Sophie Marceau, eine der beliebtesten und erfolgreichsten Schauspielerinnen Frankreichs, überzeugte immer auch international. Nun kehrt sie mit „LOL 2.0“, der lang erwarteten Fortsetzung des Kultfilms „LOL (Laughing Out Loud)“, ins Kino zurück.
Auf einer Steinbank am Teich sitzt eine schöne Frau im langen roten Kleid. Ein Strohhut schützt sie vor der stechenden Nachmittagssonne. Überall blühen Narzissen. Ein Bild wie ein altes Gemälde. Die Frau ist Sophie Marceau, die während einer Drehpause zur Neuverfilmung von Tolstois Klassiker „Anna Karenina“ (1997) gerade eine Zigarette raucht. Wir befinden uns in einer Prunkvilla des zaristischen Russlands in Lomonossow, etwa 40 Kilometer außerhalb von St. Petersburg. „Ich habe überhaupt keine Scheu, Anna Karenina zu spielen“, wird sie wenig später im Interview sagen. „Die beiden früheren Verfilmungen mit der Garbo und Vivien Leigh waren doch ziemlich melodramatischer Hollywoodkitsch.“ Diese selbstbewusste, ja rebellische Art ist keine Pose, sondern echt. Sophie Marceau hatte schon früh lernen müssen, sich zu behaupten, um sich vor Bevormundungen und Vereinnahmungen zu schützen. Denn sie war gerade einmal 14 Jahre alt, als sie in Frankreich über Nacht zum Star wurde.
Als Vic, ein verknalltes junges Mädchen, wurde sie in der Teenager-Komödie „La Boum – Die Fete“ (1980) in Frankreich zum Publikumsliebling und sorgte dafür, dass der Film allein in ihrem Heimatland über fünf Millionen Besucher ins Kino zog. Zwei Jahre später folgte „La Boum – Die Fete geht weiter“, was ihre Bekanntheit noch steigerte. 1983 wurde sie für ihre Rolle mit dem französischen Filmpreis César als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Doch damit begannen auch die Probleme. Um nicht auf die Rolle des unschuldigen jungen Mädchens festgelegt zu werden, kaufte sich die damals 16-jährige Sophie Marceau durch eine Zahlung von einer Million Franc vom Vertrag mit dem Gaumont-Studio frei, das sie für weitere Fortsetzungen von „La Boum“ verpflichtet hatte.
„Der frühe Ruhm hätte mich fast zerstört“
Wenn Sophie Marceau heute auf diese Zeit zurückblickt, schlägt sie sehr nachdenkliche Töne an. Dem französischen Magazin „Marie Claire“ öffnete sie vor Kurzem ihr Herz: „Der frühe Ruhm hätte mich physisch und psychisch fast zerstört. Plötzlich konnte ich nicht mehr wie gewohnt zur Schule gehen, geschweige denn mich in der Öffentlichkeit ungehindert bewegen. An jeder Ecke lauerten Paparazzi und in den Cafés wurde ich fast pausenlos von Fans belagert. Wer so etwas nicht selbst erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie schwierig es für ein junges Mädchen ist, ständig unter Beobachtung zu stehen.“
Sophie Marceau wurde 1966 in Paris als zweites Kind in eine Arbeiterfamilie hineingeboren. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie neun Jahre alt war. 1980 wurde eine Model-Agentur auf Sophie aufmerksam. Es wurden ein paar Fotos von ihr gemacht und man nahm sie in den Model-Katalog auf. Dort entdeckte sie der Regisseur Claude Pinoteau für seinen Film „La Boum“. Der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Nachdem sich Sophie Marceau – mit überwiegend geliehenem Geld – freigekauft hatte, ließ sie sich an der Schauspielschule Cours Florent in Paris zur Schauspielerin ausbilden. Nun war sie reif für ernsthafte, neue und aufregende Rollen. Bei den Dreharbeiten in Nizza zu der Komödie „Fröhliche Ostern“ (1984) mit Jean-Paul Belmondo lernte sie den Regisseur Andrzej Żulawski kennen. Marceau war damals 18, Żulawski 44 Jahre alt. Aus dieser Begegnung entstanden eine über 15-jährige Beziehung sowie eine intensive künstlerische Zusammenarbeit. In vier seiner Filme spielte sie über die Jahre mit, darunter auch in „Liebe und Gewalt“ (1985) und „Meine Nächte sind schöner als deine Tage“ (1989). 1995 kam ihr gemeinsamer Sohn Vincent zur Welt. Die Beziehung der beiden endete 2001.
Mittlerweile war Sophie Marceau in Frankreich ein gefeierter Filmstar, der sich nicht scheute, auch schwierige und kontroverse Rollen anzunehmen. Doch es waren zwei Komödien, nämlich „Fanfan & Alexandre“ (1993) und Bertrand Taverniers Abenteuerfilm „D’Artagnans Tochter“ (1994), die sie weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machten. Einer ihrer Bewunderer war der Hollywoodstar Mel Gibson, der sie für sein Historien-Epos „Braveheart“ (1995) unbedingt als Prinzessin Isabelle haben wollte. Danach spielte sie, neben Michelle Pfeiffer, in der Shakespeare-Komödie „Ein Sommernachtstraum“ (1999) mit und glänzte, noch im selben Jahr, als Bond-Girl Elektra King in „James Bond 007 – Die Welt ist nicht genug“ mit Pierce Brosnan. Für diese Rolle bootete sie sogar Hollywoodstar Sharon Stone aus.
