Das Musikjahr 2025 bewegte sich zwischen Superlativen, Mittelmaß, Todesfällen und Wiederbelebungen. Die üblichen Verdächtigen waren erneut in den Charts weit vorne dabei – aber es gab auch völlig unerwartete Überraschungen.
Um die ersten Superlative gleich hinter uns zu bringen: Taylor Swift hat ein neues Album herausgebracht – das zwölfte an der Zahl. Dass „The Life of a Showgirl“ mal wieder rekordverdächtig war, zeigte sich schon vor der Veröffentlichung. Mehr als 5,6 Millionen Mal wurde das Album auf Spotify vorgemerkt – das gab es noch nie. Auch bei Universal in Deutschland erhielt es die meisten Vorbestellungen aller Zeiten, nach der Veröffentlichung erzielte es die umsatzstärkste Startwoche eines internationalen Solo-Acts seit 25 Jahren, wurde zum meistgestreamten Album am Release-Tag und stellte neue Bestmarken im Vinylverkauf auf. Für Taylor-Swift-Verhältnisse dann eher ungewöhnlich: „The Life of a Showgirl“ stieß nicht auf die gewohnt bedingungslose Gegenliebe. Selbst von Fans wurde es nicht ganz so frenetisch gefeiert und von der Kritik teilweise als eher mittelmäßig eingestuft.
Chart-Erfolg mit 55 Jahren Verspätung
Die Singleauskopplung „The Fate of Ophelia“ hatte dann aber doch wieder das Zeug, die Geschicke der Welt zu ändern. Oder zumindest die des Museums Wiesbaden. Die tragische Figur Ophelia fällt in Shakespeares „Hamlet“ als Spielball männlicher Befindlichkeiten irgendwann dem Wahnsinn anheim und findet letztlich den Tod im Wasser. Da hilft es auch nichts, dass Hamlet sie in seinem berühmten Sein-oder-nicht-sein-Monolog am Ende noch als „die reizende Ophelia“ anruft.
Als ebenjene Ophelia zeigt sich Taylor Swift im Musikvideo zu „The Fate of Ophelia“ mal in der Badewanne liegend, mal als weiß gewandete Wasserleiche. Und Ähnlichkeiten mit einem gewissen Gemälde sind hier sicherlich nicht rein zufällig. „Ophelia“ heißt das Ölgemälde von Friedrich Heyser, das eine von Blumen umgebene, im Wasser treibende Tote im weißen Kleid zeigt und an dem sich Swift optisch bediente – und damit ganz nebenbei dem Gemälde zu neuem Ruhm innerhalb einer Zielgruppe verhalf, deren Begeisterung sich bei Museumsbesuchen für gewöhnlich eher in Grenzen halten dürfte. Nun pilgern junge Leute scharenweise ins Museum, um das Bild zu sehen. Das Museum bietet nach einem Ansturm von Swifties die Führung „Ophelia im Jugendstil – Taylor-Swift-Spezial“ an, die – passend zum Superlativ-Charakter aller Veranstaltungen, die mit Taylor Swift zu tun haben – natürlich schon an diversen Terminen lange im Vorfeld ausverkauft ist.
Das war im Musikjahr 2025 allerdings nicht die einzige ungewöhnliche Allianz zwischen Historischem und Modernem. Dank der Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“ über den Rapper Haftbefehl, der dort in einem emotionalen Moment den Reinhard-Mey-Song „In meinem Garten“ von 1970 mit brüchiger und verlebter Stimme anstimmt, wurde Meys Lied zum viralen Hit. Obwohl sich der mittlerweile 82-jährige Mey zunächst zierte, seinen Song für die Dokumentation zur Verfügung zu stellen, entschied er sich nach Sichtung der entsprechenden Stelle dafür. Das nachdenkliche „In meinem Garten“ stürmte nach Veröffentlichung der Dokumentation die Charts. Obwohl das Lied nie als Single erschien, gelangte es – 55 Jahre nach seiner Veröffentlichung – erstmals auf Platz 15 der deutschen Singlecharts und setzte damit den Rekord für den längsten Abstand zwischen Erscheinen und Charteinstieg eines deutschsprachigen Songs.
