Mit dem bildgewaltigen Epos „Die Odyssee“ realisierte Christopher Nolan einen langgehegten Traum und filmte den Spielfilm mit 70-mm-IMAX-Kameras. Homers mythische Heldensage wurde so zu einem Kinoerlebnis der Extraklasse.
Am Strand vor den Toren Trojas ragt ein riesiges Holzpferd aus dem Sand. Es ist eine Opfergabe für die Göttin Athene, wie ein junger Grieche namens Sinon (Elliot Page) den heranstürmenden Trojanern erzählt. Zehn Jahre lang haben die Griechen vergeblich versucht, Troja einzunehmen. Jetzt sind sie endgültig abgereist und haben das Pferd als Geschenk zurückgelassen. Die Trojaner schleppen das Pferd in ihre Festung. Und so ging die geniale List des Odysseus (Matt Damon) tatsächlich auf. Mit ein paar Kriegern hatte er sich nämlich im Pferd versteckt. Mitten in der Nacht öffnen Odysseus und seine Krieger nun das Pferd und dann die Tore der Festung. Das griechische Heer strömt herein, plündert und zerstört Troja.
Das ist die wohl bekannteste Geschichte aus Homers Versepos „Die Odyssee“. Und sie nimmt zu recht einen zentralen Platz in Christopher Nolans Film ein. Denn im weiteren Verlauf erinnert sich Odysseus immer wieder an den Fall von Troja. Allerdings nicht als Triumph – sondern als Menetekel und Warnung vor den Folgen dieser grausamen Zerstörung einer fremden Hochkultur. Odysseus erkennt: Kriege sind von Übel und bringen nur Verderben.
Gegenentwurf des archaischen Helden
Und hier ist Nolan ganz bei Homer, der Odysseus schon vor 2.700 Jahren als Gegenentwurf des archaischen Helden – wie noch in der „Ilias“ – porträtierte. Nicht Kriegskunst und rohe Kraft, sondern Klugheit und Fantasie machen Odysseus zum neuen Helden. Er ist frei von Hass, Ehrsucht und Eitelkeit. Und wie man im Laufe des Films sehen wird, zeichnen ihn vor allem Geduld, Verantwortungsgefühl, risikobedachter Mut und Verstellungskunst aus.
Die abenteuerlichen Irrfahrten und die glückliche Heimkehr von Odysseus in seine Heimat auf der Insel Ithaka erzählt Nolan nicht linear. Sie werden vielmehr immer wieder durch Rückblenden und den Wechsel der Schauplätze unterbrochen. Diese gut durchdachte und sehr komplexe Erzählstruktur wird der epischen Dimension dieser Heldensage mehr als gerecht. Sie verwebt die vielen verschiedenen Abenteuer zu einem großen, einzigartigen Bilderbogen.
Nach dem Ende des trojanischen Krieges macht sich Odysseus mit vielen seiner Mitstreiter auf dem Seeweg zurück in die Heimat. Doch er wird – wie ihm der blinde Prophet Teiresias (James Remar) weissagt – als einziger dort ankommen. Zuvor erleben er und seine Männer aber unglaubliche Abenteuer. So werden sie zum Beispiel auf einer Insel von dem einäugigen Zyklopen Polyphemus in einer Höhle gefangen gehalten. Odysseus sticht dem menschenfressenden Riesen das Auge aus; so gelingt ihm und einigen seiner Männer die Flucht. Allerdings zieht Odysseus durch die Blendung den Zorn von Poseidon auf sich. Der Gott des Meeres schickt daraufhin schreckliche Stürme und vernichtet so fast die gesamte Flotte der Heimkehrer.
