Das Hamburger Electro/Techno-Duo Extrawelt, Arne Schaffhausen und Wayan Raabe, tritt Ende Oktober beim ersten [ tra’vers ] festival in Saarbrücken auf und bringt seine Musik mit einem Klassik-Orchester auf die Bühne.
Wayan, Du warst bereits mit 14 Jahren als DJ aktiv. Wenn ich mich daran erinnere, was ich mit 14 machte, ist das sehr beeindruckend. Wie kam es dazu?
Wayan: Da kamen zwei Entwicklungen zusammen. Das eine war meine frühe Begeisterung für elektronische Musik. Während Gitarren oder Rap ab einer gewissen Lautstärke in den Ohren schmerzten, konnte Techno nie laut genug sein. Zumindest kam es mir damals so vor. Ich hatte alles an elektronischer Musik gehört, was ich finden konnte. Zum anderen hatte meine Mutter damals einen Lebensgefährten, der in der Hamburger Goa-Szene aktiv war. Über ihn habe ich Antaro, den Gründer des Voov-Festivals und des damaligen Labels Spirit Zone, kennengelernt. Dort haben Arne und ich übrigens später unser erstes gemeinsames Album „Blast Food“ veröffentlicht. Antaro hatte auch einen Plattenladen in Hamburg. Bei ihm habe ich 1993 „Transmissions“ von der Band Juno Reactor gekauft. Mit Sven Väths „Accident in Paradise“ waren das prägende Werke, die mir gezeigt haben, dass Techno eben viel mehr als nur lauter Rave sein kann. Kurze Zeit später war ich erstmals auf einer Goa-Party. Dort kamen irgendwann Antaro und DJ-Axel, ein weiteres Hamburger DJ-Urgestein, zu mir und sagten: „Du bist jetzt DJ!“ Sie gaben mir Platten, und ich habe mit zittrigen Händen versucht, die halbwegs vernünftig zusammenzumischen. Arne war zufällig als Gast da und zu dem Zeitpunkt selbst schon länger DJ. Wir kannten uns aber noch nicht. Mit 18 hing ich meine kurze DJ-Karriere aber an den Nagel; ich wollte kein DJ mehr sein und raus aus dem Umfeld. Zumindest Ersteres hat geklappt.
Beim [ tra’vers ] Festival sollen die Grenzen zwischen Hoch- und Subkultur verschwimmen. Klassik, elektronische Musik, Pop-Kultur, Lichtkunst, Theater und Performance werden eins. Konntet Ihr schon Erfahrungen sammeln in Sachen Kultur-Crossover, oder wart Ihr bisher hauptsächlich in Eurem Genregefilde aktiv?
Arne: Mit Musikern aus dem Klassikbereich auf der Bühne zu stehen, ist tatsächlich eine Premiere für mich. Wayan hat in jungen Jahren Posaune gespielt und dadurch zumindest Orchester-Erfahrung. Aber unsere eigene Musik mit so vielen Musikern aufzuführen, wird noch mal eine ganz andere Nummer. Mit Peter Hinderthür, unserem Orchestrator, und unserem Dirigenten Kaan Bulak fühlt es sich in der Vorbereitung glücklicherweise sehr natürlich und gar nicht so fremd an. Generell finden wir Gigs auf Festivals, die nicht rein elektronisch sind, sehr spannend und waren oft überrascht, wie gut es lief. Alles, was Grenzen überschreitet und verändert, ist häufig fruchtbarer Boden für die Kunst.