Ähnlich erging es auch Connie Francis, deren Sorglos-Popsong „Pretty Little Baby“ von 1962 in den sozialen Medien plötzlich viral ging. Noch im Juni freute sich die Sängerin öffentlich über das Comeback und kündigte an, sich einen Tiktok-Account zuzulegen. Bei so vielen schönen und versöhnlichen Nachrichten hatte man kurz geglaubt, alles könnte nun doch gut werden in der Welt. Da las man im Juli allerdings schon davon, dass Connie Francis mit 87 Jahren verstorben sei. „Jedes Ding hat seine Zeit“, schrieb William Shakespeare. Und das muss man wohl so stehen lassen.
Lady Gaga zeigt sich sehr vielfältig
Daher zurück in die aktuelle Zeit: Nicht nur Taylor Swift kann Historisches schaffen. Bei der Grammy-Verleihung im Februar 2025 sorgte auch Beyoncé für ein Novum. Nicht nur, dass sie ihren eigenen Rekord an gewonnenen Grammys ausbauen konnte – sie hat jetzt 35 davon –, sie wurde auch als erste schwarze Interpretin überhaupt mit ihrem Album „Cowboy Carter“ mit dem Preis für das Countryalbum des Jahres ausgezeichnet. Die größte maximal mögliche Zahl an Preisen bei den Grammy Awards 2025 ging an Kendrick Lamar für seinen Song „Not Like Us“.
Einige Grammy-Nominierungen für das kommende Jahr heimste auch Lady Gaga ein. Nach Ausflügen in die Schauspielwelt kehrte sie 2025 zur abendfüllenden Musikproduktion zurück. Ihr Album „Mayhem“ erschien Anfang März und wurde wie zu erwarten ein Charterfolg. Die Songs des Albums bedienen diverse Genres, von Disco und Synth-Pop bis hin zu Funk. Gelobt wurde es als tanzbares Pop-Spektakel, aber auch für die inhaltliche Tiefe der behandelten Themen.
Einen internationalen Nummer-eins-Hit landeten auch The Weeknd mit seinem Album „Hurry Up Tomorrow“, die maskierte britische Band Sleep Token mit „Even in Arcadia“, Sabrina Carpenter mit „Man’s Best Friend“, die Hard-Rock-Band Ghost mit „Skeletá“ oder Ed Sheeran mit „Play“. In Deutschland führten außerdem Alben von Shirin David, die geschichtsträchtige zweite Kollaboration von Thomas Anders und Florian Silbereisen, des wiederauferstandenen Fynn Kliemann, von Zartmann, Sarah Connor und nicht zu vergessen Andrea Berg oder den Amigos die Albumcharts an – um nur einige deutsche Highlights der Musiklandschaft zu nennen.
Auch die Fusion aus Film und Musik kam 2025 nicht zu kurz. Zum „erfolgreichsten Netflix-Titel aller Zeiten“ avancierte der Animationsfilm „KPop Demon Hunters“, in dem es um die fiktive K-Pop-Girlgroup Huntr/x geht, die gleichzeitig ein Doppelleben als Dämonenjägerinnen führt. Im Film wird viel gesungen, der Song „Golden“ stürmte mit seinen sich immer höher schraubenden Vocals schnell an die Spitze der Charts.
Im Biopic „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“ stand die Zeit rund um die Entstehung von Bruce Springsteens Album „Nebraska“ Anfang der 80er-Jahre im Mittelpunkt, in der der Musiker mit Burnout, Depression und künstlerischem Druck zu kämpfen hatte.
Als künstlerisch wertvoll wurde der Konzertfilm „M“ von Depeche Mode gelobt, der die Band bei ihren Auftritten der „Memento-Mori“-Welttournee 2023 in Mexiko-Stadt begleitet. Das zugehörige Livealbum „Memento Mori: Mexico City“ wurde Anfang Dezember veröffentlicht und ist das 13. Nummer-eins-Album der Band in Deutschland – ein Rekord. Eine etwas andere und durchaus sehenswerte musikalische Autobiografie verdankte man außerdem Helge Schneider und seinem Film „Klimperclown“ anlässlich seines 70. Geburtstags.
Radiohead mit Besucherrekord
Zum angekündigten Thema Mittelmaß: Erwähnt werden kann hier der deutsche Beitrag zum Eurovision Song Contest. Auf dem 15. von 26 Plätzen landete der Song „Baller“ des Acts „Abor & Tynna“. Das ist eigentlich genauso mittelmäßig wie das Stimmtalent der zum Act gehörigen Sängerin, für deutsche Verhältnisse ist der 15. Platz aber eigentlich ganz gut. Für das öffentliche Casting des Songs für Deutschland war Stefan Raab höchstpersönlich wieder aus der Versenkung aufgetaucht, konnte aber dieses Mal nicht an alte Erfolge anknüpfen. Ob das Ergebnis mit Feuerschwanz wohl anders ausgesehen hätte?
