Lange war Christoph Waltz in deutschen Film- und Fernsehproduktionen präsent, doch der große Erfolg blieb aus. Erst mit Mitte 50 gelang ihm der Sprung nach Hollywood. Seitdem prägte der leidenschaftliche Charakterdarsteller zahlreiche Kinohits. Ein Porträt zum 70. Geburtstag.
Hinschmeißen! Alles hinschmeißen!“ Das sagt Christoph Waltz auf die Frage, was er getan hätte, wenn ihn Quentin Tarantino nicht für „Inglourious Basterds“ gewollt hätte. „Quentin hat mir den Glauben an die Schauspielerei wiedergeschenkt. Ich wusste plötzlich wieder, warum ich Schauspieler sein wollte. Endlich spürte ich, dass ich an meine Grenzen kommen könnte – was ein wunderbares Gefühl ist. Ganz anders als früher. Da hatte ich viel zu oft das Gefühl, ich könnte meinen Part auch im Schlaf spielen und meinen Text eigentlich übers Telefon einsprechen.“
Seine Qualitäten wurden spät erkannt
Früher, das waren die 30 Jahre, in denen Christoph Waltz sein Geld, wie er sagt, „im überwiegend mediokren und oft sterbenslangweiligen Film- und Fernseh-Geschäft made in Germany verdienen musste“, darunter auch mit Gastrollen in Krimiserien wie „Derrick“, „Der Alte“ und „Tatort“. Bemerkenswert anders war er darin aber auch. Intensiver. Wacher. Sozusagen die Chili-Schote auf dem Käse. Und echte Highlights gab es natürlich auch schon in jener Zeit: Seine Chamäleon-Performance in der Titelrolle von „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ zum Beispiel, oder der TV-Zweiteiler „Der Tanz mit dem Teufel – Die Entführung des Richard Oetker“, in dem er als Entführer äußerst beklemmende Akzente setzte.
Dann kam Tarantino. Er gab Christoph Waltz die Rolle seines Lebens: den SS-Standartenführer Hans Landa in „Inglourious Basterds“. Das war 1999. Der Kultregisseur redet Klartext: „Ohne Christoph hätte ich den Film nicht gemacht.“ Und er weiß, wovon er spricht. Denn Waltz spielt den Nazi-Schergen mit sardonischer Gelassenheit und diabolischer Finesse. Er elektrisiert, er verführt. Er ist der charismatische Sadist par excellence. Ein Narzisst mit verletzend hoher Intelligenz, der lustvoll über Leichen geht. Für diese unvergleichliche Performance gewann Waltz seinen ersten Oscar in der Kategorie Bester Nebendarsteller. Christoph Waltz war 52. Und plötzlich Weltstar. Drei Jahre später spielte er in Tarantinos Western „Django Unchained“ den deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schulz – und erhielt dafür seinen zweiten Oscar als Bester Nebendarsteller. Waltz sagt dazu: „Der erste Oscar katapultierte mich – übrigens zu meiner völligen Überraschung – ins Spotlight. Der zweite Oscar war eine Bestätigung, dass es dann wohl doch kein Zufall war.“ Er lächelt süffisant. Und seine grau-grünen Augen blitzen.
