Damit selbst hergestellte Hüte nicht nur individuell, sondern auch gut aussehen, sollte man einen Hutmacher-Workshop besuchen. „Hut Falkenhagen“ in Hamburg bietet diesen einmal im Monat an. Die Modistin-Meisterin Jutta Schepers führt die Teilnehmenden ans Ziel ihrer Hut-Träume.
Hut Falkenhagen liegt in der Hamburger Innenstadt, einige Schritte vom Rathaus entfernt. Es ist ein freundlich und elegant eingerichteter Laden in Familienbesitz, in dem einen eine riesige Auswahl an Hüten und Mützen sowie fachkundige Beratung erwartet. Jutta Schepers, die Modistin – früher nannte man diesen Beruf auch Putzmacherin – begrüßt die Teilnehmerinnen des Workshops mit einem freundlichen Lächeln und der Aufforderung, sich erst einmal im Laden umzusehen, um sich einen Überblick über die verschiedenen Hutmodelle zu verschaffen. Heute sind es drei Damen, die an dem Workshop teilnehmen – und ich, als Berichterstatter. Mehr als vier Personen sind nie dabei, damit Jutta sich um alle ausgiebig kümmern kann. Meistens sind auch ein bis zwei Herren mit von der Partie, die sich ihren individuellen Kopfschmuck selbst anfertigen.
Nichts, was man nicht hinbekommt
Während die Teilnehmerinnen in den Regalen und Vitrinen nach Hüten stöbern, begleitet Jutta Schepers alle mit Gelassenheit und Ruhe. Sie gibt Tipps, was zu jeder Einzelnen passen könnte, was vielleicht das bessere Modell wäre, was möglich ist, was nicht. Allerdings sagt sie bei fast allem, dass wir das schon hinbekommen. Ein Motto, das sich durch beide Tage des Workshops zieht. Es gibt nichts, was Jutta oder die Teilnehmerinnen unter ihrer Anleitung nicht wieder hinbekommen.
Marina kommt aus Hamburg und liebt Hüte. Birgit und Martina kommen aus Donauwörth in Bayern. Martina hat einen Hutmacherworkshop zu ihrem 65. Geburtstag geschenkt bekommen und Birgit dafür begeistern können, mitzumachen. Ursprünglich wollte Martina selbst einmal Putzmacherin werden, doch der Laden in ihrem Heimatort hat kurz vorher geschlossen. Ein anderer Laden in der Nähe hat zu dem Zeitpunkt niemanden mehr ausgebildet, weil er der Meinung war, dass dieses Handwerk ausstirbt. Was für ein fataler Irrtum! Martina und Birgit haben sich bewusst für Hamburg entschieden, obwohl sie auch an einem Kurs in München hätten teilnehmen können. Falkenhagen hat ihnen mehr zugesagt.
Nachdem sich alle für ein Hutmodell entschieden haben, gehen wir in die Werkstatt im ersten Stock. Jetzt wählen die Damen die Farbe, in der sie ihren Hut gestalten wollen. Für die einzelnen Hutformen gibt es Rohlinge aus Filz. Alle müssen an den Rändern zunächst gerade geschnitten werden. Der erste Arbeitsschritt danach ist, die Rohlinge mit Wasserdampf zu befeuchten, damit sie besser geformt werden können. Sobald sich Tröpfchen auf dem Filz bilden, ist es soweit, den Rohling zu formen. Der Filz wird aus Kaninchen- und Hasenhaar hergestellt. Noch weicheren Filz erhält man aus Biberhaaren. Nachdem ein Rohling gedämpft ist, geht die Arbeit richtig los, es ist Kraft gefragt. Die Teilnehmerinnen legen ihren jeweiligen Rohling auf ein Kopfmodell aus Holz, das dem Umfang ihres eigenen Kopfes entspricht. Nun müssen die Rohlinge durch kräftiges Ziehen und anschließendes Glattstreichen auf die Kopfform gebracht werden. Ist das geschafft, wird der Rohling mit etwas, das aussieht wie große Heftzwecken, am Kopfmodell befestigt. Zusätzlich stabilisiert ein Hutband den Rohling am Kopfmodell da, wo die Krempe beginnen soll. Martina befestigt das Hutband da, wo eine Krempe beginnen könnte, denn ihr Hut hat gar keine. Sie hat sich für ein Modell entschieden, das aus der Charleston-Zeit stammen könnte. Der Hut von Birgit hingegen hat eine besonders breite Krempe. Damit dieser später waagerecht steht, sprüht Jutta, die Modistin, den Hut mit einer Appretur ein. Dafür geht sie extra raus, denn das Zeug stinkt am Anfang enorm. Früher waren die Appreturen besonders streng, sodass sie die geistige Gesundheit der Anwender schädigen konnten. So ist der Begriff des „Mad Hatters“ entstanden, dem verrückten Hutmacher.
