Eine Klage hat den Fußballprofi 1995 ins Rampenlicht gerückt. Durch das „Bosman-Urteil“ dürfen Profifußballer nach Vertragsende ablösefrei den Club wechseln. Er selbst wurde zum Sozialfall. Der heute 61-Jährige lebt seit 2015 von einer Verbandszuwendung.
Vor 30 Jahren revolutionierte eine Klage von Jean-Marc Bosman die Fußballwelt: Seit dem sogenannten Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 15. Dezember 1995 dürfen Profi-Fußballer nach Vertragsende ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln. Auch die Anzahl ausländischer Spieler im Kader durfte fortan nicht mehr begrenzt werden. Die früher zwischen den Clubs fließenden hohen Ablösesummen landen seitdem vor allem in den Taschen der wechselwilligen Spieler und ihrer umsatzbeteiligten Berater.
Während Spielergehälter seit dem „Bosman-Urteil“ in oft exorbitante Höhen gestiegen sind, ging Jean-Marc Bosman ziemlich leer aus, seine Fußballkarriere war praktisch zu Ende, und er zog zudem den Unmut der Vereine auf sich: „Dass ich danach von den Clubs als Verräter und wie der letzte Dreck behandelt wurde, hat mich tief getroffen! Ich galt als Verbrecher, als derjenige, der den Fußball zerstört hat“, klagte der Belgier bei „Bild“.
„Meine Bezahlung war gleich null“
Während des Prozesses versuchte er, beim französischen Verein Saint-Quentin wieder als Spieler Fuß zu fassen, wechselte dann zu Saint-Denis auf der Insel La Réunion und musste sich nach seiner Rückkehr nach Europa mit einem Vertrag beim drittklassigen belgischen Amateurverein Olympic Charleroi zufriedengeben. „Im Jahr 1995 war ich völlig pleite“, sagte Bosman. „Ich habe die Fußballer aus einer Art Sklaverei befreit, aber meine Bezahlung war gleich null.“ Statt der einmaligen Entschädigung hätte er lieber 0,1 Prozent jeder Transfersumme gehabt. Dann wäre er dauerhaft seine Sorgen los gewesen. Nach dem gewonnenen Prozess hatte er sich eine großzügige Unterstützung auch von Fußballkollegen erhofft, denen er durch seine Klage zu Millionengagen verholfen hatte. „Aber ich wurde von fast allen vergessen. Und im Anschluss habe ich die Folgen meiner Kühnheit nur schwer ertragen können.“ Zeitweise arbeitete Bosman sogar bei der Straßenreinigung oder in einer Gärtnerei, hielt aber wegen seiner privaten Probleme nie lange durch. „Es war eine Demütigung, aber die Wahrheit ist, dass ich sechs Jahre nach dem Urteil nicht einmal genug Geld fürs Essen hatte.“ Auch privat geriet Bosmans Leben immer mehr in Schieflage: „Ich bin total abgestürzt. Manchmal habe ich schon morgens Alkohol getrunken, um den Kopf freizubekommen.“ Zwar hatte das Gericht ihm eine Karriere-Entschädigung von etwa 780.000 Euro zugesprochen, die seien aber zu zwei Dritteln für Steuern und Anwälte „draufgegangen“. Vom Rest und einigen weiteren Zuwendungen hat Bosman sich ein Grundstück gekauft, ein Haus darauf gebaut und sich einen gebrauchten Porsche geleistet. „Den musste ich aber zwei Jahre später wieder verkaufen, um meine Rechnungen bezahlen zu können“, bekennt er im „Luxemburger Wort“. Auch seine zwei Ehen gingen in die Brüche, es folgten Depressionen, übertriebener Alkoholkonsum und Suizidgedanken. 2013 wurde er sogar wegen häuslicher Gewalt zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Bosman war nach dem Prozess 15 Jahre lang auf monatlich 577 Euro Sozialhilfe angewiesen und lebte über zwei Jahre in der Garage seiner Eltern. Seit 2015 erhält er statt Sozialhilfe von der weltweiten Profispielervertretung FIFPro monatlich eine Zuwendung von knapp 2.000 Euro, die ihm zum Überleben ausreicht.
Hält nichts von der Super-League
Aber ganz vergessen haben ihn einige wenige Fußballer doch nicht: Niederländische Nationalspieler hatten 1997 beschlossen, dass jeder ihm 2.500 Euro zahlt, der französische Nationalspieler Adrien Rabiot hatte ihm 2019 für sein spielerfreundliches Engagement 12.000 Euro angeboten, und auch der belgische Nationalspieler Marc Bommels hat ihm nach seinem Wechsel zum FC Bayern eine vierstellige Summe gezahlt. Zu Bosmans Gunsten geplante Benefizspiele fanden nie statt, sein Versuch mit einer Trikotproduktion scheiterte 2008 an mangelnder Nachfrage.
Nach einem Sturz 2017, bei dem er sich schwer verletzte, beschloss Bosman, sein Leben zu ändern. Seitdem habe er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt und nehme Antidepressiva, sodass es ihm heute besser gehe. Er lebt jetzt bei Lüttich in seinem in die Jahre gekommenen Haus, in dem auch ein Regal mit Erinnerungsstücken aus besseren Zeiten steht.
Er hört gerne Jazz, Blues und französische Chansons, schaltet den Fernseher aber eher selten ein. Fußballspiele schaut er nur an, wenn die belgische Nationalmannschaft oder belgische Clubs in der Champions League spielen. Das heutige Fußballgeschäft sieht Bosman kritisch. „Diese Spieler fliegen mit dem Privatjet, ich fahre Fahrrad. Ich bin nicht eifersüchtig, aber das ist ungerecht“, klagt er gegenüber der „Bild“-Zeitung. Seiner Meinung nach sollte das Transfersystem erneut geändert und Gehaltsobergrenzen eingeführt werden. Von der vieldiskutierten Super-League hält er auch nichts, weil es dort auf dem Rücken der Spieler nur um das Geschäft und das Geld gehe, durch das die großen Clubs nur noch mächtiger würden.