Doch Odysseus reist weiter. Auf der Insel Aiaia treffen er und eine Handvoll Begleiter auf die mächtige Zauberin Kirke (Samantha Morton). Sie bereitet den hungrigen Ankömmlingen Essen zu, muss aber zusehen, wie diese hemmungslos die Nahrung hinunterschlingen – und verwandelt sie kurzerhand in Schweine. Nur durch die Fürsprache von Odysseus verleiht ihnen Kirke wieder ihre menschliche Gestalt. Diese schrecklichen Metamorphosen zu filmen muss Nolan einen ganz besonderen Spaß bereitet haben. Er kostet sie genüsslich aus. Kirke ist es auch, die Odysseus und seine Gefährten in die Unterwelt, den Hades, schickt. Dort begegnen sie inmitten eines rauchschwarzen Szenarios ganzen Heerscharen verstorbener trojanischer Helden – ein weiterer Höhepunkt des Films. Und weiter geht es durch eine Meerenge zu den verführerischen Sirenen, die jeden Seefahrer, der ihre Gesänge hört, im Mahlstrom umkommen lassen. Odysseus will diese Klänge aber hören und lässt sich zur Sicherheit an den Schiffsmast fesseln. Und wieder landen die verbliebenen Schiffe auf einer Insel an, auf der heilige Kühe weiden. Sie gehören dem Sonnengott Helios. Odysseus warnt seine Gefährten, dass sie – und sei der Hunger noch so groß – diese Kühe auf keinen Fall schlachten dürfen. Sie halten sich nicht daran und finden den Tod.
Ein Film, den man gesehen haben muss
Odysseus wird schließlich als Schiffbrüchiger an den Strand einer einsamen Insel angetrieben, wo ihn die Nymphe Kalypso (Charlize Theron) findet. Sie pflegt ihn, damit er wieder zu Kräften kommt – gibt ihm aber auch Lotusblüten zu essen, die eine halluzinogene Wirkung haben und sein Bewusstsein trüben. Erst nach sieben langen Jahren kehrt seine Erinnerung wieder zurück. Er erinnert sich mit Schmerzen an seine Frau Penelope (Oscar-würdig: Anne Hathaway) und seinen Sohn Telemachos (Tom Holland), die er vor der Abreise nach Troja auf Ithaka zurückgelassen hat. Kalypso lässt ihn schließlich mit einem selbstgebauten Floß ziehen, und er strandet dann tatsächlich am Heimatstrand.
Dort trifft er wieder auf Athene (Zendaya), die ihn als Schutzgöttin während der ganzen Odyssee begleitet hat. Sie rät ihm, sich als Bettler zu verkleiden und so durch die Hintertür in den Palast zurückzukommen. Dort haben sich nämlich seit vielen Jahren Freier breitgemacht, die Penelope unbedingt heiraten wollen, um so die Königswürde zu erlangen. Der Unverschämteste unter ihnen ist Antinoos (Robert Pattison). Sie alle versuchen Penelope einzureden, dass Odysseus doch längst tot sei und sie endlich einen von ihnen zum Ehemann erwählen sollte. Und obwohl der adlige Pöbel fast ihr ganzes Vermögen aufgebraucht hat, bleibt Penelope standhaft, da sie sich nichts sehnlicher wünscht als die Rückkehr ihres geliebten Mannes. Das wünscht sich auch Telemachos, der inzwischen wieder von der – allerdings vergeblichen – Suche nach seinem verschollenen Vater heimgekehrt ist.
Im Palastsaal kommt es dann zum großen Showdown. Zum Schein geht Penelope nun darauf ein, dass sie den Freier zu ihrem Gemahl nehmen wird, der Odysseus’ Bogen bespannen und einen Pfeil durch die Schlauflöcher von zwölf aufgereihten Äxten schießen kann. Niemandem gelingt das. Da tritt Odysseus an, schießt den Pfeil durch die Äxte und gibt sich so zu erkennen. Daraufhin entbrennt ein blutiger Kampf …
Kaum ein Werk der Weltliteratur hat die westliche Kulturgeschichte so geprägt wie Homers Odyssee. Sie berührt alle Bereiche auch des modernen Lebens: Liebe und Tod, Freude und Trauer, Hoffnung und Verzweiflung, Schuld und Sühne. Christopher Nolan hat mit seinem Opus magnum einen neuen – sehr hohen – Standard in puncto Fantasy-Abenteuer gesetzt. Und vor allem den Liebhabern des Kinofilms ein großes Geschenk gemacht.