Als alle drei Rohlinge auf die Kopfmodelle aufgezogen, gebügelt und glattgestrichen sind, bürsten die Teilnehmerinnen den Filz noch, damit er ganz glatt wird. Der Bürstenstrich muss gegen den Uhrzeigersinn gehen. Die letzte Handlung des ersten Tages ist, dass alle ein sogenanntes Ripband der Länge nach falten und auf den Rand einer runden Platte aufziehen. Das wird die Abschlusskante der Krempe. „Platte“ heißt hier sogar in einem Fall „LP“. Ist das Ripband aufgezogen, wird es auch gedämpft, um es gut „in Form“ zu bringen.
Über Nacht ist das, was ein Hut wird, getrocknet. Alle begutachten ihre Arbeit und führen Feinarbeiten aus, nachdem der Filz an den notwendigen Stellen erneut gedämpft wurde. Jutta Schepers hilft allen dabei, die gewünschten Falten in den Hut zu bringen, und die ungewünschten Falten zu entfernen. Für Birgit steht ein besonderer Arbeitsschritt an, denn die Krempe muss vom senkrechten Teil ihres Huts geschnitten werden. Der nach oben zeigende zylindrische Part ist noch zu hoch. Diesen Schritt und die Kürzung des Mittelteils erledigt Jutta für Birgit, die anschließend beides zusammennäht.
Für jede mögliche Idee offen
Damit die Krempe schön rund bleibt, nähen Marina und Birgit einen Uhrfederdraht an der Krempe an. Der ist besonders formstabil und gleichzeitig elastisch. Da ein Draht an der Krempe wenig dekorativ ist, nähen beide anschließend ein „Bridet“ an der Krempe fest. Das ist ein dünnes Band, das die Krempe einfasst. Jetzt sehen die Hüte schon sehr nach dekorativem Kopfschmuck aus. Damit möglicher Schweiß die Hüte nicht entstellt, nähen die Teilnehmerinnen ein Hutband von innen ein. Martina und Birgit statten ihre Hüte sogar mit Extras aus. Martina möchte einen Ohrschutz im Hut haben, den sie herunterklappen kann, und Birgit ist ein Band wichtig, das sie unter dem Kinn verknoten kann, damit der Hut auch bei einer steifen Hamburger Brise nicht wegweht. Marinas Hut hat noch nicht die perfekte Passform. Auch hier weiß Jutta Abhilfe – Tesa Moll sorgt auf der Innenseite für die richtige Passform. Das ist ein Klebeband mit Schaumstoff.
Zum äußeren Schmuck gehört noch ein sogenanntes Ripband, das ich als Laie als Hutband bezeichnet hätte. Jutta hilft allen mit Rat und Tat, um das passende Band zu finden. Dafür ist sie genau die Richtige, denn sie ist gleichzeitig Inhaberin der Firma „Bender“, einer von zwei Firmen, die in Deutschland noch Hutzubehör anbieten. Die Auswahl ist also riesengroß.
Den krönenden Abschluss bilden die Dekorationen der Hutbänder. Marina entscheidet sich für eine Feder und Birgit für einen goldenen Knopf, der perfekt zu ihrem beigebraunen Hut passt. Dabei ist zu beachten, dass diese „Abschluss-Artikel“ auf der rechten Seite des Hutes angebracht werden, denn daran erkennt man einen Damenhut. Herrenhüte führen den Abschluss des Ripbandes auf der linken Seite, erklärt Jutta.
Am Ende des zweiten Tages haben alle drei wunderschöne Hüte hergestellt. Gelungen ist das dank der geduldigen und ruhigen Anleitung durch Jutta Schepers, die für alle Ideen offen ist und jede unerwünschte Abweichung im Handumdrehen zu korrigieren half.
Wer nicht den passenden Hut im Laden von Falkenhagen findet und entweder keine Zeit oder keine Lust hat, sich einen eigenen Hut herzustellen, kann auf die Dienste von Jutta Schepers zurückgreifen, die mit ihrer eigenen Firma „Kopfkur“ Hüte und Mützen auf Bestellung herstellt. Soll es ein Filzhut sein, kann dieser bei Falkenhagen in Auftrag gegeben werden. Ein Service, den sogar Udo Lindenberg in Anspruch nimmt. So viel teurer als ein Hut aus dem Regal wird das gar nicht, und für Menschen, die einen besonders kleinen oder besonders großen Kopf haben, so wie ich, ist das ein wunderbares Angebot, mit dem auch die individuellsten Wünsche umgesetzt werden können. Ein Besuch bei Falkenhagen in Hamburg lohnt sich.