Arminius Rolle ist der jüngste Profiboxer Deutschlands. Der 15-Jährige steht vor seinem zweiten Kampf – aber auch vor einer glorreichen Zukunft? Sein Vater und Trainer ist fest davon überzeugt.
Im Schachboxen hat es Arminius Rolle schon nach ganz oben geschafft – zumindest bei den Junioren. Dort ist er zweifacher Weltmeister im Leichtgewicht. Im Wettkampf mit den ständig wechselnden Disziplinen Boxen und Schach kann ihm in seiner Generation keiner das Wasser reichen. „Das schnelle Hin und Her zwischen beiden Disziplinen reizt mich sehr“, sagte der Berliner. Und es hilft ihm auch für sein ganz großes Ziel: Weltmeister im Profiboxen zu werden. „Elemente aus dem Denksport Schach kann ich gut in den Ablauf eines Profikampfs einbauen“, sagte Rolle. Das Besondere bei ihm ist aber nicht so sehr die Schach-Affinität, sondern sein Alter: Rolle ist erst 15 Jahre und schon Profiboxer – der jüngste, den es in Deutschland gibt. Möglich macht es eine Ausnahmegenehmigung des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB). Diese ist bei Kämpfen von Minderjährigen verpflichtend. Dabei wird im Einzelfall geprüft, ob der Heranwachsende körperlich und psychisch den Herausforderungen gewachsen ist. Bei Rolle sieht der BDB keine Probleme – und gibt deswegen grünes Licht.
Sein zweiter Kampf ist für diesen Freitag, 3. Oktober, in Hamburg beim Event „Boxen im Norden“ geplant. In der Kultstätte „Große Freiheit 36“ wird der Teenager antreten. „Eine große Bühne für Arminius“, wie sein Vater und Trainer Robert Rolle sagt. Einschüchternd wirkt die Bühne auf seinen Sohn aber nicht, dieser prophezeit selbstbewusst: „Ich werde megafit sein auf dem Kiez in St. Pauli, die Zuschauer mit meinem Kampfstil begeistern – und den Fight für mich entscheiden, den Knock-out suchen, fraglos.“ Dieses Selbstvertrauen spiegelt sich auch bei seinen Karriere-Zielen wider: „Meine Motivation ist, später einer der größten deutschen Boxer zu werden und auch wirklich ein bekanntes Gesicht, ein bekannter Name zu sein. Dass die Leute sich an mich erinnern und sagen: Ey, das war ein richtig starker Kämpfer.“ Er wolle im Profiboxen „auf jeden Fall später auf die Weltbühne“.
Eine eigene Dokumentation über sich hat er sogar schon. Und die trägt im Titel – passend zum gewohnten Ballyhoo im Profiboxen – ganz schön dick auf: „Der Feldzug hat begonnen.“ Im einstündigen Beitrag der Firma KucabFilm wird auch deutlich, dass es für die Familie Rolle kein Drama wäre, wenn es mit dem „Feldzug“ im Boxsport doch nicht klappen sollte. Der Schüler eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums setzt nicht alles auf die Karte Profisport. Er kann sich auch gut vorstellen, irgendwann als Sportarzt zu arbeiten. Deswegen würde er später gern Medizin und Sportwissenschaft studieren – falls es mit der Boxkarriere doch nichts wird. In Rolles Alter sind Prognosen schwierig, weil das Körperwachstum noch nicht abgeschlossen ist, Hormonprozesse noch stark das Leistungsvermögen beeinflussen. Auch kann es sein, dass der Youngster irgendwann die Lust am Boxen verliert und andere Interessen verfolgt. Doch davon geht momentan niemand aus dem engeren Vertrautenkreis aus. Zu motiviert ist Arminius bei der Sache, zu groß erscheint sein Talent für den Sport.
