Solche Äußerungen werden nach zwei, drei Nächten wahrscheinlich, die man wach verbringt – denn der Mensch kann ohne Schlaf auf Dauer nicht funktionieren. Dass ein gesunder Schlaf immer seltener wird, liegt auch an unserer Wach- und Leistungskultur.
Es gibt sie als Gummidrops, in Form von Sprays oder Tabletten. Manchmal sind ihnen ganze Apothekenschaufenster gewidmet und in der Werbung sind sie ein regelmäßiges Ereignis: Melatoninpräparate. Diese werden nicht nur zur Förderung des Einschlafens bei Menschen empfohlen, die altersbedingt weniger von dem körpereigenen Hormon produzieren. Sie werden über alle Altersgrenzen hinweg zur Bewältigung des Alltags angepriesen – gemäß der BKK-Schlafstudie 2024, für die die Krankenkasse 2.000 Erwachsene befragte, fällt das Einschlafen 30 Prozent der Deutschen „eher schwer“ oder „sehr schwer“.
Dass einschneidende Lebensereignisse, Phasen von erhöhtem Performancedruck und das Reisen über Zeitzonen hinweg periodische Auswirkungen auf das Schlafvermögen haben, ist keine neue Erscheinung. Mit der Verdichtung der Arbeitswelt und dem hohen Aufkommen an privater sowie beruflicher Bildschirmzeit ist das Zeitalter chronisch arbeitender Gehirnareale längst angebrochen. Und was sich dort abspielt, hat Auswirkungen auf unsere Psyche. Paul Gebhardt von der University of California hat in Studien belegt, dass es bei Schlafmangel zu Kommunikationsstörungen zwischen der Amygdala und dem präfrontalen Cortex kommt. Die Amygdala ist der Teil des limbischen Systems, der für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist. Der präfrontale Kortex steuert die kognitiven Prozesse. Zu diesen gehört das Lernen, Vergleichen und Lösen von Problemen. Bei Schlafmangel werden kognitive Fähigkeiten eingeschränkt. Nachts, wenn das Gehirn eine Pause macht und die gesammelten Eindrücke vom Tag verarbeiten soll, hat es eine Chance auf Regeneration. Auch das Immunsystem wird gestärkt. In der Tiefschlafphase sind Körperfunktionen wie Puls und Atmung verlangsamt. Wichtig ist dabei nicht die Dauer, sondern die Qualität, das heißt, es kommt darauf an, wie tief jemand schläft. In der REM-Phase (REM = Rapid Eye Movement) ist das Gehirn sehr aktiv, die Informationsverarbeitung läuft. Es ist schwer, jemanden in diesem Abschnitt gesunden Schlafs aufzuwecken. Menschen, bei denen die REM-Phase nicht eintritt, leiden mehrheitlich unter psychischen Symptomen, die von Niedergeschlagenheit und Gereiztheit über reduzierte Empathie bis hin zur Depression reichen.
Eine krankhafte Schlafstörung liegt dann vor, wenn sich das Ein- und Durchschlafen als dauerhaft problematisch erweist. Patientinnen und Patienten, die über Wochen, aber mindestens dreimal pro Woche, ihre Schlafqualität als unzureichend empfinden und darüber klagen, Schwierigkeiten beim Bewältigen des Alltags zu haben, sind davon betroffen. Als Kurzzeitinsomnie bezeichnet man Schlafstörungen, die sich nicht länger als drei Monate ereignen. Darüber hinausgehende Perioden, die immer wieder auftreten, bezeichnet man als Langzeitinsomnie. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK haben im Zeitraum von 2010 bis 2017 die Schlafstörungen bei Berufstätigen in der Altersgruppe von 35 bis 65 Jahren um 66 Prozent zugenommen.
Melatonin steigt in Dunkelheit
Symptome wie abendliches Grübeln, das Schwierigkeiten beim Einschlafen erzeugt, oder erhöhte Alarmbereitschaft, die das Durchschlafen verhindert oder verfrühtes Aufwachen verursacht, sind an der Nachtordnung. Tagsüber haben Patientinnen und Patienten mit Müdigkeit, Gereiztheit, Antriebsarmut, Gedächtniseinbußen und Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen. Dazu kommen Wortfindungsstörungen und eine geringere Reaktionsfähigkeit. Kurz: Alltägliche Abläufe werden schwerer, was sich vor allem als Problem für die Arbeitswelt herausgestellt hat. Psyche und Schlaf sind so eng miteinander verknüpft, dass man nicht immer feststellen kann, was zuerst da war: die Depression oder die Schlaflosigkeit. Eine Folge von zu wenig Schlafqualität und -quantität ist die vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Der Stress, zu wissen, dass man zu wenig schläft, und die Hilflosigkeit, der man diesbezüglich ausgesetzt ist, erzeugen einen erhöhten Cortisolspiegel.