Wayan: Grenzen entstehen zumeist zwischen den Ohren, nicht nur in der Musik. Nichts ist so erfrischend wie die Zusammenarbeit mit Musikern und Musikerinnen, die aus anderen Disziplinen kommen. Vor ein paar Jahren habe ich an einem mehrtägigen Seminar für Popmusik-Mischung mit einem unfassbar talentierten Produzenten teilnehmen dürfen. Diese Erfahrung und die Tatsache, dass unser Studio in Hamburg neben dem eines erfolgreichen Pop-Produzenten liegt, haben meine Wahrnehmung von Musik nachhaltig beeinflusst. In der Subkultur wird Popmusik nicht selten als kommerziell oder Industriemusik belächelt. Das ist nicht nur engstirnig und respektlos, es hindert einen auch daran, sich weiterzuentwickeln. Die Skills, die manche Pop-Produzenten und -Produzentinnen haben, sind schlicht zum Niederknien. Ähnlich ist es jetzt mit der Klassik. Peter, Kaan und das Orchester können Dinge, die wir in diesem Leben wohl nicht mehr lernen werden. Aber wir versuchen, so viel wie möglich davon mitzunehmen, wovon im Idealfall nicht nur wir, sondern auch unsere Zuhörer später nochmals profitieren.
Was macht für Euch den Reiz aus, Eure Songs mit Klassik zu kombinieren?
Arne: Filmmusik, bei der die Instrumentierung der Klassik nicht unähnlich ist, floss als Inspiration schon immer in unsere eigene Musik mit ein. Früher durchs Samplen, heute durch professionelle Soundbibliotheken. Dass wir jetzt mit Peter unsere eigene Musik für ein Orchester umschreiben dürfen und uns quasi bei der ganzen Palette bedienen können, ist schon fast wie ein Traum, der wahr wird. Zum Glück kann er unsere vagen Formulierungen und Wünsche für die Instrumentalisten verständlich zu Papier bringen. Seine Kreativität, sein Wissen und seine Erfahrung helfen da ungemein. Er zeigt uns auf, was möglich ist – und manchmal auch, was nicht.
Wayan: Als Janis Mudrich von Kulturgut Ost mit der Idee auf uns zukam, hatte ich sofort ganz konkrete Passagen im Kopf. Manches davon lässt sich nicht realisieren, auch aufgrund mangelnder Probezeit mit dem Orchester. Aber manches kommt dem doch nahe. Wir hoffen, es wird so gut, wie wir es uns vorstellen. Dass nun so viel, teils über Jahrzehnte erlerntes Können von so vielen tollen, talentierten Menschen in unsere Musik einfließt, ist eine riesige Ehre für uns.
Wie herausfordernd ist dieses Projekt, das wahrscheinlich nicht mehr in Eurer Komfortzone liegt?
Wayan: Sehr! Noch immer sind einige technische Fragen offen. Wir gehen jetzt in die heiße Phase, müssen unser Zeugs proben, bis wir die Einsätze notfalls mit verbundenen Augen und Ohren im Schlaf treffen. Leider kann man mit einem Orchester nicht x-mal zusammen proben wie beispielsweise innerhalb einer Band. Wir haben eine Generalprobe am Tag der Aufführung – und dann muss alles sitzen. Unsere Komfortzone liegt schon jetzt Lichtjahre hinter uns.
Arne: Genau darum geht es: Die Komfortzone zu verlassen, um etwas Neues zu erschaffen, unseren Horizont zu erweitern, mutig zu sein und dazuzulernen. So aufregend, ungewohnt, stressig, zeitaufwendig es auch ist, es fühlt sich richtig an. Gerade jetzt, wo in der Vorbereitung alles langsam Form annimmt.
Ihr komponiert Eure Songs bestimmt nicht nach Noten, auf die allerdings Klassikmusiker angewiesen sind. Wie ist der Prozess, einen Eurer Songs mit Klassikinstrumenten zu performen?