Apropos Versenkung: Eine andere Band mit ihrem sagenumwobenen Frontmann ist 2025 ebenfalls aus ebenjener auferstanden. „Der Unheilig-Graf kommt zurück“ las man schon im Februar als „Bild“-Schlagzeile, die fast schon wie eine Drohung klang. Mit fernsehgartentauglichem Weichspülpop kehrte der Graf tatsächlich im Herbst ins Rampenlicht zu Florian Silbereisen und später auch auf die Livebühne zurück – nur um Letztere etwas zu zügig wieder zu verlassen. Beim Tourauftakt in Leipzig fiel er kopfüber von der Bühne und schlug sich Teile der Schneidezähne aus, glücklicherweise aber ohne sonstige bleibende Schäden. Einen Trost hat auch hier William Shakespeare parat: „Ein tiefer Fall führt oft zu höherem Glück.“
Diese Vorhersage erfüllte sich 2025 für die Brüder Liam und Noel Gallagher von Oasis. Nach vielen öffentlichen Streitigkeiten und unrühmlichen Vorkommnissen in den 2000er-Jahren hatte sich Oasis als eine der erfolgreichsten Britpop-Bands 2009 aufgelöst. In den vergangenen Jahren verdichteten sich allerdings die Hinweise, dass die Brüder frei nach dem Motto „Don’t Look Back in Anger“ (ausnahmsweise kein Zitat von Shakespeare) wieder zueinandergefunden hätten. Und die Orakel sollten recht behalten: 2024 folgte ein neues Album und in diesem Jahr dann die große Oasis-Comeback-Tour. Bisher ohne Streit.
Einige Stars sind für immer gegangen
Einen feierlichen Anlass für eine ausgedehnte Tour fanden auch die Metal-Urgesteine von Iron Maiden, die ihr 50-jähriges Jubiläum in deutschen Stadien feierten. Die Ehre auf deutschen Bühnen gaben sich zudem Billie Eilish, Ed Sheeran, One Republic, Robbie Williams, Bruce Springsteen, Ed Sheeran, Lenny Kravitz, Lionel Richie, Dua Lipa oder The Offspring. Für große Furore sorgten auch Radiohead, die Anfang September überraschend eine Tour ankündigten, die bereits kurz nach dieser Ankündigung am 4. November startete und in der Londoner The O2 Arena einen neuen Besucherrekord aufstellte. Mit 22.355 Besuchern übertrafen Radiohead die bisherigen Rekordhalter von Metallica.
So spannend das Tourleben auch ist: Irgendwann ist Schluss. Cyndi Lauper gab deshalb 2025 ihre Abschiedstournee und auch Die Fantastischen Vier kündigten den dauerhaften Rückzug von der Showbühne an, nicht aber ohne in den nächsten Jahren noch eine letzte große Tour zu spielen. Auch Howard Carpendale hat, nachdem er sich von seinem ersten Rückzug bekanntlich wieder distanziert hatte, einen wirklichen Abschied angekündigt.
Manche Abschiede sind tatsächlich auch im Musikgeschäft nicht umkehrbar. So schockierte der plötzliche Tod von Rosenstolz-Frontfrau AnNa R. die Fans im März des Jahres. Beach-Boys-Genie Brian Wilson verstarb ebenfalls 2025. Und auch Ozzy Osbourne hat die Bühne für immer verlassen. Das tat er allerdings nicht ohne ein furioses Finale. Wer die Dokumentation „Ozzy: No Escape from Now“ schaut, sieht sein verzweifeltes Hinarbeiten auf das letzte fulminante Konzert von Black Sabbath in seiner Geburtsstadt Birmingham. Dass der „Fürst der Finsternis“ nur Wochen nach diesem letzten Auftritt gestorben ist, scheint keine Überraschung zu sein. „Gute Nacht, mein Fürst! Und Engelscharen singen dich zur Ruh“, erweist Horatio auch bei Shakespeare seinem Freund Hamlet die letzte Ehre. „Der Rest ist Schweigen“, hatte Hamlet da kurz vor seinem Tod noch mit letzter Kraft gesagt.
The rest is silence. Für das neue musikalische Jahr 2026 gilt das hoffentlich trotzdem nicht.