Schon mit drei Jahren sang Elisa Rehlinger der Großmutter ein Ständchen. Mit 19 brach sie ein Studium ab, um professionelle Sängerin zu werden. Im Januar steht die mittlerweile 25-jährige Musicaldarstellerin in Dillingen erneut im Musical „Dracula“ auf der Bühne.
Wenn ein erkälteter Kinobesucher hinter ihr hustet oder wenn sie ein leichtes Kratzen im Hals verspürt, dann läuten bei Elisa Rehlinger die Alarmglocken: „Jetzt bloß nicht krank werden.“ In der kalten Jahreszeit geht sie meist mit Schal aus dem Haus. Denn ihre Stimme ist ihr Kapital. Wenn sie versagt, verdient die 25-Jährige kein Geld. Rehlinger ist professionelle Musicaldarstellerin. „Es gibt nichts Schöneres, als Menschen mit seiner Stimme zu berühren“, sagt die Künstlerin. Das gelang ihr auch im April vergangenen Jahres während der beiden Aufführungen des Musicals „Dracula“ in der Merziger Stadthalle. „Es war eine meiner emotionalsten Bühnenmomente“, erzählt sie, „ich hatte Tränen in den Augen.“ Wenn Elisa Rehlinger im Rampenlicht steht und den Applaus des Publikums hört, dann ist sie glücklich. Doch dem Hochgefühl auf den Brettern, die die Welt bedeuten, folgt regelmäßig die Landung auf dem Boden der Realität. Wenn sie am Morgen nach dem Auftritt aufwacht, sind die Alltagssorgen, die während der Show vergessen waren, wieder da.
In jungen Jahren war sie eher schüchtern
Die Mezzosopranistin singt nicht nur in Musicals, auf Hochzeiten und bei Beerdigungen. Sie ist auch mit ihrem Soloprogramm „Von Polaroids und Postkarten“ unterwegs und gibt Gesangsunterricht. Außerdem tritt sie mit den Bands X-Pression, BeToBe, No Matter What und dem Akustik-Duo 2gether auf. „Es ist anstrengend“, sagt Rehlinger mit Blick auf ihre Arbeit. Während sie vom Sommer bis in die Vorweihnachtszeit hinein häufiger engagiert wird, herrscht im Januar, Februar und März oft auch mal Flaute. Zurzeit laufen die Geschäfte gut, im Jahr 2025 wurde sie oft gebucht. „Von Mai bis Weihnachten hatte ich vielleicht ein bis zwei freie Wochenenden“, erzählt die Sängerin. Die meisten Auftritte sind freitags, samstags oder sonntags. Für die Familie und die Freunde bleibt deshalb an den Wochenenden wenig Zeit. „Find mal einen Mann, der damit klarkommt“, sagt die Merzigerin schmunzelnd. Eine Familie möchte sie aber noch nicht gründen, zurzeit steht die Karriere im Vordergrund. Denn trotz der Mühen ist das Singen Rehlingers Traumjob: „Es ist ein Privileg, mit dem Geld zu verdienen, was man liebt.“ Auf ihrer Visitenkarte zitiert sie den griechischen Philosophen Aristoteles: „Im Wesen der Musik liegt es, Freude zu bereiten.“
Wer die selbstbewussten Auftritte der Künstlerin sieht, kann sich nur schwer vorstellen, dass die Saarländerin in jungen Jahren eher schüchtern war. In den Kindergarten ging sie nicht besonders gerne. Viel lieber ließ sie sich von den beiden Großmüttern verwöhnen. Die Liebe zur Musik wurde ihr in die Wiege gelegt. Rehlinger erzählt von einem Video, das auf einem Familiengeburtstag aufgenommen wurde. Damals war sie wohl noch keine drei Jahre alt. „Ich schenk dir einen Regenbogen“, sang Elisa gemeinsam mit ihrer fünf Jahre älteren Schwester zu Ur-Großmutters Ehren. Ihr erstes Solo präsentierte das Mädchen dann als Drittklässlerin bei der Verabschiedung des Schulleiters. Ihr Fokus lag damals noch nicht auf dem Gesang, sondern eher im tänzerischen Bereich. Sie widmete sich voll und ganz dem Garde-Tanzsport. Hier zeigte sich auch ihr akrobatisches Talent, Flickflack und Salto gehörten zum Repertoire. Als Turniertanzmariechen erreichte Elisa 2011 den dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften.
