2021 erlitt Fußball-Profi Christian Eriksen in einem EM-Spiel mit Dänemark einen Herzstillstand auf dem Platz. Er kehrte zurück und spielt seit Kurzem für den VfL Wolfsburg.
Noch nie sei eine Spielfortsetzung im Fußball „so unmenschlich“ gewesen wie damals an jenem 12. Juni 2021, schrieb gerade erst der „Kicker“. Damals war Christian Eriksen beim EM-Gruppenspiel zwischen Dänemark und Finnland in Kopenhagen auf dem Platz zusammengebrochen. Die Ärzte diagnostizierten einen Herzstillstand, Zuschauer und Mitspieler, die ihn bei der Behandlung auf dem Platz und beim Abtransport auf der Trage abgeschirmt hatten, hatten Tränen in den Augen. Irgendwann gab der Stadionsprecher durch, dass Eriksen „wieder bei Bewusstsein“ ist. Nach 107 Minuten Unterbrechung ging das Spiel weiter. Weil die Show ja weitergehen muss. Weil der Spielplan so eng ist. Weil man bei einem Ausfall nicht gewusst hätte, wie man die Partie hätte werten sollen und in der Folge der Spielplan Richtung K.-o.-Runde ins Wanken gekommen wäre.
Entsprechend waren die Alternativen keine wirklichen. Am Ende habe es zwei Optionen gegeben, berichtete der damalige Nationaltrainer Kasper Hjulmand, seit Kurzem Trainer von Vizemeister Bayer Leverkusen: „Das Spiel fortzusetzen oder morgen um 12 Uhr zu spielen. Aber jeder wollte heute weiterspielen.“ Dies habe unter anderem den Grund gehabt, dass „die Spieler sich sicher waren, heute nicht mehr schlafen zu können. Morgen zu spielen, hätte die Situation noch schwerer gemacht. So haben sie beschlossen, es hinter sich zu bringen. Das war ihre Entscheidung.“
„Christian wollte, dass wir weiterspielen“
Vor allem hatte aber offenbar Eriksen selbst dafür plädiert, das Spiel zu Ende zu bringen. „Wir hatten Kontakt mit ihm, und die Spieler haben mit ihm gesprochen“, sagte Peter Møller, der Direktor des dänischen Fußballverbandes. Und der finnische Siegtorschütze Joel Pohjanpalo sagte nachher: „Christian wollte, dass wir weiterspielen. Das dänische Team und wir haben diesen Wunsch respektiert.“ Sich auf Fußball zu konzentrieren, sei dennoch „unglaublich schwierig“ gewesen, sagte Hjulmand: „Die Spieler wollten es versuchen, aber einige waren nicht fähig zu spielen.“ Kapitän Simon Kjær ließ sich deshalb auch auswechseln: „Er war sehr getroffen, sie sind sehr gute Freunde“, erklärte sein Trainer: „Er wollte es versuchen, aber es war unmöglich. Die Gefühle haben ihn übermannt.“ Mitspieler Yussuf Poulsen, damals bei Leipzig, heute beim Hamburger SV, sagte in einer ZDF-Doku: „Es war der dunkelste Tag in meinem Leben. Wir wussten in dem Moment alle nicht, ob er stirbt oder nicht stirbt.“
Obwohl die Dänen jenes Spiel mit 0:1 verloren, zogen sie für Christian Eriksen und mit ihm im Geiste überraschend ins Halbfinale ein, wo sie erst in der Verlängerung gegen England verloren. „Ich denke noch immer jeden Tag an Christian“, sagte Hjulmand nach dem Halbfinal-Einzug sichtlich bewegt. Und Mittelfeldspieler Thomas Delaney, der in der Bundesliga für Bremen und Dortmund spielte, sagte: „Wir tragen ihn in unserem Herzen. Wir kämpfen zwar immer noch damit, aber wenn wir ihn stolz machen können, macht mich das glücklich.“
Christian Eriksen hat überlebt. Und hatte schnell das Ziel, wieder Fußball zu spielen. Doch die italienische Gesundheitsbehörde entschied, dass er wegen des Defibrillators, der ihm eingesetzt wurde, nicht in der Serie A spielen dürfe. Im Dezember, etwa ein halbes Jahr nach seinem Herzstillstand, stieg er bei seinem Jugendverein Odense BK wieder ins Training ein. Im Januar verpflichtete ihn der FC Brentford aus der englischen Premier League. Ende Februar 2022 beim Spiel gegen Newcastle United wurde er erstmals wieder eingewechselt. „Ich bin ein glücklicher Mann“, sagte Eriksen danach: „Nach dem, was ich durchgemacht habe, ist es ein unglaubliches Gefühl.“ Und er habe alle mitgebracht, die ihm wichtig sind. „Alle sind hier“, sagte er: „Meine Familie, meine Eltern, meine Kinder, meine Schwiegermutter und einige Ärzte, die mir immer wieder geholfen haben. Was die durchgemacht haben, ist noch schlimmer als das, was ich durchgemacht habe.“ Er sei zwar „fünf Minuten tot“ gewesen, habe das Ausmaß aber selbst gar nicht einschätzen können: „Ich wusste nicht, dass ich schon im Himmel war.“