Hat sich Christoph Waltz für Hollywood noch einmal ganz neu erfunden? Nein, im Gegenteil: Er ist sich treu geblieben. Hochtalentiert, authentisch, extrem wandlungsfähig und mit einem Faible für ambivalente Charaktere agierte er schon immer. Der große Unterschied ist: Seit seinem internationalen Durchbruch erkennen und schätzen weitaus mehr Menschen seine exquisiten Qualitäten. Kein Wunder also, dass sich so renommierte Regisseure wie Roman Polanski, Terry Gilliam und Tim Burton um ihn rissen und er in den beiden James-Bond-007-Filmen „Spectre“ (2015) und „Keine Zeit zu sterben“ (2021) als charismatischer Super-Schurke Ernst Stavro Blofeld dem Helden Daniel Craig die Hölle heiß machte. Und er hat gar nichts dagegen, dass man ihn in Hollywood wie eine Zitrone ausquetscht: „Warum denn nicht – wenn ich den Saft dazu habe?!“
Christoph Waltz wurde am 4. Oktober 1956 in Wien geboren. Er ist der Sohn der Kostümbildnerin Elisabeth Urbanic und des Bühnenbildners Johannes Waltz. Seine Großeltern waren Schauspieler am Burgtheater in Wien. Nach der Matura studierte er Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar und am Lee Strasberg Institute in New York, in dem schon Marlon Brando und Robert De Niro den letzten Schliff erhielten. 1977 stand er erstmals in Wien auf der Theaterbühne. Seit Ende der 70er-Jahre wirkte er auch in zahlreichen Fernsehfilmen mit. In den 80er-Jahren lebte er in London und hatte 1981 sein Kinofilmdebüt. Doch wohin es ihn auch verschlug – seinen „inneren Wiener“ konnte und wollte er nie ganz ablegen. „Es kann nicht abgestritten werden, dass wir alle sehr starke kulturelle Einfärbungen haben. Woher wir kommen, wo wir aufwuchsen und wie wir sozialisiert wurden, was für eine Sprache oder Idiom wir sprechen – all das sind natürlich sehr starke Prägungen, die unseren Charakter formen. Aber für meine Arbeit ist das letztlich irrelevant.“
New York ist dem polyglotten Kosmopoliten Waltz auch heute noch vertraut. So goutiert er die Aussicht vom siebten Stock des „Park Hyatt“-Hotels in Manhattan. Man hat einen fantastischen Blick über Midtown New York und auf die Carnegie Hall direkt gegenüber. Christoph Waltz ist hier, um Interviews zu geben. Selten hat man Gelegenheit, einem so eloquenten und amüsanten Gesprächspartner gegenüberzusitzen. Völlig unverständlich das Gerücht, er sei arrogant und einsilbig. In Wahrheit ist er selbstbewusst und kontrolliert. Sicher, der Mann provoziert gerne. Doch wortkarg reagiert er nur auf die üblichen Klischees. Denn er hätte einfach keine Lust, auf dumme Fragen zu antworten. Begegnet man ihm auf Augenhöhe, ist er hellwach, nahbar – und lässt sich sehr gerne zu philosophischen Gedankengängen hinreißen. Dabei bleibt er locker, mit einem Anflug von Selbstironie und mildem Spott. Er verströmt eine Aura von Gelassenheit, wie sie Menschen besitzen, die aus eigener Kraft etwas geschaffen haben, das bleibt. Menschen, die der Welt nichts mehr beweisen müssen. Weil sie es schon längst – und immer wieder – getan haben. Er formuliert präzise und nuanciert, liebt es, sich die Worte wie ein Stückchen Sacher-Torte auf der Zunge zergehen zu lassen. Er ist ausgesprochen zuvorkommend und sucht immer Augenkontakt. Gute alte Schule eben.
„Ich bin deutlich souveräner geworden“
„Sind Sie arrogant, Herr Waltz?“ Er lacht: „Ich bin weder arrogant noch zynisch, was mir wohl gelegentlich vorgeworfen wird. Ich traue mich nur, die Dinge beim Namen zu nennen. Wissen Sie, der internationale Erfolg war gut für mein Ego. Seither bin ich vor allem beruflich souveräner geworden. Der meisten dieser kleinkarierten Zwänge von früher habe ich mich entledigt. Die fechten mich jetzt nicht mehr an.“
Christoph Waltz lebt mit seiner zweiten Ehefrau, der Kostümbildnerin Judith Holste, abwechselnd in Los Angeles und Berlin. Das Paar hat eine Tochter. Aus einer früheren Ehe hat er drei erwachsene Kinder. Sein Privatleben schirmt er konsequent ab. Eine Home-Story mit Christoph Waltz? Nein! Seine persönliche Freiheit ist ihm sehr wichtig. „Ich bin ein Mensch, der sehr schnell das Gefühl von Übergriffigkeit bekommt. Das stört mich unglaublich. Ich kann es überhaupt nicht leiden, von jemandem, den ich nicht kenne, geduzt zu werden. Nicht, weil ich mich so erhaben oder wichtig fühlen würde, sondern weil damit gleich eine Vertrautheit suggeriert wird, die noch gar nicht entstehen konnte. Ich schätze Menschen mit Stil. Roman Polanski zum Beispiel. Er hat mich über die Maßen beeindruckt. Und zwar auch durch seine unglaubliche Höflichkeit und seine umfassende Bildung. Im Grunde sind das alles ja sehr großbürgerliche Qualitäten.“
