Zwölf Medaillen gewannen die deutschen Wasserspringer im vergangenen Jahr bei der Europameisterschaft. Soviel wie keine andere Nation. An dieses Ergebnis wollen die Spezialisten von Brett und Turm von heute an bei den Titelkämpfen in Paris anknüpfen.
Abspringen-Drehen-Eintauchen. Alles geschieht in nur ein bis zwei Sekunden. Wohl in kaum einer anderen Sportart gibt es eine so kurze Wettkampf-Performance wie im Wasserspringen. Für Lena Hentschel sind diese kurzen Auftritte seit 20 Jahren Alltag. Mit fünf Jahren begann die gebürtige Berlinerin mit diesem Sport, für den sie bis heute brennt. „Es ist Akrobatik gefordert, genauso Beweglichkeit und viel Feinmotorik. Aus diesen Elementen dann die Sprünge wie in einem Baukasten zusammenzubauen und zu perfektionieren, das fasziniert mich“, sagt sie.
„Darauf haben wir in den letzten zwei Jahren unseren Fokus gelegt“
Bereits als 15-Jährige gewann sie ihre ersten internationalen Medaillen. Dreimal Gold bei der Jugend-EM 2016, vom 1-Meter- und 3-Meter-Brett, sowie mit der Mannschaft. Viele Top-Platzierungen sind über die Jahre auch im Erwachsenen-Bereich hinzugekommen. „Sie hat viel erreicht, kann sich jedoch immer noch weiterentwickeln“, analysiert Bundestrainer Christoph Bohm, der die 1,57 m große Athletin als Powerfrau bezeichnet. „Wir wollen beim Jahreshöhepunkt in jeder einzelnen Disziplin unser Potenzial abrufen“, blickt der Bundestrainer auf die EM voraus. Je zwei Medaillen bei Frauen beziehungsweise Männern seien dabei das Ziel. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den olympischen Synchron-Wettbewerben von Brett und Turm. „Darauf haben wir in den letzten zwei Jahren unseren Fokus gelegt, bei der Trainingsgestaltung und bei den Lehrgängen“, erklärt Christoph Bohm, der jahrelang auch Deutschlands erfolgreichsten Wasserspringer Patrick Hausding trainierte. Im Vergleich zum Vorjahr findet diese EM unter veränderten Vorzeichen statt. Erstmals werden unter neutraler Flagge wieder Sportler aus Russland am Start sein, nachdem der europäische Verband im Februar dafür grünes Licht gab. Großbritannien hat sich diesmal mit seinen besten Springern angekündigt. Auch Italien und die Ukraine werden beim Kampf um die Top-Plätze starke Kontrahenten sein.
Das deutsche Aufgebot (sechs Männer, vier Frauen) ist eine gute Mischung aus erfahrenen sowie Nachwuchs-Athleten. Der zweifache Europameister von 2025, Moritz Wesemann vom SV Halle, will seinen Titel vom 1-Meter-Brett verteidigen. „Er ist ein sehr dynamischer Springer“, erklärt Bundestrainer Bohm. „Vom Brett erreicht er eine Absprunghöhe wie nur ganz wenige in der Welt.“ Eine zweite Medaillenchance ergibt sich für den 24-Jährigen vom 3-Meter-Brett, wo er letzes Jahr Bronze gewonnen hatte. Den Titel im 3-Meter-Synchron-Wettbewerb jedoch wird er nicht verteidigen können. Was für ihn persönlich sehr schade ist, hat aus deutscher Sicht einen äußerst erfreulichen Hintergrund. Bei der internen Qualifikation haben sich seine Hallenser Teamkollegen Lou Massenberg und Jonathan Schauer durchgesetzt. „Es war ein Wettkampf auf allerhöchstem Niveau“, schwärmt Christoph Bohm. „Auch Moritz Wesemann und sein Partner Timo Barthel hätten in Paris um die Medaillen mitspringen können. Leider ist pro Land nur ein Paar zugelassen.“ Besonders Lou Massenberg hat in dieser Saison eine erfreuliche Entwicklung genommen. „Er war in jungen Jahren sehr erfolgreich, galt lange Zeit als großes Talent. Aber im Erwachsenenbereich hat er den Durchbruch aus verschiedenen Gründen bisher nicht geschafft. Jetzt hat er die Chance, sich im Wettkampf mit der europäischen Elite für seine Leistungen zu belohnen“, hofft der Bundestrainer für den mittlerweile 26-Jährigen. Das würde ihm auch neuen Schwung für die nächsten zwei Jahre bis zu den Olympischen Spielen in Los Angeles geben.