Bei seinem Debüt im vergangenen Juni bei der „Boxclub 1. FCN Warriors Night“ in Nürnberg überzeugte der Schüler mit einem Sieg nach technischem K.o. in der zweiten Runde gegen Constantin Albrecht, der ebenfalls erstmals als Profiboxer in den Ring stieg. Den Fight im Weltergewicht bis 67 Kilogramm dominierte Rolle von Beginn an mit einer außergewöhnlichen Kombination aus taktischer Intelligenz und physischer Stärke. „Athletisch, konditionell, mental – und vor allem boxerisch“ habe sich der Teenager stark präsentiert, schrieb das Fachmagazin „Boxsport“: „Der junge Rolle dominierte das Duell von der Ringmitte aus, stand stabil, agierte aus einer gesicherten Doppeldeckung, stieß explosionsartig vor, landete klare und harte Hände.“
„Es kann ganz nach oben gehen“
Für den Vater und Trainer war das keine große Überraschung. „Er ist sehr gut. Er ist mental, physisch, körperlich und technisch locker auf dem Niveau eines 18-Jährigen“, sagte Robert Rolle. Er selbst war einst ein guter Boxer, wurde IBF-Europameister im Halbschwergewicht. Während der Senior für seine Stärken im Infight bekannt war, punktet der Junior mit Übersicht und ausgereifter Technik. „Er hat eine sehr gute Ringintelligenz, deswegen passt das Profiboxen. Er hat Zeit, um den Gegner zu analysieren und trifft die richtigen Entscheidungen“, sagte der Papa und verglich: „Bei mir war es: Entweder die Sachen klappen – oder ich gehe nur nach vorne und kloppe mich. Also ein ganz klarer Unterschied zwischen uns beiden, da ist der jetzt schon definitiv weiter, wenn es darum geht, Gegner zu analysieren.“ Es werde vielleicht noch zwei Jahre dauern, „dann kann er mich komplett in die Tasche stecken“. In der Vorbereitungszeit auf einen Kampf trainiert Arminius etwa elfmal in der Woche. In den kommenden Jahren soll er möglichst ins Mittelgewicht aufsteigen.
Aber hat Arminius auch wirklich das Potenzial, es irgendwann auf den Box-Thron zu schaffen? „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass er – wie er es ja auch schon angekündigt hat – einer der größten deutschen Boxer werden könnte, weil er einfach viel, viel mitbringt“, sagte Robert Rolle: „Die Technik, die Härte, die Kraft, die Ausdauer – es ist alles da. Es kann ganz nach oben gehen.“ Der Trainer in ihm wäre darüber mächtig stolz – der Vater in ihm hätte dagegen Bauchschmerzen. „Ob ich das will, dass es ganz nach oben geht, weil dann auch die ganz harten Kämpfe kommen, das weiß ich ehrlicherweise noch gar nicht.“
Schon jetzt gibt es kritische Stimmen, die Einsätze des 15-Jährigen bei den Profis ohne Kopfschutz für falsch halten. Was Robert Rolle dem entgegnen kann? „Nicht viel“, antwortete dieser ehrlich: „Boxen ist nicht gesund. Deswegen wollte ich auch nie, dass er boxt.“ Doch gegen den Willen seines Sohnes könne er auch nicht handeln, deswegen ist es ihm lieber, dass er ganz dicht bei Arminius dabei ist und in Sachen Trainingsgestaltung und Matchmaking mitreden kann. „Ich vertraue meinen Sohn am ehesten mir selber an“, sagte er: „Ich möchte nur das Beste für ihn.“ Und das Beste für Arminius sei schon jetzt das Profiboxen und nicht das Amateurboxen, weil man da „jeden Tag gefühlt Sparring macht und dann immer wieder auf die Birne bekommt“. Der Kopfschutz bei den Amateuren sei nur ein „Pseudoschutz“, meint Robert Rolle. Viel wichtiger sei es, beim Sparring zu dosieren und die Gegner ganz genau auszusuchen.
Das Management des großen Box-Talents hat der erfahrene Hamburger Promoter Thomas Nissen übernommen. „Ich glaube, in dem Jungen steckt viel Potenzial. Allerdings wollen wir Arminius langsam aufbauen, nichts überhasten“, sagte Nissen der „Bild“-Zeitung, „so jemanden sieht man selten“. Rolle sei „ein großartiger Junge“, der viel Potenzial mitbringe. Auch aus Marketing-Perspektive. In seiner Schule, dem Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain, ist der Zehntklässler schon jetzt ein kleiner Star – auch wenn Arminius sich darauf nichts einbildet. „Das ändert mich nicht von der Person her, ich werde nicht überheblich und sage: ‚Hey, ich bin in der Zeitung‘“, sagte der Teenager. Aber er gab auch zu: „Trotzdem bin ich sehr froh und stolz darüber.“