Förderung durch Leiterin der Tanz-AG
Im Alter von 14 Jahren tauschte sie das Garde-Kostüm gegen lässige Jogginghosen – jetzt stand Hip-Hop auf dem Programm. Gabriela Husung, die Leiterin der Tanz-AG am Merziger Peter-Wust-Gymnasium, förderte die Schülerin tänzerisch, aber auch im Bereich Musical. „Dieser Frau bin ich sehr dankbar“, sagt Rehlinger, „sie hat mich zum Musical gebracht.“ Im Rahmen eines Auftritts der Tanz-AG sang Elisa bei der Sportlerehrung ihrer Heimatstadt ihr erstes, anspruchsvolles Solostück („Ich gehör nur mir“) aus dem Musical „Elisabeth“. Nach der Show gab es viel Applaus, die Zeitung druckte sogar ein Foto von der talentierten jungen Sängerin. „Ich war sehr stolz“, erinnert sich Elisa Rehlinger.
Nach einigen Jahren verschwanden die Hip-Hop-Schlabberhosen dann wieder im Schrank. Zum ersten richtigen Gesangsengagement kam die Künstlerin eher zufällig – die Gymnasiastin sprang mit 15 Jahren als Schwangerschaftsvertretung beim Showensemble von Gunni Mahling ein. Zweimal in der Woche chauffierten die Eltern ihre Tochter von Merzig nach Dudweiler zu den Proben. Sue Lehmann, eine andere bekannte Persönlichkeit der saarländischen Musikszene und auch Mitglied im Showensemble, gab dem Nachwuchstalent Gesangsunterricht. Schon recht früh in ihrer Karriere musste Rehlinger feststellen, dass bei Live-Auftritten nicht immer alles glatt läuft. Während einer Song-Darbietung aus dem Musical „A Chorus Line“ streikte ihr Mikrofon, das Publikum konnte sie nicht hören. „Ich habe es gar nicht bemerkt“, erzählt die Sängerin. Das war vielleicht auch gut so. Schließlich war sie damals noch sehr unerfahren und hätte nicht gewusst, wie sie reagieren sollte. Mittlerweile bringen sie technische Pannen nicht mehr aus der Ruhe: „Die Kunst ist es, solche Momente mit Charme zu überspielen. Man singt weiter und hofft, dass jemand von der Technik das Problem in den Griff bekommt.“ Und wenn sie wieder von vorne beginnen müsse, dann sei das kein Drama. Das Publikum nehme es nicht übel. Rehlinger erinnert sich auch noch gut an einen schmerzhaften Fehltritt. Die Wand, an die sie sich lehnte, entpuppte sich als Vorhang. Als er nachgab, fiel sie unsanft von der Bühne. Der Arm war leicht lädiert. Hätte sie sich schwerer verletzt, wäre allerdings schnell Hilfe da gewesen. Der Auftritt war nämlich während einer Ärzte-Feier.
