Seit zwei Jahren leitet der Filmwissenschaftler Dr. Nils Daniel Peiler das Filmhaus Saarbrücken. Sein Ideenreichtum hat das kommunale Kino der Landeshauptstadt wieder auferweckt. Womit? Und: Was steht demnächst auf dem Programm?
Herr Dr. Peiler, vor vier Jahren haben Sie im FORUM-Interview, gemünzt auf die Kinemathek Hamburg, deren Kurator Sie waren, gesagt: „Es wäre ja langweilig, wenn ich immer alleine entscheiden würde, mit meiner Sozialisation und meinen Sichtweisen.“ Seit März 2024 leiten Sie das Filmhaus Saarbrücken. Welches Programm lassen Sie von Gästen kuratieren?
Ja, vielen Dank für die schöne Frage, weil, an diesem Ansatz hat sich in den vier Jahren bei mir nichts verändert. Wir haben zum Beginn meiner Leitung im Filmhaus eine neue Programmschiene eingeführt: Das Publikum darf seit gut zwei Jahren mitbestimmen, und immer am Ersten eines Monats erfüllen wir einen Publikumswunsch. Wir haben eine Wunschfilmtafel und ein Wunschfilmbuch eingeführt und sammeln fleißig die Vorschläge des Publikums.
Wie wird das angenommen?
Sehr gut! Unser Wunschfilmbuch befindet sich an der Kinotheke, an der Kasse. Das Tolle ist, dass auch eine soziale Interaktion stattfindet. Die Leute setzen sich selbst ins Verhältnis miteinander, schauen, was wünschen sich die anderen, was wünsche ich mir. Es gibt Einträge, bei denen ein Filmtitel oder Name vom Regisseur falsch geschrieben ist. Dann ergänzen die Leute oder machen Anmerkungen, malen noch was dazu. (lacht)
Was wird gewünscht?
Es gibt bestimmte Titel, die immer wieder gewünscht werden, die wir auch schon erfüllt haben, zum Beispiel „Chinatown“ von Roman Polanski – einer der ersten Publikumswünsche. „Die fabelhafte Welt der Amelie“ wird auch immer wieder gewünscht und läuft bei uns am 1. Juni, 18 Uhr.
Soweit ich weiß, haben Sie eine Reihe eingeführt, die Sie mit Kollegen anderer Kinos kuratieren …
Unser Open Air! Das ist auch eine Geste an die Kolleginnen und Kollegen, wir sind ja eine kleine, überschaubare Saarbrücker Kinoszene. Ich habe alle sechs Häuser eingeladen, sich selbst, also ihr jeweiliges Kino und damit ihr Programm mit einem Wunschfilm an einem Abend vorzustellen. Ich freue mich wahnsinnig, dass es auch angenommen wird – dieses Jahr sind vier Häuser dabei, die City-Kinos mit UT und Passage, Unifilm vom AStA auf dem Campus und das Kino achteinhalb. Das ist eine Bereicherung, die andere Farben und Stimmen einbringt – im besten Sinne eine Horizonterweiterung.
Sie rufen Ende Mai „Feministische Filmtage“ aus. Sind Filme von Filmemacherinnen oder Filme über Frauen gemeint?
Sowohl als auch. Das ist eine sehr gute Kooperation mit dem Frauenbüro der Universität des Saarlandes. Es ist mir auch ein Anliegen, mehr Filme von Frauen und mit Frauen und über Frauen zu zeigen. Es gibt zum Internationalen Frauentag oder zum Frauenkampfmonat bestimmte Specials. Wegen mir muss das auf diese Stichtage nicht beschränkt sein. Wir haben zum Beispiel am 12. Juni auch noch eine sehr schöne Veranstaltung zu dem Thema, jenseits der „Feministischen Filmtage“: „Weimar weiblich“. Es kommt die Filmhistorikerin Daria Berten aus Frankfurt und präsentiert ihr Buch über weibliches Filmschaffen zur Weimarer Republik. Zudem werden stumme Kurzfilme mit Live-Musikbegleitung der Pianistin Marie-Luise Bolte gezeigt.
Am 28. Juni laden Sie zu einem Mel-Brooks-Marathon. Was ist so fabelhaft an Mel Brooks?
