Das 46. Filmfestival Max Ophüls Preis findet vom 20. bis 26. Januar statt. Saarbrücken wird zum Treffpunkt für Filmemacher und Freunde der Filmkunst von nah und fern. Die Künstlerische Leiterin Svenja Böttger gibt einen Einblick.
Frau Böttger, zur Eröffnung haben Sie „Muxmäuschenstill x“, der im Mai 2025 bundesweit ins Kino kommen wird, ausgewählt. Ein fabelhafter Coup, denn „Muxmäuschenstill“ feierte beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2004 Premiere und wurde mit vier Auszeichnungen geehrt. Ich erinnere mich gut an Herrn Mux. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Das ist eine wirklich spannende Frage. Mux ist für mich eine ambivalente Figur, die jeder von uns unterschiedlich wahrnehmen kann – je nachdem, aus welcher Perspektive oder Generation man kommt. Als der Film 2004 hier beim Filmfestival Max Ophüls Preis Premiere feierte, war ich selbst noch in der Schule. Damals hätte ich ihn sicher anders beschrieben als heute. Mux ist jemand, der in vielerlei Hinsicht unsympathisch wirkt – seine Ansichten, sein Auftreten. Aber genau das macht ihn so spannend: Er zwingt uns, unsere eigenen Denkweisen, unsere Vorurteile und vielleicht auch unsere gesellschaftlichen Komfortzonen zu hinterfragen. Er hält uns gewissermaßen den Spiegel vor. Der Film dekonstruiert auf eine brillante Weise, was Populismus im Alltag bedeutet, wie sehr wir uns dessen manchmal bedienen und wie Politik und Gesellschaft diesen Mechanismus einsetzen. „Muxmäuschenstill x“ ist eine politische Satire, die mich gleichermaßen aufregt und inspiriert. Sie bietet eine bunte Mischung aus Provokation und Reflexion – eine Reise, die nicht nur mit der Figur, sondern auch mit einem selbst stattfindet.
Die Kuratoren, zu denen Sie gehören, hatten 1.150 Sichtungen zu bewältigen. Wie kommen Sie zu einem Ergebnis? Treffen Sie sich gemeinsam? Diskutieren Sie? Stimmen Sie ab?
Unsere Deadline der Endauswahl ist sehr eng getaktet an die Festivalausgabe und lässt wenig Raum für einen langen Auswahl-Prozess in der Endphase. Der Sichtungsprozess für das Filmfestival ist intensiv, aber auch unglaublich bereichernd. Wir haben eine späte Frist, die sich an die der Berlinale anlehnt. Damit möchten wir sicherstellen, dass Filmschaffende rechtzeitig wissen, ob sie bei einem oder beiden Festivals laufen können – was für viele eine wichtige Perspektive ist. Unser Sichtungsteam arbeitet sehr eng zusammen, obwohl wir in verschiedenen Städten und unterschiedlichen Familienkonstellationen leben. Aufgrund dieser räumlichen und zeitlichen Gegebenheiten sichten wir die Filme zunächst individuell. Trotzdem treffen wir uns regelmäßig, sei es persönlich oder meist über Zoom, um uns auszutauschen und über die Filme ausführlich zu sprechen. Das Besondere ist, dass wir nie abstimmen müssen. Wir arbeiten so gut als Team, dass wir zu unseren Entscheidungen durch Diskussionen und Abwägungen in einem wertschätzenden Ablauf und auf Augenhöhe kommen. Der Prozess ist für uns nicht nur Arbeit, sondern auch eine Chance, von Juli bis November in einen intensiven Dialog über Filmkunst einzutauchen und eine Generation von Filmtalenten kennen zu lernen. Und das macht riesigen Spaß.
Sie haben einige Hauptströmungen bei den Einreichungen erkannt, darunter „Trauer/Verlust/Tod“. Werden wir im Kino auch mal lachen?
Auf jeden Fall. Wir haben eine ganz wunderbare Tragikomödie dabei: In „Pfau – Bin ich echt?“ kann man lachen und weinen. Die Tragikomödie von Bernhard Wenger läuft als deutsche Erstaufführung nach ihrer Premiere in Venedig. Auch in den weiteren Wettbewerben finden sich weitere Beispiele für ironische Töne. Wie auch in den vergangenen Jahren würden wir uns über mehr komödiantische Beiträge freuen, aber es ist und bleibt ein wirklich schwer zu erreichendes Genre. Universellen Humor zu treffen, den das Publikum annehmen kann, ist eine der größten Herausforderungen.
Das Passage-Kino in Saarbrücken wird ein Festivalkino. Bedeutet das, dass mehr Vorstellungen stattfinden und mehr Karten zur Verfügung stehen?
Ja und nein. Wir freuen uns, dass das Passage-Kino wieder mit dabei ist, weil wir die Vielfalt der Kinolandschaft in Saarbrücken abbilden möchten und vor 20 Jahren das Passage-Kino fest etabliert war im Festival. Im Vergleich zum letzten Jahr haben wir tatsächlich mehr Vorstellungen und mehr Filme, die wir wieder anbieten können. Wir sind auf dem Vor-Pandemie-Niveau angekommen mit 150 Filmen und über 260 Vorstellungen. Das ist das erste Jahr seit 2020, dass wir das Festival in voller Größe umsetzen können. Wir brauchten nun aber auch mehr Platz beziehungsweise eine größere Auswahl an Sälen, da sich seit der Pandemie die Hygiene- und Sicherheitsvorschriften gewandelt haben.
