Sie ist eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation. In ihrem neuen Film spielt sie eine Schauspiellehrerin. Zurück von Dreharbeiten auf Mallorca gab sie FORUM ein exklusives Interview. Wir hatten eine zugewandte und sehr sympathische Karoline Herfurth am Telefon.
Caroline Herfurth, haben Sie in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ mitgemacht, weil der Film überwiegend in einer Schauspielschule spielt? Es ist ja eine relativ kleine Rolle.
Als bei einer Trade-Show in München dieses Projekt vorgestellt wurde, hat man mich gefragt, ob ich dabei vielleicht mitmachen wollte. Und ich habe sofort gesehen, dass der Film ein echtes Herzensprojekt von Simon Verhoeven war. Ich bin ja schon lange in diesem Beruf und ab und zu gibt es Projekte, bei denen man spürt, dass sehr viel Leidenschaft und Herzblut dabei ist. Als ich das Drehbuch las, hat sich dieser Eindruck total bestätigt. Da war es mir auch ziemlich egal, ob ich eine große Rolle spiele oder eine kleine. Ich hatte einfach große Lust, mit dabei zu sein.
Sie waren ja selbst vier Jahre auf der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. War Ihre Ausbildung ähnlich wie im Film?
Ja, schon. Ich konnte beim Drehen natürlich auch in Erinnerungen abtauchen. Besonders haben mir die Improvisationen zusammen mit der ganzen Klasse gefallen. Da habe ich wieder richtig Lust bekommen, noch einmal auf eine Schauspielschule zu gehen. Mit all meiner Erfahrung würde ich heute natürlich ganz anders in diese Impro-Seminare reingehen als damals als Anfängerin. Ich habe die Dreharbeiten total genossen und auch die Erinnerungen an meine Zeit an der Schauspielschule.
Sie wurden mit 15 Jahren vom Schulhof weg für „Crazy“ gecastet. War das ein Schlüsselerlebnis, weshalb Sie Schauspielerin werden wollten?
Ich hatte ja schon vorher etwas geschauspielert, aber mich dann erst einmal auf die Schule konzentriert. Damals habe ich nie gedacht, dass ich Schauspielerin werden wollte. Aber mit 15 an einem Kinofilm mitzuwirken, das war schon ein riesiges Abenteuer. Es war für mich auch eine ganz tolle Zeit und hat mich natürlich sehr beeindruckt. Aber ich bin dann auch zum ersten Mal in ein Loch gefallen, was durchaus passiert, wenn nach den Dreharbeiten alle plötzlich wieder nach Hause gegangen sind. Da hatte ich meinen ersten Schauspiel-Blues. Ich habe aber immer wahnsinnig gern geschauspielert und war auch sehr angezogen von dieser Welt und dieser Art, zu leben. Trotzdem wollte ich auch irgendwann einmal an eine Universität gehen, um zu studieren. Damals wusste ich wirklich nicht, ob ich immer Schauspielerin bleiben würde.
Wenn man so jung und voller Elan ist, steht einem die Welt weit offen. Was hat Ihnen die Kraft gegeben, diesen sehr unsicheren und schwierigen Schauspielberuf zu wählen?
Na ja, seit ich 15 war, habe ich regelmäßig an Kino- und Fernsehproduktionen teilgenommen und bin dadurch in den Beruf eben hineingerutscht. Ich habe aber trotzdem mein Abitur gemacht und mir immer den Weg, etwas anderes zu werden, offengehalten. Ich dachte, ich mache die Schauspielerei einfach so lange, wie sie mir Spaß macht. Ich habe aber auch immer mit der Angst gelebt, dass es plötzlich zu Ende gehen könnte.
Mittlerweile sind Sie eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen, Regisseurinnen und Autorinnen im deutschen Filmbusiness. Mussten Sie sich diese Vielseitigkeit hart erkämpfen?
Eine Karriere aufzubauen und immer wieder Filme zu machen, die auch ein Publikum haben, ist natürlich keine leichte Sache. Dafür habe ich schon immer wieder gekämpft. Denn es fordert einen schon sehr, einen Film zu machen, der viele Menschen auch erreicht. Ich hatte das unglaubliche Glück, von Anfang an ein Team an meiner Seite zu haben, mit dem ich die Geschichten erzählen konnte, die ich wollte. Und ich hatte das Glück, Geschäftspartner zu haben, die mir die Freiheit gaben, erst einmal meine eigene Stimme zu finden. Mit dem Warner-Studio, mit dem Filmproduzenten Willi Geike. Er hat mir vertraut, dass ich einen Film entwickeln kann – und zwar nach meinem Gusto. Und da sich mein Regiedebüt „SMS für Dich“ als sehr erfolgreich erwiesen hat, war das Vertrauen da, sodass ich auch weitermachen konnte.
