Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird durch die Bundespolitik überlagert. Das trifft auch den erfolgreichsten Wahlkämpfer des aktuellen Landtags. Markus Kurze hat in 25 Jahren immer das Direktmandat gewonnen, doch diesmal könnte es selbst für ihn eng werden.
Freitagvormittag in der Fußgängerzone der Kleinstadt Burg im Nordosten Sachsen-Anhalts. Marktstände sind aufgebaut, wöchentlicher Höhepunkt zum kurzen Treffen und Plauschen im 23.000 Einwohner zählenden Burg im Kreis Jerichower Land, in der Mitte zwischen der Landeshauptstadt Magdeburg und der Brandenburger Landesgrenze. Was dem angereisten Besucher auffällt: Trotz heißer Wahlkampfphase sind die Laternenpfähle nur überschaubar mit den Plakaten der konkurrierenden Parteien zugepflastert.
Direkt von einem Großparkplatz geht es in die Fußgängerzone. Bereits hier steht ein Polizeifahrzeug, gut zehn Meter entfernt der Wahlkampfstand der AfD. Das FORUM-Reporterteam blickt sich suchend um. Nach allen Erfahrungen ist eine Gegendemonstration nicht weit, wenn die blaue Partei auftaucht. Mitten in Burg aber Fehlanzeige. Die beiden örtlichen Polizisten stehen, ihre Hände in den Taschen, ganz entspannt an dem Stand und plaudern mit den Wahlkämpfern. Es wird gelacht. Der AfD-Stand hat Zulauf.
„Vor Ort vieles erreicht“
Genau schräg gegenüber stehen vier Mitglieder von Amnesty International an ihrem Stand, hinter ihnen ein großes, ausgerolltes, gelbes Plakat, und demonstrieren gegen Rassismus. Der Zulauf hier ist überschaubar. Zwei Marktstände weiter, etwas versteckt, haben sich die Grünen mit ihrem Tischchen und vier Parteifreundinnen positioniert, sie wirken ebenfalls etwas verloren und bemühen sich um Interessenten für ihre politischen Inhalte. Auch hier stehen genauso wenig Passanten wie einige Meter weiter bei der AfD. Das Bild scheint die Umfragen der vergangenen Monate zu bestätigen: Die Grünen liegen irgendwo zwischen drei und fünf Prozent, die AfD bei über 40 Prozent. Ein Stand der derzeit noch mitregierenden Koalitionspartei im Magdeburger Landtag, der SPD, ist nicht zu entdecken, auch keiner des kleinen FDP-Koalitionspartners.
Wenige Meter weiter, die Fußgängerzone vom kleinen Platz aus links runter, steht Markus Kurze vor seinem CDU-Wahlkreisbüro für das Jerichower Land. Der 55-Jährige wirkt entspannt, unterhält sich mit einem Ladenbesitzer. Kurze ist derzeit der erfolgreichste Landtagsabgeordnete von Sachsen-Anhalt, hat in 25 Jahren fünf Mal sein Direktmandat in seinem Wahlkreis geholt. Geboren, groß geworden, geheiratet, Haus gebaut, Kinder bekommen, alles in Burg. Als weiteres Zeichen seiner Heimatverbundenheit ist er im Wahlkampf mit seinem original orange-weißen Wartburg, Baujahr 1959, unterwegs. Keine Ostalgie, wie er betont, aber „es gibt immer ein großes Hallo, wenn ich damit auftauche“, erklärt der routinierte Wahlkämpfer.
Ursprünglich hat Markus Kurze Lehramt studiert und auch alles abgeschlossen, doch nach dem Studium fand er Mitte der 90er Jahre keinen Job und fing dann in der Jugendarbeit beim Deutschen Roten Kreuz an. Außerdem ist er Hobby-Historiker und Chronist seines Kreises, hat mehrere Bücher, unter anderem ein Kinderbuch über die Geschichte des Jerichower Landes, geschrieben. Markus Kurze ist in seinem Wahlkreis also bestens bekannt, durch seine Jugendarbeit beim DRK und ein Vierteljahrhundert als erfolgreicher CDU-Direktkandidat bestens vernetzt.
„Bundespolitik überlagert alles“
Doch in diesem, seinem sechsten Wahlkampf, muss selbst er ganz schön um Stimmen kämpfen. „Die Stimmung ist definitiv nicht auf unserer Seite, was aber nicht daran liegt, dass wir hier alles verkehrt gemacht haben, ganz im Gegenteil, wir haben viel erreicht“, so Kurze. Dann kommt er direkt auf den Punkt, den auch alle anderen Mitbewerber der demokratischen Mitte in Sachsen-Anhalt beklagen: Die Bundespolitik überlagert hier weithin alles.
Die große Hoffnung war, dass er sich mit Beginn der parlamentarischen Sommerpause Mitte Juli im Berliner Regierungsviertel nun endlich mit seinen Wahlkreisthemen bei den potenziellen Wählern Gehör verschaffen könnte. Doch das hatte sich bereits am ersten Tag der Sommerpause zerschlagen. „Erst die Geschichte mit Jens Spahn und der Leihmutter. Da dachte ich noch, okay, das ist in wenigen Tagen ausgestanden. Doch dann legte auch noch der Bundeskanzler mit seiner völlig verpatzten Regierungsumbildung nach.“ Und dann kam noch das Attentat auf den Christopher-Street-Day in Berlin und damit die erneute Debatte um innere Sicherheit und islamistisch motivierte Gewalt. „Das war dann alles noch mal Wasser auf die Mühlen der AfD. Da kann ich mir hier auch alle Mühe geben, wir kommen hier überhaupt nicht mehr durch mit unseren Themen.“
Doch Markus Kurze gibt sich kämpferisch. Neben seinem „Wahlkampfgefährten“, seinem 65 Jahre alten Wartburg, hat der 55-Jährige noch einen weiteren Trumpf für den Endspurt um Stimmen im Ärmel. In den letzten Tagen vor der Wahl am 6. September wird Markus Söder als Unions-Highlight in Sachsen-Anhalt beim Wahlkampf dabei sein. Söder persönlich hat Kurze fest zugesagt, auch bei ihm in Burg vorbeizukommen. „Markus und ich kennen uns seit über 30 Jahren noch aus unserer Zeit bei der Jungen Union, und er hat es mir fest versprochen“. Eine kleine Pikanterie zwischen den Unionsschwesterparteien im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt: Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz wurde gar nicht erst gefragt, dafür ist der CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder herzlich von den Freunden zwischen Saale und Elbe eingeladen worden.