?
Als den besten Beruf der Welt! (lacht) Ich habe das unglaubliche Glück, meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten, das beste Geräusch der Welt hervorzurufen, nämlich Lachen! Ein Raum voller Menschen, die sich nicht kennen, ein paar Hundert oder Tausend kommen alle mit ihren Sorgen, sitzen da und lachen – nach zwei Minuten und hören nicht mehr auf. In dem Moment, in dem man lacht, ist alles andere ein ganz klein bisschen weniger schlimm. Das ist mein Beruf: Ich mache für zwei Stunden für alle Menschen, die da sind, und für mich die Welt ein bisschen leiser. Ist das nicht toll? (lacht)
Sie haben 340 Kilo gewogen, 170 Kilo abgenommen, darüber ein Buch geschrieben und standen erstmals 2016 auf der Bühne mit dem Programm „Ich darf das, ich bin selber dick.“ Wollten Sie auf die Bühne, oder kostete es Sie damals Überwindung?
Wenn es keine Überwindung kostet, auf die Bühne zu gehen, dann sollte man es, glaube ich, nicht machen, weil man dann keinen Respekt hat davor. Es hat mich alles gekostet, ehrlich gesagt – und es war auch nicht der Plan. Ich hatte nie vor, Stand-up-Comedian zu werden und mit eigenen Programmen durch die Gegend zu touren. Ursprünglich hieß es, ich solle auf Lesereise gehen. „Das ist stinklangweilig, niemand will eine Dicke lesen sehen, du musst das performen“, sagte mein Manager. So! Dann kamen wir auf die Idee mit einem Bühnenprogramm. Die erste Show war ausverkauft, die zweite, die dritte – das ging Knall auf Fall.
Ja, das war schon sehr abenteuerlich, damals.
„Ich bin eine dicke Frau“, sagen Sie von sich und machen das zum Thema. Sind Ihre Texte Ihren Erfahrungen, dem Leben abgelauscht?
Ja, alles, worüber ich spreche, ist etwas, was ich auch erlebt habe. Ich kann nur authentisch oder gar nicht. Ich muss das, was ich da erzähle, auch fühlen – das ist meine Legitimation. Ich spreche über wahnsinnig viele Themen, ich spreche ja nicht nur darüber, dass ich eine übergewichtige Frau bin. Ich erlebe die Welt aus der Sicht einer Frau, die gesellschaftlich nicht so ganz reinpasst. Daraus ergeben sich viele Situationen, viele schmerzhaft, viele wahnsinnig lustig – beides bringe ich auf die Bühne.
Mit Humor lassen sich viele Unbilden des Lebens besser bewältigen. Ist Ihre Selbstironie eine Art der Verarbeitung?
Ja, sich von Herzen ausschütten zu können vor Lachen, ist immer auch therapeutisch. Ich nehme meinen Beruf sehr ernst, mich selbst aber nicht so. Das Raumgeben von eigenen Schwächen, Fehlern und Versagen, ohne zu verurteilen, dazu gehört Humor. Humor ist Liebe. Humor ist Heilung – im besten Fall. Meine Programme sind ja nicht nur lustig, sondern auch emotional, weil ich Menschen im positiven Sinne berühren möchte.
Denken Sie, dass Sie andere Frauen durch Ihre Thematisierung von Körper- und Selbstwertgefühl darin bestärken, sich selbst und ohne Perfektionszwang anzunehmen?
Das hoffe ich, weil das ist der Grund, weshalb ich morgens aufstehe. Ich möchte mit dem was ich mache, erreichen, dass Menschen, die sonst übersehen werden, gesehen werden. Wir alle können unser Leben nicht immer damit verbringen, zu versuchen, es anderen recht zu machen – menschlich, optisch, in unserem Verhalten. Normalität schafft man nur über Sichtbarkeit und indem man darüber spricht. Ich habe eine Bühne, ich habe ein Mikrofon. Ich habe die Hoffnung, dass Menschen nach Hause gehen und ein ganz kleines bisschen mehr Frieden mit sich selbst machen können.
Ihr viertes Bühnenprogramm heißt „Walküre“. Die mythische Walküre Brunhild, die wahnsinnig stark war, ist mir eingefallen. Hat diese Walküre Sie inspiriert?
Ja, Walküren im Allgemeinen. Die Walküren tragen nach der Schlacht die Geschlagenen nach Walhalla. Das Bild der großen, starken Frau mag ich, und: Walküren kommen mit Schild und Speer. So verstehe ich auch Humor. Menschen glauben, dass man Humor verwendet, um sich dahinter zu verstecken. Aus meiner Sicht ist das Quatsch. Wenn man als Comedian ehrlich ist: Humor macht einen extrem angreifbar, weil man über Persönliches spricht. Humor kommt nie aus einer starken Position, sondern immer aus einer verwundeten heraus, die meist immer noch wehtut. Humor ist auch Schild und Schwert.
Im vergangenen Jahr waren Sie in Saarbrücken und haben „Walküre“ gespielt. Was haben Sie in Erinnerung behalten?
In Saarbrücken war ein extrem warmherziges Publikum. Das war richtig toll. Ich hatte einen Raum voller Leute, die richtig Lust und Spaß hatten und sich richtig mitreißen ließen. Das war eine ganz tolle Atmosphäre.
Sie sprechen manchmal über Körperflüssigkeiten. Warum?
Weil wir sie haben. Frauen dürfen genauso über alles sprechen wie Männer auch. Comedians sind wahnsinnig häufig maskulin. Frauen haben eine ganz andere Erlebenswelt als Männer. Wie Frauen die Welt erleben, ist Thema, und dazu gehören alle möglichen Körperflüssigkeiten. Das ist etwas, was wir alle erleben, aber nicht gerne darüber sprechen.
Wer oder was bringt Sie zum Lachen?
Das Leben. Ich finde es so wahnsinnig lustig. Ich finde, überall ist Humor. In jeder Kleinigkeit. Wenn Sie irgendwo Liebe finden, ist da Humor, wenn Sie Schmerz finden, ist da Humor. Ich finde nichts lustiger als Alltagskomik. Der Kram, der einem passiert, und wenn man dann dasteht und denkt ‚Mein Gott, ich bin aber auch ein Vollidiot‘, ich liebe das, das ist unglaublich komisch. Und: Ich liebe schwarzen britischen Humor!
Haben Sie vor, nochmals abzunehmen, oder möchten Sie so bleiben?
Hm, das ist eine gute Frage. Ich bin ja nach wie vor dabei, denn natürlich ist es ein Gesundheitsthema. Es ist mein Thema, aber es ist nicht mehr mein primäres Thema. Ich glaube, die Antwort auf die Frage, ob ich weiter abnehmen will, ist: Das ist mir fast egal, aber: Ich möchte gut alt werden. Dafür muss ich noch ein bisschen was tun. Das tue ich auch, aber in meinem Tempo und zu meinen Bedingungen und nicht mehr ganz so sklavisch.