Polanski holte Christoph Waltz 2011 für seine Gesellschaftssatire „Der Gott des Gemetzels“, in der zwei Ehepaare, nach anfänglichem Small Talk, die Masken fallen lassen und sich ohne Hemmungen verbal zerfleischen. Es ist ein köstliches Vergnügen, ihn dabei zu erleben, wie er – neben Jodie Foster und Kate Winslet – in diesem Dialogfeuerwerk souverän mitmischt. Mit einer Mimik, die sekundenschnell von hämischem Grinsen in blanke Wut umschlägt. Zu dieser Zeit übernahm er auch Rollen in Filmen wie „Wasser für die Elefanten“, „Kill the Boss 2“ und Tim Burtons „Big Eyes“, die zwar keine großen Wellen schlugen, ihn aber in Hollywood als verlässlichen Player etablierten. „Ich habe das gemacht, um mich verfügbar und zugänglich für alle möglichen Projekte zu halten. Ich wäre sehr schlecht beraten, wenn ich nur Dinge täte, die ich wirklich, wirklich für unermesslich wertvoll halten würde. Da könnte es durchaus sein, dass eine Schauspielkarriere schnell austrocknet.“
Von austrocknen kann bei Christoph Waltz natürlich keine Rede sein. Im Gegenteil: Seine Karriere floriert auch weiterhin. Zu den Highlights der letzten Jahre gehören unter anderem der Abenteuerfilm „Legend of Tarzan“ (2016), das Historiendrama „Tulpenfieber“ (2017) und Wes Andersons „The French Dispatch“ (2021). Nicht zu vergessen seine Mitwirkung in Woody Allens Film „Rifkin’s Festival“ (2020), wo er einen bemerkenswerten Auftritt als Tod hat. In letzter Zeit scheint Christoph Waltz ein Faible für klassische Horror-Filme zu haben. Er spielte sowohl in Luc Bessons „Dracula – Die Auferstehung“ als auch in Guillermo del Toros „Frankenstein“ prominente Rollen. Auch für die Zukunft gibt es schon weitere Projekte: Im Film „Wilder & Me“, der sich momentan noch in der Planungsphase befindet, soll er unter der Regie von Altmeister Stephen Frears den legendären österreichischen Filmemacher Billy Wilder verkörpern. Momentan hänge es allerdings am Geld, ob der Film umgesetzt wird, so der Regisseur kürzlich in einem Interview.
„Mir geht es nie um den Schein“
Christoph Waltz kann auf eine fast 50-jährige Karriere zurückblicken. Auf die Frage, was es denn für Konstanten auf seinem Lebensweg gab, antwortet er pragmatisch: „Meine Familie war und ist natürlich sehr wichtig. Aber im Grunde genommen war das alles wenig dramatisch: Ich bin völlig überzeugt davon, weiterzumachen. Weitermachen! Ich würde jetzt nicht sagen, dass die eigene Befindlichkeit unwichtig oder nebensächlich ist, aber wenn die Befindlichkeit beginnt, die Sache zu definieren, dann hat man sich ein Problem geschaffen. Auch wenn man sich gerade schlecht fühlt: Man kann trotzdem immer weitermachen. Nach dem Motto: Kein Theater machen – sondern weiter. Was nicht heißt: Augen zu und durch! Ich finde jedenfalls, das zwangsläufig wehleidend werdende Ausloten der eigenen Befindlichkeit ist einem Zeitgeist geschuldet, der auch schnell verweht ist. Okay, ich war auch schon mal wehleidig, aber ich habe das innerhalb von ein paar Minuten überwunden.“
Dass Christoph Waltz sehr belesen ist und ein stilvolles, kultiviertes Leben schätzt, hält ihn nicht davon ab, stets Neues zu wagen. Komfort ist nicht seine Zone. Er ist und bleibt ein „laufendes Projekt“. Immer noch befindet er sich auf seiner ganz persönlichen künstlerischen Odyssee. Integrität, Authentizität und Transzendenz sind dabei seine Schlüsselworte. „Ich finde es sehr spannend, etwas zu riskieren und mich neuen Herausforderungen zu stellen. Wenn mich da ein Regisseur auf seinem visionären Trip mitnimmt, ist es für mich ein großes Glück, per Anhalter für die Länge eines Films mitfahren zu können. Ich bin nämlich mit Leib und Seele Schauspieler – und zwar einer, der sich sehr genau auf seine Arbeit konzentriert. Mir geht es nie um den Schein oder die Staffage, sondern immer um den Kern einer Sache.“