Wir tracken unseren Schlaf, zählen Schritte, optimieren Ernährung und lassen uns von Apps und KI durch den Alltag begleiten. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit und Spontaneität. Psychologe René Proyer forscht zu „Adult Playfulness“ – der Fähigkeit von Erwachsenen, Situationen kreativ, humorvoll und offen zu begegnen.
Herr Proyer, wenn Kinder spielen, sieht man das in der Regel sofort. Wie erkennt man einen verspielten Erwachsenen?
Das ist nicht immer ganz einfach. Verspielte Menschen können Situationen im Alltag so gestalten, dass sie sie als unterhaltsam, intellektuell stimulierend oder persönlich interessant wahrnehmen. Ein Beispiel: Einem verspielten Menschen sollte es leichtfallen, auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn etwas zu beobachten, das irgendwie unterhaltsam sein könnte. Dann fangen Gedankenspiele dazu an: Was wäre, wenn nun dieses und jenes noch passieren würde? Wäre es nicht lustig, wenn er jetzt das oder jenes zu ihr oder ihm sagen würde?
Sie forschen an der Uni Halle zu Verspieltheit bei Erwachsenen. Inwiefern profitieren die davon in ihrem Alltag?
Ich mag den von dem Theologen Hugo Rahner geprägten Begriff der Ernstheiterkeit. Er hat sich in seinem Buch „Der spielende Mensch“ Gedanken darüber gemacht, wie das gute Leben aussehen kann. Ernstheiterkeit bedeutet, dass man in Situationen größter Heiterkeit, Freude und Glück immer noch geerdet bleibt und auch einen Blick dafür hat, was um einen herum passiert. Dass man aber auch in Situationen größten Ernstes und größter Schwierigkeiten den Blick nicht dafür verliert, dass es auch Licht am Ende des Tunnels gibt.
Menschen mit einer hohen Verspieltheit können auch schwierige Situationen für sich so betrachten, dass sie leichter werden. Sie verharren weniger starr in Pro-blemen, finden eher kreative Lösungen und bleiben typischerweise emotional stabiler in Stresssituationen.
Was ist der Unterschied zwischen Verspieltheit und Spiel?
Spiel ist ein Verhalten, das man direkt beobachten kann. Wir können Kinder im Park beobachten, wie sie einander fangen oder mit dem Ball spielen, und wir können Erwachsene beim Kartenspiel beobachten. Verspieltheit ist eine Persönlichkeitseigenschaft wie Gewissenhaftigkeit. Das sind Charakteristika, die Menschen auszeichnen, und die relativ stabil sind.
Wenn ich als Erwachsener verspielter werden will, sind Kinder die Vorbilder?
Ich erinnere mich, wie ich früher mit meiner fünfjährigen Tochter Einkaufsladen gespielt habe und dabei dieselbe Bestellung in derselben Reihenfolge über eine Stunde hinweg abgearbeitet habe. All meine Vorschläge, da sanft eine Variation reinzubringen, wurden abgeschmettert (lacht). Dabei fröhlich zu bleiben und denselben Dialog zu wiederholen, da kämpfen Sie schon mit sich selbst. Das ist halt ein anderes Spiel. Wir haben andere Bedürfnisse und Aufgaben als Kinder.
Wie spielen Erwachsene?
Die Idee, dass es in der Gesellschaft und im Alltag für Erwachsene keine Räume gibt, in denen sie spielen können, finde ich nicht nachvollziehbar. Erwachsene spielen. Dazu gehören auch Computerspiele, die man erst ab 18 spielen darf. In Vergnügungsparks gibt es Fahrgeschäfte, in die man erst ab einem gewissen Alter darf. Auch Lego richtet sich mit vielen Spielwelten an Erwachsene. Hinzu kommen sportliche Tätigkeiten. Wenn Sie im Volleyball- oder Fußballverein sind, ist das ja auch eine Form des Spiels. Und wenn man etwa bei der Leipziger Buchmesse sieht, wie viele Erwachsene da im Cosplay engagiert sind, also sich kunstvoll verkleiden, finde ich das toll, wie die zu ihrem Hobby stehen und das ausleben.
Gleichzeitig würde ich auch nicht vorschreiben wollen, dass alle mit angeklebten Ohren rumrennen müssen. Ich würde es auch nicht machen, es ist nicht meins.
Sie beschreiben da relativ klar umrissene Spielformen. Wie steht es um das freie Spiel?
Ich habe als Psychologe nicht den Anspruch, alle Erwachsenen auf eine Wiese zu schicken, damit sie miteinander spielen, wie Vierjährige das können. Freies Spiel bei Erwachsenen kann sich auch subtil zeigen. Wenn man auf einer längeren Zugfahrt zum Beispiel einfach aus dem Fenster schaut und die Gedanken frei laufen lässt, ein Musikstück improvisiert oder einen freien Text schreibt und schaut, was da kommt. Natürlich sind Kinder ein Vorbild in vielerlei Hinsicht, weil sie selbstverständlich und zu Recht Spielzeit einfordern und Spielzeit brauchen. Aber wir können uns da nicht messen. Erwachsene spielen anders.
Wie kann man in der Partnerschaft gemeinsam spielen – abseits von Computer- oder Brettspielen?