Bei Ihren eigenen Filmen treffen Sie eigentlich immer den Zeitgeist, ohne sich anzubiedern. Wie gelingt Ihnen das? Sie gehen da ja nicht gerade den einfachsten Weg.
Solche Filme zu machen, ist immer ein Wagnis, denn man kann damit ja nicht jeden Menschen erreichen. Ich versuche einfach, meinem Instinkt zu folgen. Ich will Geschichten erzählen, die größer sind als meine ganz eigenen, egoistischen Geschichten. Es gibt Zusammenhänge in unserer Gesellschaft, die wohl alle so ein bisschen angehen. Ich bin davon überzeugt, dass vielen Menschen, wenn sie sich zum Beispiel streiten, gar nicht bewusst ist, dass es weit über das Persönliche hinausgeht und mit den Strukturen zu tun hat, die dahinterstecken. Die man gar nicht selbst gewählt oder aufgebaut hat. Ich finde es total spannend, dass diese Auseinandersetzungen systemische Strukturen widerspiegeln. Das ist ein Phänomen, das mich unglaublich fasziniert. Da kann man Geschichten erzählen, die über einen selbst hinausgehen und etwas in einen gesellschaftlichen Zusammenhang bringen, der einen aber auch ganz individuell betrifft. Natürlich habe ich bei meinen eigenen Filmen auch immer eine Haltung, die ich auch zeige. Trotzdem versuche ich, dass sich Menschen in meinen Filmen selbst wiederfinden können und ich ihnen nicht etwa mein Befinden aufdrücke.
Ihr Film „Wunderschön“ war ein Riesenerfolg im Kino und hatte fast zwei Millionen Zuschauer. Sie hatten diese Geschichte wohl noch nicht ganz auserzählt, sondern mit „Wunderschöner“ noch ein Sequel gemacht.
„Wunderschöner“ habe ich deshalb gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass man diese Thematik noch etwas weiterführen könnte, um noch mehr in die Tiefe zu gehen. Der gesellschaftliche Druck auf die Körperlichkeit, wie man am besten auszusehen hat, ist ja symptomatisch. Ich fand das sehr spannend zu erzählen. Und mir war bewusst, dass ich dabei noch etwas ungemütlicher werden musste als bei „Wunderschön“. Alles ist bei dem Sequel noch etwas härter. Auch in der Tonalität. Ich war sehr froh darüber, dass „Wunderschöner“, der ja letztes Jahr ins Kino kam, so gut aufgenommen wurde und sehr erfolgreich war.
Ihre eigenen Filme erzählen davon, wie sehr Frauen von äußeren Erwartungen geprägt werden. Aber auch lernen, sich selbst zu schätzen und ihr eigenes Selbstwertgefühl zu finden. Wie gehen Sie persönlich damit um, wenn Sie nach Ihrem Äußeren bewertet werden?
In der Öffentlichkeit wird der Fokus auf Frauen immer noch auf das Körperliche gerichtet. Das ist allgegenwärtig. Und davon kann auch ich mich nicht befreien. Das ist ein Mechanismus, dem man sich in unserer Gesellschaft nicht wirklich entziehen kann. Aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Ich jedenfalls versuche, mich darum überhaupt nicht zu kümmern und mich nicht ablenken zu lassen von den Sachen, die ich eigentlich machen will. Es wäre eine totale Kraft- und Zeitverschwendung, wenn ich mich permanent damit beschäftigen müsste, zwei Kilo loszuwerden. Ich mache lieber Dinge, die mir wichtig sind, nämlich: Was kann ich in meine Gemeinschaft einbringen? Wie möchte ich meine Umwelt gestalten? Was möchte ich arbeiten? Wie möchte ich mein Leben einrichten? Je früher junge Menschen – und junge Frauen – dazu ermutigt werden, ihren Fokus auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu richten, desto besser.
Aber dieser Schönheitswahn – Sie haben es mal sehr treffend die „Heidi Klum’schen Glaubenssätze“ genannt – wird doch noch immer in den meisten Medien zelebriert.
Leider – und da steckt ein Mechanismus dahinter. Man sollte sich doch mal bewusst machen, worum es eigentlich geht, wenn man diesen Frauen so viel Zeit klaut, damit sie sich nicht um das Wesentliche kümmern.
Lassen Sie uns noch darüber sprechen, dass Sie selbst einmal magersüchtig waren. Können Sie uns bitte sagen, warum – und wie Sie Ihre Magersucht überwunden haben?