Eine gute Schlafhygiene wird schlechten Angewohnheiten geopfert: Elektronische Geräte, die man nicht rechtzeitig auf Nachtmodus umgestellt hat, haben im Schlafzimmer nichts zu suchen. Generell ist Dunkelheit die einzige Umgebung, in der ein erhöhter Melatoninspiegel das Einschlafen begünstigen kann. Eine gute Voraussetzung für erholsame Nächte ist, das Bett exklusiv als jenes Mobiliar zu nutzen, für das es primär gedacht ist: als Schlafstätte. Gewohnheiten wie ein gutes Durchlüften, immer gleiche Bettzeiten oder tatsächliche Rituale, die den Tag verabschieden, gehören zu einer adäquaten Schlafhygiene. Natürlich gibt es Menschen, die tendenziell gefährdeter als andere sind, unter Insomnie zu leiden. Statistisch sind Frauen einer höheren Gefahr ausgesetzt, weil sie in der Regel einer größeren Mehrfachbeanspruchung ausgesetzt sind.
Die Wissenschaft vermutet, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale Insomnie begünstigen: ein geringes Selbstwertgefühl und Perfektionismus – zwei Charaktereigenschaften, die mit depressiven Wesenszügen einhergehen – sind geradezu der Nährboden für chronischen Schlafmangel. Wie eingangs erwähnt, sind es aber vor allem Lebensumstände wie anhaltende Geldsorgen oder dauerhafte Einsamkeit, die Ursachen oder Folgen von Insomnie sind. Auch der sozio-ökonomische Status ist ein Indikator: Beamte und Selbstständige schlafen vergleichsweise besser als Schichtarbeiter. Je mehr Selbstbestimmung im Beruf, desto weniger Schlafstörung kann man grob zusammengefasst feststellen. Chronisch wird die Angelegenheit meistens erst dann, wenn mehrere Faktoren zusammenspielen.
88 verschiedene Schlafstörungen
Die Schlaflabordiagnostik ist nur abrechenbar, wenn schlafbezogene Atmungsstörungen vorliegen. Das sagt das Recht der Kassenärztlichen Vereinigungen. Dr. med. Nikolaus Rauber, Leiter des Zentrums für Nervenheilkunde und Schlafmedizin in Saarbrücken, verweist auf die 2004 vorgenommene Einheitlicher-Bewertungsmaßstab-Reform (EBM). Mit dieser Reform ist das Schlaflabor von einer stationären zu einer ambulanten Leistung geworden. Folglich haben alle stationären Schlaflabore zugemacht. Das Saarland spielt in diesem Zusammenhang eine Vorreiterrolle. Die von den ambulanten Schlaflaboren abgerechneten Leistungen wie Insomnien, Narkolepsien und Restless-Leg-Syndrom, mussten nach Prüfung der Kassenärztlichen Vereinigung per Honorarforderung teilweise zurückgezahlt werden. Insofern gibt es im Saarland keine Diagnostik, wenn jemand schlecht schläft oder eine sonstige Schlafstörung hat, weil es in der Leistunglegende nicht aufgeführt wird. Andere Kassenärztliche Vereinigungen lassen diese Leistungen durchlaufen. Aber im Saarland kann man diese Leistungen seit zwei Jahren nicht mehr abrechnen.Die International Classification of Sleep Disorders (ICSD) listet 88 Krankheiten, wovon die Insomnien die führende Gruppe darstellen. Die deutsche S-3-Leitlinie, die im Mai 2025 überabeitet herauskam, empfiehlt bei Schlafstörungen von Erwachsenen psychotherapeutische und verschiedene medikamentöse Ansätze zur Kurzzeitbehandlung der Insomnie. Seit 2022 ist mit Daridorexant eine neue Wirkstoffklasse im Handel. Das verschreibungspflichtige Schlafmittel blockiert das sogenannte Orexin-System, was die Wachheit fördert. Duale Orexin-Rezeptor-Antagonisten unterdrücken die Wachsamkeit und gelten im Allgemeinen als Arzneimittel mit einem günstigen Sicherheitsprofil im Vergleich zu älteren Medikamenten gegen Schlaflosigkeit, einschließlich eines geringeren Risikos von Toleranz, Abhängigkeit, Missbrauch und Entzugserscheinungen. Es wird aber erst empfohlen, wenn eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von Schlaflosigkeit versucht wurde, aber nicht funktioniert hat, oder wenn sie nicht verfügbar oder ungeeignet ist. Eine Behandlung sollte nicht länger als drei Monate dauern.
Von den eingangs erwähnten Melatoninpräparaten, die es bis zu einer gewissen Milligrammzahl rezeptfrei gibt, bis zu den neuesten Medikamenten wie Daridorexant ist die Palette an Arzneimitteln riesig. Das Einnehmen von Arznei mag die vielleicht kurzfristig einfache Methode sein, sich Schlaf zu verschaffen. Nachhaltiger, aber wesentlich schwieriger scheint es, etwas an seiner Lebensweise und -einstellung zu ändern.