Man kann Fantasiereisen machen, überlegen, wo es im Urlaub hingehen soll, und sich dann vorstellen, wie man gemeinsam am Strand sitzt, wandert oder schwimmen geht. Dabei geht es darum, Dinge gemeinsam durchzuspielen. In einer romantischen Partnerschaft ist es auch schön, wenn man den Partner oder die Partnerin überrascht, mit etwas Neuem, Schönem oder Ungewöhnlichen, dass man etwas Unerwartetes macht. Bei Erwachsenen gibt es auch im Bereich der Sexualität vielfältige Formen des Spiels und verspielten Verhaltens, denken Sie an Rollenspiele.
Was spielen Sie persönlich?
Wir unterscheiden vier verschiedene Arten der Verspieltheit – eine soziale, auf andere ausgerichtete Art, eine leichtherzige, eine intellektuelle und eine extravagante Art der Verspieltheit. Innerhalb dieses Facettenmodells verorte ich mich selbst in der intellektuellen Verspieltheit. Das heißt, ich mag Gedankenspiele, Tagträume und Ähnliches.
Ich kann meine Verspieltheit auch beim Auswerten von Daten ausleben, weil ich es total mag, einen Datensatz zu verstehen, aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und Ideen zu entwickeln, warum bestimmte Ergebnisse so sind, wie sie sind. Ich mag auch Wortspiele und Dinge, die mit Sprache zu tun haben. Und natürlich fordert meine Tochter auch klassische andere Spiele ein, zum Beispiel Gesellschaftsspiele.
Hier in Deutschland gehen viele Menschen bis heute mit preußischem Arbeitsethos ins Büro oder die Fabrik. Darf man bei der Arbeit spielen?
Erwachsene sollten sogar bei der Arbeit spielen. Denn daraus entsteht Innovation. Das ist gerade in schwierigen wirtschaftlichen Lagen besonders wichtig. Wir wollen Dinge neu denken, wir wollen neue Möglichkeiten finden, um Ressourcen anders zu verwenden, neu zu verwenden. Ungewöhnliche Ideen werden relevant. Dafür gibt es empirische Belege.
Kreativität ist nicht leicht messbar. Wie bewerten Sie als Forscher den Erfolg solcher Verspieltheit?
Wir starten gerade zusammen mit dem Fraunhofer-Institut in Berlin und verschiedenen Partnern aus der Wirtschaft ein Projekt. Da wollen wir schauen, ob man über Serious Games Menschen resilienter, also widerstandsfähiger gegenüber Belastungen im Arbeitsalltag machen kann. Da geht es im Kern um ein Legospiel, bei dem man in einer größeren Gruppe ein Produkt bauen soll. Ähnliche Projekte haben uns längst den Wert, auch den volkswirtschaftlichen, von einer Arbeit mit mehr Verspieltheit gezeigt.
Sind wir da bei der Tischtennisplatte im Start-up?
Ich selbst mag jetzt nicht allen sagen: Ihr müsst spielen. Ich mag auch nicht Unternehmen empfehlen: Ihr macht jetzt einen Spieletag und dann müssen alle Karaoke singen, tanzen oder ins Bällebad. Da wäre ich selbst direkt raus. Innovationen entstehen über Freiheiten, die man Menschen gibt, verschiedene Ideen durchzuspielen, Brainstorming zu betreiben, neue Wege gehen zu dürfen. Es geht mehr darum, Räume zu öffnen, Dinge zu erlauben und Platz zu schaffen. Damit ist dann schon viel gewonnen.
In vielen Führungsetagen hat man wahrscheinlich trotzdem Vorbehalte, dass zu viel Spaß den nötigen Ernst verhindert. Was entgegnen Sie?
Es ist nicht so, dass man in Unternehmen plötzlich Angst haben muss, dass alle nur rumblödeln und Zeit vernichten oder im großen Stil Arbeitszeitbetrug betreiben. Das ist auch keine Aufforderung zum dauerhaften Unernst. Es ist ganz klar, dass Deadlines eingehalten werden müssen, dass gut gearbeitet werden soll. Aber wir können diese Ziele auf verschiedene Weise erreichen. Und offen sein für neues Denken, das die Produktivität und das Wohlbefinden bei der Arbeit steigern kann. Mehr Verspieltheit in unserem Alltag, so weit wage ich zu sagen, würde uns allen guttun.
Haben Sie ein Beispiel abseits der Tischtennisplatte?
Wir hatten an meiner alten Arbeitsstelle immer schöne Meetings. Nun dachte ich mir, es wäre irgendwie lustig, wenn ich plötzlich so einen riesigen Stift rausnehme, groß wie eine Salatgurke, und damit ganz normal schreibe. Das hat natürlich dann zu Lachern geführt. Und das nächste Mal hatte jemand auch so einen Stift dabei. Da war kein tieferer Sinn dahinter, ich wollte nur schauen, wie die anderen reagieren.
Haben Sie noch einen Tipp, einen ersten Schritt hin zu mehr Verspieltheit?
Ich muss die Augen öffnen, mich bereit machen für den Alltag, der so viel Witziges und Spielerisches bereithält. Man kann mit etwas ganz Kleinem starten: Man sieht einen Graffiti-Spruch, der einen zum Nachdenken bringt, macht ein Foto davon und schickt es jemandem. Das ist eine spielerische Intervention in der Stadt. Oder man überrascht seinen Partner oder seine Partnerin mit etwas Ungewöhnlichem wie Opernkarten, obwohl man eigentlich nicht in die Oper geht, probiert ein neues Gericht aus oder schaut einen anderen Film. Es geht darum, etwas Neues, Ungewöhnliches auszuprobieren.