Hollywood-Schauspieler Ethan Hawke über seine Rolle im Film „Blue Moon“, über seine Freundschaft mit dem Regisseur Richard Linklater, über Selbstzweifel und Lebensträume und warum er sehr gern Mentor ist.
Mr. Hawke, obwohl Sie keine Filmbiografien mögen, haben Sie mit „Blue Moon“ wieder eine gemacht. Sie spielen Lorenz „Larry“ Hart, den Texteschreiber im berühmten Broadway-Songwriter-Duo Rodgers und Hart. Wie kam es dazu?
Es stimmt schon, dass ich mit Biopics nicht viel anfangen kann. Seltsamerweise habe ich aber als Nikola Tesla in „Tesla“ und als Chet Baker in „Born to Be Blue“ dieses Genre schon öfter bedient. Aber diese Filme gingen über eine Beschreibung der Lebensgeschichte, wie man sie viel einfacher bei Wikipedia finden kann, weit hinaus. Das größte Biopic der neueren Filmgeschichte ist für mich Martin Scorseses „Raging Bull“. Der Film benutzt das Leben des Boxers Jake LaMotta und handelt damit ganz bestimmte Themen ab. Und das auf eine sehr interessante und packende Weise. Das trifft auch auf „Blue Moon“ zu. Dieser Film erzählt in nur einer Nacht sehr viel über das tragische Leben von Larry Hart, einem der wohl profiliertesten Songschreiber Amerikas. Als mir mein Freund Richard Linklater die Rolle anbot und mir das hervorragende Drehbuch zu lesen gab, war für mich klar, dass ich den Film mit ihm unbedingt machen musste.
„Diese Rolle brachte mich an die Grenzen meines Talents“, sagten Sie. Linklater meinte nur: „Das ist da, wo du sein solltest!“
Das sagt sich so einfach. Aber ich fühlte mich wie an die Wand gedrückt. Es ist eine wahnsinnig schwierige Rolle mit endlosen Monologen und Stimmungswechseln. Es war sicher eine der größten Herausforderungen in meiner Karriere als Schauspieler. Anfangs war ich voller Selbstzweifel, ob ich das auch wirklich packen würde. Denn wenn nicht, wäre das für alle Beteiligten wohl ein mittleres Desaster geworden.
Sie sind seit über 30 Jahren mit Richard Linklater befreundet und haben schon zehn Filme mit ihm gemacht. Wie würden Sie diese Freundschaft beschreiben?
Meine Freundschaft mit ihm hat einen so profunden Eindruck auf mich hinterlassen wie keine andere. Was man von einem so guten Freund geschenkt bekommt, ist, seine eigene Stimme zu vernehmen. Das Beste, was ich von ihm gelernt habe, ist, zu sich selbst immer ehrlich zu sein.
Als Künstler muss man groß träumen – aber sich auch immer wieder in Frage stellen. Zweifeln Sie oft an sich?
Mir gefällt die Frage … Denn Selbstzweifel ist ja die Reibungsfläche, die Energie generiert, um Kunst entstehen zu lassen. Ich bin oft voller Selbstzweifel. Daraus erwächst aber meist eine große Lust, etwas zu erschaffen. Wenn man während der kreativen Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema sieht, dass das eine nicht geht oder das andere nicht passt, versucht man es eben von Neuem. Genau da beginnt dann der kreative Dialog mit einem selbst. Das ist immer sehr spannend.
Larry Hart war eine sehr komplexe Figur: flamboyant, exzentrisch, wortgewandt, sarkastisch, zynisch, brillant – und voller Selbsthass. Und er war nur etwa ein Meter fünfzig groß …
… weshalb ich fast während der gesamten Dreharbeiten in einem Graben stehen oder gehen musste. Dass er so klein war und auch nicht besonders attraktiv aussah, hat ihn sein Leben lang sehr belastet. Ich habe mir für die Rolle eine Glatze scheren lassen und dann die Seitenhaare darüber gekämmt. Als meine Frau das sah, sagte sie: „So hätte ich dich nicht geheiratet.“
Äußerlichkeiten prägen eben auch den Charakter.
Ganz sicher. Und vor allem, wie man von seiner Umwelt wahrgenommen wird. Um sich tief in einen so fremden und sehr komplexen Charakter einfühlen zu können, muss man viel Selbstanalyse betreiben. Wenn ich nämlich nicht weiß, wie die von mir dargestellte Figur auf die Mitmenschen wirkt, kann ich sie auch nicht glaubwürdig in die Story einfügen. Larry Hart war sicher eine Figur, die von mir als Person sehr weit entfernt ist. Aber das ist ja gerade das Interessante. Ich war sehr neugierig darauf, wie mir das gelingen würde.
Was ist denn eigentlich Ihr Selbstverständnis als Schauspieler?
