Was ist noch harmlose Neckerei, und wo beginnt bereits Mobbing? Und welche Formen gibt es eigentlich? Diesen Fragen wollen wir uns auf den folgenden Seiten in unserem Schwerpunktthema nähern – mithilfe eines Betroffenen, der über seinen Leidensweg spricht, und mit Experten.
Mobbing wird häufig verharmlost: „Streiten ist doch ganz normal, das war doch nur Spaß. Ich bin früher auch immer wegen meiner Körpergröße oder meiner Klamotten geneckt worden, stell Dich mal nicht so an.“ Oder: „Mach aus einer Mücke keinen Elefanten, das hat es doch immer schon gegeben.“ Doch Mobbing ist eben weit mehr als nur ein bisschen geärgert werden, und es ist schon gar nicht harmlos. Das Problem: Es gibt keine einheitliche, international durchgängig anerkannte Definition von Mobbing. Ein ganz wesentliches Merkmal von Mobbing aber ist, dass es sich nicht um ein singuläres Ereignis handelt, sondern Angriffe auf einen Betroffenen regelmäßig und über einen längeren Zeitraum erfolgen. Hinter Mobbing steckt System.
Ein weiteres Merkmal ist die systematische Ausgrenzung des Betroffenen. Bin ich fester Bestandteil einer Gruppe, bei der es unter Umständen üblich ist, sich gegenseitig mit Frotzeleien – beispielsweise über Größe, Aussehen, Kleidungsgeschmack, Marotten oder Ähnliches – aufzuziehen, ist daran nichts Schlimmes. Denn hier können in der Regel die Betroffenen selbst darüber lachen und ähnliche Witze über andere in der Gruppe machen. Beim Mobbing lacht nur eine Seite.
Mobbing hat auch immer etwas mit Macht zu tun. Täter fühlen sich überlegen, indem sie andere Menschen niedermachen oder einschüchtern. Die Gründe, warum jemand zum Mobber wird, sind ebenso vielfältig wie die Formen des Mobbings selbst. Häufig spielen Konkurrenzdenken, Eifersucht oder Neid eine Rolle, manchmal auch eigene Minderwertigkeitskomplexe oder schlicht Langeweile. Durch die Demütigung anderer versuchen Täter, ihr eigenes Selbstwertgefühl zu erhöhen.
Wegschauen ist auch Mobbing
Die sichtbarste Form ist zweifelsohne das körperliche Mobbing, das häufig bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten ist – aber nicht nur dort. Oft fängt es ganz harmlos an, mit einem Schubser oder einem gestellten Bein auf dem Schulhof. Hierbei testen die Täter nicht selten aus, wie weit sie bei ihrem Opfer gehen können. Aber auch bei den umstehenden Beobachtern, die das vielleicht mitbekommen, aber nicht eingreifen. Körperliches Mobbing findet nicht selten in Gesellschaft von Freunden des Täters statt, die diesen in seinem Tun möglicherweise sogar anfeuern. Dieser fühlt sich dann bestätigt und stark, und nicht selten werden aus den anfänglich harmlosen Schubsern schnell Tritte oder Schläge, mit denen das Opfer vor anderen gedemütigt werden soll. Die Folgen dieser Form des Mobbings sind in aller Regel deutlich zu sehen.
Seelische Verletzungen sind hingegen nicht so einfach zu erkennen, aber nicht weniger schlimm als körperliche. Verursacht wird diese Art des Schmerzes oftmals durch Worte. Betroffene werden dabei beispielsweise ständig wegen ihres Aussehens oder ihrer Kleidung verhöhnt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Anschuldigungen ungerechtfertigt sind oder nicht. Es geht nur darum, dass sich der Betroffene schlecht fühlt. Das kann sogar so weit gehen, dass Menschen alleine aufgrund ihrer Herkunft permanent rassistisch beleidigt werden.
Für Ausgrenzung braucht es aber nicht einmal Worte. Es reicht schon, wenn beispielsweise Mitschüler einem Betroffenen ständig hämische Blicke zuwerfen und dabei feixend miteinander tuscheln. Wenn alle zur Party eingeladen werden, nur man selbst nicht. Oder wenn im Büro sofort das Gespräch in der Gruppe verstummt, wenn ein bestimmter Mitarbeiter den Raum betritt oder beim Meeting die Stühle links und rechts vom Betroffenen stets leer bleiben.
Eine weitere Form des Mobbings ist die des Cybermobbings. Sie funktioniert überall dort, wo es das Internet gibt. Viel mehr noch: Durch die sogenannten sozialen (oder sollte man sagen: asozialen) Medien haben Täter eine Plattform, auf der sie 24 Stunden und sieben Tage die Woche ihre Opfer ungehemmt mobben können. Dabei spielt es, wie sich zeigt, längst keine Rolle mehr, ob dies vermeintlich anonym unter Fantasienamen oder unter dem realen Klarnamen passiert. Und nicht nur im Internet, sondern auch im gesellschaftlichen Miteinander generell stellen Experten eine zunehmende Verrohung der Sprache fest.
Eine weitere Form, die sowohl verbal als auch körperlich stattfinden kann, ist die des sexuellen Mobbings. Zurecht spricht man hier auch von sexualisierter Gewalt. Beispiele dafür sind etwa sexistische Kommentare, unerwünschte Bilder (sogenannte Dick-Pics) oder Videos, aber vor allem auch unerwünschte Berührungen. Im Grunde betrifft es alles, was gegen das spricht, was eine normale Sexualität ausmacht. Also Freiwilligkeit und Vertrautheit. Besonders perfide wird es, wenn sich Erwachsene an Kinder und Jugendliche heranmachen, indem sie beispielsweise in der Anonymität von Internet-Chats vorgeben, gleichaltrig wie ihr Opfer zu sein.
Alleine finden Betroffene nur selten einen Weg aus diesem Mobbing-Kreislauf –
aus Scham, in der Opferrolle zu sein, aus Angst vor noch stärkeren Angriffen, falls sie sich jemandem anvertrauen. Nicht selten suchen Betroffene sogar die Schuld bei sich selbst. In Extremfällen kann dies sogar dazu führen, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen und in ihrer Verzweiflung Suizid begehen.
Immer dann ist die öffentliche Betroffenheit groß: Wie konnte das passieren? Dabei schauen wir als Gesellschaft viel zu oft einfach weg, wenn uns Mobbing im Alltag begegnet. Doch nur wer eingreift oder zumindest Hilfe holt, kann Mobbing frühzeitig unterbinden – bevor es vielleicht zu spät ist.