Arne: Peter bringt nicht nur die Expertise und das Können mit, ein elektronisches Stück in Noten umzuschreiben, sondern ist auch selbst ein kreativer Musiker mit viel Erfahrung und bringt gute eigene Ideen mit ein. Und trotzdem merken wir auch hier: Jedes Stück bringt eigene Herausforderungen mit sich und muss erst mal einzeln betrachtet und bearbeitet werden. Wir spielen uns gegenseitig Ideen zu, und wenn etwas auf Gegenliebe stößt, baut der andere darauf auf. Wenn die Noten und das Arrangement einigermaßen stehen, kommt Kaan Bulak ins Spiel. Als Dirigent gibt er dann seine Einschätzung zur Umsetzung mit dem Orchester, hat aber auch noch eigene Ideen, die kreativ mit einfließen.
Wayan: Beim Komponieren von Extrawelt sind Noten völlig abwesend. Die würden den Prozess auch nur unnötig verkomplizieren. Ich halte außerdem absolut nichts von der These, dass jemand Noten oder Musiktheorie können muss, um gute Musik zu schreiben, egal ob elektronisch oder beispielsweise auf der Gitarre. Meine bescheidene Orchestererfahrung und mein Draht zu aktiven Orchestermusikern im nahen Umfeld sind jetzt gerade zwar hilfreich, da ich zumindest ein wenig die Sprache der Noten verstehe und weiß, was eine Fermate ist oder was Peter mit „schwieriger Tonart“ meint. Einem Synthesizer oder Rechner ist es völlig egal, in welcher Tonart er spielt. Ich bin aber schon komplett lost, wenn sich der Notenschlüssel ändert. Vor Menschen, die Partituren lesen und gleichzeitig akustisch visualisieren können, habe ich höllischen Respekt. Das bedeutet keinesfalls, dass Arne, der keine klassische Ausbildung hatte, weniger Gefühl für Akkorde, Sounddesign oder Timing hätte – ganz im Gegenteil. Nicht selten ist theoretisches Wissen dem Gefühl im Weg. Und darum geht es bei Musik im Kern ja immer: um Gefühle.
Glaubt Ihr, Electro- und Technofans wären generell auch außerhalb eines Festivals wie [ tra’vers ] offen für diese musikalische Grenzüberschreitung? Im Metal- oder Rock-Bereich sieht man dies ja öfter.
Arne: Absolut. In vielen Bereichen sind Musikszenen und Veranstaltungen eher festgefahren, die Besucherzahlen rückläufig, und daher können solche Öffnungen und ungewöhnlichen Zusammenkünfte nur gut sein, um etwas Spannendes Neues zu kreieren.
Wayan: Techno und Klassik sind in der herkömmlichen Art des Erlebens der Musik oberflächlich erst mal sehr weit auseinander. Das eine findet in prächtigen, akustisch optimierten Konzerthäusern statt, das andere in dunklen Betonkellern, in denen der Schweiß von der Decke tropft. Was beides verbindet, ist, vielleicht auch aufgrund der Abwesenheit von Gesang, die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Zuhörende in sich kehren können. Ob beim Tanzen im Klub oder schick herausgeputzt in der Philharmonie, im Idealfall schließt man die Augen und fühlt die Musik mit dem ganzen Körper. Wenn dies bei mehreren gleichzeitig passiert, entsteht dieser besondere Moment, in dem man fühlt: Musik verbindet uns über alle Grenzen hinweg. Bei Metal, Pop, Rock oder HipHop entstehen diese Momente ebenfalls, etwa wenn das Publikum gemeinsam singt und springt. In der Hinsicht haben diese Musikrichtungen es etwas einfacher. Techno und Klassik haben gemein, dass diese Momente aus dem Inneren der Zuhörenden entstehen müssen. Wenn dies geschieht, können sie jedoch enormes Gewicht entwickeln. Ich glaube, viele Fans der einen Musikrichtung wissen nicht, wie sehr sie das jeweils andere lieben könnten. Die Verbindung hat deshalb riesiges Potenzial. Sie ist jedoch sehr aufwendig. In Zeiten, in denen wir schon als Duo mit unseren wenigen Instrumenten für Veranstalter aus logistischen oder finanziellen Gründen unattraktiv sind, dürften solche Events leider eher die Ausnahme bleiben.