„Treatment development“ heißt der 19. Preis, der, von den Rundfunk-Gebührenzahlern mit 10.000 Euro ausgestattet, neu hinzukommt. Welche Wirkung soll er entfalten?
Mit dem Preis, den wir gemeinsam mit dem ZDF/Das kleine Fernsehspiel ins Leben gerufen haben, schließen wir eine wichtige Lücke: die gezielte Förderung von Stoffentwicklung und kreativen Entwicklungsprozessen. Diese Auszeichnung ermöglicht es, bereits in der frühen Phase einer Idee finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, damit Filmschaffende ihr Konzept ausarbeiten, sein Potenzial erforschen und es für weitere Entwicklungsschritte vorbereiten können. Gerade für aufstrebende Talente ist es entscheidend, die Freiheit zu haben, in Ruhe zu entscheiden, wie und in welchem Umfang sie ihre Geschichten erzählen möchten. Unser Fokus liegt dabei auf der Filmkunst fürs Kino – sowohl im fiktionalen als auch im dokumentarischen Bereich – und darauf, Debütanten und Debütantinnen eine Chance zu geben, ihre Projekte sichtbar zu machen und Unterstützung zu erhalten. Aktuell ist es eher noch schwieriger, bereits in einem frühen Stadium Mittel zu erhalten, um Ideen zu entwickeln und auch den Raum zu haben, Projekte gegebenenfalls abzubrechen, wenn sie sich nicht für den Kinomarkt eignen. Mit diesem Preis möchten wir – zusammen mit dem Kleinen Fernsehspiel – einen wichtigen Beitrag leisten, um genau diese Freiheit zu schaffen und unseren Alumni die Möglichkeit zu geben, mutig und kreativ ihre ersten Schritte in der Langfilmwelt zu gehen.
Beim SR-Festivalfunk sprechen Moderatoren mit Filmschaffenden – das Publikum darf zuhören. Das frühere Format Mitternachtstalk sah immer eine Beteiligung des Publikums vor. Warum wollen Sie das nicht mehr?
Der SR-Festivalfunk ist eine Weiterentwicklung und Erweiterung der früheren vor-pandemischen Mitternachtstalks, die sich ausschließlich auf den Spielfilm-Wettbewerb konzentrierten. Dank des Engagements des SR können nun alle vier Wettbewerbe sowie weitere Gäste, wie etwa unser Tribute-Gast, in den Fokus gerückt werden. So entsteht ein breiterer Rahmen, der nicht nur detaillierte Hintergrundinformationen zu den Filmen, sondern auch persönliche Einblicke in die Motivationen und Arbeitsweisen der Filmschaffenden bietet – und das über alle Wettbewerbsfilme hinweg. Dieses Format eröffnet zudem eine neue, zeitgemäße Möglichkeit, Filmgespräche zugänglich zu machen. Alle Talks werden in die ARD-Mediathek gestellt, wodurch nicht nur das Publikum vor Ort, sondern auch User und Userinnen online die Gelegenheit haben, diese zu verfolgen. Die Moderatoren und Moderatorinnen können dabei gezielt Themen vertiefen und neue Perspektiven eröffnen. Die Umstellung auf den SR-Festivalfunk ist also keine Entscheidung gegen die Publikumsbeteiligung, sondern ein Schritt hin zu einem vertiefenden, modernen Format.
Einem Zuhörformat. Es geht ja auch darum, die Sichtweisen anderer Zuschauer kennenzulernen und darüber zu diskutieren – das ist mehr als Fragen stellen.
Das Publikum bleibt weiterhin eingeladen, im Anschluss an die Gespräche Fragen an die Gäste zu stellen – hierfür gibt es Raum und Zeit neben den weiteren Möglichkeiten im Festival selbst.
Im Dezember vorigen Jahres wurde eine Reform der Filmförderung beschlossen. Wie blicken Sie auf das Ergebnis?
Die Reform der Filmförderung ist ein wichtiger Schritt, auch wenn die Veränderungen umfassender hätten ausfallen können, wäre mit dem allgemeinen Prozess seitens der Politik früher begonnen worden. Ein großer Erfolg ist das neue Gesetz, doch der Verzicht auf den Diversitätsbeirat bleibt ein schmerzhafter Rückschlag. Noch ist unklar, was, wie und wann umgesetzt wird, und die Branche muss die weiteren Entwicklungen abwarten. Positiv ist die bundesweite Ergänzung zur Talentförderung und die Aufwertung des Kuratoriums junger deutscher Film. Besonders freut mich, dass die AG Filmfestival, die ich co-initiiert habe und gemeinsam mit weiteren bemerkenswerten Festivalleiterinnen gestalte, nun einen Sitz im Verwaltungsrat der FFA (Filmförderungsanstalt; Anm. d. Red.) erhält. Jetzt gilt es, die Reform mit Leben zu füllen und Verantwortung zu übernehmen. Wir setzen uns weiter für den Talentfilm, für die nachhaltige und vielfältige Filmlandschaft und dezidiert für die Filmfestivals ein, um nachhaltige Verbesserungen zu erreichen und die deutsche Filmförderung zukunftsfähig und diverser zu gestalten.