In fünf Disziplinen an den Start
Die sind auch das Fernziel von Lena Hentschel. Jetzt bei ihrer Rückkehr ins Centre Aquatique Olympique in Paris will sie in fünf Disziplinen an den Start gehen, erzählt sie im Gespräch mit FORUM. Es ist ein Mammutprogramm innerhalb einer Woche, dass sie gern mit drei Medaillen erfolgreich gestalten möchte. Bei den Olympischen Spielen hatte sie hier mit Jette Müller im 3-Meter-Synchron-Springen den sechsten Platz belegt. Nach EM-Silber im vergangenen Jahr wollen die beiden ihre gewachsene Harmonie nun mit Gold krönen. Fünf Sprünge müssen sie dafür möglichst synchron ins Wasser bringen. „Dabei geht es nicht darum, was mache ich richtig, sondern, was wir gemeinsam richtig machen“, erklärt die erfahrene Athletin vom Berliner TSC, die als 20-Jährige gleich bei ihrer olympischen Premiere vor fünf Jahren in Tokio mit Tina Punzel Bronze im 3-Meter-Synchronspringen gewonnen hatte, den Reiz der gemeinsamen Darbietung. Nach zwei Pflichtsprüngen zum Auftakt folgen im Wettkampf drei in der Kür, wo auch dem Laien durch Bezeichnungen wie „2,5-Salto vorwärts gehechtet mit einer Schraube“ der hohe Schwierigkeitsgrad deutlich werden dürfte. „Unser kompliziertester Sprung ist jedoch der 3,5-Salto vorwärts gehechtet“, sagt Lena Hentschel, die im Duo mit der zwei Jahre jüngeren Partnerin die Rolle der „Mutti“ innehat, wie sie mit einem Lächeln erklärt. Seit etwa acht, neun Jahren hat sie ein festes Repertoire an Sprüngen, die sie sozusagen im Schlaf beherrscht. „Deshalb muss ich mich als Erfahrene auf ihren Sprungstil einstellen. Unsere Synchronität beginnt ja bereits beim Anlauf auf dem Brett. Da passe ich mich an, ich kann danach höher abspringen oder niedriger, oder ich kann meine Arme schneller bewegen als sonst“, gibt sie einen Einblick in die Feinheiten bei der Ausführung der Sprünge. Es sind scheinbare Kleinigkeiten, die aber äußerst wichtig für einen positiven Gesamteindruck bei den Wertungsrichtern sind. Den möchte Lena Hentschel auch im Einzel vom 3-Meter-Brett hinterlassen. In dieser Disziplin hatte sie bei der EM im Mai letzten Jahres mit Bronze ihre erste internationale Einzelmedaille gewonnen. Im nichtolympischen Mixed steht sogar die Titelverteidigung an. Mit ihrem Clubkameraden Luis Avila Sanchez hatte sie vor Jahresfrist Gold gewonnen. Und schließlich wird die erfahrene Wettkämpferin auch im Mannschaftswettbewerb mit dabei sein.
Studium und Wettkämpfe
Für ein solches Programm ist neben dem hohen Können Wettkampfhärte eine grundlegende Voraussetzung. Diese hat sich Lena Hentschel besonders in den letzten vier Jahren erworben. Während dieser Zeit studierte sie an der Ohio State University in Columbus. „Ich hatte morgens drei Stunden Training, danach Vorlesungen und dann nachmittags oder am frühen Abend noch einmal circa zwei Stunden Training. Danach hat man versucht, seine Hausaufgaben irgendwie hinzukriegen. Und am Wochenende fanden oft Wettkämpfe gegen andere Universitäten statt. Als Mitglied des College-Teams bin ich kreuz und quer durch das Land gereist, hatte so viele Wettkämpfe wie nie zuvor in meinem Leben.“ Zu wichtigen Wettbewerben, wie EM und WM, reiste sie immer wieder nach Europa. Dennoch bewältigte sie ihr Studium in der Regelzeit von vier Jahren und machte ihren Abschluss im Fach internationale Beziehungen und Diplomatie. Im Januar will Lena Hentschel von Berlin aus ein Online-Studium bei der UNO beginnen.
Neben Lena Hentschel rückt Pauline Pfeif immer stärker in den Blickpunkt. Die 24-Jährige Turmspringerin, die sich als Adrenalin-Junkie bezeichnet und schon als Kind im Freibad am liebsten vom 10-Meter-Turm gesprungen wäre, möchte an ihr exzellentes Jahr 2025 anknüpfen. Bei der EM hatte sie Silber gewonnen, im Einzel und mit der Mannschaft. Bei der WM in Singapur stand sie erneut auf dem Treppchen, holte als Zweite die einzige Medaille für die deutschen Wasserspringer.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, aber ich bin bei mir geblieben, habe mich nicht ablenken lassen. Sicher hatte ich auch etwas Glück, dass andere Springerinnen an diesem Tag nicht ihre beste Form erreichten“, erklärt die sympathische Berlinerin ihren größten sportlichen Erfolg. Auf die EM hat sie sich gut vorbereitet und möchte erneut eine Medaille gewinnen. Ihre Leistungen im Training sind stabiler geworden, findet auch Bundestrainer Christoph Bohm, der das Klima innerhalb der Mannschaft generell als zielorientiert und motiviert beschreibt. „Wir sind ganz cool unterwegs und das ist die Basis für gute Leistungen.“ In Paris wollen die deutschen Wasserspringer das beweisen.