Ich verstehe mich in allererster Linie als Handwerker. Das heißt, mir ist wichtig, dass ich meinen Job innerhalb eines vorgegebenen Genres so gut mache, wie ich kann. Großer Schauspielkunst kann man in jedem Film begegnen. Ob Drama, Science-Fiction, romantische Komödie, Fantasy- oder Horror-Movie – jeder Film hat eine andere Architektur, einen anderen Ton, eine andere Mathematik. Wenn ich mich einmal mit der Architektur des Films vertraut gemacht habe, dann will ich mich darin auch entfalten. Ich hatte das Glück, mit großen Regisseuren Filme machen zu können – Antoine Fuqua, Richard Linklater, um nur die beiden zu nennen –, und die haben alle sehr verschiedene Ansätze und Visionen für ihre Filme gehabt. Mit Linklater arbeite ich auch deshalb so gerne, weil er immer neue Perspektiven sucht und Formen aufbricht. Es gibt wirklich viele Wege, gute Filme zu machen. Es gibt – wie übrigens im Leben auch – keinen falschen oder richtigen Weg. Sondern nur deinen Weg, den du gut oder schlecht gehen kannst.
Neben Ihrer Arbeit als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor schreiben Sie ja auch immer wieder mal einen Roman. Was treibt Sie denn dazu?
Ich sehe die Kunst immer als Ganzes. Mal bin ich Schauspieler, mal führe ich Regie und dann schreibe ich wieder ein Buch – das ist alles für mich ein Ausdruck. Das Schreiben eines Buches ist dem Filmemachen sehr ähnlich.
Tatsächlich? Ist das Schreiben nicht eine sehr einsame Angelegenheit? Und das Filmemachen eine Kollaboration mit sehr vielen Menschen?
Das stimmt schon. Das Wunderbare am Schreiben ist ja, dass man dabei ganz allein ist. Und man hat fast unbegrenzt Zeit. Das Wunderbarste am Filmemachen ist die Kollaboration. Das gilt aber auch umgekehrt: Das Schrecklichste am Schreiben ist die Einsamkeit und das Schrecklichste am Filmemachen sind die vielen Leute. Das kann oft sehr hinderlich sein. Wenn ich vor der Kamera stehe, will ich ganz in meiner Mitte sein. Ich denke sehr intensiv darüber nach, was und wie ich es tue. Das Tragische am Filmemachen ist doch, dass es nie so gut ist, wie es sein könnte. Es ist so gut wie an dem regnerischen Mittwochnachmittag, wenn die Kostüme nicht rechtzeitig geliefert wurden, der Kameramann krank ist und niemand die Schärfe richtig einstellen kann. Was dann dabei herauskommt, ist eben das Beste, das man unter diesen Umständen hinkriegen kann.
Wann fühlen Sie sich denn als Künstler am lebendigsten?
Wahrscheinlich wenn ich als Schauspieler arbeite. Da erfahre ich wohl am meisten über mich selbst. Diese „Entdeckungsreisen ins Ich“ wurden mir in den letzten Jahren immer wichtiger. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen auch deshalb ins Kino gehen, weil sie dort etwas über sich selbst, über ihr eigenes Leben erfahren wollen. Große Schauspielkunst geht immer über die einzelne Figur hinaus und erzählt vom Menschsein. Und wenn mir das gelingt, fühle ich mich sehr lebendig.
Sie haben in Ihrer Karriere immer wieder Menschen gehabt, die Sie gefördert haben. Jetzt sind Sie selber als Mentor tätig, für Ihre Tochter Maya und auch für andere junge Talente, denen Sie unter die Arme greifen. Was macht das mit Ihnen?
Das Großartige, wenn man sich als Mentor einbringt, ist, dass einen die jungen Leute herausfordern. Die wollen wissen, ob ich wirklich der bin, der ich vorgebe zu sein. Die wollen sehen, dass ich das auch mache, was ich predige. Dieser Idealismus, diese Leidenschaft, diese No-Bullshit-Attitüde ist sehr inspirierend. Schließlich will ich es wert sein, dass sie mir zuhören und ihre Zeit mit mir verbringen. Da muss ich schon ausgeschlafen sein und mich auch wirklich einbringen.
Wie haben sich Ihre Ziele im Laufe der Zeit verändert?
Sicher habe ich mit Mitte 50 nicht mehr dieselben Ziele wie mit 25. Aber der Kern des großen Lebenstraums ist gleichgeblieben: Ich will etwas beitragen zur Welt, zur Kunst. Ich will wertvoll sein in meiner Kunst, in meinem Leben, für Menschen, die ich liebe. Ich will Geschichten erzählen, die Substanz haben, die zum Nachdenken und Mitfühlen anregen. (lacht) Auf keinen Fall will ich mit schlechten Filmen den Leuten die Zeit stehlen. Ich will echt und authentisch sein. Und das gelingt nur, wenn man selbst in sich hinein hört. Ganz egal, ob ich vor der Kamera stehe, Regie führe oder ein Buch schreibe – ich will versuchen, die Welt wenigstens ein bisschen besser zu begreifen.