Rebekka Bakken nahm Jazz-Alben auf, schrieb Pop-Songs und singt neuerdings norwegische Volkslieder. Die 56-Jährige mit der sinnlichen Stimme tritt am zweiten Abend von „fill in – International Jazzfestival Saar“ auf.
Frau Bakken, würden Sie sagen, dass Sie eine Jazz-Sängerin sind?
Ich habe mich nie für Genres oder Etiketten interessiert. Aber wenn die Leute das tun müssen, sollen sie es bitte tun. Ich selbst würde aber nichts, was ich mache, mit einem Etikett versehen. Das wäre unzureichend.
Ihr Stimmumfang erstreckt sich über drei Oktaven. Brauchen Sie diese drei Register, weil Ihr Repertoire eine größere Vielfalt erfordert?
Nein. Zunächst einmal ist es keine große Sache, drei Oktaven zu singen. Ich möchte mich gerne in alle Richtungen ausdrücken, und ich tue das auf jede erdenkliche Weise. Ich habe tiefe Töne und ich habe hohe Töne. Ich nutze gerne alle Mittel, die mir zur Verfügung stehen.
Wie schaffen Sie es, dass die Emotionen in Ihren Liedern Ihre technischen Fähigkeiten übertrumpfen?
Nun, tolle Frage, denn technische Fähigkeiten waren mir nie wichtig. Was mir immer wichtig war, waren der Song und der Ausdruck. Und dann wurde mir diese Art von Stimme geschenkt, und sie entwickelte sich, je mehr ich etwas mit ihr ausdrücken wollte. Je mehr ich sang, desto mehr wurde die Technik meinem Körper gewissermaßen eingeprägt. Der Ausdruck steht also immer an erster Stelle.
Ihre Version von Nick Caves Klassiker „Red Right Hand“ ist genauso kraftvoll wie das Original. Was löst dieser Song in Ihnen aus?
Er weckt eine Dunkelheit in mir. Da ist diese gefährliche Finsternis und diese teuflische Atmosphäre. Das ist auch ein Teil von mir und vom Leben und davon, hier auf der Erde zu sein. Ich liebe es, damit zu spielen und das mit solcher Coolness zu tun.
Auf Ihrem aktuellen Album „Nord“ interpretieren Sie die Musik aus Ihrer Kindheit neu. Was fasziniert Sie an der traditionellen norwegischen Musik?
Nun, da ist einfach alles drin. Man kann damit machen, was man will. Sie erlaubt mir, alle Seiten von mir auszuleben. Diese Aspekte sind wahrscheinlich so tief in mir verankert, dass ich mich innerhalb dieser Rahmenbedingungen vollkommen frei fühle.
Die meisten dieser Lieder singen Sie auf Norwegisch. Können Sie Gefühle präziser vermitteln, wenn Sie in Ihrer Muttersprache singen?
In den ersten 20 Jahren meines Lebens habe ich vor allem Norwegisch gesprochen, in den nächsten 20 Jahren hauptsächlich Englisch. Ich lebe verschiedene Seiten von mir aus, die durch Sprachen hervorgerufen werden. Und das ergibt unterschiedliche Klänge. Mit den Klängen der Sprache kommen Assoziationen. Jede Sprache bringt andere Dinge in mir zum Vorschein. Ich spiele damit. Es ist so, als wäre ich ein Botschafter dieser Lieder.
In Saarbrücken treten Sie solo auf. Liegen Ihnen intime Konzerte besonders am Herzen?
Ich liebe Soloauftritte, weil meine musikalische Welt zu 100 Prozent am Klavier stattfindet. In meinem Kopf spielt sich so viel ab, wenn ich am Klavier sitze. Während der Pandemie war es schwierig, mit einer kompletten Band zu reisen. Ich wusste vorher gar nicht, dass diese Solowelt mir so vertraut ist. Es ist eine ganz besondere Situation, intim für mich und für das Publikum. Ich liebe es.