Oh, Mel Brooks ist einzigartig in dieser Mischung aus politisch, satirisch, derbem Humor, unglaublich anspielungsfreudig, immer an der Grenze zwischen dem Bereich, der oberhalb und unterhalb der Gürtellinie liegt. Es ist ein sehr spezieller Humor und frech. Ich finde es oft sehr erfrischend. Die Filme haben etwas, was sich andere Filme nicht trauen.
Etwas Anarchisches?
Auch, und eine unglaubliche Intertextualität. Also, wenn man Filme kennt und sich auch für Filmgeschichte interessiert, dann kommt man da voll auf seine Kosten, wegen der Anspielungen und Parodien auf Genres, auf bestimmte Typen, die auftreten, auf gewohnte Handlungsmuster. Mel Brooks ist eine der großen Legenden, die alle vier großen US-amerikanischen Entertainmentpreise gewonnen haben: den Oscar, den Tony, den Emmy und den Grammy. Mel Brooks feiern wir als lebende Legende an seinem 100. Geburtstag am 28. Juni mit sechs Filmen in einem Marathon.
Mancher Film, der im Filmhaus läuft, könnte auch in der Camera Zwo laufen, und umgekehrt. Stellen kommunale Kinos keine Konkurrenz für kommerzielle Kinos dar?
Nein, weil wir uns sehr gut ergänzen. Also, was Sie sagen, stimmt – es gibt Schnittmengen zwischen den Programmen.
Beispielsweise „Die reichste Frau der Welt“.
Genau, und sie läuft bei uns mit einem großen zeitlichen Abstand zum Bundesstart. Das Erste, was wir immer abfragen, wenn wir einen Film angeboten bekommen oder im Programm haben möchten, ist: Gibt es schon ein anderes Saarbrücker Kino? Weil wir uns eben keine Konkurrenz machen möchten.
Im Filmhaus gibt es Karaokekino. Was ist das? Haben Sie es erfunden oder aus Hamburg mitgebracht?
Weder noch. Erfunden hat es Christian Kloß, ein Künstler, der an der Burg in Halle an der Saale …
„Die Burg“ ist das Burgtheater in Wien. Was ist die Burg in Deutschland?
Die Burg in Halle ist eine sehr renommierte Kunsthochschule. Christian Kloß ist Konzeptkünstler und hat dieses Karaoke bereits in einem Kiosk in Halle an der Saale erprobt. Ich war bei der Eröffnung dabei, fand das so toll und habe gesagt: Das müssten wir im Kino machen! So wie wir es machen, gibt es das bis jetzt sonst nirgendwo, denn es ist sehr aufwendig. Wir bauen eine eigene Bühne in den Kinosaal. Man singt über unsere große Kinotonanlage, blickt auf die Leinwand und sieht dort die Songtexte zu bekannten Liedern. Man darf aus über 100 Filmsongs quer durch die Filmgeschichte etwas wünschen. Das Tolle ist, man sieht dazu auch noch Bilder aus den Filmen auf der großen Leinwand. Am 9. und 10. Oktober machen wir es zum dritten Mal – es wird immer super angenommen.
In der Reihe „Film auf Film. Kultkino von A bis Z“ zeigen Sie alle zwei Wochen bis Jahresende einen Klassiker der Filmgeschichte, der analog von 35-Millimeter-Filmkopien vorgeführt wird. Auf welchen Film freut sich der Filmwissenschaftler, der Sie sind, besonders?
Auf „Xanadu“ – beim Buchstaben X – Olivia Newton-John und Gene Kelly in einem 80er-Jahre-Musical, das verschiedene Strömungen und Generationen aus Hollywood vereint – ein Titel, den man sonst eigentlich nie auf der großen Leinwand zu sehen bekommt. Wir bekommen extra eine 35-Millimeter-Filmkopie aus dem Archiv von Universal Pictures, die bei der Deutschen Kinemathek in Berlin für uns neu geprüft wird. Das Format mit ausschließlich analogen Filmen haben wir aus dem Team heraus entwickelt, gemeinsam mit Nadja Nesarajah und Sandro Finotto kuratieren wir zu dritt.