Natürlich hat Elisa Rehlinger auch auf ihrer Abitur-Feier 2018 gesungen. Und zuvor schon in allen Ensembles des Gymnasiums: Chor, Orchester und Big Band. Mit dem Reifezeugnis in der Tasche stellte sich nun eine schwierige Frage: Was tun? Ein Studium konnte sich die junge Frau gut vorstellen. Aber welches Fach sollte sie wählen? Jura, Psychologie und Lehramt gehörten zu den Favoriten. Bis zu einer Entscheidung jobbte sie in der Nachmittagsbetreuung einer Freiwilligen Ganztagsschule. „Ich kann gut mit Kindern“, stellte sie fest, als sie den Schülern bei den Hausaufgaben half. Das war mit ein Grund, warum sie sich 2019 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) einschrieb, im Fach „Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit.“ Während des Studiums bekam Rehlinger eine Mandelentzündung. Trotz 40 Grad Fieber stand sie auf der Bühne. Nachdem sie am Morgen nach dem Auftritt über Schmerzen in der Brust klagte, brachte sie ein Krankenwagen in die Klinik. Die Diagnose: Herzmuskelentzündung. Schon nach einigen Tagen wurde die Patientin entlassen. Sie musste nun jedoch eine Zeit lang kürzertreten – nicht nur beim Singen, sondern auch beim Lernen. Und das mitten in der Prüfungsvorbereitung. „Das Studium ist nicht das, was ich machen will“, erkannte die damals 19-Jährige in dieser Phase und kehrte der HTW nach einem Semester den Rücken. Jetzt hatte sie ein neues Ziel vor Augen. „Ich möchte professionell Musik machen“, verkündete sie ihren Eltern.
„Die Leute abholen, wo sie stehen“
Nach bestandener Aufnahmeprüfung begann sie im August 2020 eine dreijährige Ausbildung an der „Musical Arts Academy“ in Mainz. Hip-Hop, Steppen, Jazz, Modern Dance sowie das für sie anfangs gewöhnungsbedürftige Ballett standen auf dem Ausbildungsplan. Hinzu kamen Gesangs-, Schauspiel- und Sprechunterricht. Außerdem noch Musiktheorie und Anatomie des menschlichen Körpers. „Es war eine tolle, aber auch anstrengende Zeit“, erzählt Elisa Rehlinger. Seit 2023 ist sie freiberuflich als Künstlerin tätig. Das erste Engagement nach der Ausbildung war ein Heimspiel. Im Merziger Zeltpalast wirkte die Künstlerin bei acht Vorstellungen des Musicals „Jack The Ripper“ mit. Ein halbes Jahr später folgte das nächste große Engagement: In der Produktion „Zauberflöte – Das Musical“ am Festspielhaus Füssen und am Deutschen Theater in München stand sie als Zweitbesetzung der Hauptrolle Papagena und als eine der „Drei Damen“ auf der Bühne. „Als Papagena in einer Tuchnummer zehn Meter über dem Boden zu schweben, war ein unvergessliches Erlebnis für mich“, schwärmt Rehlinger.
Seit Ende August vergangenen Jahres laufen wieder die „Dracula“-Proben, zwei Vorstellungen des Musicals von Erfolgskomponist Frank Wildhorn stehen im Januar 2026 noch auf dem Programm. „Das ist mein Baby“, sagt Rehlinger mit Blick auf das Projekt. Sie ist nicht nur Hauptdarstellerin, sondern auch Regisseurin und Choreografin des Stücks. Geübte Darsteller agieren auf der Bühne zusammen mit unerfahrenen, musikbegeisterten Schülern. „Man muss die Leute da abholen, wo sie stehen“, betont die Regisseurin. Ihr kooperativer Führungsstil und ihre geduldige, freundliche Art kommen gut an. Das hat sie schwarz auf weiß: Auf den Feedback-Bögen, die sie verteilte, standen viele lobende Worte. „Mir ist es wichtig zu wissen, wie die Darsteller sich mit meiner Arbeit fühlen.“ Sie selbst schlüpft in die Rolle der Mina Murray. In ihr sieht Dracula, der Fürst der Finsternis, der jede Nacht auf die Jagd nach frischem Blut geht, die Reinkarnation seiner verstorbenen Frau. Mina kann sich den Avancen des liebenden Grafen nicht entziehen. Das emotionale Finale, bei dem sie sich für Dracula entscheidet, gehört zu Rehlingers Lieblingsszenen. Nach den beiden Aufführungen lässt sich die Merzigerin die Mandeln, die ihre Stimme schon öfter belasteten, operativ entfernen. Und im März zieht sie vom Elternhaus in ihre erste eigene Wohnung. Ihrem Heimatort hält sie allerdings weiterhin die Treue. „Die Wohnung liegt nur ein paar Straßen weiter“, verrät sie.