Persönliche Freiheit ist ihr wichtig
„Ich bin damals aus professionellen Gründen in die USA gegangen, weil man mir dort interessante Angebote machte. Aber ich hatte nie vor, in Hollywood zu bleiben und mich dort in die Star-Maschinerie einspannen zu lassen. Ich fühlte mich nach wie vor im französischen und europäischen Kino sehr wohl,“ sagt sie bei einem Treffen in Los Angeles. „Für den ‚Bond‘-Film habe ich damals auch alle Warnungen in den Wind geschlagen, nämlich dass man als Bond-Girl seine Karriere schnell in den Sand setzen könnte. Und tatsächlich bedeutete es ja für viele sogenannte Bond-Girls das Ende ihrer Karriere. Aber ich habe mir deshalb keine Sorgen gemacht, auch weil ich als Elektra gegen mein Image besetzt wurde. Ich hatte auf jeden Fall bei den Dreharbeiten einen höllischen Spaß.“ Sophie Marceau erlebte man auch hier, mitten im Star-Trubel Hollywoods, als moderne, selbstsichere Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, auf Konventionen pfeift und ihr Leben selbst in die Hand nimmt. „Man darf sich von dem ganzen Publicity-Zirkus auch nicht kirre machen lassen“, meinte sie mit einem ironischen Lächeln. „Wenn mir die Fragen zu blöd werden, dann mache ich einfach mit mir selbst ein Interview – im Kopf.“
Sophie Marceau hat immer wieder gezeigt, dass sie eine vielseitige und sehr sinnliche Schauspielerin ist. Sie hat auch keine Angst, sich – wenn nötig – nackt vor der Kamera zu zeigen. Einen Intimkoordinator bei Sex-Szenen? Überflüssig! „Ich weiß nicht, warum davon immer so viel Aufhebens gemacht wird. Ich bin von Beruf Schauspielerin. Man spielt die Sex-Szene und geht danach zurück in den Wohnwagen – und zwar allein.“ Auch Flirts mit dem Co-Star vor der Kamera gehören für sie zur Berufsbeschreibung. Aber sie enden eben sofort nach Drehschluss.
Sophie Marceau legte immer sehr viel Wert auf ihre persönliche Freiheit und fühlte sich in Partnerschaften wohl, in denen sie sich trotz Nähe auch ihre Unabhängigkeit bewahren konnte. Sie betonte immer wieder, dass man Liebe nicht kontrollieren könne und dass die tatsächliche Zuneigung und das ehrliche Miteinander im Hier und Jetzt stattfinden. „Ich bin tief in meinem Herzen sehr romantisch, müssen Sie wissen. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass Frauen viel leidenschaftlicher und kompromissloser lieben können als Männer.“
„Ich bin nicht nostalgisch veranlagt“
Natürlich hatte sie immer wieder Partner an ihrer Seite. Von 2002 bis 2006 war sie mit dem US-Produzenten Jim Lemley in einer festen Beziehung, allerdings ohne Trauschein. Lemley ist auch der Vater ihrer Tochter Juliette, die 2002 zur Welt kam. Nur einmal wurde sie ihrem Vorsatz untreu: 2012 heiratete sie ihren Schauspielerkollegen Christopher Lambert („Greystoke“, „Highlander“). Das Paar ließ sich aber 2014 wieder scheiden. Schon lange hält Sophie Marceau ihr Privatleben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. So ist über einen aktuellen Lebenspartner nichts bekannt. Bei öffentlichen Auftritten, wie zum Beispiel bei der Pariser Fashion Week oder bei Filmpremieren, wird sie häufig von ihrer Tochter Juliette begleitet. In letzter Zeit zog sie sich auch immer öfter für eine Weile aus dem Filmgeschäft zurück. „Ich mache das ganz bewusst, um Atem zu schöpfen und über die Dinge des Lebens nachzudenken. Gott sei Dank bin ich in der privilegierten Lage, nur noch Filme zu machen, die mir wirklich am Herzen liegen.“
Vor vier Jahren war das zum Beispiel der Film „I Love America“ von der Regisseurin Lisa Azuelos. Mit ihr machte sie vor 17 Jahren den ersten „LOL (Laughing Out Loud)“-Film. Azuelos holte sie jetzt auch für die Mutter-Tochter-Komödie „LOL 2.0“ vor die Kamera; Sophie Marceau kehrt in der Rolle der Anne zurück. Sie ist jetzt Mitte 50, die Kinder sind ausgezogen und Anne genießt endlich ihre Freiheit und ihre neu gewonnene Ruhe. Doch da kehrt plötzlich ihre 23-jährige Tochter Louise nach beruflichen Rückschlägen und einer gescheiterten Beziehung wieder ins traute Heim zurück. Schnell kochen alte Konflikte wieder hoch. Und als wäre das nicht genug, verkündet ihr Sohn Theo zu Annes großer Überraschung, dass sie bald Großmutter wird. „LOL 2.0“ (seit dem 18. Juni im Kino) ist ein sehr empathischer Film, der mit viel Humor um das Vertrauen zwischen den Generationen wirbt. Sophie Marceau kommt mit den Veränderungen in ihrem Leben übrigens sehr gut zurecht. „Ich bin nämlich überhaupt nicht nostalgisch veranlagt. Ich nehme das Leben, wie es kommt, immer mit dem Blick nach vorne.“