Er selbst habe nie daran gezweifelt, wieder auf dem Platz stehen zu wollen. „Überhaupt nicht, nicht einmal im Geringsten“, sagte er: „Anfangs war ich ein bisschen vorsichtig dabei, wie viel mein Herz vertragen kann, nachdem das passiert ist. Aber als ich das getestet hatte, verschwanden die Sorgen.“
Eriksen kehrte sogar ins Nationalteam zurück, spielt bei der WM in Katar mit und wurde Rekordnationalspieler seines Landes. Drei Jahre lang stand er zuletzt bei Manchester United unter Vertrag. Nun wechselte er nach Wolfsburg in die Bundesliga. Seine Geschichte begleitet ihn auch öffentlich immer. „Natürlich werden meine Familie und ich das nie vergessen. Die ganze Welt erinnert sich. Aber glücklicherweise ist es gut ausgegangen“, sagte Eriksen dieser Tage dem NDR. Dass sich die ganze Welt daran erinnert, liegt an den Umständen und seiner Person. Denn Eriksen war nicht nur bei einer Fußball-Europameisterschaft, auf einer der größtmöglichen Bühnen des Weltsports, zusammengebrochen. Er war eben Christian Eriksen. Und auch, wenn man bei solch dramatischen Zwischenfällen grundsätzlich niemals denkt, dass es bei einer Person schlimmer sei als bei einer anderen, hatte das Ganze trotzdem ein bisschen was von „ausgerechnet“. Denn Eriksen war der Kapitän und Anführer der dänischen Mannschaft, mit den meisten Kollegen spielte er seit Jahren zusammen. Und er war nach einer da schon großen Karriere bei Ajax Amsterdam, Tottenham Hotspur und Inter Mailand der größte Star des Teams. Einer, den fast alle Fußball-Fans weltweit kannten. Und an dessen Schicksal dann eben doch noch mehr Menschen Anteil nahmen als es ohnehin schon der Fall gewesen wäre.
„Viele Clubs buhlten um ihn“
Heute erzählt Christian Eriksen seine Geschichte immer wieder. Weil sie gut ausging. Weil er seinen Frieden damit geschlossen hat. Und weil er vielleicht auch anderen Betroffenen Mut machen will. Doch er möchte auch nicht ausschließlich darüber reden. „Ich habe zum Glück geschafft, dass die Leute wieder über mein Können als Fußballer sprechen.“
Und das ist beträchtlich. In Manchester kam Eriksen zwar nicht an seine Form früherer Tage heran, was aber auch am grundsätzlich wackligen Mannschafts-Konstrukt lag. Und weil seine Fähigkeiten als Stratege, als Führungsspieler, als ordnende Hand und Antreiber im Mittelfeld, unbestritten sind, gab es nach Auslaufen des Vertrages bei United zahlreiche Angebote. „Viele Clubs buhlten um ihn. Seine Entscheidung ist ein Ausrufezeichen für die Bundesliga und den VfL Wolfsburg“, sagte Wolfsburgs Sportdirektor Sebastian Schindzielorz stolz. Auch die Bundesligisten Bayer Leverkusen und VfB Stuttgart sollen um ihn geworben haben. In Wolfsburg soll Eriksen nach Angaben von „Sport Bild“ rund fünf Millionen Euro im Jahr verdienen. Ein ordentliches Gehalt, aber etwa die Hälfte von dem, was er in Manchester bekam. Und sicher auch sehr viel weniger, als er in Saudi-Arabien oder den USA hätte verdienen können.
Doch für diese Ligen fühlte sich Eriksen offenbar zu jung, er suchte eine echte sportliche Herausforderung in einer der Top-5-Ligen Europas. Und er suchte Spaß am Fußball. „Was ich persönlich gelernt habe, ist, dass man einfach die Zeit genießen sollte, in der man hier ist, und dass man alles genießen sollte, was kommt, und Fußball spielen sollte, wenn es einem Spaß macht. Und wenn es keinen Spaß macht, mach etwas anderes“, sagte er. In Wolfsburg, da ist er sich sicher, wird er Spaß haben: „Die wollen nicht einfach nur mitspielen, die wollen gewinnen!“
Und ein Spieler wird besonders froh sein, Eriksen so gesund und munter begrüßt haben zu dürfen. Joakim Mæhle, sein dänischer Landsmann, stand am 12. Juni 2021 mit auf dem Platz. Er führte gerade einen Einwurf aus, als Eriksen wenige Meter weiter zusammensackte. „Ich habe gesehen, wie er auf der Seite lag, seine Augen waren komplett verdreht. Unser Doktor sagte: Er hat keinen Puls. Und ich dachte: Das kann richtig schlimm ausgehen“, sagte Mæhle. Vier Jahre später sind Eriksen und er Club-Kollegen. Es ist ein modernes Märchen.