Warum? Weil ich eben genau so ein junges Mädchen war, das in diesen Druckmechanismus hineinkam, weil eine junge Frau sehr früh darauf trainiert wird, sich selbst als unrichtig zu empfinden und ihre Körperlichkeit infrage zu stellen. Und sich möglichst an Standards anzupassen, die andere aufstellen. Als junges Mädchen ist man dafür natürlich sehr beeinflussbar, und auch ich habe alles, was als ideales Frauenbild in Zeitschriften dargestellt wurde, geglaubt. Angefangen hat das bei mir mit elf Jahren. Aber als ich meine Zeit damit verschwendet habe, jeden Tag Kalorien zu zählen, da war ich so 13 oder 14.
Und was hat Ihnen da herausgeholfen?
Gute Menschen um mich herum. Gute Freunde und mein gutes Elternhaus. Und vor allem auch, dass mich meine Mutter extrem unterstützt hat. Irgendwann wusste ich dann, dass das Kalorienzählen totaler Quatsch war und ich das alles nicht brauchte. Aber diesen Widerstand zu leisten, dass es völlig ausreicht, so zu sein, wie man ist – das kostet Frauen sehr viel Kraft. Und das ändert sich auch nicht, wenn man älter ist, denn je älter man wird, desto weiter entfernt man sich auch von dem Idealbild. Ich persönlich bin jetzt immer entspannter, sehe aber sehr genau, was die Gesellschaft für ältere Frauen in petto hat (lacht). Ich finde es sehr spannend, das aus einer soziologischen Perspektive heraus zu beobachten. Und darüber Geschichten zu erzählen.
Thema ältere Frauen: Senta Berger, die auch in „Ach, diese Lücke, …“ mitspielt, ist sehr schön und sehr sinnlich. Wenn ich mir aber so eine Puppe wie Jane Fonda anschaue …
… Jane Fonda ist eines meiner größten Vorbilder! Das muss ich zu ihrer Verteidigung sagen. Sie ist jemand, auf deren Schultern viele Frauen stehen. Und mir ist völlig egal, wie sie jetzt aussieht; ich finde es einfach spannend, was sie tut.
Verraten Sie uns zum Schluss noch Ihren Hauptcharakterzug? Oder beschreiben Sie sich bitte spontan mit drei Worten.
Ich weiß gar nicht, ob das geht … Drei Worte sind bestimmt zu wenig … Ich versuche es einmal so: Ich bin sehr neugierig darauf, wie persönliche Dinge mit größeren Strukturen zusammenhängen. Das finde ich total spannend. Da kann ich sehr akribisch werden. Also mit zwei Worten: akribische Neugier!
Neugier auf das Leben ist doch ein sehr guter Antrieb …
… oh ja. Ich liebe das Leben. Manchmal hasse ich es auch. Aber meistens liebe ich es. Nur die Umstände mag ich nicht immer. Und das ist ja eigentlich absurd, weil wir hier ein so tolles Leben haben. Und ich hasse Ungerechtigkeit! Damit komme ich nicht zurecht. Ich würde sagen, die rechtsstaatliche Demokratie ist meine Religion. Ich glaube, dass Freiheit nur dadurch möglich ist. Und ich glaube, Ungerechtigkeit und Ungleichheit sind mit die größten Themen unserer Zeit.
Was bedeutet Erfolg für Sie heute – jenseits von Klickzahlen, Preisen und Schlagzeilen?
Für mich ist momentan Erfolg, wenn ich es schaffe, in meinem Garten Salat großzuziehen. Und ich habe früher nie gerne gekocht, aber mittlerweile mache ich das wahnsinnig gerne. Dieses Weihnachten zum Beispiel habe ich es geschafft, ein Drei-Gänge-Menü für meine Freunde und meine Familie zu kochen. Da fühlte ich mich sehr erfolgreich. Eigentlich ging es mir darum, eine Idee, die ich hatte, kreativ umzusetzen. Beim Kochen geht das ja relativ schnell. Beim Film dauert es manchmal drei Jahre. Wenn das, was ich mal im Kopf hatte, Realität wird – das ist für mich Erfolg. Und wenn ich es teilen kann, mit den Leuten, mit denen ich das gemeinsam geschafft habe.
Haben Sie sich für 2026 gute Vorsätze vorgenommen?
Letztes Jahr war mein Vorsatz, mutig zu sein – und das bin ich gewesen. Dieses Jahr wollte ich es langsam angehen. Das hat aber nicht funktioniert.
Wenn Ihr Leben ein Film wäre – wie wäre der Titel?
Mmh … „Mein Leben – aber bitte mit Sahne“.
Im Ernst?
Nein, ich mag gar keine Sahne. Titel sind immer schwer. Zum Glück habe ich einen Beruf, bei dem ich mir für Filmtitel immer viel Zeit lassen kann.